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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 66
Quellenangabe
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Zwischenakt

Kleine Spiegelfechterei

Wenn Spiegel sich bei Gebrauch abnützten wie andere Geräte – es gäbe kein goldeneres Gewerbe als die Spiegelherstellung.

In den Wandelgängen, in der Vorhalle des Theaters aber sind die Spiegel ganz besonders beansprucht; denn wenn der Mensch im Theater auch nicht immer das beste Stück sieht, so hat er doch das beste Stück an. – Theater ist Schaustellung überall. Auch der Besucher spielt sich an so einem Abend ein bißchen was vor, hat beim Wandeln vor Beginn und in den Zwischenakten eine Art Sonntagsgang eingestellt, voller wölbt sich ihm die Brust, kühn, stolz, bedeutend blitzt sein Auge.

Herr Lehmann beispielsweise schreitet wie ein zaghaftes Hühnchen, wenn er um Urlaub nachsuchend das Zimmer seines Chefs betritt. Aber wie von einem englischen Vollblutpferd ist sein Gang, wenn er abends im Zwischenakt (das heißt: in der guten alten »Pause«) das Foyer auf und ab schreitet. Er kann nicht anders, er muß sich da von Zeit zu Zeit einen Blick in den Spiegel gönnen, wie gut sein Sakko die Freikarte in der Tasche trägt.

Daß Frauen von jedwedem Alter und Reiz den Spiegel beanspruchen, braucht nicht bemerkt zu werden. Es ist ihr Naturrecht. Keine Besucherin – deren erster Blick im Theater nicht allsogleich dem Spiegel gilt, spätestens sofort nach Abgabe des Mantels. Frisur, Teint und Kleid werden einer sorgfältigen Prüfung unterzogen, sorgsame Hände tasten am Haar, und jeder vereidigte und gelernte Mannequin könnte an der Drehung und Wendung selbst ehrwürdiger Matronen letzte Feinheiten abgucken.

Daß der Mann weniger vom Spiegel angezogen würde, ist ein falscher Schluß. Freilich hat er nicht die schöne, geradlinige Unbefangenheit der Frau, sich genießerisch zu betrachten. Er ist vor dem Glas ein heimlicher Sünder, er stiehlt sich sozusagen den Genuß seines Ebenbildes im Vorbeigehen, im Daraufhinspazieren, mit einer kleinen Kopfwendung überzeugt er sich, wie gut sein Scheitel gezogen ist, wie ernst und bedeutungsvoll seine Braue im Gesicht steht. Alle Männer haben den Krawattenkomplex. Vor einem Spiegel gehen die Finger der Frau automatisch ans Haar, die des Mannes an die Krawatte.

Es ist, als ob sein Selbstbewußtsein, sein innerer und äußerer Wert, seine Geltung unter den Menschen ausschließlich an diesem Stückchen Tuch oder Seide hingen und ob es richtig geschlungen ist.

Und schließlich ist auch was dran; denn allein noch im Schlips kann sich der Trieb zum Dekor, zum Schönen am Manne schüchtern ausleben. Zu lange schon ist die Herrenkleidung »sachlich«, wiewohl im Naturreich gerade das Manndl das farbenprächtige und schillernde Exemplar ist. Das starke Geschlecht ist im Laufe der Zeit recht bescheiden geworden; das schwächere mußte die Rolle der Lockung übernehmen, daß sich überhaupt noch Herz zu Herze findet.

Ein Auge auf den Schlips sei darum jedem gegönnt, ohne daß er deswegen gleich als Geck angesehen wird.

Einen Blick auf ihren Bauch versäumen namentlich Männer in den sogenannten besten Jahren selten. Und auch hier fügt es eine gütige Natur, daß sich vor dem Spiegel der rundliche Speck reflexartig einzieht, daß für kurze, trügerische Augenblicke Taillen entstehen und die Manneshand mit energischem Ruck die Weste abwärts ziehen kann.

Der Spiegel, an sich ein objektives Glas, wird zwiefach ausgelegt. – Wer mit seinem Bild darin nicht zufrieden ist, gibt selten dem Porträtierten die Schuld. Er erinnert sich, gelesen zu haben, daß Spiegel nie das richtige Bild eines Menschen zeigen, daß sie falsch, verkehrt, ungünstig gehängt sein können, und vergißt, daß gerade der »ungünstig« gehängte Spiegel der wahre, der richtige ist. Zeigt ein galanter Spiegel aber ein freundlich-holdes Bild, so wird die Betrachterin (Betrachter eingeschlossen) nie zu dem Schluß kommen, der Spiegel sei falsch gehängt. Eine Nutzanwendung für den Umgang mit Menschen: will jemand von uns wissen, wie er ist, so seien wir ihm nie ein wahrer Spiegel, ungünstig gehängt. – So einem wird doch nicht geglaubt. – Hängen wir uns (als Spiegel) ein bißchen »günstiger«. Dann gelten wir als famoses Glas und obendrein als ausgezeichneter Menschenkenner.

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