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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 59
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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»Waldeszauber«

Die Geschichte eines Frühlingsfestes

Kennen Sie den Verein zum »Verrückten Krawattl«? – Nicht?! Ich hab' mir's gleich gedacht; denn das »Verrückte Krawattl« ist einer der exklusivsten Klubs unserer Residenzstadt, so exklusiv, daß er sich nicht einmal im Adreßbuch in Gesellschaft anderer begibt. Und da sind Sie natürlich gespannt, von so einem exklusiven Klub Indiskretionen zu erfahren. –

Ich habe sie aus authentischer Quelle, von der Putzerin des Vereinslokals, die mir nachstehende Geschichte unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilte:

Der Hausmeister Huber, der Vorstand des »Verrückten Krawattls«, hatte sich lange gesträubt dagegen, aber schließlich war der Kunst- und Dekorationsmaler Sebastian Michael Schieferl durch Stimmenmehrheit in die Reihen der Mitglieder aufgenommen worden.

»Laßt's mi aus mit dö Schenie«, hatte damals der Vorstand seine Bundesbrüder ausdrücklich gewarnt. »Dö fress'n dös mehra und zahl'n nix! Mir braucha koa Schenie als Mitglied!«

Aber die Mehrheit im »Verrückten Krawattl« kaprizierte sich gerade auf ein »Schenie« in ihren Reihen, und der Schriftführer Gstaltmaier betonte mit Nachdruck und einer Ehrenverletzung der Vorstandschaft, daß Sebastian Michael Schieferl ein Schenie sei und das »Verrückte Krawattl« der einzig würdige Rahmen dafür. – So wurde das Schenie Schieferl Mitglied.

Und blieb es bis zum Lenzbeginn, zu welcher Zeit das »Verrückte Krawattl« sein Frühlingsfest feiern wollte. Ich weiß nicht, ob Sie die Prinzipien des »Verrückten Krawattls« kennen. Eines davon heißt: Mir lass'n uns net oschaugn. Bei uns is net so, wia bei de arma Leut, wo's Klavier im Keller steht!

Und nach diesem Prinzip ging man daran, würdige Vorbereitungen für das Fest, es sollte ein Kostümfest sein, zu treffen.

Und da war man nun froh um die Mitgliedschaft des Schenies. Sebastian Michael Schieferl hatte aber auch fabelhafte Ideen und Gedanken, die noch das Gute an sich hatten, daß sie nicht besonders teuer waren. Das Vereinslokal im »Grünen Affen« sollte mit Hilfe des Schenies und zweier Schenkkellner in einen fabelhaft prächtigen Wald umgewandelt werden. Auch die Kostüme bestimmte Schieferl: das Vorstandstöchterlein eine Feenkönigin, der Herr Huber ein Maronibrater, der Schriftführer Gstaltmaier ein Ritter, und Schieferl selbst hatte sich eine besonders originelle Maske gewählt, ein Haderlump.

Die übrigen Mitglieder und ihre Damen konnten sich die Kostüme selbst wählen; Grundidee: »Waldeszauber«. Der Kassier waltete mit Feuereifer seines Amtes, und jedes Mitglied zahlte begeistert seinen Obolus, nur Sebastian Michael gab dafür sein Schenie. – »Dös kann i mir net wechseln lass'n«, sagte verstimmt der Kassier zum Schriftführer. Dafür aber entfaltete der Kunst- und Dekorationsmaler eine fieberhafte Tätigkeit zur würdigen Ausgestaltung des Festes. Er legte dem Ausschuß täglich neue Kostümskizzen und Dekorationsentwürfe vor, saß den ganzen Tag und die halbe Nacht im »Grünen Affen« und ließ das, was er zur Notdurft des Leibes und der Kehle bedurfte, wacker auf das Konto des »Verrückten Krawattls« ankreiden.

Und es war nicht wenig, wenn man seine fieberhafte Tätigkeit bedenkt.

Und als alle Beiträge gesammelt waren, übergab der Kassier sie feierlich dem Schenie, und der Vorstand Huber nahm als vorsichtiger Mann ein Protokoll darüber auf. Und nun sollte Sebastian Michael Schieferl Einkäufe machen für die Ausgestaltung des »Waldzaubers«. Noch am selben Abend brachte er zwei Papiergirlanden und vier Lampions »zur vorläufigen Ansicht«.

»Morg'n«, sagte er, »kimmt dös ander Zeug, dö Kostüm und de Dekorationa, i hab no hübsch was d'raufzahlt bei dera G'schicht«, setzte er bescheiden hinzu.

Zu später Stunde wandte sich Schieferl vertraulich an seinen Freund Gstaltmaier. »Woaßt, es langt halt do net ganz. Wia waars, wennst Du no fünf Markl drauflegast! Alles alloa kann i do net bestreit'n.«

Gstaltmaier ließ sich erweichen. Und das Schenie zauberte ihm dafür auf dem Heimweg einen Waldeszauber vor, der seinesgleichen sucht. Es waren noch drei Tage bis zum Fest. Das »Verrückte Krawattl« hatte sich am Abend zu einer außerordentlichen Sitzung versammelt.

»Wo nur da Schieferl bleibt«, sagte besorgt das Präsidium. »Er hat do g'sagt, er laßt heut dös ganze Zeug mit an Wag'n herfahr'n!«

»No so wart halt a biss'l«, sagte Gstaltmaier, »wo der Mensch so viel Arbat mit uns hat, und wo er sei ganz Schenie für uns aufwend't. Er werd scho kumma.«

Der Wirt, der eben die Krüge brachte, mischte sich in das Gespräch: »Da Herr Schieferl! – Ja so, er hat heut nachmittag im Vorbeigeh' g'sagt, dö Herr'n möcht'n entschuidig'n, er waar net recht guat beinand. An Schnaps hat er si geb'n lass'n auf Rechnung vom ›Verrückten Krawattl‹;!« »Ah – so!« meinte der Vorstand Huber und wechselte mit dem Kassier einen vielsagenden Blick. Dann erhob er sich und klopfte auf den Krugdeckel. »Meine Herrn! I woaß net, ob an Schenie grad ausg'macht heut schlecht wern muaß, aber i sag nur dös oane: wia waar's, wenn mir beim Schieferl nachschaugat'n, wias eahm geht.«

Man nahm den Vorschlag an. Eine Kommission wurde gebildet, aus dem Herrn Vorstand, dem Schriftführer und dem Kassier bestehend.

Auf dem Weg zur Schieferischen Behausung äußerte Huber unverhohlen allerhand Meinungen, die auf den Charakter genial veranlagter Menschen keineswegs ein günstiges Licht werfen.

Mit bangen Ahnungen stiegen alle drei die Treppe empor. An einer Türklinke hing ein halbzerrissener Lampion. Da machten sie halt. Gstaltmaier klingelte mit zitternder Hand. – Vergebens! Da pochte die Vorstandschaft mit nerviger Faust an die Tür. Schlürfende Schritte wurden hörbar, eine keifende Altweiberstimme kam näher, dann wurde eine Sperrkette eingehängt und die Tür eine Handbreit geöffnet.

Wie's dem Herrn Schieferl gehe? Man sei die Vorstandschaft vom »Verrückten Krawattl«.

Da erhob sich die Stimme hinter der Tür zu den höchsten Höhen: »Was! Derblecka möcht's mi aa no mit dem Bazi, dem ganz ausg'schaamt'n. Aber an Polizeihund hams eahm schö nachg'schickt! Dös siecht euch gleich: Durchbrenna und mitnemma, was net niat- und naglfest is! Da, dös hat mir euer sauberer Spezi für'n Zins da lass'n!« – Und ein von Europens Sauberkeit wenig übertünchter Hemdkragen flog vor die Füße der Abgesandten. Dann schlug krachend die Türe ins Schloß.

Die Delegierten vom »Verrückten Krawattl« griffen sich an ihre p. p. Denkerstirnen. Sie standen sprach- und verständnislos vor dem Nachlaß Sebastian Michael Schieferls. Der Vorstand Huber war der erste, der sich von den allzu plötzlichen Eindrücken erholte. Und er ventilierte sein Herz nach allen Richtungen.

»I hab's ja glei g'sagt, da habt's es jetzt mit euerm Schenie! Derwisch'n wenn i 'n tua« – Huber machte illustrierende Bewegungen mit Handschuhnummer elf –, »derwisch'n wenn i 'n halt tua!«

»Und unsern Waldeszauber könna ma uns an Kamin naufhänga, daß er net ruaßi werd«, sagte resigniert der Kassier. Der Schriftführer Gstaltmaier aber rieb sich noch immer den mutmaßlichen Sitz des Verstandes und sagte ein ums andere Mal in rührender Selbsterkenntnis: »Na, bin i a Rindviech, na bin i a Rindviech!« Dann stiegen sie wieder zu Tal und verkündeten ihren Bundesbrüdern die traurige Mär.

Im Protokollbuch des »Verrückten Krawattls« aber stand als Eintrag für 1911 zu lesen, daß für heuer von einem Frühlingsfest Abstand genommen wurde wegen Trauerfalls. –

Aber die Putzfrau Maier hat die Geschichte aus authentischer Quelle und verriet mir gestern unter dem Siegel der Verschwiegenheit, daß das »Verrückte Krawattl« neuerdings eine geheime Sitzung veranstaltet habe; Tagesordnung: Wie kann der Nachlaß des p. p. Schieferl zu einem Frühlingsfest verwertet werden? –

Aber die ehemalige Hausfrau will nun nachträglich mit der Herausgabe des Hemdkragens Schwierigkeiten machen ...

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