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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 56
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Sanft wie Tauben

Mit Vorurteilen wachsen wir auf und werden unser ganzes Leben lang von ihnen umrankt.

Treu wie Gold! sagen wir und noch dazu im Brustton der Überzeugung, als ob wir nie die Treulosigkeit des Goldes im allgemeinen, die Inflation im besonderen erlebt hätten. Dumm wie Bohnenstroh! Wer kann behaupten, daß Bohnenstroh dümmer als anderes Stroh ist? Warum soll das Stroh der Bohne dümmer sein als von Haber, als etwa Heu? Von lebenden Erscheinungen aus der Welt der Dummheit ganz zu schweigen.

Schön wie die Sünde! Zugegeben: die Sünde hat vor der Tugend einen gewissen Schick voraus. Aber wenn alle Sünden promenieren dürften, wie sie wollten – Muse, verhülle dein Haupt –, es gäb' bald keine Sünder mehr.

Grausam wie ein Tiger! Die neue Tierforschung kennt bis zur Mikrobe, bis zum Bazillus herab viel grausamere Biester als den Tiger, ganz abgesehen von einem Lautsprecher um Mitternacht. Der Tiger soll im Grunde – also wenn er satt ist – ein sehr verträgliches Geschöpf sein, ähnlich wie der Mensch. Wäre der Tiger tausendmal so blutdürstig, aber tausendmal kleiner, niemand würde ein Wesen aus seiner Grausamkeit machen.

Ja, und dann: Sanft wie Tauben! Tier- und Taubenfreunde seien hier im voraus um Verzeihung für alles gebeten. Aber kein Lebewesen sündigt so auf seinen guten Ruf wie diese Vögel.

Sie sind wahre Hochstapler der Sanftheit. Sie sehen, daß sie immer hold schnäbelnd auf den Briefbögerln verliebter Dorfschönen abgebildet sind, sie hören: Maiers leben wie Täubchen zusammen, sie wissen, daß ihre Urahnin den Ölzweig brachte, letzten Endes: Vom Säugling bis zum Greis am Stabe, in jeder besseren Weltstadt füttert der Fremde die Täubchen, und die herzenskälteste Miß, der gewaschenste Börsenspieler, selbst Dichter beiderlei Geschlechts, die doch von Berufs wegen abgebrüht gegen die Romantik des Herzens sind, sie schließen vor Seligkeit die Äuglein, wenn ihnen die sanfte Taube – vorurteilslos – ein Korn vom Munde pickt.

Soll das den Tauben nicht zu Kropf steigen? Sie gehen am Odeonsplatz in München (den die Münchner den oberbayerischen Markusplatz nennen) und am Markusplatz in Venedig (den die Venezianer vielleicht den italienischen Odeonsplatz heißen) geschwollen vor Sanftheit umher, sie laufen sozusagen Propaganda für ihren Ruf als zärtliche, herzliche Vögel. Sie sind im Fremdenverkehr gerissener als der routinierteste Hoteldiener und Zimmervermieter, sie geben ihre Reiseandenken wie Edelweiß und Almrausch auf die Hüte, weil sie sagen: der Betrieb muß es wiederbringen.

Schon am Schnitt der Reisemütze kennen sie den Fremden. Den, der sie großartig mit Mais und Korn bewirtet; und den, der für seine Sinnigkeit (Gelbscheibe – 9 x 12, so drigg doch endlich mol ab, Garoline) nur die Krümel vom Frühstücksbrot übrig hat. Zu diesen Fremden dürfen nur die dienstjüngeren Tauben zärtlich sein. Mais und Korn gehören den Arrivierten. –

Da flog unlängst so eine Taube, schätzungsweise aus Klasse vier (Frühstückskrümel) aus Ehrgeiz, Leichtsinn oder Gefräßigkeit in den Freßrayon der Klasse zehn (Mais und Korn). Die sanfte Taube aus Klasse zehn blähte sich auf, stellte Federn und Flügel, rollte die Augen. Die aus Klasse vier, ein Draufgänger, wollte nicht weichen, da kam ein Kampf in Gang, der schlechthin imposant war. Scharf hackten die Schnäbel nach den Köpfen, wie Dreschflegel schlugen die Flügel auf den Gegner, die Federn flogen, die Krallen rissen in die Brüste. Wer Taubensprache versteht, mußte sich verlegen abwenden, solche Worte gurrten sie sich zu.

Ein ruppiger Münchner Schnauzl stand dabei und sah atem- und sprachlos auf den Kampf. Der mag sich allerhand über die Gerechtigkeit menschlicher Werturteile gedacht haben. –

Ganz am Rand des Platzes hockten zwei Spatzen, ein großer und ein kleiner. Der große Spatz pickte Körner vom Boden und schob sie voll rührender Selbstlosigkeit dem kleinen in den Schnabel. Der versuchte manchmal selbst ein Körndl aufzuheben. Es gelang ihm nicht. Da nahm sich immer wieder die Spatzenmutter (oder sollte es der Papa gewesen sein?) seiner an und steckte ihm das Futter zu.

So haben sich die frechen Spatzen ganz in der Nähe der sanften Tauben benommen. Aber auch der sanfteste Spatz bleibt immer verrufener als die frechste Taube.

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