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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 38
Quellenangabe
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Das Metermass

»So, Hansl, tua di brav zur Muatter hersetz'n«, sagt die Frau in der Trambahn und nimmt ihren Buben auf den Schoß. Es ist kein Wickelkind mehr und kein Tragkind, es ist ein wohlgeratenes, so um die Schulpflicht herum stehendes Bürscherl.

Auf dem Schoß der kleinen Mutter nimmt er sich mächtig aus, die Leute sehen ein bißchen stirnrunzelnd darauf hin und ein Passagier murmelt mißbilligend: »A so a Mordstrumm Klachl!«

Das ist auch die Ansicht des Schaffners, der aber in seiner Eigenschaft als Beamter seine menschliche Meinung in sachlich-dienstliche Worte kleiden muß.

»Für den Buben da muß auch ein Fahrschein g'löst wer'n.« »Waas? Für des Kind? Ausg'schloss'n! Da hab ich no nia a Billett g'nomma, so lang i mit eahm fahr.« Die Mutter blickt starr und abweisend am Schaffner vorbei, so, als ob der Fall für sie erledigt wäre. Der Schaffner sagt als geschulter Psychologe, gütig und wohlwollend: »Geh, Frau, des siecht doch jeder, daß der Bua an Fahrschein braucht.« »Aber des siecht aa jeder«, sagt die Mutter, »daß des Kind no minderjährig is. Und wenn S' was von Ihrer Vorschrift verstenga, na wissen S', daß Minderjährige nix zahl'n müass'n. Vier Jahr werd er auf Weihnachten.«

Der Schaffner: »Vier Jahr oder vierzehn – des geht mi nix o ... Was über an Meter is, zahlt!«

Der Knabe: »Mami, i bin ja scho sechs Jahr alt ...«

Die Mami: »Red net so saudumm daher, – vieri werst!«

Der Schaffner: »Also, machen S' jetzt keine langen G'schicht'n mehr, Frau. Für den Buam müassen S' zahl'n! Der is weit über an Meter!«

Die Frau: »Des Kind werd an Meter ham! Des glaab'n S' ja selber net. Hab ja i nur an Meter achtafuchz'g.«

Der Schaffner: »Sehr einfach. Da braucht er si nur hinstell 'n. Da is der Meter markiert an der Tür.«

Die Mutter: »Der braucht sie gar net hi'stell'n! Des woaß i besser, wia groß mei Kind is!«

Der Schaffner: »Tuat mir leid, nachher müass'n S' aussteigt, Frau.«

Die Frau: »Wenn i mag, scho! Drei Jahr lang fahr i jetzt mit dem Kind scho auf der Trambahn und hob no nia zahl'n müass'n!«

Der brummige Fahrgast: »De kannt ja no zwanz'g Jahr damit umsunst fahr'n woll'n ...«

Die Frau: »Eahna geht's überhaupts nix o! Sie schaug'n grad so aus. Mit dera Wamp'n nemma S' a' so zwoa Plätz ei.«

Der Schaffner: »Also, Frau, san S' vernünftig. Überzeug'n S' Eahna selber, daß der Bua mindestens an Meter zwanz'ge hat ...«

Die Mutter: »Des kann er gar net hamm! Mei Marerl ham mir erseht neuli auf der Wies'n g'wog'n. De is um a Jahr älter und wiagt no koane vierz'g Pfund!«

Der Schaffner (energisch): »I fahr net weiter.«

Die Fahrgäste murren. Der Knabe verzieht das Gesicht zum Greinen. Ein alter Herr redet der Mutter gut zu: »... Geh'n S' zu, Frau, stell'n S' den Buben halt an das Maß hin, da is ja gar nix dabei.«

Die Frau (widerwillig nachgebend): »... Weil i no nia was zahlt hab dafür ...«

Der Hansl wird vom Schaffner an die Metermarke gestellt; unter der Anteilnahme aller Wageninsassen ergibt sich, daß er fast um Kopfeslänge darüber hinausreicht.

Di Mutter: »... Wenn des a Meter is, der Strich da ...? Des möcht i scho bezweifeln, ob des a Meter is, des kloane Stückl! Unser Küchenkasten is genau an Meter hoch, und der Bua, der siecht no lang net drüber.«

Der Schaffner: »Eahnan Küchenkasten könna ma net rei'stell 'n. Also: Zahl'n oder aussteig'n.«

Die Mutter klaubt aus der Geldbörse die Fünferl heraus. »Aber des sag i Eahna, daß i mi bei der Direktion beschwer und in die Presse laß i's aa nei'setz'n. Allweil geht's an de Kloana naus. Des mit dem Meter ham aa wieder de Großkopfet'n ausdenkt. Und überhaupts, meiner Lebtag is der Bua koan Meter groß ...«

Die Frau ist geladen. Sie möchte jetzt gern so einen Großkopfet'n beim Krawattl haben, es kribbelt ihr nur so in den Händen. Aber weil keiner da ist, wendet sie sich ihrem Buben zu, der wieder auf ihrem Schoß Platz genommen hat, und nun kommt erst recht in das Bewußtsein der Mutter, daß sie für den Buben gezahlt hat. Sie nimmt ihren Hansl energisch um die Taille und setzt ihn neben sich: »Da hockst di jetzt her! Zahlt is der Platz! Des gang mir grad no ab, daß i so a Mordstrumm Mannsbuid am Schoß sitz'n hätt ...«

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