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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 37
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Maibockprobe

Was sind »Saftln«?

»Saftln« ist ein besonderer, der Zunftmedizin vielleicht unbekannter Münchener Begriff für gewisse lebenswichtige Säfte im Organismus, eine Zusammenfassung für alles, was die Gelehrsamkeit« etwa mit »Hormone« bezeichnet. Das sind die »Saftln«. Für sie ist der Maibock gut. Die alte Münchener Laienmedizin schreibt den Frühjahrsbieren besonders heilkräftige, erneuernde Wirkungen zu. Durch den Maibock sollen die »Saftln« in Bewegung kommen.

In vergangenen Jahrhunderten wurde die Güte des Frühjahrsbiers durch eine besondere Bierkieserkommission obrigkeitlich geprüft, ehe man das Gebräu an die Bürger ausschenkte. Auf die Bierbank wurde der Bock gegossen, und die Kieser setzten sich mit hirschledernen Hosen darauf. War der Bock gut, so konnten sich die Kieser nach längerer Zeit schwer oder gar nicht vom Sitz erheben, und dieser letztere Umstand soll sich bis auf den heutigen Tag (auch ohne hirschlederne Hosen) als Probe bewährt haben. Bevor man den Maibock dem Urteil des beschränkten Untertanenverstandes aussetzt, findet auch jetzt noch eine sozusagen obrigkeitliche Prüfung statt. Die »G'wappelten«, wie hierzulande der Volksmund seine Oberen nennt, die Spitzen der Staats- und Stadtbehörden, reich umrankt von »Prominenten« aus allen Lagern des Lebens, sammeln sich im großen Festsaal des Hofbräuhauses zur Maibockprobe.

Sämtliche Minister – wenn nicht ganz wichtige anderweitige Dienstgeschäfte sie verhindern – sind da. Die höheren Beamten der Staats- und Stadtbehörde, Abgeordnete unterschiedlichster Parteien kommen, die Presse, die Kunst, die Wissenschaft und die Industrie schicken ihre Vertreter.

Wer in Bayern zur Maibockprobe geladen ist, kann wohl sagen, daß er es zu etwas gebracht hat. Die Teilnahme daran ist der erste Stein zum Denkmal kommender Größe. Die Besorgnis der Führenden im Staat, daß das Volk nicht nur gute Paragraphen, sondern auch ein gutes Bier vorgesetzt bekommt, ist ein schöner menschlicher Zug im Antlitz der Macht. Leute, die es immer besser wissen, mögen vielleicht angesichts der Teilnahme der Staats- und Stadtregierung an der Maibockprobe etwas von oben herab sagen: »Da seht die Bayern! So wichtig ist ihnen ein gutes Bier, daß sogar ihre Minister zur Probe kommen.« Aber das macht uns nichts aus. Der Dichter Gottfried Keller sagt von ungefähr: »Aus einem Menschen, in den nichts Gutes hineinkommt, kann auch nichts Gutes herauskommen.« Und das gilt für große Minister ebenso wie für kleine Leute. Der Staatsminister ist in Bayern heute wie ehedem kein thronender Dalai-Lama, sondern jenseits seiner Amtsgeschäfte Bürger unter Bürgern. Schmeckt ihm der Maibock privatim gut, so schadet es nichts, wenn hier persönliche Neigung und Sachkenntnis die »amtliche Funktion« des Maibockprüfens unterstützen, im Gegenteil. Der Ruf nach dem »Fachmann« ist ja heute besonders aktuell. Würden sich die Staatslenker aller Länder mehr darum kümmern, daß und wie ihr Volk zu essen und trinken bekommt, so würden sie mehr Beifall haben als mit dicken Konferenzen und ausgeklügelter Politik, die mitunter so schwankend macht, obwohl keine Maibockprobe vorangegangen ist.

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