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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 34
Quellenangabe
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typenarrative
authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Es klingelt

Geben wir es zu: ganz heimlich hören wir die Wohnungsklingel doch gern, so sehr wir immer Wichtige durch sie »gestört« werden. Wär' sie uns so lästig, wie wir immer tun, schon seit Jahrhunderten wäre sie von der Wohnungstür verschwunden.

Jede Klingel hat ihren besonderen Ton, so wie jede Wohnung, auch die geruchloseste, ihren besonderen Nestgeruch hat. Nachbars Klingel, vom selben Klingelmann mit demselben Material eingerichtet, klingelt ganz anders als unsere. Es liegt das nicht nur in der Akustik des Korridors, es liegt mehr noch im Charakter der Wohnungsinsassen.

Die Wohnungsinsassen kennt man am Klingeln wie den Vogel am Gesang. Da ist das schüchterne Bimbim von Tante Malchen, die auch sonst auf leisen Sohlen geht, da ist das kurze, resolute Bimmmm! der Köchin Stasi, die überhaupts nicht viel Umschweife macht, die ist das alarmierende Bibimbibibim des Hausherrn, wenn er die Schlüssel vergessen hat, das anständige, sachliche Bimbim-bimbim der Hausfrau und das freche bibibibibibibim des Sprößlings, wenn er hungrig von der Schule kommt.

Diese Klingelei sagt uns nichts Neues. Sie beunruhigt nicht, spannt aber auch keine Erwartungen an, so, wie wenn es plötzlich ganz fremd bimmelt. Alarmierend. Ah! Wer kann es sein! Ein verschollener Erbonkel aus Amerika mit dem Millionentestament in der Handtasche, ein schönes Mädchen aus der Fremde, der Geldbriefträger mit einem alle Erwartungen übertreffenden Honorar, eine Depesche: Treffer in der Klassenlotterie, ein Freund, der entliehene Bücher zurückbringt? Wir wissen es ja schon im Hingehen zur Tür, wir wollen es nur nicht wahrhaben: draußen steht bestenfalls ein Herr, der uns um einen Beitrag für seine Weiterreise ersucht. Und doch ist die Klingel immer wieder wie ein Signal aus dem Reich der Träume, Erlebnisse, Abenteuer, Begebenheiten, Wunder und Wünsche. Unser Alltag ist, wie jeder bessere Dichter so schön sagt: grau. Gestehen wir's ein: auch bei allem Beschäftigtsein ein bißchen langweilig. Da ist die Klingel eine kleine Sensation. Schreckbar nur dann, wenn man vormittags zehn Uhr noch sozusagen in Dessous das traute Heim bevölkert und draußen vielleicht die Großherzogin von Gerolstein steht, um uns für die Erbauung eines Heims für stotternde Nordseelotsen zu begeistern. Ansonst aber wirkt sich das Klingeln als einer der wenigen angenehmen »Kindheitskomplexe« aus. Aus der Kinderzeit her bedeutet Klingeln Besuch und Besuch etwas Mitgebrachtes. Und diese Zusammenhänge spüren wir natürlich als Erwachsene unbewußt heute noch.

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