Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Julius Kreis >

Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/kreis/meiruah/meiruah.xml
typenarrative
authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
year1965
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090114
projectid5655a4b8
Schließen

Navigation:

Kleinstadt

Gasthaus zur Post

Das behäbige Haus mit seinem geschweiften Barockgiebel steht gleich neben dem engbrüstigen Rathaus, das schüchtern vor dem klobigen Nachbarn die Schultern anzieht. Das Rathaus hat nichts zu sagen. Alles, was zum Wohl und Wehe des Gemeinwesens von den Stadtvätern, Stadtonkeln und -tanten beschlossen wird, ist vorher in der »Post« reif geworden. Deshalb sieht das Rathaus neben der »Post« auch aus wie ein schüchternes Schreiberlein neben dem gewichtigen Bürgermeister. Aus dem Flur von der »Post« riecht es das ganze Jahr nach Malz und Hopfen, Gesottenem und Gebratenem, nach Heu und Stroh. Da stehen dicke Bierbanzen in langer Reihe, da rollen die leichten »Gäuwagerl« der Landbürgermeister, die zum Bezirksamt wollen, aus und ein, die Bauern kommen am Schrannentag mit dem Fuhrwerk, und der wuchtige »Hausl«, der Hausknecht, hat alle Hände voll zu tun, und die Fuchzgerl gleiten in seine immer empfangsbereiten Achtelstagwerkpratzen.

Dann ruckt er die Haube, und wenn einer gar ein Markl als Trinkgeld springen läßt, nimmt er sogar die Pfeife aus dem Maul. Der Hausl ist einen Meter neunzig hoch, ehemaliger Sergeant im Infanterie-Leibregiment, in gemacher, nie übereilter Tätigkeit, sehr wortarm, gereizt, von hagelbuchener Grobheit, von einer stillen, unwiderstehlichen Kraft, wenn er einen Krakeeler aus dem Haustor befördert. Er ist die ultima ratio von der »Post«.

Der Postwirt selbst, gut durchwachsen und durchblutet, taucht bald in der Metzgerei, bald in der Küche, im Stall, in der Bauernstube, im Herrenzimmer auf. Seine Stimme hallt im Zorn durch sechs Mauern. Er »raucht keinen guten«, wenn Magd, Kellnerin, Knecht oder Dienstbub was »ausgefressen« haben. Nur gegen den Hausl traut er sich nicht. Da ist er sozusagen nach stillschweigendem Übereinkommen primus inter pares.

Der Postwirt kann sich mit jedem Gast unterhalten. Mit dem Vordereggerbauern von Walzing führt er einen Diskurs über den schweren Ochsen, den der Bognerjockl aufgetrieben hat, mit dem Amtsrichter in der Herrenstube treibt er hohe Politik, mit dem Geschäftsreisenden tauscht er handelswissenschaftliche Erfahrungen und Betrachtungen der Geschäftslage aus und delektiert sich an den neuesten Witzen, die der andere mitgebracht hat, mit dem Herrn Pfarrer, wenn der ausnahmsweis einmal zukehrt, führt er ein würdiges Gespräch über die Verderbnis der heutigen Jugend.

Vor mehr als hundert Jahren soll einmal Goethe in der »Post« übernachtet haben. Der Postwirt trägt ihm das nicht weiter nach, aber er und seine Webelstettner Mitbürger legen mehr Gewicht auf gute Weißwürste als auf große Literatur. Wenn der alte Oberlehrer Hierlinger immer wieder was von einer Gedenktafel vorbringt, dann sagt der Lammwirt mit kühler Abweisung: »Mir braucha koa Tafel!«

In der großen Wirtsstube hocken an Schrannen- und Markttagen eng aneinander die Bauern, und die Wände hallen von Rede und Gegenrede über Handelschaft, Vieh und persönliche Auseinandersetzung. Manchmal muß der Hausl einen, dem das Bier zu Kopf gestiegen ist und der von fruchtlosem Wort zu tätlichem Beweis übergehen will, mit Brachialgewalt entfernen. Abends sitzen um den Ofentisch ein paar Handwerksmeister, der Kaufmann Schiederer, dem das schöne Gschäftl am Marktplatz gehört, der Herr Gendarmeriekommandant, der Bader Löser, und sind mit heftigen Worten unzufrieden mit der Regierung, den Kanzlern und den Ministern. Aber dann legt sich die Wallung wieder, und es bildet sich eine Tarock- und eine Schafkopfrunde, bei der rechts und links – Monarchie und Republik restlos vom Interesse an einem Herzsolo ausgetilgt werden. Im Nebenzimmer, im Herrenzimmer, bedient die Fanni, die Kellnerin, und der alte Forstrat tätschelt ihr manchmal gedankenverloren die runde Kehrseite. Der Apotheker, der Rentamtmann, der Oberlehrer, der Postverwalter, zuzeiten auch der Herr rechtskundige Bürgermeister und der Major außer Dienst Schwinghammer tauschen hier, rauchumwölkte Olympier, unterhaltende und belehrende Gespräche über die letzte Zeitung aus, über die Umordnung der Rang- und Gehaltsklassen, über die Teuerungszulagen, bis schließlich auch hier der Apotheker ruft: »Fanni! a Tarockkarten!«

Die Bürger draußen in der Wirtsstube grüßen die Herren im Nebenzimmer respektvoll und höflich, aber sie gelten ihnen als »Beamte« doch nicht für ganz voll – »Zuagreiste!« Wird einer von den Bürgern zu einer Tarockrunde ins Nebenzimmer eingeladen, so weiß er die Ehre zu schätzen.

Über den Wirtschaftsräumen liegt der Tanzsaal. Hier hält die »Harmonie« alljährlich ihren Faschingsball, hier finden die Vorstellungen reisender Schauspieltruppen statt, hier prallen in politischen Versammlungen keine Meinungsverschiedenheiten aufeinander, weil alles einer Partei ist und der Redner aus der Großstadt hat es leicht, den Lorbeer einzuheimsen. Einmal war in diesem Saal auch ein »Bunter Abend« der »Harmonie«, des Gesellschaftsklubs in Webelstetten.

Es war aber der erste und der letzte: denn langjährige Feindschaften, vererbt auf Kind und Kindeskind, sind damals aus der Sitzordnung und Rollenbesetzung emporgewachsen. So hängt das Jahr über nur mehr das Banner der »Harmonie« im Saal, ein grünseidenes Panier, auf dem mit Goldbuchstaben ein Kranz um zwei verschlungene Hände gestickt ist. Darunter steht: Eintracht für und für, Freundschaft sei das Panier.

 << Kapitel 30  Kapitel 32 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.