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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Auf und Ab

Draußen auf der Auer Dult ist die Zuflucht aller schiffbrüchigen Werte aus Palast und Hütte. Hier ist Auf und Ab, Ende und Anfang von Besitz und Habe. Jahrhunderte sind da auf einem Quadratmeter vereint, Strohhüte und Eisenhauben aus dem Dreißigjährigen Krieg, Spirituskocher und Heiligenlegenden, Raupenhelm und Frisierbüsten, Glühbirnen und Porzellanfiguren, Violinen in Samtkästen und Kreuzottern in Spiritus, Regenschirm und Kürassiersäbel, Ölgemälde und Matrosenanzügerl und überall Bücher, Bücher, Bücher.

Ein altes, weißhaariges Manndl, den Schirm zwischen die Knie gepreßt, blättert in stockfleckigen Folianten mit alten Stichen. Der Tandler kennt ihn schon. Er zeigt ihm seine letzten Köstlichkeiten, nimmt aus der Kiste Raritäten, die nicht für jeden sind. Er bringt ihm einen Stuhl zum Niedersetzen. Nein, kaufen braucht er nichts. Der Tandler weiß schon, daß die schlechten Zeiten dem alten Herrn die Börse mager gemacht haben. Aber es freut ihn, daß da einer seine »Sacherln« betrachtet, der was davon versteht. »Wissen S', Herr Professor, des is a Kreuz, daß de oan bloß as Geld ham und de andern bloß an Verstehstmi.« Ein Brautpaar sieht sich in der »War« um und fragt nach einem Biedermeierschrank. Ein Lausbub möcht wissen: »Sie, Herr, was kost denn der große Sabi da?« Ein Bauer prüft mit hartem Daumen und Zeigefinger das Tuch einer Hose, ein langhaariger Jüngling blättert in Ölskizzen – vielleicht könnte doch ein echter Leibl darunter stecken.

»Schöne Gemälde, Herr«, sagt der Tandler. »Alles handgmalt. Prima Kunstmaler! Mit an Rahma drum rum, is ja direkt a Kapitalsanlag. Hat erseht vor zwoa Jahr a Herr an echtn Rubens heraus gfundn.«

»Da Frau, a Blumenstilleben. – Waar a schöns Hochzeitsgschenk. De riacha direkt, so natürli san s' gmalt ...«

Ein altes, verhutzeltes Weiberl kommt und nimmt vorsichtig und verlegen ein Paar Zugstiefletten in die Hand. Die wären recht gut. Schöne Sohln! Das Oberleder ganz. Sie prüft mit knochigen, zittrigen Fingern. »Wos kosten s' denn, de Stiefi?« »De san no kaum tragn, Muatterl!« wendet sich der Tandler von den Ölgemälden weg. »Da hätten S' was Guats, was Solids! Weil 's Sie san, zwoa Mark fuchzg.« »Mei, o mei, des is ja vui zvui für mi! – Aber paßt hätten s' mir grad moan i. Derf is a mal probiern?« Der Tandler rückt ihr ein Hockerl zu, und das Weiblein probiert die Stiefletten. »De san von an hohen Offizier«, sagt der Tandler ermunternd. »Guat passatn s' scho! Aber vui Geld is halt! Genga s' net um zwoa Markl her?« Schließlich gibt der Tandler nach. Das Mutterl zieht mit den Offiziersstiefletten ab. Glückstrahlend. Vielleicht gewinnt sie einmal darin einen Krieg gegen eine böse Nachbarin. Man tritt gleich ganz anders auf, wenn man ordentliche Stiefel an hat.

Junge Burschen kramen in Werkzeug, Drahtrollen, Batterien, Radiozubehör, das, aus alten Apparaten herausmontiert, auf die Bastler wartet. Einer brauchte Zuleitungsrohre und einen Benzintank für einen Motor, den er sich bauen will, ein anderer untersucht ein altes, rostiges Schnauferl aus der Kinderzeit dieser Fahrzeuge. »Ham S' koan Fuaßballdreß?« – auch dafür kann geholfen werden. »Sie, was kost denn der Roman da: Carlo Benetti, der Schrecken der Wälder, oder Treue bis zum Schafott?« Jedes Tandlmarktstück könnte seine Geschichte erzählen. Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte voll Wandel und Schicksal, voll Haß, Liebe, Reichtum, Not, Glück und Leid. Das alles ist in den engen Budenreihen, modrig und müde. Aber es ist nur Ruhe vor neuem Schicksal, Ende vor neuem Anfang. Denn alles Leben ist nur ein »Übergangl«.

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