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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 29
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Betrachtung an Kirchweih

Wir Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts mögen uns noch so sehr mit Kultur, Ästhetik und Geistigkeit aller Art behängen, bisweilen kommt doch der alte Adam Mensch zum Vorschein, so wie er vor Tausenden Jahren lebte und genoß, als Buch, Rundfunk, Theater und andere Schulen der Weisheit noch unbekannt waren, da man Erhebung, Feier und Freude schlicht und geradlinig mit Schmaus und Gelage identifizierte.

Daß auch in der Geistigkeit von heute die Lust und Liebe zum guten Essen und Trinken stark durch den Firnis kommt, beweisen die Festbankette bei allen kulturellen Anlässen, bei Dichters Geburtstag, Gründung von Akademien, Museen, bei Jubiläen aus Wissenschaft und Kunst, nicht zuletzt bei staatspolitischen Kongressen und Gedenktagen.

Woher nähmen die Präsidenten, Bürgermeister, Vorsitzenden, Ehrengäste und Deputierten die Kraft zu Superlativen Worten, das Feuer zu flammenden Wünschen, wenn nicht im Nebenraum verheißungsvoll das Geschirr klapperte, ein lockender Duft von Gesottenem und Gebratenem wie ein guter Geist über den Wassern der Rede schwebte?

Nicht wenige Festteilnehmer sind über das Werk eines Jubilars viel schlechter orientiert als über die Speisenfolge beim Festbankett. Ja, es soll besonders genießerische Geistesgourmands geben, die ein resches Spanferkel für viel genußreicher ansehen als den Gefeierten, dem zu Ehren es verzehrt wird. Hier begegnet sich der wilde Kannibale von der Südsee-Insel mit prominenten Trägern geistiger Werte.

Der »kleine Mann«, der »Ungeistige«, freilich braucht keine künstlerische oder kulturelle Erhebung als Vorwand, um gut zu essen. Ihm ist gutes Essen Feier genug. Da ist der Sparverein »Letzter Heller«, der zu dem ausgesprochenen Zweck spart, an Kirchweih ein großes Gansessen zu veranstalten, da ist der Kegelklub »Zum Saunagel«, der sich sogar ein eigenes Schweinchen für den großen Schmausfeiertag richten läßt, da ist vor allem der fröhliche Landmann, dem Kirchweih feuerrot im Kalender steht, der an diesem Tage ganz hingegeben an die Gaben der Erde ist.

Wenn der Zachäus, die Kirchweihfahne, vom Turme weht, dann widerhallt das kleinste Dorf vom Anzapfen großer und kleiner Bierbanzen, dann riecht's aus jedem Hausflur nach schweinernem Bratl, nach Schmalzkücheln und Krapfen. Verzweifelt schreit hinter der Schupfe die Gans in banger Kirchweih-Ahnung vor den zugreifenden Händen. Abends zittert der Tanzboden unter der wuchtigen Rhythmik der Eingeborenen, wird nicht selten zur Walstatt heldischen Geschehens, wenn, durch ein starkes Kirtabier angeregt, seelische Verstimmungen sich am Schädel eines Nebenbuhlers oder Ortsfremden abreagieren.

Aber auch der Städter, sofern ihm nicht als »Zuagroastem« die Landessitten fremd sind, feiert den Tag durch ausgiebiges Versenken in Viktualien.

Am Markt türmen sich am Samstag die Gänse, die traditionellen Kirchweihschmankerl. Hausfrauen und Hausväter suchen mit prüfender Hand und geschultem Blick den fettesten und zartesten Vogel. Freilich werden sie bei zu langer und zögernder Wahl von den Ganshandlerinnen manchmal mit tausend Worten Bayerisch beehrt, die nicht alle im Wörterbuch stehen; denn auch die Herzensgüte der Marktfrauen hat ihre Grenze. Von: »Gnä Frau, was hätt' ma denn gern?« bis zu: »Z'sammzupfte Schmislmadam« ist bisweilen kein allzulanger Weg.

Der Münchner hat für reale Genüsse ein ausgebildetes Verständnis. Ihm, dem Sohn oder Enkel bäuerlicher Vorfahren, ist Kirchweih immer noch – trotz aller Großstadt – eine schöne und wichtige Angelegenheit. Wenn mittags die Gans in ihrem Fett brutzelt, die Schmalzkücheln duften, dann fühlt er sich in diesen notverordneten Zeiten doch wieder für einen Tag lang auf einer Insel der Glücklichen und sagt sich frei nach Ulrich v. Hütten: »Es ist eine Lust zu leben, denn die (Kirchweih-)Geister sind wach.«

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