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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 23
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Der Glückstag

Am Sonntagabend geht Alois Scheggl mit seiner Gattin zum Essen ins Restaurant. Sie soll nicht sagen, daß sie nichts vom Leben hat. Man sucht sich einen Tisch, nicht zu nah an Tür oder Schenke, daß man sicher ist vor Zug. Dann holt Scheggl seinen alten, ausgefederten Zwicker aus dem Futteral, klemmt ihn mit einigen Schwierigkeiten auf die Nase und studiert die Speisenkarte. Er forscht lang und gründlich, bis er doch immer wieder zu dem Entschluß kommt, einen Nierenbraten mit Kartoffelsalat zu bestellen.

Die Zeilen, in denen »Kaviarbrötchen«, »Pikante Platte«, »Gefüllte Tomaten« und ähnliche Schlangenfangereien stehen, streicht er mit Verachtung. Seine Gemahlin, anders geartet, mit romantischeren Geschmacksnerven sozusagen, möchte fürs Leben gern einmal so eine »Pikante Platte« haben. Sie will ihren Alois aber nicht kränken, und so bestellt sie denn wie immer eine Milzwurst mit G'rösteten. Die »Pikante Platte« hätt' auch nicht mehr gekostet, aber sie weiß im voraus, womit ihr Alois das Gericht würzen würde: »Was – so a' damisches Zeig magst da du b'stelln. Des is ja a' Fuatter für Kanarienvögel. – Da möcht i' net mit an Schuastersteft'n 'neig'langa.«

Nachdem das Nachtmahl verzehrt ist, langt sich Alois die Zeitungen von der Wand und entzündet, bevor er die Lektüre beginnt, eine Virginia. Beim Zeitunglesen mag er nicht gern gestört sein. – Seine Gemahlin blättert in den illustrierten Zeitschriften, aber mit geringer Teilnahme. Viele der Buidln erregen ihr Mißfallen.

Da enthüllt etwa eine Dame allzu freigebig ihre Reize und macht Frau Scheggls Brauen runzeln, dort fordert eine hypermoderne Stahl- und Glasmöbeleinrichtung ihr Kopfschütteln heraus. Auch für die neuen Typen von Motorbooten und Segelflugzeugen hat sie wenig übrig. Sie würde das alles gern ihrem Alois mitteilen, aber – wie gesagt – der mag beim Zeitunglesen nicht gestört sein. So klappt sie denn die Journale bald zusammen, faltet die Hände im Schoß, betrachtet das Kommen und Gehen im Lokal, auch was den Gästen aufgetragen wird und hört ein bißchen dem Gespräche am Nebentisch zu. – Das ist seit vielen Jahren ihr Sonntagabend.

Sie läßt ihre Gedanken dabei spielen, zurück in Vergangenes, hinein in Kommendes ... Als ihr Gemahl eine Lesepause dazu benützt, die erloschene Virginia wieder anzuzünden, sagt sie: »Heut hätt' i' mein' Glückstag! D' Frau Riegler hat ma's aus de Blanett'n g'schlag'n.«

»So!« sagt Scheggl, weder sehr ergriffen noch überzeugt von dieser Mitteilung, und wendet sich wieder seiner Zeitung zu.

Da kommt die Losverkäuferin an den Tisch. »Lose gefällig, die Herrschaft'n, nehmen S' mir eins ab für den gut'n Zweck ...«

Scheggl schüttelt in stummer Abweisung den Kopf. Seine Gemahlin indes heftet ihre Augen auf das Päckchen so sehnsüchtig, daß die Verkäuferin allsogleich sich an die Frau wendet.

»Fünfhundert Mark«, sagt sie lockend, »hat vorige Woch oaner 'rauszog'n im Landauer Hof.«

Da holt Frau Scheggl mit scheuem Seitenblick auf ihren Gemahl die Geldbörse aus der Handtasche. »Geb'n S' ma' halt na' oans!« Jetzt legt Scheggl die Zeitung weg und sagt: »Wia ma' nur 's Geld so nausschmeiß'n ko'! Du werst akrat a' Glück ham! Hätt'st da um des Fuchzgerl Regensburger in Essig und Öl b'stellt, hätt'st was g'habt ...«

Aber Frau Scheggl läßt sich nicht beirren. Sie hat heute ihren Glückstag.

Ihre Finger gehen suchend den Losfächer entlang. Dann entschließt sie sich für eines in der Mitte. Vielleicht hat das Schicksal dieses Losmädchen gerade heute an ihren Tisch gesandt. Fünfhundert Mark! Das gäb' ein neues Schlafzimmer. Und wenn's nur hundert sind: ein neuer Mantel schaut dabei raus und die Wohnung tapezieren ... Aber es sind weder fünfhundert noch hundert. – Als die Frau Scheggl das Los mit aufgeregter Hand entfaltet, steht darauf: »Los Nr. 081973 gewinnt nichts.«

Das Fräulein zieht mit Dank und Bedauern ab, nicht ohne nochmal auf den Treffer im Landauer Hof hingewiesen zu haben.

Fünfhundert Mark! Das wär' das neue Schlafzimmer gewesen!

Selbst der Vermerk auf dem Los, daß man mit ihm um den halben Eintrittspreis in die Mineralien-Sammlung kommt, trägt nicht dazu bei, Frau Scheggls Enttäuschung zu bannen.

Immerhin: Scheggl legt die Zeitung beiseite und ist angeregt zu einer Unterhaltung.

Er sagt: Gel, auf dein Glückstag ham s' dir pfiffa!

Sie: ... mit oan Los alloa ...!

Er: Freili, alle nehma ma! 's G'wand tean ma versetz'n für dein Glückstag. Hab dir's ja glei g'sagt, was da rauskimmt!

Sie: War für a guat's Werk! 'as Glück is halt unberech'nbar. Hast as scho g'hört, im Landauer Hof, bei dem Herrn, hat 's ei'g'schlag'n. Das Glück, hat mei Großmutter selig allweil g'sagt, ist eine launische Göttin. I' hätt' aa koa Los g'nomma, wenn ma's d' Rieglerin net rausg'schlag'n hätt', daß heut a Glückstag is.

Er: Lafft's nur allweil zu so a ra Hex'npantscherin. Weil's a so no net narrisch gnua seids.

Sie: ... I' waar mit de fünfhundert Mark glei zum Morasch ganga. Da ham s' oans in Birke. – So a Schlafzimmer, des waar mei' sehnlichster Wunsch g'wes'n.

Er: Na nimm nur glei de fünfhundert Mark und schmeiß s' zum Fenster naus. Als ob mir koa Schlafzimmer net hätt'n ...

Sie: Sagst es ja selber, daß de Matratz'n so hart san. – Da hilft as Aufricht'n nix mehr. Und de Bettlad'n san a altmodisch's G'lump. Ärgern mi, so oft is oschaug!

Er: Na schaugst as halt net o! Zum Oschaug'n g'hör'n s' ja net!

Sie: Is ja wahr aa! Ma konn ja koan Mensch'n neiführ'n. Bei Zaglauers ham s' a so a schön's Schlafzimmer. Direkt a Freud, mit an Toalettspiag'l und Kast'ln dro und a büßende Magdalena, wunderbaar, a Ölgemälde über de Bett'n und Patentfedermatratz'n ... Des hat 495 Mark kost't.

Er: Aber so lang i was z'sag'n hab, werd as Geld für solchane Schnax'n net nauspulvert. Fünfhundert Mark, des is a Numro! – Des is a kloans Vermög'n ...

Sie: Hätt's ja i g'wunna ...

Er: An Pfief hast g'wunna! –

Sie: Sei doch net gar so brudall!

Er: Weil's des bei mir net gibt, daß ma in dene Zeit'n fünfhundert Mark a so nausfeuert!

Sie: Des hätt'st na scho g'sehng ...

Er: Wos hätt i g'sehng! Gar nix hätt' i g'sehng. Aber du hätt'st g'sehng, wia des Schlafzimmer so g'spaßig über d' Stiag'n abig'flog'n waar, mitsamt der Kast'ltoalett'n. Hab i vielleicht gar nix z'red'n mehr ... San fünfhundert Mark vielleicht a Fliag'nschiß?

Sie: ... Des was i g'winn, des is mei Sach. Des geht neamd nix o und di aa net. A'mal müaß'n ma doch a neu's Schlafzimmer ham!

Er (blauroten Angesichts, schmettert die Zeitung auf die Bank): An Dr... müaß'n ma ham!

Sie wendet sich wortlos ab. Sie kämpft mit Tränen. Er aber bemüht sich mit zitternder Hand, die erloschene Virginia zu entzünden. Ein Streichholz nach dem andern bricht ab. – Sie sagt nach kurzer Weile: Der Morasch hätt's uns vielleicht um vierhundertfuchzge geb'n ...

Aber er hat sich wieder hinter die Zeitung verschanzt, deren Blätter leise zittern.

Ihre Hände liegen gefaltet im Schoß. Sie läßt die Gedanken spielen, zurück in Vergangenes, hinein in Kommendes ...

... Aber nächsten Sonntag wird sie sich doch so eine pikante Platte bestellen. Jetzt grad ... Und ihre Finger glätten sorgfältig die verschrumpelten Buge aus Los Nr. 081973.

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