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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 22
Quellenangabe
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Hinter der Glasscheibe

Die Fernsprechzelle liegt am Rand einer kleinen Anlage. Ganz nahe am »Telefonhäusl« steht eine Bank. Von der aus kann man eine Viertelstunde das Ein und Aus an der Zelle beobachten und aus den Gesichtern der Besucher lesen: kleines und großes Erleben, Hoffnung, Enttäuschung, Freude, Neugier, Trauer – Schicksal.

Zwei junge Mädchen sind jetzt in der Zelle, mit Mappen unterm Arm. Man hört natürlich nicht, was sie sprechen, aber ihre frischen Gesichter hinter dem Glas sind allein eine Geschichte. Sie haben es soo wichtig! Da ist eine Aufregung, bis mit unsicherer Hand die größere von den beiden die Nummern wählt, mit Gekicher und Gewisper. Sie stoßen sich gegenseitig mit den Ellbogen an, und jetzt hält die eine die Hand vor den Mund, als wollte sie eine vorlaute Bemerkung unterdrücken, indes die Sprecherin vor Spannung die Augenbrauen hochgezogen hat und die sonst so glatte Stirn runzelt.

»Er« wird am Telefon sein, der flotte Gymnasiast oder Student, mit dem ein Stelldichein verabredet werden soll, oder vielleicht haben sie den »Schwarm« angeklingelt, den berühmten Sänger oder Schauspieler Schmalzpfefferer, um die verehrte Stimme zu hören, oder vielleicht soll ein kleins Schwindel- oder »Versetzmanöver« vor sich gehen. Jedenfalls ist das eine lustige, spannende Angelegenheit, die sich da drin begibt, und als die beiden aus der Zelle kommen, Haar und Hütchen ordnend, da glühen die Gesichter noch vor Eifer, und noch immer können sie sich vor Lachen nicht fassen. Man hört ein Redebruchstück: »... glaubst du, daß er es geglaubt hat ...?«

Nach ihnen steht eine stattliche Dame am Fernsprecher. Sie stellt eine Einkaufstasche sorgfältig auf das schmale Tischchen und balanciert sie mit allerlei Versuchen aus, bis sie gut steht. Sie läßt sich Zeit. Dann blättert sie im Nummernbuch vor und zurück, zieht dazwischen einen Handschuh aus, verfolgt mit dem Finger eine Namenreihe und noch eine und noch eine. Blättert wieder zurück, wieder vor ...

Der Handwerksmeister oder Geschäftsmann, der unterdessen vor der Zelle wartet, macht schon ein saures Gesicht dazu. Die Dame drinnen fingert jetzt aus ihrer Einkaufstasche eine Handtasche und daraus wieder ein Geldtäschchen und daraus wieder nach längerem Sichten und Suchen ein Zehnerl. Sie setzt es an den Schlitz. Aber da hat sie wieder die Nummer vergessen und muß nochmal nachsehen. Jetzt klappt es, und dann sucht der Finger bedächtig die Rufnummer zusammen. Ohne Übereilung. –

Der Wartende wendet sich schon empört um und murmelt was von »Frau'nzimmer« und »net erleb'n« ... Die Dame hinter der Scheibe spricht. Nach jedem Satz geht ihr Kopf ruckartig vor, der Zeigefinger bekräftigt dazu mit rhythmischen Luftschlägen. Es muß eine energische Mitteilung oder Aufklärung sein. Dem Gesicht nach sagt die Dame gerade: »... Und ich verbitte mir ...!«

Aha! Eine telefonische Standpauke. Eine Auseinandersetzung über einen Ratsch und Klatsch ...

Der wartende Herr klopft jetzt mit dem Knöchel an die Scheibe. Empört wendet sich der Kopf der Dame ihm zu, um sodann mit erhöhtem Eifer und Nachdruck das Gespräch zu führen.

Dann: wiederholte Ansätze, den Hörer einzuhängen, aber es gibt immer noch was festzustellen. Endlich – endlich! Das Geldtäschchen wird in die Handtasche verstaut, die Handtasche in den Einkaufsbehälter, der Hut wird zurechtgesetzt ... Mit giftigen Blicken messen sich der Eintretende und die Austretende.

Als der Mann drinnen schon am Wählen ist, öffnet sich nochmal die Zellentür, und unsere Dame flötet hinein: »Ach, entschuldigen Sie, habe ich hier nicht meinen Handschuh liegengelassen ...?«

Unser Handwerksmeister ist knapp und kurz. Er redet nicht viel – hört und gibt Antwort. Man sieht ihm an, das Telefonieren ist ihm unangenehm. Viel lieber hätte er seinen Mann Auge in Auge gegenüber. Er ist einer vom alten Schlag. – Ob man sich auf so ein Telefongespräch verlassen kann? – Er muß die Leut' sehen ... Bald verläßt er die Zelle.

Er macht einem aufgeregten Jüngling Platz, der mit letzter Ausverkaufseleganz gekleidet ist und eine Duftfahne von Friseur-Essenzen hinter sich wehen läßt. Man sieht: er ist von Kopf bis Fuß auf Stelldichein eingestellt. Kein Zweifel, er ruft seine Flamme an: Ob sie kommt? Warum sie nicht gekommen ist? Wann? Wo? – Doch die Spannung im Gesicht weicht einem beseligten Lächeln. – Er ist erhört worden. Ein Glücklicher verläßt die Kabine. Er hat vergessen, den Hörer einzuhängen. Nur schnell an den Ort des Begegnens. Noch im Entschweben lächelt er selig und stolz vor sich hin.

Nach ihm betritt ein junger Mann mit dicker Aktenmappe die Zelle. Sein Gesicht ist etwas ängstlich und ganz Aufmerksamkeit. – Jetzt hat er Anschluß. – Sein Oberkörper neigt sich nach vorne. – Immer wieder. Sein Gesicht ist ganz Erhabenheit. Aha! Der Vorgesetzte, der Chef spricht am anderen Ende. – Man spürt durch die Glasscheibe die Worte: »Gewiß, Herr Direktor... Jawohl, Herr Direktor ... Sofort, Herr Direktor...« Immer wieder verbeugt sich der Sprecher gegen das Kästchen an der Wand. Und als er eingehängt hat, macht er ganz automatisch noch eine Abschiedsverbeugung gegen die Nummernscheibe.

Ein altes Frauerl kommt in die Zelle. Ihre Augen sind gerötet, und noch rollt eine Träne über das runzlige Gesicht. Sie wischt mit dem Handrücken darüber und schaut auf ein Zettelchen. Mit unbeholfener, zögernder Hand, erst noch ein bißchen ratlos, sucht sie sich vor dem Apparat zurechtzufinden.

Dann horcht sie angespannt in die Hörmuschel am Ohr. Und wieder geht die freie Hand mit dem Taschentuch an die Augen.

Ein großes Leid scheint hier jemand anzurufen um Hilfe, um Schutz. – Den Arzt? Das Krankenhaus? Den Friedhof? Oder vielleicht einen harten, unerbittlichen Gläubiger, einen Sohn, eine Tochter, um die Kummer und Sorge herrscht ... Und das Frauerl verläßt die Zelle. Wir wissen nicht, was ihr der Anruf in den nächsten Stunden bringen wird. Auf dem Tischchen liegt noch der Zettel, verknittert und hastig abgerissen von einem Blatt, darauf in ungelenker Schrift einer alten Hand die fünf Ziffern, an die sich vielleicht ein Schicksal bindet ...

Ein kleiner Raum, so eine Fernsprechzelle, aber in ihm wächst Großes und Kleines, Freud und Leid kurz nacheinander in den Tag, und tote Ziffern werden zu Leben.

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