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Mei Ruah möcht i ham

Julius Kreis: Mei Ruah möcht i ham - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorJulius Kreis
illustratorJulius Kreis
titleMei Ruah möcht i ham
publisherAlbert Langen ? Georg Müller Verlag GmbH
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Wiedersehen mit einem Beurlaubten

Noch vor kaum zwei Wochen war's, wenn wir den Schrank öffneten, da hing, ganz in die Ecke gedrückt, ein Wesen im Dunkel, das wir fast nicht wiedererkannt hätten. Draußen strahlte ein herrlicher sommerwarmer Septembertag, und wir suchten den leichtesten Anzug heraus. Dabei kam uns der Langvergessene in die Finger, der Wintermantel. – Wie verächtlich, wie mitleidig, wie spöttisch haben wir den dicken Gesellen beiseite geschoben. Wenn das Thermometer zwanzig Grad im Schatten zeigt, ist einem nichts so sinnlos als ein Wintermantel.

Ganz fremd, wie die Hülle eines Unbekannten, erscheint er uns in den warmen Tagen. Es ist, als ob wir uns gar nicht mehr erinnern könnten, jemals diesen schweren Burschen getragen zu haben. Aber wie sie halt so wehen die Münchener Zephire und balsamischen Lüfte: fast über Nacht, mit dem letzten Glockenton des Oktoberfestes, war das herbstliche Sommerwetter verschwunden, und eine scharfe, kalte Spätjahrsluft mit Grieseln, Rieseln und Nebeln am Morgen und Abend belehrt uns, daß es zu Ende ist mit Sommerspäßchen, auch wenn die Meteorologen dem September 1932 das Zeugnis ausstellen, er sei der wärmste seit hundert Jahren gewesen.

Schon hustet's und schnupft's da und dort auf den Wegen, und wir sind froh um eine warme Schale. Der Wintermantel wird zum erstenmal wieder aus der Tiefe des Schranks geholt. Das ist wie ein Einschnitt im Jahr, ein Tag, der uns nachdenklich macht. Mit Wilhelm Busch sagen wir: »Eins, zwei, drei – im Sauseschritt eilt die Zeit, wir eilen mit.«

Jetzt, wo wir den Wintermantel am Körper haben, ist's uns doch, als hätten wir ihn erst gestern abgelegt und nicht vor einem halben Jahr.

Freilich, ein leiser Kampferduft macht den guten Dicken doch wieder ein bißchen fremd, aber um so schöner! Wir haben das Gefühl: wir gehen frisch eingekleidet auf der Straße, quasi mit neuer Linie ausgestattet, wir sind geradezu gut aufgelegt, wie immer, wenn man nach längerem Einerlei wieder eine andere Kleidung trägt.

Die Finger unternehmen Expeditionen im Mantel und müssen sich erst wieder in den halbvergessenen Täschchen zurechtfinden. Da fördern sie aus der Tiefe ein zusammengerolltes Papierchen, eine Eintrittskarte ins Kino. Welcher Film mag das wohl gewesen sein? In der Brusttasche findet sich ein kleines lustiges Photo vom Silvesterabend, da, in einer Futterritze übersommerten vier farbige Konfettiflinserl, eine halbgeleerte, dürre Zigarette kommt zum Vorschein, ein zerknülltes Konzertprogramm, und hier, in diesem verborgenen Seitentascherl, da rührt sich zwischen verschrumpelten Fahrscheinen etwas ganz fest und hart an ... Ah! Ein vergessenes Fuchzgerl! Ein Geschenk des Himmels. Ein verlorener Sohn, über den mehr Freude ist als über hundert Gerechte. Gut geht sie an, die kalte Jahreszeit!

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