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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Roms Eroberung durch die Griechen, wiederholt ums Jahr 1900

In allen illustrierten Wochenblättern, die uns ja, aufs »aktuelle« angewiesen, durch eine Art von harmonischer Einheit erfreuen, fand sich vor kurzem ein Bild, bei dessen Anblick man dachte: ah, ein Gemälde eines unserer ersten Symbolisten. Welch originelle Schöpfung! Und erst der Rahmen! Freilich – – – – aber es sei, wie es wolle, modern ist es, höchst modern! –

Beim Lesen der Unterschrift zeigte sich allerdings, daß man eine alte chinesische Mauer bei Kiautschau vor sich hatte, auf der ein Drachenbild eingelegt war.

Um so überraschender wirkte die Aehnlichkeit: die grotesken Randverzierungen der frei stehenden Mauer konnte man ohne jeden Zwang als den Rahmen eines hochmodernen Bildes ansehen. Der Drache, ein langgestrecktes, anatomisch unmögliches Scheusal mit Klauen, Schweif und Zunge, die sich unverkennbar im Barockstil ringelten, hätte ans jeder Ausstellung Aufsehen erregt.

Mit der Verteilung China's wird ja anscheinend jetzt Ernst gemacht. Es wird uns Europäern gehen, wie seiner Zeit den Römern mit den Griechen.

Auch in der Dichtkunst erobern uns die Langzöpfe. Ein » Epos der Menschheit« ist angekündigt und kann, wie es scheint, nicht mehr vermieden werden; mit einem » Drama der Menschheit« hat uns bereits ein Sänger überzogen.

Und wenn unsere Dramatiker aus der andern Seite so fortfahren, nach »Wirklichkeit« zu streben – wollen sie leugnen, daß ein mehrere Wochen dauerndes Stück der Wirklichkeit sehr viel näher kommt, als eins, das sich in ein paar Stunden abspielt?

Aber die Musik?

Die Wenigen, die Richard Wagners »Oper und Drama« lesen, und die noch wenigeren, die es unbefangen lesen – ich meine, ohne die wirklichen Leistungen des großen Tondichters innerlich vorwegzugreifen –, werden schwerlich leugnen, daß sie das Buch mit dem Gefühl eines unermeßlich öden Gran weglegen. Es ist der Versuch, die Musik in reine Verstandesarbeit aufzulösen; in der Praxis ist Wagner dabei nur an Einem gescheitert: an seinem Genie.

Wenn die Nachwelt in seinen Werken einmal kritisch sondert – es ist keineswegs sicher, ob sie das thun wird –, so wird man unterscheiden zwischen Stellen, in denen der Verfasser von »Oper und Drama« ganz seiner Theorie gemäß handelt, und denen, in welchen er gegen seinen eigentlichen Willen die volle Pracht eines geborenen Fürsten im Reiche der Töne entfaltet.

Seinen Nachfolgern passiert dergleichen nicht. Sie sind viel zu gewissenhaft, um jemals aus der Theorie herauszufallen.

Wagner möchte uns einreden, seine Musik an sich hätte uns kaum etwas zu sagen; vielmehr müsse er uns in seiner Eigenschaft als Schriftsteller erst auseinandersetzen, welche »Motive« wir uns zu denken haben, ehe wir uns als verständnisvoll genießende betrachten dürfen. Danach sollten von Rechtswegen nur die eigentlichen Janer seine Opern anhören, die alle seine Motive auswendig wissen.

Aber er überschätzte seine theoretische Bedeutung zu Ungunsten seines Genies.

Wenn, um eine beliebige Stelle herauszugreifen, nach der Todverkündigung Brünhildes das Orchester jene leisen, mächtigen Accorde spielt, brauchen wir nicht zu wissen, daß diese Töne das Walhallmotiv bedeuten sollen; wir vernehmen auch ohne das eine Botschaft aus einer andern Welt in ihnen.

Und weil das bei Wagner in weit überwiegendem Maße so ist, werden seine Werke vermutlich dauern, auch wenn alle Leitfäden abhanden kämen, ja der Begriff Motiv selbst verloren ginge.

Bei den Programm-Symphonien seiner Nachfolger ist es umgekehrt; da würde der Kunstgenuß erheblich mehr beeinträchtigt, wenn man den Leitfaden entbehren müßte, als wenn die Musik fortfiele.

Und wenn einer dieser Nachfolger ein vom ersten bis zum letzten Buchstaben symbolisches – richtiger übrigens allegorisches – Buch, wie den Zarathustra, übersymboliert, indem man seinen Gedankeninhalt in Töne fassen will, wenn so der Laie eine Sturzsee von Geigen, Trompetenstößen, Beckenschlägen gesenkten Hauptes über sich ergehen läßt, während der Kenner mutig zuhört, von den Empfindungen seiner Ohren zu Gunsten eines feineren Musikgenusses gänzlich abstrahierend, um am Schlüsse entzückt bravo zu rufen, weil er weiß, wie mühselig es war, so etwas zu komponieren und wie viel Gelehrsamkeit dazu gehörte – ist das etwa nicht chinesisch?

Die Mandarinen endlich – aber das ist abgedroschen.

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