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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Spitzen der Bildung

Wie vielgestaltig, verworren, unergründlich auch den Dichtern und Denkern aller Zeiten das Leben der Menschen erschienen ist, die weisen Spitzbärte, die wir mit Ehrfurcht »leitende Redakteure« nennen, sehen die Welt klar und einfach unter sich liegen. Ein Schachbrett: Die Diplomaten sind die Figuren, die Abgeordneten die Bauern, die Wähler das Brett. Aber wer spielt? Nun, wer sonst als die Redakteure.

Diese Welt läßt sich ohne Rest in Leitartikel auflösen.

Aus irgend einem Grunde macht etwa Rumänien von sich reden. Der Zeitungsgewaltige hält es für angemessen, seine Leser – seine Gemeinde, wie man sich zutreffend und geschmackvoll ausgedrückt hat – über Rumänien zu belehren.

Rumänien. Hm, hm. Rumänien. Pah – Rumänien. Junimisten – das sind die Fortschrittler. Die Andern sind natürlich die Rückschrittler. Eine Reihe von Namen, die auf u endigen, geben das Lokalkolorit. Der Artikel ist fertig.

Der seiner Stellung in Staat und Gesellschaft bewußte Pithek – pardon: Bürger liest ihn beim Morgenkaffee, Ernst und Intelligenz glotzen ihm aus den Augen, und er denkt, während er verdaut: nun weiß ich, wie es in Rumänien aussieht; die Junimisten sind diejenigen, welche daselbst die Fahne des Fortschrittes, der Bildung und der Freiheit unentwegt hochhalten!

Diese Art der Weltkenntnis hat offenbar etwas ungemein anschauliches. Und daß man heute so erstaunlich viel bedeutende Köpfe herumlaufen sieht, kommt sicherlich mit daher, daß so Viele ihre Bildung wesentlich den Zeitungen verdanken.

Indessen gebietet die Gerechtigkeit, an dieser Stelle nicht unerwähnt zu lassen, daß es unter diesen schlechten Musikanten einen Virtuosen giebt. Er nennt sich Maximilian Harden. Vor dem Manne muß man Respekt haben; er verdient seinen eignen Galgen.

Die denkbar höchste Blüte unserer Zeit, ich möchte sagen »das Jetztzeitige« wird aber erst erreicht, wenn sich Zeitungsschreiber und Dramendichter in einer Person vor dem beifallklatschenden Publikum verbeugen, da dann jeder Einzelne der Begeisterten den von den Bühnenlampen umstrahlten Unsterblichen mit vollem Rechte als Geist vom eigenen Geist in Anspruch nehmen darf.

Ganze Abschnitte aus Sudermann's »Ehre«, zum Beispiel fast alles, was Graf Trast sagt, könnte wörtlich in einer freisinnigen Zeitung stehen. Und ist nicht »Fritzchen« ein dramatisierter Artikel, etwa der »Vossischen Zeitung«, wider das Junkertum in der Armee?

Ein ähnliches Wonnegefühl ergreift den Bildungsphilister, wenn sich ein Franzose bei irgend einer Gelegenheit über die Lage einer großen deutschen Stadt irrt.

Aber die Frage ist: kannst Du mit dem Namen einer Stadt anschauliche Bilder verbinden, wie zum Beispiel wohl Jedermann mit Venedig, Nürnberg, Paris?

Ich für meinen Teil gestehe, daß ich mir von manchen großen Städten – wie, beliebig herausgegriffen, Glasgow – gar keine Vorstellung machen kann. Eine große Handelsstadt – ja, deren giebt es viele; damit ist gar nichts gesagt.

Wenn nun zwei Franzosen etwa von Breslau sich nicht die mindeste Vorstellung machen, hat der, welcher es auf der Karte ungefähr einzeichnen könnte, wirklich so viel vor dem andern voraus?

Aber wenn ein Mann, der seinen Goethe auswendig wüßte, in einer Gesellschaft verriete, daß er sich über die Lage einer großen Stadt nicht recht klar wäre, so wäre er in puncto Bildung gerichtet.

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