Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Huch >

Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
Schließen

Navigation:

Perspektivisch

Einen mäßigen Hügel kann ziemlich jeder schon von weitem richtig abschätzen. Von den großen Alpenriesen weiß zwar auch jeder, daß sie es sind; deutlich wird ihre Größe aber erst, wenn man ihnen näher kommt: jenes Herauswachsen der großen Gipfel aus der Umgebung, das einen Teil des Reizes einer Alpenfahrt ausmacht. So nett, blank und freundlich wie aus weiter Entfernung sehen die Gipfelriesen in der Nähe nicht aus; eben darum ist ihr Anblick erhaben. Die Alpenfahrten sind ja nun freilich Mode geworden; wer jedoch die Fahrenden betrachtet und ihren Gesprächen zuhört, kann sich schwerlich darüber täuschen, daß sie bewußt oder instinktiv bestrebt sind, die Schroffheit, ohne die kein Erhabenes besteht, durch alltägliche Bemerkungen und schale Witzworte auszugleichen.

Auch zieht das Volk die paar großen Männer, die immer riesenhafter herauswachsen, je genauer man sie kennen lernt, in seiner Vorstellung zu sich herunter.

Den rücksichtslosen Staatsmann, eiskalten Skeptiker, bösen Menschenverächter, der mit Keinem lieber als mit Voltaire korrespondierte, rufen sie so recht herzig: alter Fritz!

Und die braven Seelen, die den feinsten Geist, den Deutschland außer Goethe hervorgebracht hat, den beinahe einzigen Deutschen, dem die Franzosen ihren »esprit« zuerkannt haben, ihn, der die Menschen mindestens ebenso tief verachtete, wie der große Friedrich, ihn, den lächelnden Besieger Napoleons und seiner Diplomaten – so bieder als »Deutschen Reichsschmied« feiern, wie er mit ungeheuren Armen einen schwerfälligen Hammer niederschmettert, etwas wie Schwarzbrot- und Schweißgeruch um sich verbreitend, mit dem Hintergedanken: nach Feierabend ein kleiner Skat! –

»Ach, das gute Volk! Wen es lieb hat, den will es sich menschlich näher bringen.«

Nun ja. Opportunistisch angesehen, mag es sein Gutes haben, wenn die Großen auf diese Weise populär werden.

Von einer andern Warte aus sieht man mit Ekel auf das ewig gestrige, auf niedere Stirnen und Pausbacken, die einander vorschwatzen, der unheimliche Geist da oben thäte nur so, und wäre eigentlich ein urgemütliches Haus, wie sie alle. –

»Mein liebes Kind, meine Sachen werden nie populär werden«, sagte Goethe zu Eckermann. Es ist leicht herauszuhören, wie heitern Gemütes er da verzichtete.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.