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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 39
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Zukunftsmusik

»Wenn es Dreyfus nicht freispricht, wird Frankreich aus der Liste der civilisierten Völker gestrichen«, hört man die Bierbankphilister mit lächerlichem Pathos verkünden.

Ich weiß nicht, wie sie sich diese Streichung vorstellen. Schade, daß der Friedenskongreß den Haag schon verlassen hat, er hätte sich so schön zu der feierlichen Handlung geeignet. –

Nein, ihr Weisen, an einem Prozesse hängt die Stellung eines alten Kulturvolkes in der Welt nun doch nicht. Als im Jahre 1791 der siegreiche Pöbel sich endlich einmal so recht gehen lassen durfte, und seiner innersten Natur gemäß jeden abschlachtete, von dem er mit der instinktiven Sicherheit eines Bluthundes witterte, daß er aus edlerem Stoffe geformt war, als er, der süße Pöbel selber, da war Frankreichs Schicksal entschieden, und aller Glanz der Folgezeit beleuchtet nur um so greller den unvermeidlichen Zusammenbruch. Zwar hat es, und das ist ein Beweis für die bewunderungswürdige geistige Höhe dieses Volkes, noch einmal die Führung in der Litteratur an sich genommen.

Aber es wird von uns Deutschen abhängen, ob es diese Führung behalten wird. Wenn wir uns auf uns selbst besinnen, wenn wir den internationalen Plunder der letzten dreißig Jahre zum Teufel fahren lassen, dann werden wir unsrer großen litterarischen Vergangenheit auch wieder würdiger werden.

Noch freilich gilt es in der Litteratur als eine Ehre, international zu sein – Europäische Berühmtheit nennt mans.

Viele Jahrzehnte hindurch wurde Goethe als der einzige unter den deutschen Schriftstellern angesehen, den man als Europäische Berühmtheit bezeichnen konnte. Heute stößt man allenthalben auf solche Berühmtheiten, deren Namen freilich auch zahlreichen gebildeten Leuten völlig unbekannt sind. Aber es ist ein Unterschied zwischen der Europäischen Berühmtheit Goethes und der »Moderne«.

Goethe konnte seinen Faust nur in deutscher Sprache dichten, und alle Uebersetzungen sind nichts weiter, als eben Uebersetzungen. Herr Sudermann dagegen könnte seine Theaterstücke in jeder Kultursprache anfertigen, die er etwa beherrschte, und wenn man sie z. B. ins Französische übersetzte, nun, so ist es eben ein französisches Theaterstück, und spricht die breite Menge drüben genau so traulich an, wie hier. Die »versunkene Glocke« müßte sogar von Rechts wegen in altfranzösischer Mundart geschrieben sein.

Nun liegt aber irgend ein Wettkampf mit den Franzosen einstweilen fern. Sie sind ja von den Engländern verdrängt.

Und wirklich, der Kampf um die Hegemonie mit diesen lohnt sich. Ein Grauen überschleicht uns, wenn wir uns eine Welt ausmalen, in der die beefeaters allmächtig wären.

Es ist eine groteske Scene in der menschlichen Tragikomödie, wie heute allenthalben der Fall Dreyfus behandelt wird, als würde in Rennes um die europäische Kultur prozessiert, während man die grauenvollsten Zeichen der Zeit kaum der Besprechung wert hält.

Folterungen! – Dies eine Wort eröffnet den Anblick einer Verrohung, wie man sie vor wenigen Jahren unmöglich gehalten hätte; und den Ausblick in eine Zukunft, in der es nicht ganz so idyllisch zugeht, wie Frau von Suttner es gerne möchte: Rückfall in völlige Barbarei.

Aber freilich, die Kinder der high church haben in ihren Kolonien die gute alte Institution »Folter« niemals ganz in Verlust geraten lassen. –

Die Niedermetzelung ferner der armenischen Männer, Frauen und Kinder ist, die Armenier mögen noch so gräuliche Spitzbuben sein, ein Ereignis, das auch dem hartgesottensten Optimisten einen Weheruf über diese beste der Welten entreißen könnte.

Versteht sich: der Elefant kann nichts dafür, und John Bull, der den Verlauf der Dinge ein wenig anders gewünscht hätte, drückt sich den Cylinderhut auf den von der Idee der Humanität ganz ausgefüllten Schädel und geht in die Kirche.

Und wenn wir die Brutalität und die Hinterlist Albions, die ja wohl heutzutage kein Mensch mehr ableugnet, er sei denn ein Unentwegter, als Schattenseiten eines durchaus männlichen Volkscharakters und als Achillesferse einer unbestreitbar großartigen Kolonialverwaltung in Kauf nehmen wollen, eines wird John Bull, wenn er bei Laune ist, schmunzelnd selber zugeben: die Grazien, dies leichte Volk der Lüfte, dessen Kurs auf der Weltbörse so unsicher ist und im Grunde immer unter pari bleibt, gehen ihn nichts an.

Und nun erhebt sich die Frage: was hat denn Deutschland da zu bieten? Wenn der Siegesmarsch der Deutschen, friedlich und, wie es denn doch einmal nicht anders sein wird, auch kriegerisch unaufhaltsam vordringt, welche Kultur werden wir verbreiten?

Viele werden sagen: Das kann uns wenig kümmern. Erobern wir die Welt in Frieden und Krieg, und lassen wir die Besiegten sich darüber unterhalten, ob das einen Segen für die Menschheit bedeutet oder einen Rückschritt. –

Ja, so ähnlich dachte Dschingis Khan wohl auch. Aber die Weltgeschichte urteilt ein wenig anders. Schwerlich würde die Geschichte der Römer noch nach rund zwei Jahrtausenden in den Schulen gelehrt, wenn sie nur die Welt erobert, und sie noch so gut verwaltet hätten: als Verbreiter Griechischer Kultur preist sie die Weltgeschichte.

Wir Deutschen haben da einen unendlichen Vorzug: wir sind nicht auf fremde Güter angewiesen, wir haben unsere eigene Kultur zu verbreiten.

Freilich darf es so nicht weitergehen.

Die Wissenschaft ist ja längst international geworden. Und wenn unsre Künstler, in erster Reihe unsre Schriftsteller, nicht aufhören, international zu sein, so wüßte ich nicht, welche eigenen uns von den anderen Kulturvölkern unterscheidenden Güter wir zu verbreiten hätten. Im Gegenteil: das, was wir während der letzten dreißig Jahre den Franzosen nachgemacht haben, das haben diese, und nicht nur sie, sondern auch die Russen und die Italiener, sehr viel besser gemacht als wir.

Gottfried Keller hat uns gezeigt, daß ein Weg zur höchsten Blüte deutscher Kultur, zu Goethe, zurückführt.

Ob wir ihm folgen, oder nach neuen Wegen suchen, nur vergessen wir niemals, wo der deutsche Genius sein Höchstes geleistet hat, und wo er für alle Zukunft neue Befruchtung holen kann.

So sind wir national im rechten Sinne, nicht, indem wir uns gebärden, als hätte Deutschland nichts kostbareres auf der Welt zu hüten, als blonde Haare und blaue Augen, und nichts weiter zu thun, als Waren abzusetzen, oder drein zu schlagen.

Mehr als die meisten unter uns ahnen, dringt dieser öde Geist vorwärts; ganz besonders auf die Schulen hat er es abgesehen.

Möge es nicht dahin kommen, daß dereinst die letzte, klassische Bildungsanstalt vom Erdboden verschwunden sein wird; daß dann in den einzig noch vorhandenen Kaufmanns- und Soldatenschulen verächtlich jener unpraktischen Vergangenheit gedacht wird: Seht, so herrlich weit haben wir es gebracht, wir, die man einst das Volk der Dichter und Denker geschimpft hat!

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