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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 37
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Höhenluft und Sumpfdünste

Wenn das jäh emporgeflammte und erloschene Licht aus dem Süden für die Musik die Ahnung erregt, daß die Nacht doch vielleicht noch einmal wieder von großen Gestirnen verscheucht wird – wie stehts denn mit der Litteratur? Mehr Goethe! Was soll das am Ende heißen? Sollen die Schriftsteller den Faust fortführen, bis zum zehntausendsten Teil?

Beispiele zeigen mehr, als jede Theorie. Ich nenne keinen Lebenden. Gewiß, es giebt ihrer viele – unter den »Alten« versteht sich –, die den Irrweg von Goethescher Natur abwärts in den Staub und die Moschusdünste Berlins nicht mitgegangen sind.

Aber abgesehen von der Frage, ob es gerecht wäre, einen herauszugreifen, wüßte ich auch keinen, dem sich anzuschließen ohne Gefahr wäre, – aus Gründen, die hier nicht zu erörtern sind.

Aber ich nenne einen Meister, der noch nicht so sehr lange tot ist, der sich unmittelbar an Goethe herangebildet hat, und den über die Achsel anzusehen sich selbst die »Moderne« nicht recht getraut: er hieß Gottfried Keller.

Und wunderbar: bei diesem bis jetzt einzigen modernen Schriftsteller, dessen Leben zu studieren ernsthafte Männer für der Mühe wert halten, ist von allen jenen gepriesenen Delikatessen gar nichts zu holen: keine zartesten Sensationen, keine neuesten Reize und gar keine differenzierten Empfindungen.

Ihm sollten wir uns anzuschließen suchen. Wer das erreichte, wem ein Roman von dem Reichtum, und zugleich der Schlichtheit und innern Redlichkeit des »Grünen Heinrich« gelänge – nein, keinen Selbstbetrug. Ein solcher Roman fände heute erst nach langem Suchen einen Verleger, und dieser machte schlechte Geschäfte.

Schon die Sprache würde abstoßen; ein verständiger, geschmackvoller und schlichter Stil würde für die Sprechweise eines Originals aus bäurischem Stande gehalten werden, dem der schnurrige Einfall gekommen wäre, sein unbeholfenes Gestammel drucken zu lassen.

Und der Inhalt?

Eben während ich dies schreibe, erscheint wieder ein Roman, der geradezu typisch dafür ist, welche Sorte heutzutage den Erfolg für sich hat.

»Ernst Huttens Werbung« ist der Titel. Der Roman umfaßt etwa vier starke Druckseiten, er ist von jener anspruchsvollen Kürze, wie es sich Leute erlauben können, die uns sehr viel zu sagen haben. Man höre auch nur:

Wir treffen Ernst, einen müden Greis von 23 Jahren, in einer hochmodernen Abendgesellschaft. Er setzt sich, und sein bleicher Kopf, – durch einen solchen zeichnet sich schon der edle Polengraf in Hauffs »Mann im Monde« aus, – verschwindet hinter dem Postament einer Statue.

Seine Lebensanschauung ist düster, aber voller Weisheit und Tiefe: »Ich bin ich und du bist du.«

Indessen wir können uns nachgerade denken, was der Moderne sich bei diesem Orakelspruche denkt. Er hält auch nicht weiter damit hinter dem Berge.

Zufällig sind gerade nicht mehr als drei junge Frauen im Saal anwesend, die Ernst geliebt hat. Eine von ihnen nennt er bei sich »hübsch aber kalt – und doch verliebt, wenn sie bei ihm war.« Er hat also nicht ohne Erhörung geliebt, was sich ja eigentlich von selbst versteht. Aber er mag diese Leute nicht mehr, weil er sie zu gut kennt. Er geht verdrossen nach Hause, indem er vor sich hinschimpft »Bande!« – womit er nach allem nicht unrecht hat, vorausgesetzt, daß er sich selbst nicht etwa ausnimmt.

Draußen auf der Straße erinnert er sich an eine Jugendnacht vor zwei Jahren. Damals konnte er noch lieben, und er machte Verse, die er jetzt ironisiert. Er hat auch darin recht, denn seine Poesie ist ein eitles Zurschautragen seiner widerstreitenden Gefühle, seiner »zwei Seelen«, nämlich der sentimentalen und der witzelnden, die sich in so manchem Handlungslehrling vereint finden.

Aber wie ironisiert er sich! »O Gottogottogott!« »Es war zum Kugeln.«

Er beabsichtigt nun, um eine junge Dame zu werben, die er als Student geliebt hat; sie arbeitet bei Gerson. Allein wie er mit ihr gesprochen hat, gefällt sie ihm auch nicht mehr. »Er machte Kehrt und zog nach Hause«, schließt die Geschichte, gewiß einfach und doch ergreifend. –

Der Roman erschien, wie manche andre, mit denen wir uns hier beschäftigen mußten, in einem Wochenblatt von vornehmer Ausstattung, und es wird auch in Kreisen gelesen, deren Geschmack jetzt maßgebend ist, weil die Kunst nun einmal nach Brot geht.

Dasselbe Blatt kündigte vor einigen Monaten als Einladung zum Abonnieren einen von einer Dame geschriebenen Roman an – einen sensationellen, versteht sich. Die Sensation sollte darin bestehen (ich weiß nicht, ob der Roman jetzt erschienen ist), daß die Verfasserin mit unerhörter Offenheit die verborgensten Tiefen des weiblichen Geschlechtslebens bloß legen würde – welche Finanzierung des Geschlechts auch wohl gewinnbringender ist, als die bis jetzt bekannte, die der öffentlichen Schande überliefert.

Aus der Feder unseres Hans wird uns ein »glühender Hymnus auf den Mann als die Erfüllung der Weibessehnsucht« in Aussicht gestellt, und ich gestehe, daß ich mich darauf ganz besonders freue. –

Ein mir gerade vorliegendes Heft des Journals enthält unter fünf Erzählungen folgende vier.

1. Schluß eines Romans »Der Lebende hat recht.«

Eine junge Schauspielerin sitzt in ihrem hocheleganten Boudoir. Sie braucht ihre Wohnung nicht zu bezahlen. Sie hat ihre Mutter, die mit allem einverstanden ist, zu sich genommen. Diese Geschichte ist moralisch. Denn während eine gute Schwester in glücklicher Ehe lebt, steht die lasterhafte düster in die Zukunft: »er« scheint sich verloben zu wollen.

2. Alexis Lugowoi. »Ein Brief« – nämlich eines Schriftstellers, der einige Monate mit der, nun verstorbenen, Frau eines Freundes in der Schweiz zugebracht hat. Er versichert die beiden betrogenen, Frau und Freund, seiner Hochachtung und setzt auseinander, daß sie nicht den geringsten Anlaß haben, ihm böse zu sein. Ein »Dichter« sei nun mal anders als andere Leute. –

Das ist zwar abgedroschenes Zeug, aber da es ein Russe geschrieben hat, ist es natürlich vornehme Litteratur.

3. »Goldschmetterling« von Pekár.

Leutnant »Dodo«, schön und dumm, gerät während des Manövers auf ein Landgut, wo er sich genau zwei Stunden aufhält. Der Besitzer ist abwesend, und Dodo verführt seine Frau. Dann macht er der achtzehnjährigen Tochter eine Liebeserklärung und küßt sie ab, so daß er das junge Ding in wilde Glut versetzt. Dabei denkt er gelangweilt »nun ists genug mit der Hetz«, läßt sie stehen, kneift das Kammermädchen in die Wange und frühstückt. –

Er reitet davon und meint: »Wenigstens habe ich doch diese zwei Stunden irgendwie tot geschlagen. Alles war gut, die Frau, das Mädchen, der Tabak, blos der Cognac war schlecht.« –

Ungarisch, also hochfein, besonders, da man die Geschichte mit wenigen Strichen in eine Mikosch-Anekdote umarbeiten kann. –

4. »Armenbesuche« von Marie Madelaine.

Der Titel ist eine Schelmerei, die besonders einer Dame allerliebst ansteht.

Gertrud, 18jährig, hat sich mit einem 52jährigen Baron verlobt, dessen Eleganz, Verliebtheit und Vermögen sie zu schätzen weiß.

Abends im Bett malt sie sich ihre erste Untreue aus.

Das geht aber nachher nicht so leicht wie sie sich denkt, da der Mann sehr eifersüchtig ist. Nur ihre Armenbesuche läßt er sie allein machen, so daß ihr nichts übrig bleibt, als das auszunutzen. Gleich die erste Arme, eine alte Frau, ist, wie man sich denken kann, mit Freuden bereit, als Kupplerin zu dienen.

Den Leutnant stört das schmutzige, übelriechende Bett, und sehr viel macht er sich überhaupt nicht aus Gertrud. Er freut sich schon auf »seine hübsche Choristin mit dem impertinenten Mäulchen, die in ihrem roten Morgenrock zum totküssen aussah, und so niedlich zu sagen pflegte: Du, Fritzchen, ein famoses Luder bist du. Das ist totensicher.«

Es ist nur gerecht, daß die Choristin das letzte Wort in der Geschichte behält; »Hör mal, Fritzchen, mein süßes Biest, hast du mir auch was mitgebracht?« –

Ich kenne die Unersättlichkeit gewisser Leser an Ehebruchsgeschichten. Aber ich denke, diese vier Prachtstücke in Einer Nummer genügen auch dem anspruchsvollsten.

Die Leute, denen solche Prima-Ware angeboten wird, müssen doch im Grunde höchst unvornehme Naturen sein; und das sind sie auch wirklich.

Jenes Blatt und seine Verwandten hießen passend: Litteratur für das Israelitische Berlin, oder, da Israelitisch hier am Ende doch nur epitheton ornans ist, schlichtweg: für die Berliner.

Nun ist aber die erste Bedingung für eine Gesundung und Veredelung der Litteratur ein wahrhaft vornehmes Publikum.

Wo müssen wir es suchen, wenn es überhaupt irgendwo zu finden ist?

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