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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 36
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Großstadtluft

Vor fünf Jahren, als Mascagni auf dem Gipfel seines Ruhmes stand, habe ich die Meinung verfochten, daß er nichts Großes mehr leisten würde.

Einstweilen habe ich Recht behalten, und niemand beklagt das tiefer als ich; Mascagni war das letzte Genie unsrer Epoche.

Sicherlich hat Cavalleria rusticana sehr große Fehler, aber nur solche, die man einem werdenden Genie verzeiht; Mascagni verrät da niemals Mangel, weder an Eigenart, noch an Kraft, noch an Einfällen. Durch die vielen Geschmacklosigkeiten und Rohheiten weht uns doch immer wieder die heiße Glut süditalischer Volksleidenschaft an und erregt jenes selbstvergessende Mitfühlen, das sich nur ein Genie erzwingt.

Aber er verließ seinen Winkel, wo er der ihm so verständlichen Stimme seines Volkes lauschte.

Die Zeitungen meldeten mit gebührender Bewunderung die hochinteressante Thatsache, daß der Meister – das wird man heute rasch – ein wirklich hervorragender Billardspieler geworden war und über eine vielleicht einzig dastehende Sammlung bunter Kravatten verfügte.

Großstadtluft umwehte ihn, jene Luft, in der kein starkes und echtes Gefühl gedeiht. Wir wollen abwarten, wie viel von seiner ursprünglichen Kraft in seiner Operntrilogie »Wallenstein« zu spüren sein wird. Umfangreich genug wird sie ja wohl sein, um förmliche Massen von Gefühl hineinzuthun, sogar von ganz »Differenziertem«.

Ich lese eben, daß er uns inzwischen mit einer »japanischen« Oper beschenkt hat, und die illustrierten Blätter erfreuen das Publikum durch Wiedergabe der »feenhaften« Inscenierung.

Also dahin ist es mit ihm gekommen, daß er eine Tagesmode mitmacht, die eigens dazu erfunden ist, künstlerische Impotenz durch fremdartig wirkende Dekoration zu verdecken.

Seinem Rivalen Leoncavallo, als geschicktem Handwerker und klugem Spekulanten, kann die Großstadtluft natürlich nur nützlich sein.

Die einzige Rettung für Mascagni wäre noch, daß er seinen Wohnsitz nach Berlin verlegte, diesem weißen Sperling unter den Großstädten, dieser Hochburg des echten und starken Gefühls, wo ihn eine unabsehbare Masse redlich strebender Apollopriester zu den reinen Quellen der Natur zurückgeleiten würde.

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