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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 35
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Die von der ruhigen Heiterkeit

Wenn man unseren Schriftstellern glauben darf, leben wir in einer luftigen Zeit, und sie, die Schriftsteller, sind ihre witzigen Choretiden. Da reden sie ein langes und breites von einer etwas nebelhaften hohen Warte, wo man mit einem nicht gerade einleuchtend motivierten Lächeln auf die Welt hinunter sieht. Wildenbruch hat sich sogar zu einem »heiligen Lachen« verstiegen – der wollte auch schon dafür sorgen, daß ihm niemand den dicksten Paukenschlag streitig machen könne.

Indessen mit dem Reden allein ists nicht gethan. In Wahrheit ist nie eine Zeit so arm an Humor gewesen wie unsre.

Starb da kürzlich ein Schriftsteller, ein alter Herr, der sich in seinem langen Leben redlich bemüht und viel Gutes geleistet hat. Er war auch ein wirklicher Patriot, einer jener tüchtigen, gewissenhaften, gegen sich so gut wie gegen andre strengen Altpreußen, die ihren Patriotismus nicht gern bei Sekt und Hurrahrufen zur Schau tragen, aber doch bei rechter Gelegenheit sich auch einmal zu begeistern wissen. Allein die rechten Gelegenheiten sind selten, und am Ende bleiben sie wohl gar ganz aus, besonders, wenn man mit einem so scharfen Blick für die Wirklichkeit gesegnet oder geplagt ist, wie jener.

Er sah Leben und Menschen so, wie sie sind, ohne jede Illusion, und schilderte sie ohne jede Beschönigung. Da giebts nun eben leider weder eine rosige noch eine bunte Welt, sondern nichts anderes als aschgrau.

Natürlich lag ihm das Humoristische gar nicht. Was wunder, wenn ihn nach seinem Tode unsre Sinnigen als einen Ausbund von Humor priesen, damit sie bei dieser Gelegenheit ihre profunde Weisheit über das Wesen echten Humors an den Mann bringen konnten.

Der Schriftsteller malt zum Beispiel den Lebenslauf einer Familie von altem Adel mit winzig kleinem Geldbeutel. Mit unbestechlicher Offenheit deckt er den elenden Kampf um den Pfennig auf, den jedes Mitglied der Familie früh und spät durchficht, die Ansprüche, die sie ans Leben stellen, und die Wichtigkeit, die sie sich beilegen, während dies ungerechte Leben ihre Ansprüche unter den Tisch fallen läßt und sie alle miteinander kaum wichtiger nimmt, als einen pensionierten Laternenanstecker. –

Wir Ungebildeten haben, wenn wir uns durch einen solchen Roman durchgelesen haben, die Empfindung eines Trostlosen grau in grau.

Aber wir sind eben weit hinter der Mode zurück.

Der Gegensatz der wirklichen Unwichtigkeit und der eingebildeten oder doch beanspruchten Wichtigkeit, der für die Menschen typisch ist, wird heute unter der Aufschrift »Humor« geführt, und es ist sogar das allerfeinste, was man in dieser Branche haben kann, versichern die Agenten. –

Der Gegensatz ist da, ohne Zweifel. Aber ist er wirklich so ungemein humoristisch?

Schopenhauer faßt ihn so: » ... dennoch wird jedes dieser flüchtigen Gebilde, dieser schalen Einfälle, vom ganzen Willen zum Leben, in all seiner Heftigkeit, mit vielen und tiefen Schmerzen bezahlt.« –

Das klingt eigentlich nicht sehr spaßhaft.

Und wirklich, es ist auch gar kein Spaß dabei.

Wer lange genug lebt und nicht völlig vom Lichte der Erkenntnis verlassen ist, dem sagt das Leben mit unerbittlicher Klarheit: du bedeutest nicht mehr in der Welt als eine Mücke im Sonnenschein. Ob du leidest oder dich freust, zu Reichthum und Ehre kommst oder im Zuchthause endest, morgen stirbst oder nach dreißig Jahren, alles das ist der Welt völlig gleichgiltig. Trittst du ab von der Bühne, so übernimmt ein andrer deine Rolle, oder sie fällt ganz fort, ohne daß die Komödie auch nur eine Viertelsekunde unterbrochen wird. –

Dennoch spürt jeder Lebende, er sei der weiseste und der bescheidenste, eine Stimme in sich, die ihm unaufhörlich zuruft: alles kommt auf dich an, du bist das einzig wichtige in der Welt.

Und mit der klarsten Einsicht, wie unrecht die Stimme hat, bringt sie kein Sterblicher jemals ganz zum Schweigen, so fest er es sich auch einbilden mag, denn es ist die Stimme der Natur.

Und nicht allein das Leben, sondern auch unsre Kultur beruht auf diesem Wahn, denn er allein treibt die Menschen so rastlos vorwärts, daß »jedes dieser flüchtigen Gebilde« all seine Kraft bis auf den letzten Atem daran setzt, Mühe, Not, Anfeindung, Angst und Unbill jeder Art erduldet – um am Ende in der Welt nicht mehr bedeutet und geleistet zu haben, als eine Koralle im Ozean.

Nein wahrhaftig, so absurde sich der Einzelne in seiner eingebildeten Wichtigkeit gebärden mag, für den behaglichen Humor ist in einem Widerspruch, der ewig das Loos der Menschen bleiben wird, wenig zu holen. Er ist ein Vorwurf für den Satiriker – übrigens auch für den Tragiker, wie ihn denn kaum einer so mächtig ausgedrückt hat wie Shakespeare.

Nun aber soll heutzutage der Humorist eben behaglich sein, bei Leibe nicht satirisch.

Dennoch kann kein geistig zum Mitreden berechtigter und zugleich Wahrheit liebender Schriftsteller unsrer Zeit um jenen Gegensatz herum, denn er wird schärfer als je zuvor erkannt und tiefer empfunden. Und da keiner sich entschließt, der Tagesmode zum Trotz herbe zu sein, so giebt es nicht einen Humoristen unter den modernen Schriftstellern, so viele sich auch als solche haben ins Firmenregister eintragen lassen. –

Umgekehrt kann Humor daraus werden, wenn nämlich Leute von der Entdeckung überrascht werden, daß sie wichtiger sind, als sie selber geglaubt haben, wie es in Kellers Fähnlein der sieben Aufrechten geschieht, und vielfach bei Fritz Reuter. – Abgesehen nun aber von der Streitfrage, ob jener Gegensatz humoristisch behandelt werden darf, hat dieser hochfeine und hochmoderne Humor – und das ist für uns der Humor dabei – einen Vorzug vor allem voraus, was man früher als Humor gelten ließ: es kann ihn jeder lernen.

Man lese nur diese modernen Kritiker, wenn sie einen ihrer Humoristen herausloben wollen. Da heißt es, daß er das Leben mit jenem Humor betrachtet, der aus einer überlegenen Weltanschauung, einer milden Resignation, oder dergleichen hervorgeht. Aber keinem fällt es ein, zu fragen, ob der Humorist denn auch das Hinzuthun kann, was doch immer die erste Voraussetzung alles und jedes Humors ist: den angeborenen Witz.

Schopenhauer ist daran schuld. Er zuerst hat jene höhere Art des Witzes ästhetisch festgelegt, wo die bloße Komik sich in den Humor veredelt. Freilich, etwas anders als es jetzt Mode ist, läuft seine Definition aus. Aber ganz kann man ihn von der Verantwortung für unsre neueste humoristische Litteratur doch nicht freisprechen, denn er hat den Fehler begangen, nicht ausdrücklich zu betonen, daß bei der höchsten Veredelung und der subtilsten Verfeinerung die erste Voraussetzung für den Humor doch immer der angeborene Witz bleiben wird. Er ließ das fort, weil er glaubte, es verstehe sich von selbst, und jeder würde es ohne weiteres hinzusetzen.

Er hat sein Publikum immer noch überschätzt, und nun haben wir die Bescheerung.

Auch dies ist ein Teil des demokratischen Zuges in der »Moderne«. Jeder kann sich seinen Beruf nach Belieben wählen. Man braucht z. B. nur dem harten und arbeitsvollen Leben der andern mit Seelenbehagen zuzugucken, sich zum Bunde derer von der ruhigen Heiterkeit zu bekennen, und wenn einer an diesem Zuckerwassergelage nicht teilnehmen mag, die Hände über dem Bauch zu falten und zu sagen: der hat sich noch nicht zur befreienden Weltanschauung emporgeschwungen – und man darf sich ohne weitere Prüfung Herr Humorist nennen lassen.

Diese Art von Leisetreterei, die vom Humoristen immer nur Milde, Milde und Sanftmut verlangt, zeigt sich noch in der Beurteilung jener derberen Art des Humors, den unsre Kritiker für untergeordnet halten, während die Nachwelt ihn sicherlich dem Himbeerbrei derer von der befreienden Weltanschauung, den sie sich ja, wenn sie Verlangen danach trägt, jeder Zeit selber bereiten kann, bei weitem vorziehen wird. Oberländer, der gemütliche Münchener, der immer gleich gut aufgelegte Kamerad von der Bierbank, in dessen Welt eitel Vergnügen und Biedersinn herrschen, gilt im Vergleiche mit Wilhelm Busch als der bessere Humorist. Natürlich: Busch versteckt hinter seiner tollen Ausgelassenheit einen tiefen Pessimismus und eine bittere Menschenverachtung. Daß er in seinem Bereiche geradezu ein Genie ist, während Oberländer, so gern man sich gelegentlich von ihm ins Lachen bringen läßt, doch sicherlich noch von keinem für ein Genie gehalten ist, das verschlägt der heutigen Kunstanschauung nichts: Richtung will sie sehen, brave Soldaten, aber nicht Leute, die ihren eigenen Weg gehen, und besonders nicht, wenn sie auf diesem Wege weiter kommen, als die in der Richtung marschierenden. Das kann man ja auch im Grunde keinem verdenken. –

Daß Busch trotz Schärfe und Herbheit so populär geworden ist, kommt daher, daß seine Ausgelassenheit ihn thatsächlich mindestens neunundneunzig unter hundert Lesern verbirgt. Wie mancher z. B., der auf seine marktgängige Tugend erheblichen Wert legt, mag die schöne Sentenz des Onkels Nolte

Das gute, dieser Satz steht fest,
Ist stets das böse, was man läßt,

beifällig lächelnd gelesen haben, ohne auch nur zu ahnen, wie grimmig da seiner eigenen Philistermoral mitgespielt wird.

Auch hat Busch eine Eigenheit, die ihm den Erfolg verbürgt: er bringt von Zeit zu Zeit eine Zote.

Uebrigens ist das einem witzigen Manne durchaus erlaubt; hier soll nichts weniger als puritanische Sauertöpfigkeit gepriesen werden. Aber es hat allerdings etwas Deprimierendes, wenn, wie man es oft genug erlebt, in einer Gesellschaft gebildeter Herren Stunden lang ohne Unterbrechung jene gewaltsam erfundenen Anekdoten mit zotiger Spitze erzählt werden, von denen allenfalls jede fünfundzwanzigste witzig genannt werden kann; aber die eine wird nicht beifälliger ausgenommen als die allerdümmste, wenn diese nur saftig genug ist. Das Freudengejauchze gilt eben nicht dem Witz, sondern der Zote als solcher, und zuletzt entscheidet die Masse: wer am Schlusse die meisten Zoten erzählt hat (nicht etwa selbst erfunden) gilt als der witzigste Gesellschafter.

Freilich, wenn sie nun heimkommen in ihre Familie, da verlangen die Herren nach etwas recht ehrbarem und harmlosem; nicht nach scharf geschliffenen Pfeilen, aber allerdings auch nicht nach der »überlegenen Weltanschauung«.

Und, wohl ihnen, die »Mappe« bringt ihre und der Hausfrau Lieblinge: vergnügte Leute, die keiner Fliege etwas zu Leide thun möchten, erzählen ihnen frisch von der Feder weg ihre Schnurren, von alten Onkeln und Tanten, die sich gar so drollig und eigenartig geben, aber wenn man sie nur recht erkennt, das beste Herz in der Welt offenbaren, oder auch wohl einmal von einer bösen Tante, oder gar Schwiegermutter – und seien wir gerecht: es giebt einzelne unter diesen Lieblingen des Publikums, denen beinahe auf jeder zwanzigsten Seite ein Witz gelingt. –

Ich wollte vor kurzem irgendwo im Herzogtum Braunschweig, Wilhelm Raabes engerer Heimat, seinen »Hungerpastor« kaufen, um ihn zu verschenken.

Aber der Buchhändler hatte weder den Hungerpastor noch überhaupt irgend ein Buch von Raabe auf Lager; es sei am Orte noch niemals nach einem verlangt.

In das Gefühl der Bitterkeit und der Scham, von dem übrigens auch der Buchhändler etwas zu empfinden schien, mischte sich bei mir eine mildere Empfindung, nämlich die Erkenntnis des wohl zulänglichen Grundes, weshalb unsere modernen »Humoristen« es vorziehen, ihrem Publikum statt jeder kräftigen Kost Himbeerbrei anzubieten. Man will doch leben.

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