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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 34
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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In Sack und Asche

Ich habe noch nicht den Vorzug, das Epos von der Menschheit zu kennen, und kann mir nicht recht vorstellen, wie der Verfasser unsre gemeinschaftliche Weltgeschichte eingeteilt hat. Unter hunderttausend Versen läßt es sich meines Erachtens gar nicht machen. Dann müßten schlecht gerechnet tausend Seiten auf scheltende Propheten fallen.

Sie sterben nicht aus. Immer, wenn sichs die Welt am wenigsten vermutet, steht da auf einmal Einer in Sack und Asche und donnert über die Schlechtigkeit der Menschen. Dann fragen sich diese verblüfft: »was Teufel, sollten wir wirklich solche Hallunken sein?«, sehen einander von der Seite an und denken schließlich, die Sache möge wohl ihre Richtigkeit haben. Damit hat es dann sein Bewenden und es bleibt alles beim alten.

Leicht geht es auch dem Propheten so wie dem strengen Cato, den die Sünder, als er gerade im besten Schimpfen war, ans die Schultern hoben und Beifall jauchzend über den Markt schleppten.

Oder wenn der Prophet gar ein Künstler sein will, so werden, nach Nietzsches treffendem Ausdruck, seine Augen gläsern, weil er allzu heftig nach der Moral schielt, statt sich am farbigen Abglanze zu erfreuen.

Goethe wußte recht gut und sprach es auch wohl gelegentlich aus, wie morsch und faul es oft hinter den steinernen Wänden und schönen Spiegelfenstern der Reichen aussieht. Aber die Rolle des scheltenden Propheten überließ er den Pfaffen und Schulmeistern.

Es fiel ihm nicht ein, »ideale Forderungen« zu stellen, ihm, der doch wahrlich ein größeres Recht dazu hatte als irgend ein Andrer. Ihm war es nicht verborgen, daß man mit solchen Büßpredigten nichts bessert in der Welt. Er begnügte sich, in sich selbst ein Muster aufzustellen, das des vollkommensten Menschen, den unsre Kultur hervorgebracht hat. Und damit hat er ein gut Teil mehr gethan, als je ein Bußprediger zu Wege gebracht hat.

Aber da kommt der gestrenge Ibsen in Gehrock und Cylinderhut, zeigt mit dem Rohrstocke auf die schwarze Tafel, wo er es mit Kreide aufgezeichnet hat, wie wir allesamt nichts als Schläge verdienen, räsonniert nebenbei auf Lehrer und Pfarrer, wie der Hund den Gevatter Wolf anbellt, und diktiert uns »ideale Forderungen« für zu Hause.

Unten aber im Parkett sitzt die haute finance, hört ihm kopfnickend zu und klatscht Beifall, aus Freude, daß sie versteht, wie der kluge Dichter es meint, und wenn das Stück aus ist, trinkt sie seine Gesundheit bei Austern, Sekt und dem, was ihrem Leben sonst noch not thut.

Schade, schade um ihn, um den König unter Kärrnern, um den einzigen Dramatiker, der, selber ein Mensch eigener Art, auch Persönlichkeiten zu gestalten weiß, nicht nur Dutzendmenschen wie Hauptmann, oder Phrasendrescher wie Sudermann.

Aber seine Gestalten sind voller Schrullen. Einem Manne wie dem Helden in »Wildente«, der ungebildete, beschränkte, aber völlig harmlose Menschen gewaltsam vor »Konflikte« stellt, in denen sie zu Grunde gehen müssen, nicht weil die Konflikte unlösbar sind, sondern weil sie nicht in Konflikte passen, einem solchen Manne möchte man zurufen: Was fällt Ihnen denn ein, Sie Sultan, daß Sie dies kleine, unschädliche Menschenbehagen zertrümmern – und wenns auch ein nicht ganz einwandsfreies Philisterbehagen ist? Wer sind denn Sie, daß Sie hier die höchste und strengste Gerechtigkeit vorstellen wollen? Haben Sie je die unerbittliche Härte des Lebens am eigenen Leibe gespürt, da, wo sie zur Hölle wird, zur Hoffnungslosigkeit? Schwerlich. Sie würden sich sonst wohl hüten, »ideale Forderungen« an Leute zu stellen, die ohnehin dieser Härte des Lebens nicht gewachsen sind.

Sie haben sich ja inzwischen stärkere Gegner gesucht. Und nachdem Sie nun wohl selbst gefunden haben, daß Ihre Waffen an diesen wirkungslos abgleiten, sollten Sie endlich Ihre wahre Aufgabe erkennen, nämlich die Welt zu betrachten und zu begreifen, nicht aber sie zu korrigieren.

Zu einer solchen Umwandlung ist Ibsen jedoch nun wohl zu alt geworden.

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