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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 32
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Unverhofftes Wiedersehen

Ja, so gehts in der Welt. Wir nehmen für alle Ewigkeit Abschied von einander, und in der nächsten Minute führt uns ein vergessenes Taschentuch oder dergleichen wieder zusammen.

Eben lese ich, daß Herr Mäterlink wieder eine neue Weltanschauung gefunden und in ein Drama umgesetzt hat. »Aglavaine und Selysette« heißt es, und die »himmlischen« Namen lassen die erlesensten Seelenfreuden vorausahnen.

Und in der That, man kann nicht behaupten, das Wort Seele käme in dem Drama zu kurz.

Meleander und Selysette, seine Frau, sitzen im Saale ihrer Burg und warten auf Frau Witwe Aglavaine, Meleanders Schwägerin, die ihr Leben bei ihnen beschließen will.

Meleander beschreibt Aglavaine, und die Aetherischen in Mäterlink sind gewiß im Stande, sich danach eine Vorstellung von diesem merkwürdigen Wesen zu bilden.

»Aglavaine ist eine Schönheit, welche die Seele (1) durchscheinen läßt, ohne sie zu trüben.«

»Sie versteht es, die Seelen (2) an ihrer Quelle zu vereinen.«

Ihre Eigentümlichkeit ist, daß ihr Haar sie »fortwährend verrät.« Es »lächelt und weint«, je nachdem sie traurig und glücklich ist, auch wenn sie selbst nicht weiß, in welchen von beiden Zuständen sie sich befindet. –

Dies kann die neue Weltanschauung noch nicht sein. Denn die Ausdrucksfähigkeit der Haare kannten wir längst; kurzes, borstiges Haar haben die Uebermenschen der Frau Harun, wolliges und struppiges die modernen Virtuosen, spärliches die alten Lebemänner. Ganz besonders ausdrucksvoll sind die Haare auf den Rücken der Hunde und Katzen. –

Aglavaine prophezeit in ihren Briefen an Meleander für alle drei »ein wunderbares Leben. Wir werden keine andere Sorge kennen als die Sorge um das Glück.«

Das Glück besteht »aus dem schönsten ihrer Seele.« (3) »Wir werden keine andre Sorge mehr haben als die, so schön wie möglich zu werden, um uns immer mehr zu lieben. Und wir werden gut werden vor lauter Liebe.«

Hier muß den Zuschauer meines Erachtens das dramatische Furchtgefühl beschleichen: wie wirds der armen kleinen Selysette zwischen den beiden Seelenmenschen ergehen?

Und wirklich, Meleander fängt schon an. Er meint, sie wären einander nicht nahe genug gekommen in der Ehe. Sie hätte nur geweint, wenn ein zahmer Vogel weggeflogen war und dergleichen.

Nun, so unerhört neu ist dieser Konflikt auch nicht. Ibsen bemerkte schon, solches Verhältnis führe zu nichts Gutem.

Aglavaine tritt auf und läßt ihre Seele durchscheinen: Meleander und sie haben »nur gleichgültige Worte geredet, und doch sind wir ruhig – warum schließlich auch nicht? – und wissen, daß wir uns Dinge gesagt haben, die mehr sind als Worte.«

Ja, ja, wir wissen Bescheid: unbekannte Weisheit haben sie ausgetauscht.

Aglavaine umarmt und küßt Selysette, ruft den Meleander und umarmt und küßt ihn auch. Hiernächst gehen alle drei zu Bette, womit der erste Akt wuchtig abschließt. –

Im übrigen fehlt es nicht an einem alten, morschen Leuchtturm, der die Rolle des Gewölbes in »Pelleas und Melisande« übernimmt; und aus dem bewährten ahnungsvollen Großvater macht der Dichter mittels einer geistvollen und von unerschöpflicher Gestaltungskraft zeugenden Variante eine Großmutter.

Aus den folgenden Akten – es sind ihrer fünf! – kann ich nur einen Auszug bringen. Er wird aber genügen.

Meleander zu Aglavaine: »Wäre mein Leben in Gefahr, so müßte ich dein Leben retten um selbst zu leben.«

Dieser vollkommene Blödsinn bedeutet, daß die beiden Seelenmenschen sich eins fühlen. –

»Meine Seele (4) ist verändert. Es ist die Hälfte meiner selbst, die ich so – weinend umarme.«

Daß sie einander weinend umarmen, spielt in jedem Akte eine große Rolle und muß ungemein dramatisch wirken.

Aglavaine zu Meleander:

»Wenn ich dich küsse, küsse ich mich selbst, wenn ich schöner geworden bin.«

»Ich höre meine Seele(5) nur neben deiner.«

(Anscheinend eine Analogie zu der bekannten Seelenriecherei.)

»Ich weiß nicht, wo ich anfange und wo du aufhörst.«

»Ohne Ende erzeugen wir uns ineinander.«

»Unsre Seelen (6) sprechen miteinander, bevor unser Mund sich öffnet.« –

Meleander glaubt, wenn sie spricht, ihre »Seele (7) zum ersten Mal zu hören.«

Agl.: »Wenn du sprichst, ist es meine Seele (8) der ich lausche, und wenn du schweigst, ist es deine Seele (9), die ich höre.«

Mel. meint, vermutlich hätte sich der liebe Gott geirrt, »als er aus unsrer Seele (10) zwei Seelen (11) machte.«

Er faßt die Sachlage dahin zusammen:

»Nur eins trennt uns noch, unser Staunen« ........ nämlich, daß zwei solche Geschöpfe in der Welt existieren, ein Gefühl, das der Zuschauer teilen wird.

Trotz dieses einleuchtenden Trennungsgrundes umarmen sie sich, nachdem Aglavaine die kühne Behauptung ausgestellt hat, noch nie hätten sich zwei Seelen (12) so wie ihre erkannt.

Man hört einen Schmerzensschrei und sieht Selysette davon laufen.

Das Drama steigt auf seinen Höhepunkt.

III. Akt. 1. Scene. Selysette und Meleander. Selysette erzählt, sie hätte Aglavaine auf die Lippen geküßt. Sie hat zwar etwas »nicht auf dem Herzen, sondern auf der Seele« (13), aber ihre »Seele (14) fühlt sich glücklicher als je.«

Sie fühlt sich demunerachtet neben den beiden Erstaunten überflüssig, die in ihrer Gegenwart zwar heiter sind, aber deren »beide Seelen (15) dann ihr Glück nicht mehr haben.«

Meleander tadelt sie würdig. »Man soll nicht auf Seelen (16) eifersüchtig sein.« – »Wenn ein Engel vom Himmel nieder stiege, ich könnte ihm meine Seele (17) nicht noch tiefer erschließen.« –

Zugleich stellt er ihr eine Genugthuung in Aussicht: »ich küsse heut abend deine Seele« (18).

II. Scene. Das große gigantische Schicksal holt aus: Aglavaine und Meleander finden Selysettes Taschentuch. Es ist naß. Sie hat geweint.

Meleander kann seiner Ergriffenheit nicht anders Herr werden, als daß er Aglavaine küßt. Sie wehrt für das Mal ab. Sie sei nicht edel genug. Selysette sei edler.

Meleander: Nein, Aglavaine sei edler.

Agl.: »Ich möchte dich immer umarmen und weinen.« – »Heute lausche ich deiner Seele (19) und der meinen.« –

Das Schicksal schlägt zu: sie umarmen sich.

Wenn der Zuschauer sich nicht hinlänglich erschüttert fühlt, ist er nicht recht bei Seele.

III. Scene. Aglavaine und Selysette küssen einander. Sie sind »in der einfachsten Wahrheit der Seele« (20).

Dieser Zustand ist um so merkwürdiger, als Selysettes »Seele (21) in ihrem Körper trunken ist.«

Beide umschlungen ab. Ende des dritten Aktes.

IV. Akt. Der Edelmut steigt.

I. Scene. Selysette denkt offenbar daran, sich vom alten Turm zu stürzen.

Aglavaine fühlt »ihre Seele (22) auf ihren Lippen schweben« und wirft den Schlüssel zum Turm ins Meer. –

II. Scene. Aglavaine schläft im Garten neben einem tiefen, tiefen Brunnen, in den sie, wenn man sie unvorsichtig weckt, hineinfallen wird. Allein Selysette, die dazu kommt, ist edel und weckt sie vorsichtig.

Sie umarmen sich einige Male und gehen umschlungen ab.

III. Scene. Die alte Großmutter ahnt. Aglavaine und Selysette küssen einander.

IV. Scene. Meleander küßt Selysette.

V. Scene. Selysette hat den Schlüssel wieder gefunden und ist oben auf dem Turm.

Es fällt ihr ein, daß sie die alte Großmutter nur einmal zum Abschied geküßt hat. Da ihr dies mit Recht zu wenig erscheint, kommt sie wieder herunter.

VI. Scene. Selysette nimmt von der Großmutter Abschied.

VII. Scene. Aglavaine und Selysette geben sich einen Kuß.

VIII. Scene. Selysette stürzt sich vom Turm.–

Ohne alle Ironie:

Die sechste und die achte Szene sind stimmungsvoll, wenn auch viel zu weichlich, um dramatisch zu sein. Damit könnte das Stück schließen. Aber der gute Dichter giebt den beteiligten Gelegenheit, sich in einem fünften Akte noch einmal von frischem edel zu erweisen.

Selysette lebt noch. Sie versichert, sie sei aus Versehen vom Turme gefallen – nur damit die beiden »Seelen« sich keine Vorwürfe machen.

Aglavaine läßt sich an Edelmut nicht überbieten. »Wenn ich dich so umarme, gebe ich dir all mein Leben, und es ist unmöglich zu sterben, wenn die Seele (23) so im Lebenshauche sich badet.«

Dies unerhört großmütige Opfer hilft aber nichts. Selysette stirbt. – – – –

Es war eigentlich nicht meine Absicht, auch hier wieder Goethe heranzuziehen, – ihn gegen Mäterlink »auszuspielen«, wie sich inzwischen ein Professor voller Geschmack und Verständnis ausgedrückt hat. Allein der Vergleich drängt sich mir auf.

Wir haben im Torquato Tasso ein Drama, in dem ein so breiter Raum mit dem Schwelgen in zarten, weltflüchtigen und auch krankhaften Empfindungen ausgefüllt ist, daß es uns beim lesen für das grelle Licht der Theaterlampen allzu blutlos erscheinen will.

Wenn wir den Tasso aber mit dem Seelengesäusel Mäterlinks vergleichen, mutet er uns an wie Leben und Gesundheit selbst.

Wie kommt das? Was ist Mäterlinks Gestalten im Gegensatz zu andern Menschen gemeinsam?

Nun, sie sitzen auf Burgen und – ja, und ........ Was thun sie da eigentlich? Herrschen oder dienen sie, arbeiten sie, oder leben sie den freien Künsten?

Nichts von alledem. Sie sprechen fünf Akte hindurch von der Schönheit ihrer »Seele«, und der einzige Zweck ihres Daseins ist, immer noch »schöner« zu werden. Dies Ziel suchen sie nicht durch künstlerische, noch überhaupt geistige Bestrebungen zu erreichen, sondern einzig dadurch, daß sie einander »weinend umarmen«.

Die Empfindsamkeiten Tassos und der Prinzessin sind ungesund, aber sie ranken sich um eine große geistige Leistung, um Tassos Dichtung. Dennoch behält das wirkliche Leben gegen Tasso Recht.

Mäterlinks Menschen sind viel zu ätherisch, als daß man ihnen zumuten könnte, jemals irgend etwas zu leisten. Aber die wirkliche Welt hat ihnen gegenüber so gründlich unrecht, daß sie sich auch nicht mit dem leisesten frischen Luftzuge an sie heranwagen darf.

Was sollen wir da nun als die neue Weltanschauung begrüßen?

– – – – – Seele – – – – –

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