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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 30
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Auf den Brettern

Ich möchte nicht allzu paradox werden, aber ich glaube wirklich, es giebt noch jetzt in Deutschland Leute, die Gerhart Hauptmann für einen autochthonen Dichter halten. Mein Gott, Einen muß man doch haben, für den man sich begeistert.

Und dann: Wenns nicht Hauptmann ist, so hat Deutschland ja heute nicht einen einzigen wirklichen Dichter; mithin ist es in hohem Grade patriotisch –

Ich kann versichern, daß ich diesem letzteren Gedankengange in einer sehr viel gelesenen Zeitschrift begegnet bin.

Diese abgeschmackten Aufbauschungen schaden keinem mehr als Hauptmann selbst. Wenn einem immer wieder ein großes Genie gezeigt wird, das nicht da ist, so kommt es leicht, daß man über sein hübsches kleines Talent wegsieht.

Jetzt endlich müßte er doch seinen eigenen, höchstpersönlichen Stil gefunden haben. Aber unverdrossen pendelt er zwischen beiden, aus Frankreich zu uns gekommenen Extremen hin und her. Jahr für Jahr bringen die Managers dem deutschen Publikum eine ungeheure Ueberraschung bei, die der neueste »Hauptmann« der Welt bereitet hat. Das Volk der Dichter und Denker glaubt's auch jedesmal. Aber eigentlich giebt's da gar nichts überraschendes. Weber – Hannele – Florian von Geiersberg – Versunkene Glocke – Fuhrmann Henschel – wer rät, was nun wieder dran ist? Oder ist gleich von beiden Sorten in Arbeit?

Vor kurzem veröffentlichten die Zeitungen den Bericht eines Schulgefährten Hauptmanns. Danach waren seine Schulaufsätze schlecht. Nicht etwa phantastisch überladen, anders als die Welt sich in anderen Köpfen malt, sondern im Gegenteil: angefüllt mit halbverstandenen Zeitungsphrasen, die damals gerade in Mode waren.

So viel nun auch im Laufe der Jahrtausende der Welt aus der Jugend echter Dichter bekannt geworden ist, niemals ist einer von ihnen ein unselbständiges Echo der Zeitphrasen gewesen.

Ueberschwenglichkeit, Geschmacklosigkeit, halber oder meinetwegen ganzer Blödsinn, alles geht dem künftigen Genius hin. Aber ein Abklatsch aus Zeitungen – da wäre Hauptmann der erste.

Was sollte man nun hieraus schließen? Etwa Gerhart Hauptmann ist gar kein –

O nein. Das sei ferne. Man schließt gar nicht, sondern man wundert sich: auch hier ist der Dichter ganz eigenartig.

Nein, gerade das ist er nicht. Ich bin von seinem guten Glauben überzeugt. Sicherlich hat er selber die »Weber« für eine That ungeheurer Kühnheit gehalten. Aber in Wahrheit ist es der von Frankreich herübergekommene Zolaische Naturalismus, ohne jede Kritik bis auf die perverse Vorliebe für Nuditäten nachgeahmt, und unbesehens so wie er war, auf die Bühne gebracht, in all seiner dramatischen Unmöglichkeit. Wenn er diese anscheinende Unmöglichkeit überwunden, den Naturalismus wider seine Natur in ein bühnenmäßiges Drama gezwungen hätte, das wäre eine That gewesen, und zwar die That eines Genies. Aber die rein mechanische Teilung einer naturalistischen Erzählung in eine beliebige Anzahl Akte ist keine That, sondern ein Dilettantenkunststück.

Er selber war, es sei nochmals betont, sicherlich unschuldig an der Schaubudenrhetorik, die nun einsetzte: Kommt und schüttelt euch! Hier ist zu sehen der große skalpbluttriefende Häuptling –

Und die braven, die da drinnen ein grausiges Ungetüm zu sehen glaubten und ihren Abscheu laut hinausriefen, ahnen wohl noch heute nicht, welchen Gefallen sie damit dem vielgewandten Schaubudenbesitzer gethan haben.

Indessen braucht man alles dies nicht zu beklagen. Das Drama ist nun einmal nicht die Kunstform unserer demokratischen Zeit. Es ist nur wünschenswert, daß sich die urteilsfähige Minorität immer einhelliger von der Bühne abwende, und dazu tragen sowohl die »Weber« wie »Hannele« mit ihren jüngeren Geschwistern viel mehr bei, als die unkünstlerischen, aber geistvollen Hirngespinste Ibsens.

Possierlich genug ist es, wie immer noch Einzelne aus dieser Minorität die Illusion, wir hätten noch große Dramendichter, gewaltsam festhalten, indem sie zum Beispiel mit ernsthaften Gebärden darüber disputieren, ob den Fuhrmann Henschel ein tragisches Verschulden treffe oder nicht. – Mein Gott, der arme Kerl hat sich ja aufgehängt, laßt ihm doch seine Ruhe!

Bei solchen Erörterungen ist es vorgekommen, daß von zwei Enthusiasten der Eine in einer Figur das Urbild menschlicher Gemeinheit erkannt, der Andre hingegen nachgewiesen hat, daß der große Wirklichkeitsdichter in ihr seinen eignen Vater hat schildern wollen, – was sich hoffentlich ausschließt.

Dann wieder spricht Einer von der »goldklaren Weltanschauung« des Dichters.

Möglich, daß Hauptmann eine eigene Weltanschauung besitzt, möglich, daß sie goldklar ist.

Der das geschrieben hat, kennt ihn wahrscheinlich persönlich und weiß daher Bescheid. Wir Andern, denen nur seine Werke vorliegen, können darüber nicht urteilen.

Freilich müßte man sich erst über den Begriff Weltanschauung einigen; vielleicht ist sie heute so billig zu erwerben, wie man ein zweiter Bismarck wird.

Goethe hat von der Zeit an, da er dem gestrengen Vater seine kindliche Weisheit in unbeholfenem Lateinisch vorlegte, bis dahin, wo Eckermann seine Worte für die Nachwelt niederschrieb, an seiner Weltanschauung gearbeitet und um das Wissen gerungen bis zu dem Gipfel, wo er sich an den Grenzen der Menschheit glauben durfte. Möglich, daß auch Hauptmanns Wissensdurst unersättlich ist. Nach seinen Werken allein könnte er aber eben so gut völlig unwissend sein.

Spricht etwa seine sich so eng an die französischen Vorbilder anlegende Romantik eine Weltanschauung aus? Oder das, was schließlich als sein persönliches zurück bleibt: die gewissenhafte, verständnisvolle, intime, und was sie sonst schönes sein mag, Schilderung der Leute aus dem Volke, aus jenem Volke im engsten Sinne, dem es an Muße und Bildung fehlt, über die allerkindlichste, entweder abergläubische oder roh materialistische Weltanschauung hinauszukommen?

Das langt so eben zu einer (übrigens harmlosen) Lebensanschauung, aber ganz gewiß nicht zu einer Weltanschauung. Und man thut den andern Dramatikern, sie mögen sein wie sie wollen, Unrecht, wenn man ihnen gewissermaßen ein Vorbild zeigt: da mögt ihr lernen, wie ihr dichten sollt; in seinen Dramen liegt nicht mehr und nicht weniger als eine Weltanschauung!

Indessen das alles möchte, wie gesagt, hingehen. Wir gönnen dem Dichter gern seinen Erfolg bei Mitwelt und Nachwelt, welche letztere ihn vielleicht eben so gern noch lesen wird, wie wir heute den trefflichen Johann Peter Uz.

Aber ein schwerer Vorwurf trifft ihn: daß er den gegebenen großen Vorwurf der Zeit, den sozialen Kampf, durch seine »Weber« auf absehbare Zeit getötet hat, – das kann ihm im Interesse der deutschen Litteratur niemals verziehen werden.

Hier war alles, was sich ein Dichter wünschen konnte: Machtwille, Haß und alle menschlichen Leidenschaften, die der Liebe nicht am wenigsten, große Frevel und ebenso große Aufopferungen, geborene Führer der Massen und trotzige Autokraten, – und wem dieser Stoff zu wirr und formlos erscheint, der möge sich ausmalen, wie schwankend, unbegrenzbar und unfaßbar die Geschichte der englischen Könige vor Shakespeare lag; aber der machte dennoch echte Dramen daraus.

Zu welchem ungesalzenen Brei ist jener eisenharte Stoff in den »Webern« zerrührt!

Ich weiß, der Kenner lächelt schon längst überlegen und ist nun nicht mehr im Stande, diese Verständnislosigkeit stillschweigend über sich ergehen zu lassen: »Wirklichkeit, Wirklichkeit, weiter gar nichts. Einen Ausschnitt Wirklichkeit wollte der Dichter geben, und wie herrlich ist ihm das gelungen!«

Ja, über die Maßen herrlich; es fehlt nur noch, daß man »intim« hinzusetzt.

Ist denn der soziale Kampf etwa nicht wirklich? War der Streik der Hamburger Schauerleute, mit den vollsaftigen Naturen dort und den harten, klugen Herrenmenschen hier, etwa ein schlecht erfundener Roman?

Und wenn nun einmal zu der Schilderung des Kampfes die Kraft nicht reichte, ist denn jener tiefste Widerspruch zu unsrer auf der Arbeit beruhenden Kultur, daß Männer voll Kraft, Fähigkeit und Willen zur Arbeit um diese betteln müssen und oft genug wie Bettler abgewiesen werden, ist der etwa nicht Wirklichkeit?

Ja, aber das ist alles Tendenz. Und die lehnt der Dichter ab: nichts als unbefangen gesehene Wirklichkeit will er geben.

Das ist und wird uns als unumstößliche Wahrheit zugemutet.

Aber es ist doch geradezu eine Harmlosigkeit, in Zeiten, wo die Luft bis zum Ueberdrusse von sozialen Schlagworten klingt, einen Arbeitgeber auf die Bühne zu bringen, so schuftig und so dumm, wie er nur in moralischen Kinderbüchern erlaubt sein sollte, und ihm gegenüber eine ausgesogene, verhungerte, verdummte und vertierte Heerde von Industriesklaven, und dann zu sagen: das hat mit der sozialen Frage nichts zu thun, es ist nur ein ganz unbefangen gesehenes Stück Wirklichkeit.

Ja, warum denn gerade diese Wirklichkeit, die seit beiläufig einem halben Jahrhundert keine mehr ist? Nachher wußte der Dichter ja die »moderne Seele« so wunderbar damit zu rühren, daß ein guter Mensch und schlechter Musikant von einem Frauenzimmer betrogen wird und sich darüber aufhängt.

Aber Arbeiter und Arbeitgeber einander gegenübergestellt, das ist »soziale Frage« und wenn es hundertmal abgeleugnet wird.

Dem Dichter nach stürzten sich in wilder Begeisterung die Weiber: sozial, evoë, sozial!

Wie Hauptmann den Kampf, das erste Erfordernis für ein Drama, völlig unterdrückte, indem seine Haut- und Knochengestalten nichts, aber auch gar nichts, weder Besitz, noch Kraft, noch Gesundheit, noch alles in allem eine dem Zuchthause vorzuziehende Existenz einzusetzen haben, und deshalb als ernst zu nehmende Gegner nicht gelten können, so entstanden damals unzählige Romane, zu drei vierteln von Frauen geschrieben, in denen ein garstiger Fabrikant und edelmütige Arbeiter einander gegenüberstanden, um sich am Schlusse, nachdem der Fabrikant beschämt und bekehrt war, gerührt in die Arme zu sinken. Zum Teil war man aber auch furchtbar streng, der Fabrikant mußte dran glauben, und erst sein besserer Nachfolger, – mit Vorliebe sein Sohn, – kam durch kübelweise gespendeten Honig zu Beliebtheit, Ehre, Ansehen und Reichtum, und dermaleinst in den Himmel.

Was wunder, wenn zunächst die geschmackvolle Minorität, und endlich sogar die Masse des Lesepublikums der breiten Bettelsuppe überdrüssig wurde. In die Lücke brachen die Uebermenschen.

Und so hat denn unsere Litteratur zu ihrer Schande den einzigen großen Stoff der Zeit ungenutzt gelassen, während Malerei und Skulptur, die er im Grunde wenig angeht, ihn gar nicht übel verwertet haben.

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