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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 29
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Wie es euch beliebt

Es mußte so kommen. Goethe selbst mußte schon erfahren, daß seine Iphigenia kühl aufgenommen wurde, und daß er, so wenig sie an seinem Ruhme rütteln konnten, dennoch als Dichter immer mehr vereinsamte, je weiter er sich zu reinen Höhen der Kunst vom deutschen Publikum entfernte.

Hat doch lange nach seinem Tode noch ein deutscher Professor diesem Publikum unter dem Titel »Faust III. Teil« eine wüste Burleske zu bieten gewagt, die man für das Erzeugnis kraftgenialischer, vom Wein erhitzter Studenten halten könnte, wenn sie nicht gar so witzlos wäre. Und hat doch dieser selbe Professor danach laut in die Welt trompetet, nun hätte er den zweiten Teil des Faust aber gründlich hinabgethan. Und was geschah mit ihm?

»Nun, man wird ihn doch wohl der verdienten schweigenden Verurteilung überantwortet haben?«

Sie passen nicht auf, mein Bester; vom deutschen Publikum ist die Rede. Gejauchzt hat es vor Entzücken: Da sieht man es nun. Haben wir's nicht immer gesagt, dies ist zu schwierig? Und langweilig noch dazu? Nun kommt gar ein Professor und sagt es auch, und wie kreuzlustig weiß er es zu sagen! Das ist unser Mann!

Nietzsche hat mit vollem Rechte gesagt, daß Goethe über die Deutschen hinweg gedichtet hat.

Und dies ist ein Ehrentitel, nicht nur Goethes, sondern überhaupt aller Redlichen, Echten unter den deutschen Schriftstellern, daß jene plumpe Marktordnung, die der öde Geist unsrer Zeit gern zum allmächtigen Weltgesetz proklamieren möchte, Angebot und Nachfrage, für sie nicht gilt.

Es liegt nahe und hat auch etwas Bequemes, zu sagen: das ist immer so gewesen und kann gar nicht anders sein:

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,
Das echte bleibt der Nachwelt unverloren.

Aber die Sache stimmt nicht. Es muß einmal ein viel urteilsfähigeres Publikum gegeben haben, und das in Zeiten, die wir geneigt sind, als völlig barbarisch anzusehen – vom Hellenentum ganz zu schweigen.

War doch Shakespeare ein Theaterunternehmer, und zwar bei weitem der erfolgreichste im damaligen London. Nun aber denke man sich in Berlin, dem Delphi der deutschen Bühnenkunst, Haus bei Haus einen Zirkus und ein Theater, das ein neuer Shakespeare, also ohne den traditionellen Ruhm des alten, mit Stücken versorgte.

Frage: welche von beiden Unternehmungen muß innerhalb des ersten Jahres bankrott werden?

Vous l'avez voulu, George Dandin. Das deutsche Publikum bekommt genau die Litteratur zu lesen, die es verdient. So lange es sich in Demut mit dem begnügt, was durch den Berliner Sand hindurchläuft, so lange wird sich nichts daran ändern, daß alles eigenartig aufwachsende zusehen muß, wie es sich auf hartem Boden ohne Pflege und Teilnahme durch die Welt schlägt.

Aber freilich: sinds Rosen, werden sie auch blühn – und wenn sie verwelken müssen, ohne daß sich auch nur eine Menschenseele ihres Duftes erfreut hätte.

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