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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 28
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Modernstes Alexandrinertum

Nehmen wir an, einem Normaldeutschen von heute würde Goethes Gedicht »Herbstgefühl« vorgelesen, aber verschwiegen, wer der Verfasser ist.

Sicherlich würde er entrüstet sein, daß man ihm, einem ernsthaften Zeitungsleser, mit solcher Läpperei kommt.

Ganze sechzehn Reihen! Was kann er uns da groß berichten? Und was soll das überhaupt:

euch beschauen, ach!
Aus diesen Augen
Der ewig belebenden Liebe
Voll schwebende Thränen.

Was hat er denn zu weinen, wenn die Trauben noch nicht reif sind? Er kann's ja abwarten!

Nun, diese unsolide Epoche der Dichter ist, Gott sei Dank, überwunden.

Zola ist ein reeller Geschäftsmann. Er geht davon aus, daß der Leser bezahlt, bei ihm in Frankreich das Buch, bei uns zehn Pfennige an die Leihbibliothek; dafür kann er in beiden Ländern auch etwas Entsprechendes verlangen.

Zola ist wohl im Stande, in uns ein Herbstgefühl zu erwecken; aber das geschieht nicht in sechzehn Reihen, sondern in ebenso viel Seiten, und eine Thräne drückt es weder ihm noch uns ab. Dafür haben wir die Genugthuung, daß wir wissen: ja wohl, so gehts zu, und es ist uns nichts vorenthalten, sogar den von den Weinlesern vergossenen Schweiß dürfen wir mitriechen. Bücher sind eben nicht zum Vergnügen da. Aus ihnen sollen wir vielmehr lernen, wie es in der Welt zugeht. – Man spricht gern mit hochgezogenen Augenbrauen von der immensen Wirkung der Klassiker. Aber die Grundlehre, die Goethe mit jedem seiner Werke aussprach und Schiller gelegentlich in Worte faßte: »Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein veraltet nie,« die haben unsre Gewissenhaften siegreich überwunden. Dahin haben wir es glücklich gebracht, daß unsre modernsten Romane an einem ausdrücklich genannten Orte spielen: Der in Berlin, jener in Weimar, ein dritter in Nürnberg. Zeit natürlich Gegenwart. Weshalb heißen sie denn sonst modern? Das, wovor Jene sich in eine höhere Welt flüchteten, die »gemeine Deutlichkeit der Dinge,« das ist heute das höchste, was unsre Barden erstreben. Wenn sie uns gewisse Berliner Kreise vorführen, so sollen wir womöglich wissen: der da ist der Ministerialdirektor von Müller, jener der Baron Isaak von Veilchenstein, ein andrer der wohlbekannte Bildhauer Meyerheim.

Diese Art von Darstellung des Lebens ist es, die folgerecht nur älteren Leuten gelingen kann. Aber »hätte ich mit der Darstellung der Welt solange gewartet, bis ich sie kannte, so wäre meine Darstellung Persiflage geworden« sagte Goethe zu Eckermann. Er, der anschaulichste Dichter, den Deutschland je hervorgebracht hat, verstand unter Darstellung der Welt eben etwas ganz anderes, als die Schüsselriecherei der Exakten von heute.

Weislich verleugnen hier die »Nietzscheaner« ihren Meister. Denn keiner hat so nachdrücklich wie er den Ruf nach jener Goetheschen Zeit- und Ortlosen, an strenge Form gebundenen Kunst erhoben, die sich so himmelhoch erhebt über das heute beliebte »Milieu« und wie man sonst das umschreibt, was unsre Schriftstellerei eigentlich geworden ist: Lokalreportertum.

Einem Mißverständnisse möchte ich begegnen: für leicht halte ich die Arbeit dieser Lokalreporter gar nicht. Im Gegenteil, es gehört Uebung und steter Fleiß dazu – eben wie zu jedem anderen Handwerke auch. Aber demokratisch ist diese Kunst; die Geborenen werden von den Fleißigen weit überholt.

Eine Sekte ist allerdings darunter, die es sich auch leicht macht – abgesehen von einem Entschlusse, den nicht jeder faßt.

Zola packt bekanntlich mit harthäutiger Faust die Welt gerade an den Stellen, die empfindlichere Leute nicht mit den Fingerspitzen berühren mögen. Das nun ist seine eigene höchst persönliche Sache, sein »Temperament«, durch das er »die Natur sieht.« Aber ein großer Teil seiner Schüler hielt gerade dies zufällige für das wesentliche. Und während die ehrliche Minorität mit dem Mute der Verzweiflung, von Ekel und Abscheu geschüttelt, ganze Seiten ihrer Bücher mit übel aussehenden und noch übler riechenden Dingen füllte, grinsten die andern einander an. Wirklichkeit? Eigene Beobachtung? Studium? Fleiß? – Wird gemacht!

Berlin war die gegebene Stätte dieses Kultus der Wahrheit; ihre Priester gedeihen dort noch heute wie Bazillen in Reinkultur.

Und so schmachvoll rasch sind wir gesunken, daß ihre Erzeugnisse nicht etwa als »pikante Reiselektüre« vertrieben, sondern zur Litteratur gerechnet werden, – noch nicht siebenzig Jahre nach dem Tode Goethes.

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