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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 24
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Intermezzo

Ein Freund von mir hat Jahre lang mit einem jungen Manne verkehrt. Es war in einer Kleinstadt, in der sich, wie anderswo auch, abends ein kleiner Kreis am Biertische zusammenfand. Die beiden spielten an demselben Tische Karten und unterhielten sich: wie viel Kilometer ein Radfahrer in der Stunde »macht« und ähnliches.

Bei einer geringfügigen Meinungsverschiedenheit sprang jener auf und überschüttete meinen Freund mit wilden Schmähungen. Vergebens suchten die Anwesenden ihn zu beruhigen; er gebärdete sich wie ein Rasender und schrie: »Er soll heraus, er soll vor die Pistole!«

Dies war wirklich ein psychologisches Problem. Die nächstliegende Lösung, daß jener betrunken war, traf nicht zu, vielmehr handelte es sich um den Ausbruch eines lange verhaltenen Hasses. Aber woher dieser Haß?

Hier zeigte sich, wie so oft, der tiefe Unterschied zwischen Schopenhauer und Nietzsche. Dieser treibt Bände hindurch Psychologie, aber es bleibt im Grunde eine Art Schachspiel. Er will etwas beweisen, zum Beispiel, daß es niemals einen Heiligen gegeben habe, oder daß jede menschliche Handlung aus egoistischen Motiven hervorgehe (was in gewissem Sinne niemand bestreitet); darum lesen sich seine psychologischen Erörterungen ähnlich wie die Disputationen der alten Sophisten. Wer ein wirklich ihm begegnendes Problem aus Nietzsche erklären will, wird immer fehl gehen.

Schopenhauer war es, der uns in diesem Falle auf die Spur half.

Er setzt auseinander, wie oft wir glauben, einen Menschen zu verachten, und wie oft wir darin irren; nämlich stets, wenn der Wille im Spiele ist. Dies ist nun aber viel häufiger der Fall, als wir annehmen. So hat der Schreiber dieses, ein Rechtsanwalt, in seiner Praxis sehr viel Gemeinheit kennen gelernt, und sich wohl eingebildet, dem gegenüber nur das eine Gefühl der Verachtung zu empfinden.

Dennoch war etwas anderes dabei, ein persönliches, ein Wollen: daher das Wort Widerwille.

Das schlechte Gesindel reizte mich, es lahm zu legen; interessierte mich, schon durch die Entdeckung, daß es noch viel mehr Schurkerei in der Welt giebt, als man von vornherein anzunehmen bereit ist; beschäftigte mich, indem ich darüber nachdachte, welche wirtschaftlichen Zustände dieses überhandnehmende Gaunertum erzeugt haben mögen.

Mein Freund hatte sich mit jenem niemals beschäftigt. Wenn sie sich getrennt hatten, war der andere für ihn eben nicht mehr da. Hätte man ihn nach seinem Charakter gefragt, so würde er sich wahrscheinlich einen Augenblick bedacht und ihn dann für einen seiner bisherigen Erfahrung nach harmlosen Menschen erklärt haben. Er war sich also niemals klar darüber gewesen, daß er jenen verachtete; er hatte überhaupt keine Empfindung ihm gegenüber. Dies ist offenbar der allerhöchste Grad der Verachtung: völlige Nichtachtung. Sie hat für den Verachtenden das gefährliche, daß er sie nicht geheim hält, weil er nichts von ihr weiß.

Aber – und dies ist wiederum psychologisch interessant – während mein Freund, ein höchst feinfühlender Mensch, von seiner eigenen Verachtung nichts gemerkt hatte, war sie jenem, der nichts weniger als fein fühlte, bewußt geworden: aus flüchtigen Aeußerungen, Mienen, auch wohl aus dem Unterlassen von Aeußerungen, wenn vielleicht einmal ernsthafte Dinge besprochen wurden. So mimosenhaft empfindet die Eigenliebe auch in einer groben Natur.

Hier wäre in der That ein fruchtbares Feld für Schriftsteller: die psychologischen Probleme des wirklichen Lebens.

Allein sie lassen es brach liegen, und man kann es ihnen nicht einmal verdenken: sie fänden keinen Verleger, geschweige denn ein Publikum.

Aber wie die Grete den Fritz zu lieben glaubt, und dann den August, und zuletzt doch den Hans nimmt, oder gar ledig bleibt – das ist und bleibt ein ebenso wohl vertrautes, wie hochinteressantes Problem.

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