Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Huch >

Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 22
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
Schließen

Navigation:

Der Wonnesänger

Ich schreibe für altfränkische Leute. Da darf ich wohl voraussetzen, daß der Leser ein Zitat aus dem Sommernachtstraum kennt:

Mich dünkt von Thränen blinke Lunas Glanz,
Und wenn sie weint, weint jede kleine Blume,
Um einen wildzerrissnen – – Männerkranz.

würde Heinrich Heine geschlossen haben.

In diesem Punkte war er seiner Zeit voraus. Die Witzblätter von heute beschäftigen sich gern mit dem Weibe der Zukunft, wie es im feschen Studentenkostüm durch die Straßen bummelt und flüchtende Männer um die Hüfte faßt.

Lange zuvor schon hat Heinrich Heine, wenn auch weniger die Frauen, so doch die Männer der Zukunft, die naturgemäß etwas trauriges an sich haben, dichterisch behandelt. Der verlassene Jüngling weint hinter der Treulosen her, die ihm erst so schön gethan und nun sein Herz gebrochen hat, sein Herz, mit dem er doch so abgründig tief lieb haben kann; und aus seinen Thränen macht er lauter Verse.

Goethe irrte niemals darin, wann ein verlassener oder abgewiesener Liebhaber wahre Teilnahme erwecken kann, und nicht jenes Bedauern, das durch einen Gran Verachtung ungenießbar wird: wenn der Mann nämlich der beschränktere, dumpfere ist, in dessen enges und lichtloses Leben ein Frauenblick als einziger Sonnenstrahl gefallen und wieder erloschen ist: so der einsam bei seiner Heerde zurück gelassene Schäfer, so Brackenburg neben Klärchen, deren Anmut, Verstand und Temperament auch manch anderen Verehrer unscheinbar aussehen ließe.

Es ist nicht anders: Der Mann ist gerade hier der stärkere, die Jungfrau ist der Teil, der auf Verteidigung angewiesen ist. Ergiebt sie sich, so ist es leider nichts ungewöhnliches, daß der Sieger – sie sitzen läßt. Ein sitzengelassener Mann ist nun einmal eine Abgeschmacktheit. Daran wird auch garnichts geändert, wenn etwa die Frau mit Erfolg studiert hat und sich sogar besser als der Mann durchs Dasein zu kämpfen vermag.

Ja, gerecht ist das nicht, das ist nicht zu leugnen. Ihrem Verdienst verdanken die Männer diese Bevorzugung nicht. Aber es liegt auch nicht an ihrer größeren Schlechtigkeit, daß es so viel betrogene Mädchen und (wohlgemerkt: vor der Hochzeit!) so selten einen betrogenen Mann giebt: Die Natur hat es so eingerichtet, und dabei wird es denn wohl sein Bewenden haben, es sei denn, daß die Menschen hermaphroditisch würden.

Darum, weil sie aus einer Umkehrung der Natur hervorgehen, klingen die Klagen Heines über sein mehrfach gebrochenes Herz schwächlich, übertrieben, erlogen, so daß ein plötzlicher Uebergang von Goethescher Lyrik zur Heineschen – an Rezitationsabenden anscheinend nichts seltenes – anmutet, wie wenn in freier Bergluft ein Mensch vorübergeht, der sich mit Dörings Seife mit der Eule gewaschen hat.

Und darum liest es sich wie eine ungeheure Selbstironie, wenn ein Frauenzimmer ein andres bewundernd apostrophiert: »Maria Theresia, Du tötest siebenmal an einem Tag!«

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.