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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 21
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Die Großväter

Goethe hat einmal geäußert, Schiller hätte nicht anders gekonnt, als jedem Stoffe, den er anfaßte, seine eigene Größe aufzudrücken.

Ein König des Geistes, von der geborenen Majestät seines Standesgenossen redend, wünscht in höchst vornehmer Form ein wenig Mäßigung. Denn ein Tadel liegt da versteckt.

Dichter ersten Ranges, wie Goethe selbst, Shakespeare, die Griechen, wußten, daß alles, was Liebe heißt, glückliche oder untergehende, andere Ausdrucksmittel verlangt, als die schwere Wucht der Heldengesänge und Dramen. Sie handelten danach, ohne daß sie besonders darüber nachzudenken brauchten, wie andere Leute bei Gebirgswanderungen keinen Cylinderhut aufsetzen.

Aber Schiller stand gar kein anderer Ton zu Gebote als Pathos. Das Organ für Lyrik fehlte ihm, was ja übrigens schon wiederholt ausgesprochen ist. Man vergleiche die Rodomontaden des Ferdinand in »Kabale und Liebe« mit den Naturlauten des Othello; den Gouvernantenton Theklas und das Kosen Goethescher Mädchengestalten.

Schillers Verliebte nehmen sich selbst ohne Ausnahme viel zu pathetisch, um wahr zu sein.

Daher seine Flachheiten und Geschmacklosigkeiten, die Schopenhauer und Nietzsche tadeln, und die ja wohl nicht wegzuleugnen sind; wenn philosophierende Betrachtung und schwerflüssiges Pathos die Natur ersetzen sollen, – was kann da gutes herauskommen?

Wie sich von selbst versteht, verdankt Schiller gerade diesem Fehler, nicht aber seiner geistigen Hoheit die ihm bis heute stets treu gebliebenen Massenerfolge. Nichts zieht das profanum vulgus unwiderstehlicher an als falsches Pathos.

Solche Schlager wie

»Raum ist in der kleinsten Hütte,
Für ein glücklich liebend Paar«

die ertönen in – nun, in der »kleinsten Hütte«, aber auch in vornehmen Häusern mit vielen und glänzenden Räumen, wo man sich seine »Ideale« nicht nehmen läßt und Goethe nicht recht traut.

»Du Heilige, rufe dein Kind zurück,
Ich habe genossen das irdische Glück
Ich habe gelebt und geliebet!«

Es ist die ihrem Vater sonst keineswegs unähnliche Tochter Wallensteins, die hier in majestätisch getragenen Tönen die Weltanschauung eines verliebten Nichts-als-Mädchens zum besten giebt. Was Wunder, wenn die Verse ihrer erhabensten Rührwirkung noch heute sicher sind!

Aber wo Schiller zu echten Tiefen eindringt, wie in der Gegenüberstellung des klugen und des dämonischen Mannes in Illo und Wallenstein, und in der wundervollen Bedeutung des Max für den Lebensinhalt des Friedländers:

»er stand neben mir wie meine Jugend...
er machte mir das Wirkliche zum Schein,
Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
den Duft der goldnen Morgenröte webend« –

wer mag ihm da noch folgen? Sicher nicht die Leute, deren Herzen bei den berühmten Kraftstellen höher schlagen oder erschauern.

So sehr nun unsere Modernen Schiller zu belächeln pflegen, so ganz sind sie gerade hier in seiner Schwäche seine Nachfolger. Sieht man von den schlüpfrigen ab, so behandeln die heutigen Schriftsteller ohne jegliche Ausnahme ihre Liebespaare viel zu pathetisch.

»Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme«, wird heute noch mit Emphase an falscher Stelle variiert, genau wie damals, als Wilhelm Hauff sich darüber lustig machte.

An sich ist der Ausspruch ja ganz richtig: das Gefühl allein faßt den ganzen Menschen, während auch der schärfste Verstand auf das angewiesen ist, was er einzeln beobachtet. Aber wer hat denn überhaupt ein Schicksal?

Wir machen gelassen einen Umweg, wenn Hochzeitswagen den Weg an einer Kirche versperren, und wir fühlen uns nicht sehr ergriffen, wenn wir die täglichen Verlobungsanzeigen in unserm Lokalblatte lesen. Aber in den Romanen sollen wir Spannung, Angst, Verzweiflung, Rührung empfinden, weil Herr Müller und Fräulein Meyer, die sich bei unbefangener Betrachtung in nichts von andern Leuten unterscheiden, gar so viel Unannehmlichkeiten überstehen müssen, ehe sie einander heiraten.

Ein großer Teil der Schuld liegt an der seit langer Zeit überhand nehmenden Berufsschriftstellerei.

Nietzsche bemerkt, eigentlich müßte Jeder, der aus dem schriftstellern einen Beruf macht, kriminell strafbar sein, nur in ganz vereinzelten Fällen dürfe Straflosigkeit eintreten.

Er hat nicht Unrecht, wenn er die Versdichter ausnimmt. Die schaden niemand und haben nur sich selbst die Folgen eines müßigen Lebenswandels zuzuschreiben.

Aber es gehört denn doch eine unglaubliche Unverfrorenheit dazu, das Leben mit seiner Beschreibung, mit der man enden sollte, anzufangen. Und das geschieht in der heutigen Litteratur durchweg. Nur die Berufsschriftsteller, und unter diesen nur die künstlerisch unselbständigen, jedem irgendwo gerade geltenden Schlagworte empfänglichen Naturen, die als wackere Soldaten in einer der herrschenden Richtungen geradeaus marschieren, haben Aussicht, ans Ziel zu gelangen, – abgesehen natürlich von Berlin, wo die selbständigen, eigenartigen, ursprünglichen Persönlichkeiten förmlich gezüchtet werden.

Allen Richtungen aber, sie heißen, wie sie wollen, ist die wunderliche Vorstellung gemeinsam, es gäbe auf der Welt eigentlich nichts wichtiges, außer den Angelegenheiten der Liebe, so daß der Mensch nach seiner Hochzeit auf den Anteil des Lesers verzichten müsse, es sei denn, daß einer der Eheleute oder beide einander untreu würden.

Nicht allein die Neuromantiker, Symbolisten, Mystiker und wie sie heißen, denen man es noch am ehesten zu gute halten könnte, sondern auch, drolliger Weise, unsere Realisten und Naturalisten gehen der wirklichen Welt geflissentlich aus dem Wege; jener bunten, aber ernsthaften und harten Welt endloser Kämpfe, häufiger Niederlagen und spärlicher Siege, jener Welt des Emporkommens neuer Geschlechter aus der Masse und des – unsrer höchsten Teilnahme werten – Sinkens, Stürzens in sie aus altererbtem Besitze, was nicht ohne verzweifeltes Ringen und Entfesselung aller Leidenschaften vor sich geht, hier und da, nicht eben häufig, durchglänzt von einem Zuge wirklicher Großherzigkeit.

Niemand, der Augen hat, zu sehen, kann sich darüber täuschen, daß in unserer Zeit der jähen Schicksalswechsel, denn sie ist ohne Frage (schwerlich zu ihrem Heil) so reich daran wie nur irgend eine Zeit zuvor, das Geschick eines liebenden Paares unmöglich ein so wichtiges Ding sein kann, und auch wirklich nicht ist, wie in Zeiten einer feststehenden Gesellschaft. Die Liebenden werden mit fortgerissen im Wirbel, statt daß sich, wie in idyllischeren Zeiten, das Leben um die Liebenden dreht.

In den Romanen ist es umgekehrt: man erfährt wohl, daß draußen etwas vorgeht, man redet mit ernsthafter Miene vom »Milieu« – aber bei Licht besehen ist das alles Nebensache, wenn nur brav geliebt wird.

Da führt uns jemand in die Kreise der Berliner Hochfinanzmänner und hohen Beamten ein. So etwas hat zwar mit Kunst nicht das mindeste zu thun, ist jedoch ganz nützlich einmal zu lesen.

Aber noch mehr. Der Held ist als Student Angehöriger eines sehr exklusiven Korps gewesen, obwohl er von niederer Herkunft ist. Natürlich hat er viele Feinde. Es passiert ihm eine aus Unüberlegtheit hervorgehende Entgleisung in Geldsachen, und er wird cum infamia ausgestoßen.

Der Stachel brennt in ihm sein ganzes Leben hindurch. Er will die Welt zwingen, ihn wieder gelten zu lassen, und er zwingt sie auch.

Nun ist es ja freilich billig und schlecht, jenen Ehrenkodex, der in Wahrheit vernünftiger ist, als die »Moderne« sich träumt, als ein Narrenrecht darzustellen. Aber wie der Einzelne die formale Strenge des Gesetzes für sich überwindet, indem er durch ein Leben der redlichen und erfolgreichen Arbeit jenen Fall wieder ausgleicht, und wie ihn eben dieser arbeitsvolle Kampf gegen ein immer wieder auftauchendes Gespenst zu einem ganzen Manne schmiedet, das ist menschlich anziehend und erhebend, und es zeugt von einer glücklichen Hand, sich diesen Stoff auszusuchen. – Aber Gott bewahre! So geht das nicht. » Seine Liebe« heißt die Erzählung – man wittert schon süßliches Salonparfüm. Jene ganze Verstoßung wurmt den Helden eigentlich nur, weil auch »sie« ihn aufgiebt. Als er sich zu hohem Ansehen emporgehoben hat und halb schon auf dem Ministersessel thront, taucht »sie« wieder auf, und der Sessel ist ihm Hekuba. Sie ist eines Andern Weib geworden. Die Sache läßt sich ungemütlich an, und der Verfasser sagt, daß es eine Katastrophe setzen werde. Wie man sich denken kann, behält er recht: »er« giebt einen Schuß auf »sie« ab, worauf man ihn, nicht ohne Berechtigung, in ein Irrenhaus sperrt. Da sitzt er nun, statt auf dem Ministersessel, und ist sehr zufrieden mit sich.

Angebot und Nachfrage – lieb Publikum muß es wohl so verlangen. Es besteht eben zu neunundneunzig Hundertstel aus Frauen, für die ja, sie mögen sich verstellen, wie sie wollen, die Frage ob Gretel ihren Hans bekommt, denn doch ein gut Teil wichtiger ist, als die nach dem Wesen des Lichtes. Die geistreichste und gelehrteste, aber häßliche Frau gäbe all ihre Weisheit ach so gern für Schönheit hin – es darfs nur niemand merken.

Die Männer aber der gebildeten Stände, seit sie sich der Politik zugewandt haben, stehen nun Gott sei Dank glücklich auf dem Standpunkte, den Gotthold Ephraim Lessing für seine Zeit annähernd überwand: sie halten es nicht für eines erwachsenen Mannes geziemend, sich ernsthaft mit Litteratur zu beschäftigen.

Es ist jetzt Reisezeit. Was tragen sie mit sich, die würdigen, gewichtig um sich blickenden, in den Wald, auf die Berge, an die See, überall hin, wo die Welt schön ist? ... Ihre Zeitung.

Wer will hier Ursache und Wirkung auseinanderhalten? Hat die Teilnahmlosigkeit der Zeit die Verflachung der Litteratur verschuldet oder ist es umgekehrt?

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