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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 20
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Eine Versöhnung

Ein See von Tinte ist schon verschrieben, um ein Kunstwerk zu schaffen, das die Seele des untersten Volkes ergriffe und zugleich den erlesenen Geschmack der Moderne anspräche.

Leo Hildek hat's erreicht.

Vielleicht versteckt sich da eine Dame, denn ich möchte bezweifeln, daß ein Mann sich solches unterfangen hätte.

Nur eine Kleinigkeit würde ich hinzufügen. Der Titel »Bis ans Ende« entspricht zwar um so mehr dem Geschmacke der Moderne, als er mit genialer Willkür ohne alle Beziehung auf den Inhalt des Romans erfunden ist. Aber das Volk, dem das Lesen eines Buches nicht so leicht von statten geht, will ungefähr wissen, was es zu erwarten hat, ehe es sich daran macht.

Ein Untertitel wäre demnach dringend zu wünschen.

»Bis ans Ende
oder
Schinderhannes, der edle Raubmörder« –

Der Titel wäre, wie wir gleich sehen werden, ebenso zutreffend, wie er anziehend wirkte.

Hildek hat den »Raskolnikoff« Dostojewskis gelesen und mißverstanden; da mußte es ihm ja gelingen, seinen Lesern aus der gedankenvollen Schwere des düstern Russen eine herrliche »Sensation« zu bereiten.

Leutnant Archner, weniger durch Gaben des Geistes als – bis auf eine kleine Schwäche – solche des Gemütes ausgezeichnet, muß seinen Abschied nehmen und wird Schreiber bei einem Rechtsanwalt. Der ist ein unangenehmer Kerl, sinnlich und besonders widerwärtig durch dicke Waden, die er beim radeln zur Schau trägt. Er wohnt in Berlin auf der Friedrichstraße und verdient ein Sündengeld. Nun, wir werden gleich sehen, wie er die verdiente Strafe erleidet.

Archner haßt ihn, weil er sein Chef ist, im Gelde wühlen darf und auf einem häßlichen Körper einen auffallend schönen Kopf trägt. Alles in allem sieht dieser Haß dem Neide zum verwechseln ähnlich. –

Der Chef ist zwar sehr gütig zu ihm und schenkt ihm dreihundert Mark zur Hochzeit, aber gerade diese lächelnde Güte reizt Archner zur Wut. Die dreihundert Mark, die der Chef im Privatkontor aus dem Geldschranke nimmt, steckt er in die Tasche und ist nunmehr entschlossen, den Geber bei günstiger Gelegenheit an dieser Stelle totzuschlagen und zu berauben. Das ist die kleine Schwäche, die ich oben erwähnte, in Hildeks Augen offenbar einer jener Schönheitsfehler, die nichts weniger als entstellend wirken.

Archner freut sich, daß er bald einen Vorwand findet, durch den er seine That innerlich »rechtfertigt«: der Rechtsanwalt stellt seiner jungen Frau nach. Diese kann ihn zwar nicht leiden, so daß keine Gefahr für sein Glück und seine Ehre da ist. Aber das thut nichts. Archner schlägt den Rechtsanwalt mit einem Hammer tot und stiehlt fünftausend Mark aus dem Geldschrank.

Die Polizei sieht nicht ein, daß dem Ermordeten nur sein verdienter Lohn geworden ist. In unbegreiflicher Verblendung nimmt sie gegen den Mörder Partei und setzt den Helden des Romans, der ihr verdächtig vorkommt, in Untersuchungshaft.

Der Untersuchungsrichter wird uns als ein herzloser, grausamer und heimtückischer Mensch geschildert.

Was mag Hildek gegen die preußischen Untersuchungsrichter haben? denkt man verwundert.

Aber bald wird es offenbar, warum er gerade diesen nicht leiden mag: der schlechte Kerl entblödet sich nicht, den Mörder zu überführen.

Und als wäre es noch nicht genug der Brutalität der Wölfe im Amte, setzt man den Helden auf Lebenszeit ins Zuchthaus, statt ihm selber ein hohes Amt im Staate zu verleihen. – – –

Raskolnikoff sitzt über Büchern, denkt, sinnt, grübelt und bohrt sich eine falsche Theorie. Nach dieser Theorie handelt er. Die Handlung ist ein Verbrechen. Dadurch aber, daß dies Verbrechen in der That einzig und allein der Theorie zu Gefallen geschieht, erhält es etwas gewissermaßen unpersönliches. Es wird zwar nicht verzeihlich, aber doch über das ganz Gemeine hinausgehoben.

Archner ist ein gemeiner Raubmörder, und das unwahrscheinlichste an dem ganzen Roman ist für Leser mit gesunden Sinnen, daß man ihn zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt.

Gewiß, die Kunst hat nicht moralisch zu sein. Allein sie soll auch nicht die Gefühle in eine so wüste Verzerrung zu reißen versuchen, daß der Leser in einem gemeinen Raubmörder einen tragischen Helden sieht.

»Aber so ein Versuch richtet ja gar keinen Schaden in der Welt an; es fällt ja keinem Leser ein, so zu fühlen, wie es der Verfasser will.«

Wirklich? Ich möchte wohl wissen, wie viele Leser und besonders Leserinnen des »vornehmen« Journals, in dem »Bis ans Ende« erschienen ist, den Exleutnant »reizend« gefunden haben und die Leute, die ihn ins Zuchthaus stecken, abscheulich.

Indessen mag das alles hingehen; es ist ja wohl nicht zu besorgen, daß eine dieser Damen sich nach der Lektüre des Romans einen Hammer kaufe, um eine andere, die sie nicht leiden mag, totzuschlagen und auszurauben.

Viel schlimmer als die moralische, ist die ästhetische Seite der Sache.

Es bedeutet denn doch einen jammervollen Tiefstand unsrer Litteratur, daß man solch wüste »Sensationen« als Schriftstellerarbeit gelten läßt.

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