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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 19
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Non plus ultra

Sie nennt sich Hans. Sie teilt gern spöttische Seitenhiebe gegen das Uebermenschentum aus. Sie verhöhnt eine gewisse Schriftstellerei: »Marcro – eigentlich hieß er Veilchenfeld – schrieb Artikel über ›das neue Weib‹ für illustrierte Familien- und Frauenblätter. Das Sujet ging und bezahlte sich gut.«

Die unglaublichsten Kunstwerke der Natur, Käfer, die sich unentdeckbar in Form und Farbe eines mit Flechten bedeckten Zweiges anpassen, Schmetterlinge, die sitzend von einem grünen Blatte kaum zu unterscheiden sind, erreichen keine höheren Zwecke, als ihre gröbste Handwerkerarbeit, die sandgelbe Farbe der Wüstentiere und ähnliches. Wer getäuscht werden soll, danach richtet sich in diesen Fällen die Mühe, die sich die Natur giebt.

Mimikry nennt man das Manöver.

Allzuscharfe Sinne scheint Hans bei ihrem Publikum nicht vorauszusetzen.

Ich glaube übrigens, sie hat sich ausgegeben. Ueber »die Sembritzkys« kommt sie nicht mehr hinaus.

In Einem ist sie unerreicht, man darf wohl sagen, in der ganzen deutschen Litteratur: es ist die Sprache.

Man weiß, wie groß einem Lessing das Wagestück erschien, in die deutsche Schriftsprache das eine neue Wort »empfindsam« einzuführen.

Hans lacht über so altjungferliche Bedenklichkeiten.

Aus ihrem unerschöpflichen Vorrat nenne ich an dieser Stelle nur »grapschen« und »blubbern« – jenes mir von der Kinderstube her in guter Erinnerung, während »blubbern« erst aus dem Zusammenhange – nicht begriffen, aber doch genossen werden kann.

»Die alte Lehndertz bei Frentzens hatte ›Su‹ auf Felix Treppenstiege gesehen und der Geheimrätin gepetzt. Su leugnet natürlich. Er dito. Aber es half nichts.«

»Lotte hatte nur den einen Gedanken: Arnold Wiegand zu einer Heirat zu zwingen. Er sollte sie heiraten.

Sie war seine Geliebte. Bon. So versuchte sie es auf die Weise der Geliebten.«

Im Lapidarstil drückt man sich aus, wenn jeder einzelne Satz so viel sagt, daß er wuchtig für sich allein dastehen kann. – »Er dito.« »Bon«.

Die Sprache wird hier zu einem Wunderwerk von Charakteristik, und Hans erreicht das, ohne sich den mindesten Zwang anzuthun. Mit souveräner Nichtachtung hüpft und tollt sie jenseits aller Gesetze und Ueberlieferungen dahin. Was geht sie und ihr Publikum die hohe Gestalt des Meisters der deutschen Sprache an! Können wir nicht über Goethe hinaus, so tanzen wir an ihm vorüber. Evoë! Der Lebende hat Recht, und »es bezahlt sich gut«, sagt Macro, eigentlich hieß er Veilchenfeld.

Nietzsche spricht, mit vollem Rechte, vom »gläsernen Auge« des Künstlers, der nach moralischen Stoffen sucht.

Im glücklichen Formelglauben des Jüngers wie er sein soll, haben die Seinen gedacht: Moralische Stoffe hat der Meister verboten. Vorwärts also, ins Unmoralische!

Ein Augenblick der Besonnenheit müßte sie darüber ins Klare kommen lassen, daß das Suchen nach Unmoralischem künstlerisch dem Suchen nach Moralischem gleicht – man möchte sagen mathematisch.

Aber wer mag dem Zuge der Bachanten Besonnenheit predigen?

Ein sechzigjähriger Bildhauer besucht eine blutjunge Schülerin, Lotte von Sembritzky, in ihrem Atelier, wo sie eben ein Werk vollendet hat, nämlich den Mann der Zukunft, natürlich ein fratzenhaftes Ungetüm. Den wüsten Schatten ihres Wollens nennt Hans das Werk, als der furor wieder über sie kommt.

Der Lehrer bleibt nicht recht bei der Sache. »Lotte«, murmelt er, »kleine süße Lotte.«

Er zieht sie an sich trotz allen Sträubens, denn der alte Mensch verfügt über eine gewaltige Körperkraft; es ist »die Kraft der großen Marmorblöcke, der Kolossalmonumente.«

Hans kann sich einen Mann, der Kolossalmonumente schafft, nur als einen Kerl mit Riesenarmen und Gorillafäusten vorstellen. Ein kleiner Zug, aber ungemein bezeichnend. Wenn eine poetische Jungfrau mit einem Baumeister verlobt ist, wird sie unfehlbar stolz darauf sein, daß eine Hand, die Stein und Eisen regiert, ihr Haar streichelt.

Es geht nun fix. »Sie war zwischen seinen Knien. Sie bebte. Sie weinte.«

Ein stummes Ringen, während dessen Hans Zeit findet, die Möbeln des dürftigen Ateliers zu beschreiben.

»Ein Augenblick – aber Lotte Sembritzky war ein Weib geworden in ihm.«

Nach seinem ›Kam-sah-siegte‹ ist es immerhin bescheiden von dem alten Hünen, daß er nachher Lottens Beine anbetet.

Ganze drei Seiten vorher sitzt Lottens Bruder, ein Offizier, in seinem Zimmer und hat Besuch.

Wems gefällt, mag das Kapitel nachlesen. Es schließt: »Er hatte noch zwölf Mark in der Tasche für den Monat. Er gab ihr zehn.«

Ich weiß wohl, daß Goethe keineswegs innehielt, wenn ihn die organische Entwickelung seines Gegenstandes auf den letzten Akt der Natur führte.

Aber das ist es bei denen von der Moderne nicht. Sie würden sich für elende Schwächlinge halten, wenn ihnen je ein Roman beiginge, in dem nicht mindestens eine unzweifelhafte Szene vorkäme.

Eine Kleinigkeit war übrigens noch zu erwähnen: Der alte Bildhauer ist verheiratet.

Natürlich muß seine Frau in Scheidung willigen, obwohl sie durchaus keine Neigung dazu hat, sich sogar persönlich zu Lotte begiebt, und sie anfleht, zu verzichten.

Da kommt sie an die Rechte.

Vortrefflich versteht Hans die Kunst, nur so eben anzudeuten, auf welcher Seite ihre Sympathie ist.

Die Ehefrau verwirrt sich, »haspelt, blubbert in ihrer Not« ...

»Sie weinte. Sie schnüffelte. Ihr Kinn zitterte mit den schweren Fettmassen des Halses. Sie war häßlich. Sie war abstoßend.«

Sie führt »Dienstmädchenargumente« ins Feld, nämlich die Heiligkeit der kirchlichen Trauung.

Die Berliner Dienstmädchen müssen wirklich im ganzen Reiche böswillig verleumdet sein, wenn allein noch in ihren Händen die Hochachtung der kirchlichen Trauung liegt.

Lotte benutzt die Verheiratung ihrer Schwester mit einer »guten Partie«, um sich einmal gründlich auszusprechen.

»Und wenn sie untergegangen wäre, was ihr untergehen nennt, sich einem Manne gegeben hätte, weil sie kein Geld hatte, daß er sie heiratete. Sie wäre glücklich gewesen, hätte Freude gehabt und

Andere hätten ihr wieder gegeben, was der Eine ihr genommen« – – – – –

?? – – – hm, hm. – – ? –

So??

»Es sind ja nicht die Frauen, die wirklich was thun, die zu nichts kommen in unsrer Gesellschaft – die andern, die man tot und stumm macht mit den alten Ammenmärchen von Not und Schande, die für die Dummen sind, die nicht mitgrapschen können in einer Gemeinschaft, wo alles grapscht und nimmt.

Wie schon gesagt, Bachanten läßt man vorüberrasen. Nur dem Schlusse des Dionysosliedes müssen wir uns wieder aussetzen, denn er ist so typisch, daß wir mit ihm unzählige seines gleichen kennen lernen.

» Ja sagen zu sich selbst, stolz sein, ehrlich sein. Die anständige Frau ist, die will und nicht wagt. Die andere wagt und ist unanständig

Welch hübsche Modernisierung des veralteten Ich habs gewagt!

»Das Leben wird einst das Verdikt über beide fällen, die hat gelebt und die nicht. Die war heilig und die menschlich. Und Heilige giebts nicht, aber Menschen giebts! Menschen solls geben! Und zum Leben sind wir geboren in die lebendige, schaffende Welt!«

Jeder, der Nietzsche gelesen hat, weiß, daß alles dies seine Aussprüche sind, aus seiner streng geformten Sprache ins vulgäre übersetzt – mit einer Ausnahme. Einmal nämlich zitiert sie ihn wörtlich.

Es gehörte Schopenhauers Geist dazu, das Wort zu prägen von der Verneinung des Willens zum Leben.

Das Wort in seinen Gegensatz umzudrehen, war erheblich leichter, besonders, wenn man sich mit den Anforderungen seiner litterarischer Erziehung nicht weiter abgiebt, und vor einem solchen Paukenschlage wie »Ja sagen zu sich selbst« nicht zurückschreckt – war es vielleicht ein dunkles Gefühl von der Unzulänglichkeit seiner Lehre, das den im Grunde ästhetisch fühlenden Nietzsche zu solchen Todsünden wider den guten Geschmack verleitete?

Jedenfalls wirkt es wie ein gräulicher Mißton, derartige Entgleisungen eines bedeutenden Mannes in »schöngeistiger« Unterhaltungslitteratur wörtlich abgeklatscht wieder zu finden – und wie oft geschieht das!

Sachlich nur ein Wort: fern sei es, sich in einen Tugendmantel zu hüllen und menschliches nicht menschlich zu beurteilen. Aber noch abstoßender als der Tugendstolz ist das Sichspreizen mit der zügellosen Hingabe an die Begierden – denn auf weiteres kommen diese stolzen »Freiheiten« im Grunde nicht heraus. Alles, was wir Kultur nennen, ist zuletzt ein Zwang; wer das, was Goethe über sich selber geschrieben und sonst geäußert hat, aufmerksam liest, erkennt, daß das Leben dieses freiesten Sohnes der modernen Kultur ein fortgesetzter Kampf und Sieg über sich selbst gewesen ist.

Aber es hilft nichts, wir müssen von Goethe zu Hans zurück.

Lotte bekommt natürlich ihren Bildhauer. Sie sagt nun sehr entschieden Ja zu sich.

Sie weiß die Kniffe und Pfiffe der Toilettenkunst, die aus der Kleidung der »sich bewegenden Frau das Kunstwerk machen, das das rohe Begehren weckt und dem edelsten Schönheitssinne schmeichelt. Sie war die wissende, bewußt gewordene Frau, die Weib sein wollte mit allen Mitteln des Verstandes, der männlichen künstlerischen Bildung, die neue Frau, die kommen wird, die

Diagonale

von Messalina
und der Doktorin der Medizin,
die siegen wird und die schrecklich sein wird

Ja, schrecklich wird sie sein. Ob sie aber auch dem »edelsten Schönheitssinne schmeicheln« wird, diese am Horizont drohende Diagonale, das könnte man denn doch bezweifeln.

Zum Schlusse befinden wir uns in einer Kunstausstellung. Lotte, die schreckliche, hat ihren Mann ins Bad geschickt und läßt sich am Arme eines Kurmachers bestaunen. Sie hat ein Marmorbild ausgestellt, ein recht vertracktes Ding.

Sie hat vortreffliches Material gewählt, nämlich »Sonnendurchpulsten« Marmor.

Das ist zwar nicht allein schwülstig, sondern auch falsch gesehen. Aber gerade falsche Kraftworte werden von den Damen bevorzugt; sie sind sicher, daß noch Niemand vorher darauf gekommen ist.

Eine nackte Frau, an Felsen geschmiedet.

»Sie hat sich etwas gebäumt in der Agonie.

Der Körper löst sich im Bogen von der Platte, ein ganz moderner Körper (??), wie ihn die Moderne liebt, ein Körper der Nixen und Heiligen, der – ewigen Impotenten« – nein, Hans, so grausam ist die Natur doch nicht, daß sie die Impotenten ewig am Leben ließe.

»Der Kopf bleibt zurückgebogen wie in souveränem Schmerz und Hohn.«

Diagonale – souveräner Schmerz und Hohn – sollte Hans nicht doch am Ende lieber beim ehrlichen Deutsch bleiben?

Warum läßt sie das Marmorbild nicht statt dieser komplizierten Beschreibung kurz und bündig blubbern?

Statt dessen entsendet es zu guter Letzt noch »einen Blick der Wollust, der Grausamkeit und der Verachtung.«

Vermutlich drückt das eine Auge Wollust und Grausamkeit aus, während das andere verachtet. Nur so ließe es sich auch erklären, daß der Blick »das Blut gefrieren macht, indem er es aufpeitscht.« Es wird wohl darauf ankommen, ob man rechts oder links steht.

Das Publikum »trumpft Schlagworte.«

Ein Leutnant dagegen äußert, es sei »eine be........ Welt.«

Hübsch ist es nicht, daß er sich in einem Roman, den eine Dame schreibt, so ausdrückt, aber nachfühlen kann man es ihm.

Zum Schlusse kommt die überraschende Mitteilung, daß Lotte an die Renaissancefrauen erinnert, an die Fürstinnen der Borgia und Este, »deren Porträts man aufbewahrt hat.«

Das Weib der Zukunft wäre also doch eigentlich ein Rückschlag?

Was soll das überhaupt?

Wie kommt Hans auf den Einfall, urplötzlich, ohne äußern oder innern Zusammenhang die italienische Renaissance heranzuzerren?

Hat sie jemals eines jener Porträts gesehen, »die man aufbewahrt hat«, wie sie tiefsinnig und sachkundig hinzusetzt?

Ein gesundes, unbefangenes Auge kann sich doch nicht ernstlich darüber täuschen, daß die Renaissancefürstinnen andern Geistes gewesen sind, als unsere Zeitgenossinnen, und ganz besonders als die »Moderne«. Daß sie, – dem Hohn dieser Moderne sei es preisgegeben, – sehr viel wirtschaftlicher empfunden haben; daß sie bei all ihrer Renaissancebildung doch Hausfrauen gewesen sind, wenn auch die Frauen fürstlicher Häuser; daß ferner ihr Ehrgeiz weit mehr ein politischer als ein künstlerischer gewesen ist; und daß sie – last not least – den ewigen Kampf zwischen Sitte und Natur keineswegs so glatt und einfach mit einem lustigen Jasagen zu sich selbst beendet haben, wie die »Moderne«, sondern, daß die noch so oft mit einem Fußtritt heimgesandte Sitte sich immer wieder erhob und durch echte, ungeheuchelte Gewissensbisse zu rächen wußte.

Die Sache wäre nicht der Erwähnung wert, wenn man ihr nicht so oft begegnete. Wer ein bischen was sein will, läßt in seinen Romanen diese Borgias und Estes auftauchen, wenn ihm selbst auch noch so unbegreiflich ist, was sie da eigentlich zu thun haben.

Goethe war der erste, der die italienische Renaissancewelt, erfüllt von dem Eindrücke der unvergänglichen und niemals erreichten Werke ihrer bildenden Kunst, mit einem Blicke seiner wunderbaren Augen in jenem ganz besondern Lichte sah.

Es ist interessant, wie dieser Funke, den sein überreicher Erzeuger achtlos liegen ließ, weiter gewirkt hat.

In Basel saß in einem alten Patrizierhause ein stiller Gelehrter, selbst einem Schweizer Patriziergeschlechte entstammt. Er verfolgte den Goetheblick, vertiefte sich ganz in jene Welt, und baute sie auf als farbenprächtiges Epos von Herrennaturen und gottgeborenen Künstlern.

Sein Landsmann Konrad Ferdinand Meyer bemächtigte sich des Stoffes, ihn noch phantastischer aufbauschend, während der größere Gottfried Keller, vielleicht die Gefahr erkennend, ihn nur von ferne gestreift hat.

Nietzsche war der wunderliche Einfall vorbehalten, die Zustände dieser Renaissance, die seine Vorgänger als betrachtende Künstler angezogen hatte, für das erstrebenswerte Ziel unseres Daseins zu erklären.

Unhistorisch, übertrieben, einseitig, fanatisch wie immer behandelte er den in Wahrheit so vielgestaltigen, ja rätselvollen Stoff – und nun hat ihn die Moderne.

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