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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 17
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Noch höher

Die Philosophen sagen, ohne den Tod gäbe es auch kein metaphysisches Bedürfnis. Nun ist die Furcht vor dem Tode zunächst ein Gefühl, das wir mit jedem Wollschaf teilen, ein gemeines Gefühl. Aber es ist einer Veredelung fähig.

»Zum höchsten Dasein immerfort zu streben –« das ist alles, was ein vollkommener Mensch von sich für sich verlangt. Wissen, Vernunft, Geschmack vermehrt er täglich und stündlich. Aber was ist das alles? Erreicht er jemals einen festen Punkt? Ist es nicht im Grunde nichts als Uebung?

Nur der seichte Bildungsphilister schätzt das Erlernte, weil er es eben weiß. Für den Strebenden ist es kaum mehr als das Mittel zu immer höherer Thätigkeit. Er kann niemals sagen: hier stehe ich und hier bleibe ich. Nach kurzer Frist aber kommt der Tod und macht allem Streben ein Ende.

»Und ist, als wäre nichts gewesen.«

Denn daß das Gedachte und Gethane nun in Andern fortwirkt, geht den Sterbenden im Grunde wenig an; von ihm, von seinem Persönlichsten, ist es ein für allemal abgelöst. Es hat damit eine eigene Bewandtnis.

»Dein bestgedachtes, in fremden Adern,
Wird sogleich mit Dir selber hadern.«

sagt Goethe. Als ihm schon der Lorbeer so unangreifbar das Haupt bekränzte, wie kaum Einem Lebenden vor ihm, war ihm die Stellung der gelehrten Zeitgenossen zu seiner Farbenlehre wichtiger als sein Dichterruhm.

So hat er sich denn seinen eigenen Unsterblichkeitsglauben gebildet. Immer kehrt der Gedanke wieder: Das Gewöhnliche stirbt wirklich; die Natur nimmt den Leib in sich, und verwendet ihn, die ewigschaffende, zu neuem Leben; wer sich aber auszeichnet, großes leistet, den erhält sie sich persönlich auch nach dem Tode des Leibes. Er äußert Eckermann gegenüber, offenbar im Ernste, er hoffe nach seinem Tode auf einem andern Stern zu erwachen, wo denn auch noch »Nüsse genug zu knacken« sein würden.

Wenn es uns nun auch kaum gelingen wird, an diese Unsterblichkeit in realerem Sinne zu glauben, als man etwa an ein Schönheitsideal glaubt, so wird doch Niemand dem Alten die höchste Bewunderung versagen, der nach einem Leben voll Mühe und Arbeit von keiner doch so wohlverdienten Ruhe wissen will, sondern sich nichts Besseres weiß, als »immer fort zu streben.«

Plausibler für den Verstand erscheint zunächst Schopenhauers Nichts, das auf den ersten Anblick so fürchterliche Nichts. Aber wie angenehm enttäuscht uns der alte Weltverneiner; ja, wenn dein Nichts so ist –. Aber alsbald regt sich auch der kritisierende Verstand. Wie, Herr Schopenhauer, wenn ein Andrer solche Weltanschauung geäußert hätte? Würden Sie ihn nicht einen seichten Optimisten genannt haben? Dies Nichts als einen so entzückenden Zustand zu denken, dazu berechtigt uns doch im Grunde – Nichts.

Nun eben, wird man einwerfen, das ist es ja – Nichts.

Ein vertracktes Ding, dies Nichts. Unmöglich, es in logischer Form zu verneinen. Aber es bejahen? Ein bejahtes Nichts?

Und auch das Gefühl lehnt sich auf.

Das Trostlose an Schopenhauers Philosophie ist nicht eigentlich sein Pessimismus. Sondern es ist dies, daß er, selber ein Fürst des Geistes, für die Großen unter den Menschen nichts Besseres weiß, als daß sie, gebrochen an dem unvermeidlichen Undank der Zeit, die Welt verneinen und sich für Nichts bereiten...

So wollte Nietzsche es nicht. Daß er ihn für seinen eigensten Gedanken hielt, den Gedanken von der ewigen Wiederkunft, während er ihn thatsächlich aus der lange Jahre zuvor betriebenen Lektüre der alten Stoiker entnommen hatte – das ist wieder Sache der Psychiatriker.

Hier ist nur wesentlich: der Gedanke taugt nichts.

Alles soll sich in Ewigkeit wiederholen, wieder und wieder, genau so, wie es jetzt geschieht, »auch ich und Du im Mondschein am Thor von ewigen Dingen flüsternd.«

Also auch dem erhabensten Geiste bleibt kein anderer Trost, als daß er immer wieder auf den Punkt anlangt, von dem er ursprünglich herausgewachsen ist.

Wie winzig klein die Weltanschauung des »Uebermenschen« neben der des alten Goethe!

Und was sagt die Vernunft?

Ist nicht der Gedanke, daß der Welt nichts andres übrig bliebe, als immer wieder in endloser Wiederholung denselben Mechanismus abzuwickeln, recht eigentlich aus der Enge des menschlichen Horizontes geboren? Sollte nicht die unermeßlich reiche Natur solcher armseligen Beschränkung lachen?

Immerhin hat der Gedanke eine gewisse düstere Kraft, wenn man sich Nietzsches tiefinnerlichen Pessimismus vergegenwärtigt: alles, die ganze Weltgeschichte mit ihren äußersten Härten habe ich so gewollt und will es wieder so, bis in alle Ewigkeit!

Aber, der Frau Harun sei Dank, es giebt auch eine heitere Form des Gedankens von der ewigen Wiederkunft.

Wir sahen vorhin, wie diese Dichterin ein Uebermädchen den Herrn Schwager, der allzudreist wird, kurz und bündig totschießen läßt.

Die Situation ist kritisch. Die Geschworenen in Deutschland haben leider keinen Funken von der romantischen Galanterie der französischen; dem armen Uebermädchen bleibt nichts Besseres übrig, als sich selber auch hinabzuthun, und sie ist auch sogleich dazu entschlossen. Aber die Laune läßt sie sich dadurch nicht verderben. Das ist nur ein Uebergang, meint sie; ich werde wiederkommen, und die Zeiten werden immer besser. Ist's nicht in der nächsten Generation, dann in einer der späteren, einmal erlebe ich's doch, daß wir Weiber das Heft in die Hand bekommen, und dann sollt ihr Männer was erleben!

Des Meisters Lehre von der ewigen Wiederkunft erscheint also hier in einer milden Verklärung. Nennen wir sie: die Lehre vom fidelen Wiedersehen.

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