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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 15
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Vestigia

»Wenn ich nicht Alexander wäre, so möchte ich wohl Diogenes sein.«

Jedes feine Ohr wird die leise Sehnsucht vernehmen, die da durchklingt; sonst wäre ein Fußtritt natürlicher gewesen.

Aber das brutal Großartige in Alexander, das Zertreten alles dessen, was dem Stürmenden über den Weg lief, das Aufschäumen seines Machtwillens, kurz sein Uebermenschentum kam nur in solchen Augenblicken zum Durchbruche, wenn er dionysisch im strengen Sinne war: betrunken.

Und dabei war die Zeit so geeignet für Uebermenschen!

Man sollte statistische Erhebungen veranstalten, nicht unter hysterischen Weibern und jenen kostbaren Produkten des fin de siècle, hysterischen Männern, sondern unter verständigen und ernsthaften Leuten, wer wohl schon einen Uebermenschen lebendig gesehen hat.

Außer den Direktoren der Irrenhäuser und denen der Strafanstalten wird sich schwerlich jemand melden.

Aber in den Romanen, da laufen sie, ihrer eigenen Natur zuwider, in Massen umher, so daß man sich erstaunt fragt: Mein Gott, wo hatt' ich denn meine Augen, daß ich gar nicht sah, wie die Welt voller Uebermenschen ist? ......

Manuela (schon der »süße« Name sagt, daß sie kein Ueberweib ist) hat einen gewissen Jost geheiratet und ist gestorben. Jost hat dann eine Jungfrau Namens Sigrid geheiratet, Manuelas Gesellschafterin. Es geht ein Gerücht, beim Tode Manuelas wäre nicht alles mit rechten Dingen zugegangen.

(Aha! Jost, Sigrid – das klingt auch schon anders als Manuela!)

Da kommt über See ein exotischer Millionär.

Das ist ein Kerl! Er war der Schrecken der Seeräuber. Er besitzt: 1. eine märchenhaft eingerichtete Jacht, die er gelassen zu einem Spottpreise verkauft, damit er nicht, einem Versprechen gemäß, der ihm unsympathischen Frau Sigrid eine Fahrt darin gestatten muß; 2. einen echten Dajack, dessen Gehen dem lautlosen Schwingen einer Fledermaus gleicht; 3. eine sechzehnjährige echte Malayin mit dem süßen Namen Liukai; 2 und 3 von unerhörter Treue, denn er hat sie aus den Händen von Sklavenjägern und Menschenfressern befreit; 4. zwei Hunde, deren gleichen die Welt nicht sah, groß, tapfer und stark wie Löwen; 5. eine phänomenale Meisterschaft in allen ritterlichen Künsten – einschließlich natürlich im Radeln.

Er ist Manuelas Jugendgeliebter, Josts Jugendfreund, und – selbstverständlich – der Rächer.

Innerhalb fünf Minuten hat er Sigrid in sich verliebt gemacht, eine Kleinigkeit, über die sich Jost aber doch ärgert, ebenso wie über perfide Anspielungen auf schlechtes Gewissen, und, last not least, über Niederlagen im Sport, die ihm der Exotische beibringt.

»Nun, das ist doch klar: der Autor will die Marlitt parodieren!«

Ja, wenn der Schluß nicht zu herbe wäre für die Gute:

Jost fällt über den Jugendfreund her und will ihn erwürgen. Der Dajack ergreift eine daliegende Hantel und schlägt den Angreifer in den Rücken.

Es ist Pech, denn der Exotische hat, durchaus Marlittsch, ein ritterliches Ende gewünscht, ein Duell. Aber das geht nun nicht mehr.

Sigrid übernimmt die Pflege des zum Tode verletzten, der aber, – und das ist der Haken, – möglicher Weise noch Jahrzehnte lang als vegetierendes Halbwesen seiner Pflegerin lästig fallen kann. Sie bringt ihm eine unverantwortliche Dosis Morphium und Chloral bei.

Jost erwacht aus einem Totenschlafe, nicht sehr vertrauensvoll in die Zukunft blickend. Er hört seinen Gegner im Zimmer über sich kramen. Er ruft ihn zu Hilfe. Jener kommt auch ritterlich herbei, und nach einer kurzen, aber ziemlich edeln Aussprache drückt er dem Jugendfreunde einen geladenen Revolver in die Hand und läßt ihn allein.

»Ja, das ist allerdings nicht mehr so ganz Marlittsch. Es ist ein Gemisch von ihr und Geschichten wie der Rote Pirat und seine Geheimnisse, eine Jugendschriftstellerei, die so recht geeignet ist, die Phantasie der Knaben zu verwirren.«

O nein, das ist nicht für die Jugend geschrieben, sondern für die lieben Erwachsenen; und es war in einer Wochenschrift zu lesen, die unbestritten auf der Höhe der »Moderne« steht.

Siehe da das Rezept, einen Kolportageroman in moderne »Schriftstellerarbeit« umzuwandeln. Mit wenigen Strichen ist es gethan.

Jost und Sigrid haben etwas edles, und sind dabei doch recht gemeine Naturen. Starkgeistig ist besonders Sigrid, – die Frauen sind das gewöhnlich mehr als die Männer, – und dabei offenbar ziemlich unwissend. (Das mag sich ja auch wohl häufiger vereint finden, als man denken sollte.) Beide sehr erpicht darauf, unter Niedertretung der Schwächeren »sich auszuleben.« (Sich ausleben muß Jeder, der ein bischen was vorstellen will.)

Der Exotische trieft von Edelmut. Dennoch hat er einmal vom sichern Mastkorbe aus Dutzende im Augenblick wehrloser Seeräuber niedergeknallt. Exotische Millionäre, die sich mit den Wilden herumschlagen, bekommen eben gar leicht einen Stich ins Uebermenschentum.

Denn das ist die Lösung.

Die drei Helden, aus Widersprüchen zusammengesetzt wie Nietzsches Musterbild selbst, sind Uebermenschen.

Der Verfasser hat sich legitimiert als Einer von der »Moderne«.

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