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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 14
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Also sprach –

Nietzsche verlangt mit Nachdruck mehr Kunst, nicht vom Künstler ausgeübt, nicht Kunstwerke, sondern eine das gesamte Leben durchdringende, verschönernde Kunst.

Wenn aber jenes Zukunftsideal verwirklicht wird, wenn nicht mehr Liebende sich finden, sondern die Paare durch so etwas wie eine künstliche Zuchtwahl bestimmt werden, wenn an Stelle des freien, anmutigen Spiels von Neigung, Werbung und Wettstreit die bedächtige Frage tritt: welche Kinder werden wir zeugen? – dann könnte man um den künstlerischen Rest, der unserm Leben noch erhalten ist, angst und bange werden.

Man hat gesagt, Nietzsche sei freilich nicht der große Philosoph, für den er sich hielt, aber ein Künstler, ein Dichter – welche Künstlerschaft sich selbstverständlich einzig im »Zarathustra« geoffenbart hätte.

In einer Besprechung über »ältere Kunst und die Seele der Gegenwart« meint Nietzsche, Beethovens Musik, so gespielt wie von ihm gemeint – »historisch vorgetragen« drückt er es aus – würde »nicht zur Seele der Gegenwart, sondern gespenstisch zu Gespenstern reden!«

(Statt Seele der Gegenwart setzte er wohl richtiger ihre Nerven.)

Er läßt nun Beethoven wieder auferstehen und zuhören, wie ein moderner »Meister des Vortrags« eine seiner Sonaten »beseelt«. Beethoven schwankt eine Weile zwischen Segnen und Fluchen, hält sodann einen bedächtigen Vortrag, dies sei »weder Ich noch Nicht-Ich« und schließt mit den Worten: »So habt denn Recht und laßt mich wieder hinab.«

Neuerdings hat man ja Beethovens Art, sich auszudrücken, aus mehreren aufgefundenen Briefen in ungemein charakteristischer Form kennen gelernt. Danach würde er, wenn er einen unserer Sterne des Klaviers seine Sonaten mit der modernen »Beseelung« vortragen hörte, sich doch wohl wesentlich kürzer fassen; am Ende möchte er sich auf ein einziges Wort beschränken: »Saukerl«.

Die angebliche Verfeinerung und Beseelung der Modernen ist in Wahrheit nichts anderes als ein nervöses Verweiblichen der Kunst, ein Durchdringen nicht mit dem Goethe'schen »Naturell«, sondern mit dem sprunghaften, gewaltsamen, schwächlichen, krankhaften, was man unter der Bezeichnung hysterisch zusammenfaßt.

Da giebt es nicht jenes langsame Entwickeln des monumentalen, organischen Grundgedankens bis zu seiner höchsten Tiefe und Gewalt, das die ganze Kraft und die ganze Besonnenheit des Meisters erfordert, das uns aber auch unwiderstehlich mit sich zieht auf die Höhe des Erhabenen oder in den Sturm der Leidenschaften; nicht jenes bewußte Nachlassen, jenes weise Beschränken, das dem Künstler und dem Genießenden Raum giebt, sich auszuruhen, zu sammeln.

Wie die Beredtsamkeit der Weiber setzt das moderne Kunstwerk sogleich mit dem ein, was es sich als seinen höchsten Gipfel aufsparen sollte; kann nicht eine Sekunde inne halten, ehe es uns nicht alles, was es uns zu sagen hat, laut und zungenfertig ins Ohr gerufen hat, – woraus es denn, nachdem sein Pulver verschossen ist, da es sich doch noch lange nicht entschließen mag, zu enden, seinen Sermon von vorne anhebt, ohne selber zu merken, daß es uns ewige Wiederholungen in wenig geänderter Form auftischt.

Die dummen Jungen der Litteratur, die niemals aussterben, zucken die Achseln über die Symbolik des alten Goethe, wie ein Gamin, die Hände in den Hosentaschen, sich das Denkmal eines großen Mannes ansieht.

Gewiß, im zweiten Teil vom Faust ist manches symbolisch. Aber es geschieht auch etwas, und zwar vieles, was keineswegs symbolisch ist.

Nun aber dagegen ein Buch wie Zarathustra! 476 – in Buchstaben: vierhundertsechsundsiebenzig – Seiten, vom ersten bis zum letzten Buchstaben symbolisch, und was für eine Symbolik.

Ein echtes Kind der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, nervös bis in das Mark, grillenhafter Beobachter seiner eigenen peinlichen Empfindungen, kleidet seine zugleich unruhigen und spitzigen Gedanken in die Posaunen gleich zu allem Volke tönenden Worte eines Propheten vom Berge Horeb. Das mag zu ertragen sein, als das, was es eben ist: ein gelegentlicher Einfall; aber nicht durch – schlecht gerechnet – hundertfünfzig Kapitel, die ohne Ausnahme mit den Worten »also sprach Zarathustra« schließen.

»Er hat es gesagt« – das ist eigentlich erst zulässig, wenn »er« längst tot ist, oder aber, in spärlich durch die Jahrhunderte verteilten Fällen, es als Lebender zu so unermeßlichen Wirkungen gebracht hat, wie Goethe und Bismarck; wenn aber Einer unausgesetzt von sich selbst ruft: »Er hat es gesagt«, so denkt der Leser von Geschmack etwa: der parodiert wohl absichtlich den Mißbrauch des Goetheschen »Nur die Lumpe sind bescheiden!«

So fehlt denn auch im »Zarathustra« jede Steigerung – natürlich: was soll sich denn noch steigern, wenn jedes Wort ein ganzes und sicheres Evangelium darstellt? Und von diesem Gesichtspunkte aus lassen wir uns auch die unendlichen Wiederholungen in Ergebenheit gefallen: ein Evangelium verträgt es wohl, in zwanzig verschiedenen, wenn auch einander recht ähnlichen Formen erzählt zu werden.

Daß man aber ein großes, dickes Buch, angefüllt vom ersten bis zum letzten Buchstaben mit Sentenzen, die wie Hammerschläge niedersausen, jeder einzelne mit der gleichen Muskelkraft geführt, wie der vorhergehende und der folgende, und das alles gekleidet in eine Symbolik, deren Mannigfaltigkeit so eben für einen halben Akt im zweiten Teile des Faust gereicht hätte, – daß man dies mit Erfolg als das Werk eines Dichters ausruft, kaum sechzig Jahre nach Goethes Tode, – das ist eben auch ein Teil der schalen Komödie »Moderne Literaturgeschichte«.

»Ich muß einen Irrtum berichtigen. Der Vorname unseres Urgroßonkels mütterlicherseits war nicht Klaus sondern Kasimir.«

So berichtet in viel gelesenen Zeitschriften Nietzsches pietätvolle Schwester mit wissenschaftlichem Ernste. Die Gemeinde horcht, schreibts nieder mit emsigem Griffel und atmet auf. »O, eine verdienstliche Enthüllung! Welches Unglück, wenn sich dieser Irrtum wie eine ewige Krankheit durch die Jahrhunderte fortgeschleppt hätte! Was wäre das für eine Nachwelt geworden, die sich in dem Wahne verrannt hätte, Nietzsches Urgroßonkel mütterlicherseits hätte mit Vornamen Klaus gehießen!«

Zweimal hat sich das deutsche Publikum im Falle Nietzsche blamiert.

In der zweiten Blamage ist es gerade mitten drin.

Götz von Berlichingen und die Leiden des jungen Weither haben die Litteratur jener Zeit nicht annähernd so beeinflußt, wie der »Zarathustra« unsere moderne, wesentlich von Damen bereitete Lesekost.

Wenn die Uebermenschen sich ausgetobt haben, und die Dinge mit der unangenehmen Deutlichkeit der Ernüchterung betrachtet werden müssen, wird man mit Beschämung erkennen, daß die »Moderne« ein Buch als ihren Kodex angesehen hat, durch dessen Zeilen allenthalben, oft verschwindend, aber gespenstisch immer wieder auftauchend der beginnende Wahnsinn grinst. Die Psychiatriker werden das Wort haben. Sie werden sich darüber äußern, ob nicht die maßlose Selbstüberschätzung Nietzsches den »fixen Ideen« untergeordneter Geister, die sich für Kaiser und Könige halten, verwandt ist. Eine fernere Seltsamkeit, schon aus früherer Zeit als »Zarathustra« wird ihre Aufmerksamkeit erregen: ein geradezu peinigendes Suchen nach Gründen, wo keine sind.

»Hinaus ins Feld, ins Freie, wo wir hingehören!« sagt Goethe, und es bedarf nicht weiter Fragens.

»Wir sind deshalb so gern in der freien Natur, weil sie keine Meinung über uns hat«, behauptet Nietzsche.

Gewiß, hier spricht wieder der Mönch in der Klause. Aber man wird doch auch daran erinnert, daß in allerhöchstem Grade nervenkranke Personen sich mit Fragen quälen, wie die, warum die Bäume höher sind, als die Menschen.

Und auch über jene andere Seite werden sich die Aerzte zu äußern haben:

»Ihr müßt mich nicht nach Gründen fragen. Es ist lange her, daß ich meine Meinungen gebildet habe.«

Das ist ein Leitsatz für den »Zarathustra«.

Wie kann der wilde Hasser jeder Autorität uns so etwas zumuten? Wie kann er selbst sich damit begnügen? Er weiß doch wohl am eigenen Leibe, daß jedem Denkenden eine Meinung, die er nicht begründen kann, wertlos ist?

Nun, er hat es kaum ein Hehl: er weiß die Begründung wirklich nicht mehr. Jene stille Konzentration des Geistes, die erforderlich wäre, rückdenkend seine Meinungen vor sich selber zu begründen, ist seinem schon von der Krankheit angefressenen Gehirne nicht mehr möglich: er kann nur noch in Aphorismen denken. – Es war nichts weniger als eine Schwäche, daß Nietzsche selber aus dieser Not eine Tugend machte. Der geistig Hochstrebende wollte sich bethätigen, so oder so.

Eins darf man übrigens nicht verschweigen: daß Nietzsche zuletzt Aufsehen erregen wollte, Aussehen um jeden Preis, – das kann man wenigstens begreifen.

Er konnte beanspruchen, gehört zu werden.

Aber das ist jene erste Blamage:

Das deutsche Publikum, in der Verkennung seiner großen Männer unter allen toten und lebenden Kulturvölkern, die darin doch samt und sonders auch wackeres geleistet haben, unerreicht dastehend, hörte ihn nicht. Er paßte nicht in die Zeitungen, wie seine Sudermann und Gerhart Hauptmann.

»Wie? Dieser unermüdliche Nörgler hält sich darüber auf, daß andre Leute Nietzsche nicht gelesen haben? Was hat denn er gutes an ihm gelassen?«

Nun, zweierlei:

Erstens, er hat die Kunst der Sprache wieder – zu Ehren gebracht, kann man nicht sagen, denn er hat hierin keinen einzigen Nachfolger gefunden; aber doch geübt.

Zweitens, er war bei all seinen Irrtümern und Geschmacklosigkeiten ein höchst geistreicher Mann.

Das ist wenig, werden die Litteraten von heute sagen.

Mit Verlaub, meine Theuren, das ist mehr als ihr alle zusammen!

Wo ist denn noch Einer in der heutigen Generation, dem die deutsche Schriftsprache, dies kostbare Erbe einer großen litterarischen Vergangenheit, etwas anderes wäre als ein schwerfälliges oder aufgeputztes oder einfach ordinäres Handwerkszeug?

Einige von den »Alten« schreiben ein ernsthaftes, verständiges, geschmackvolles Deutsch. Von den Neuern kein einziger.

Seine eigene höchst persönliche Sprache aber hatte in unsern Tagen außer Nietzsche eigentlich nur Einer: Bismarck.

Und geistreich?

Die Modernen lächeln überlegen: Veraltet, mein Lieber. Wer verlangt denn Geist vom Schriftsteller? Sehen, sehen, sehen!

Ja, so ist es recht. Das ist allerdings modern. Ein – vielleicht früher zeitweilig vernachlässigtes – Moment herausgegriffen und zum allein seligmachenden Schlagworte gestempelt. Dabei stehen sich Schriftsteller und Kritiker gleich gut, besonders, wenn sie, wie in diesem Falle, ihr Schlagwort so umsichtig wählen, daß Einer, der sich unterstände, Reichtum an Geist zu zeigen, von vorn herein verdächtig wäre, er könne nicht ordentlich »sehen«. Aber es läßt sich auch niemand dabei betreffen.

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