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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 13
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Immo, tu es scolaris

In düstern Zellen, abgesperrt von Leben und Wirklichkeit, saßen die Mönche, die Träger der Bildung ihrer Zeit, und schrieben. Ihr Hauptthema waren ursprünglich die Tifteleien der Kirchenväter. Aus Dogmen, Theorien, dumpfigen Blasen des Gehirnes mußten sie ihre Welt schaffen, eine Welt, die mit der, welche da draußen webte und wirkte, nichts gemein hatte. Ueberzeugt von der absoluten Selbstherrlichkeit des menschlichen Geistes, hätten sie den aufs tiefste verachtet, ihn auch wohl verbrannt, der gelehrt hätte, dieser Geist könne sich nur durch Eindrücke von außen heranbilden. Erfahrung und Anschaulichkeit lehnten sie ab mit einem Hochmut, der heute, wie schließlich jeder Hochmut, etwas komisches hat.

Unermeßlich sind die Folgen dieser Denkungsart, die wir die scholastische nennen. Goethe war es, vor dessen hellem Auge das Grübelwesen verflog, wie ein nächtlicher Nebel vor der Morgensonne.

Aber wir müssen uns nicht einbilden, hier wenigstens wäre die Spur des Olympiers an keiner Stelle mehr zu verwischen.

Hinter ihm schlug der Nebel wieder zusammen, und soviel auch seitdem gegen ihn gethan ist – besonders auch durch Schopenhauer – die Jahrhunderte haben ihn in so dichten Ballen auf die Erde gebreitet, daß man immer wieder unversehens mitten darin ist.

Mit der armseligen Einseitigkeit unsrer »realistischen « Bildung läßt sich eine Kultur – das bedeutet die Scholastik denn doch immerhin – allerdings ignorieren, aber ganz gewiß nicht überwinden.

Nietzsche bemerkt mit Recht, daß auch Schopenhauer zu Zeiten ins Scholastische – Nietzsche drückt es anders aus – zurückfällt.

Aber von dem langen Zopf, der ihm selber hinten hängt, hat er keine Ahnung.

Mit wie kurzsichtigen Gelehrtenaugen er das wirkliche Leben – das man seine ewig spröde Geliebte nennen könnte – betrachtete, zeigt sich an gelegentlichen Aeußerungen, wie: es fehle den Südländern an Erwerbssinn. Das sagt er, der so lange in Italien gelebt hat!

Nirgends aber zeigt sich Nietzsches Mangel an Anschaulichkeit deutlicher, als wo er über Frauen spricht.

Er selber klatscht sich allerdings Beifall: »Wenig kennt Zarathustra die Weiber, und doch hat er Recht über sie.« – Wirklich?

Die Frauen haben es überall verstanden, meint er unter anderm, sich durch Unterordnung den überwiegenden Vorteil, ja die Herrschaft zu sichern.

»Selbst das Pflegen der Kinder könnte ursprünglich von der Klugheit der Weiber als Vorwand benutzt sein, um sich der Arbeit möglichst zu entziehen.«

So etwas spintisiert sich ein echter Klosterbruder zurecht. In einer Umdrehung könnte solcher Einfall auch im Hirne eines jener Schreckensweiber entstehen, die mit stechenden Augen von der Tribüne hinabstarren und gellend in den Saal kreischen: Die Männer haben sich seit Jahrtausenden in teuflischer List verbündet, uns zu knechten, auszusaugen, zu schinden!

Nietzsche hätte sich am Ende sagen können, daß eine so uralte und allgegenwärtige Einrichtung wie die, daß die kleinen Kinder von den Müttern gepflegt werden, nicht auf einem so ephemeren Dinge, wie berechnender Schlauheit, beruhen kann. Und wenn er sich hie und da zu dem »achtbaren aber mittelmäßigen Engländer« herabgelassen, die Natur beobachtet hätte, so wäre ihm wohl nicht entgangen, daß bei einer sehr großen Klasse von Geschöpfen die Männlein schlechterdings nicht im Stande sind, das wichtigste für ihre Jungen zu thun: es sind die Säugetiere, zu denen ja auch wir gehören.

»Die Abgötterei, welche die Frauen mit der Liebe treiben, ist im Grunde und ursprünglich eine Erfindung der Klugheit, insofern sie dadurch ihre Macht erhöhen und sich als begehrenswerter darstellen.«

Der gewiegteste Staatsanwalt kann diesem Spürsinne gegenüber einpacken; was ist der dolus eventualis im Vergleich mit einer so tief verborgenen Hinterlist, wie sie Nietzsche an den Frauen enthüllt!

Mit der Erfüllung ihrer speziell weiblichen Obliegenheit, dem Führen des Haushaltes, verstehen sie nach ihm aus gleichem Grunde ein »sinnverwirrendes Aufsehen« zu machen.

Nein, das thun nur die schlechten Hausfrauen. Die guten machen es im Gegenteil wie die echten Künstler: sie lassen die Schwierigkeiten nicht merken.

Erstaunt begegnen wir dem Moralzertrümmerer als gestrengem Moralisten: »Jene Mädchen, welche allein ihrem Jugendreize die Versorgung fürs ganze Leben verdanken wollen, und deren Schlauheit die gewitzigten Mütter noch soufflieren, wollen ganz dasselbe wie die Hetären, nur daß sie klüger und unehrlicher als diese sind.«

In diesem Falle ist freilich der Mangel an Anschaulichkeit durchaus respektabel: Nietzsche hat sicherlich nie eine Hetäre gesehen. Er könnte sonst unmöglich verkannt haben, wie gründlich er mit jener Gleichstellung vor der lebendigen Wirklichkeit Unrecht hat.

Hören wir ihn über die Ehe. In der Bibel der »Nietzscheaner«, im Zarathustra, empfiehlt der Meister eine »Ehe auf Probe«, und es ist herauszuhören, wie schöpferisch er damit so manches Uebel beseitigt zu haben glaubt, und wie er sich als wilden Revolutionär fühlt.

Sicherlich würden viele Verständige den Gedanken gar nicht so übel finden.

Nur freilich: bei jeder wissenschaftlichen Aufgabe nehmen wir an, daß der ihrer Lösung am wenigsten nahe kommt, welcher die Schwierigkeiten nicht bemerkt.

Nietzsche erörtert nur eine Frage nicht: was soll aus den Kindern werden, wenn die Ehe die Probe nicht besteht?

Er übersieht, daß nie ein Mensch darauf gekommen wäre, die Ehe für eine »heilige« oder auch nur vom Staate zu schützende Institution zu erklären, wenn sie nicht bestimmt wäre, Kinder zu erzeugen.

Aber solche Bedenken fechten ihn nicht an; geistreich um jeden Preis, du sollst und mußt verblüfft werden.

Er begreift auch sonst recht gut, daß die Ehe im Grunde nur der Kinder wegen da ist.

»Pfeil und Wille zum Uebermenschen« soll sie sein; »Seelenfreundschaft zweier Menschen verschiedenen Geschlechts, zum Zweck der Erzeugung und Erziehung einer neuen Generation geschlossen.«

Es ist schade, daß der erhebende Gedanke an solche »Seelenfreundschaft« so leicht durch die Erinnerung an Verse gestört wird, wie

»Dämmrung war es, als Adele
Mit dem Freunde ihrer Seele« –

Doch hat dies instinktiv mißtrauische Lächeln bei dem Worte »Seelenfreundschaft« seinen guten Grund: die Natur ist es, die sich dagegen auflehnt.

Auch dafür weiß Nietzsche Rat: der Mann mag sich neben der Frau noch eine Konkubine halten, meint er gelassen.

Wie es sich gehört, sehen wir auch hier von jedem Einwand ab, der irgend in gut und böse wurzelt, und fragen nur: wie, wenn der Ehemann mit der Konkubine auch Kinder zeugt? Wird dann auch sie zur »Seelenfreundin«, so daß nun wieder eine neue Konkubine nötig wird, und so fort?

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