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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 12
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Wächst er nun heraus?

»Starke Wasser reißen viel Gestein und Gestrüpp mit sich fort, starke Geister viel dumme und verworrene Köpfe.« (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. Bd. I. S. 541.)

Es gab damals noch keine »Nietzscheaner«, sonst hätte sie ihr Meister am Ende doch etwas schonender behandelt.

Welche Ausdrücke hätte er wohl über Leute gebraucht, die sich von einem eingebildeten Starken fortreißen lassen!

Wenn man Nietzsches eigensten Worten ohne weiteres glauben dürfte, so wäre er allerdings der Freieste der Freien. Die Wörter Freigeist und Freigeisterei kehren in »Menschliches, allzu Menschliches« so oft wieder, daß jeder Leser von Geschmack ihrer von Herzen überdrüssig wird.

Kein Erfahrener wird nun aber einem Geschäftsmanne trauen, der mehr als durchaus notwendig von Redlichkeit spricht. Männer wie Spinoza, Kant, Schopenhauer haben den Ausdruck Freigeisterei denn auch nicht häufiger gebraucht, als Hinz und Kunz.

Man wird also Nietzsches Freiheit mit aller Skepsis zu prüfen haben.

Der Schreiber dieses ist nichts weniger als ein gläubiger Christ. Aber er kann den Mann nicht für frei halten, auf den das Wort Christentum wirkt wie ein rotes Tuch auf einen Stier. Der wie der urteilsloseste Volkshaufe einen eben noch fast blindlings vergötterten – Richard Wagner – mit Steinen bewirft, aus dem einzigen Grunde, weil er »am Kreuze zusammengebrochen« ist. Der sich nicht für zu groß hält, um wie ein Straßenjunge zu schimpfen: »Die Priester sind Beefsteakfresser«.

Ist dies das von ihm so sehr bewunderte Goethesche »Ansichherankommenlassen«, worin sich die höchste Freiheit bethätigt?

Zweierlei fällt an Nietzsche ins Auge: das Feminine und das Scholastische.

Feminin ist die Vorliebe des kränklichen Gelehrten für den robusten »Uebermenschen«, feminin seine Sucht, über alles und jedes mitzureden, auch wenn ihm der Gegenstand so fremd ist, wie der Frau Harun das ästhetische Grundgesetz des Maßhaltens, feminin endlich seine unglaubliche Selbstüberschätzung.

Dieser Drang, über alles reden zu wollen, führt den Unseligen sogar auf die Politik. Den Kulturkampf erklärt er so: Um Frankreich und Rußland zu entfremden, muß Deutschland dafür sorgen, daß Frankreich so gründlich wie möglich katholisch wird. Dies geschieht, indem Deutschland den Katholizismus bekämpft, denn um so intensiver wird er sich auf Frankreich werfen.

Es ist schade, daß Bismarck dies, wie es scheint, nicht gelesen hat. Er hätte doch endlich einmal erfahren, was er sich bei dem Kulturkampf eigentlich gedacht habe. Wenn er aber, wie man es ihm ja leider zutrauen kann, sich auch von Nietzsche nicht hätte belehren lassen, so wäre dem Alten doch die vergnügte Viertelstunde, die ihm die Lektüre dieses politischen Tiefsinnes bereitet hätte, von Herzen zu gönnen gewesen.

Der Staat, meint Nietzsche, würde als ein pudendum betrachtet, d. h. über seinen innern Grund dürfe durchaus nichts erörtert werden. Dies beruhe auf stillschweigender, allgemeiner Verabredung, und zwar deshalb, weil sonst sogleich offenbar würde, daß der Staat eigentlich gar keine Berechtigung aufweisen könne.

Wenn ein auf seine Kühnheit stolzer Primaner solche Weisheit von sich giebt, wird ihn ein verständiger Lehrer lächelnd ausreden lassen und ihm dann etwa sagen: »Lieber, junger Freund, wenn Sie Ihre Abiturienten- und demnächst Ihre Staatsprüfung werden bestanden haben, dann lesen Sie einiges von dem, was kluge Männer über dies angebliche pudendum geschrieben haben. Nach dieser Vorbildung sehen Sie sich den Staat, wie er Sie allgegenwärtig und rastlos umgiebt, etwa zehn Jahre hindurch offenen Auges an. Und dann wollen wir weiter über den Staat als pudendum reden.«

Und Nietzsche fühlte sich gerade an dieser Stelle seiner Entwickelung als Historiker, lächelte mitleidig über die Philosophen, die so gar nicht historisch zu denken verstehen!

Ueberall dieselbe schon halb verrückte Selbstüberhebung: ein Hammerschlag und in Scherben liegt der Staat, wie vorhin die Moral, zu den Füßen des Dr. phil. Friedrich Nietzsche.

Darwin nennt er den »achtbaren aber mittelmäßigen Engländer«. Man hört heraus, wie geistreich und überlegen er sich dabei vorkommt. Aber dieser »achtbare«, still seinen mühsamen Weg gehende Gelehrte ist denn doch unermeßlich viel weiter gekommen, als der genial hüpfende Aphorist. Wenn Darwin auch einmal überholt sein wird, er bleibt ein Eckstein der menschlichen Erkenntnis. Wie bald wird dagegen Nietzsche in die Luft ragen, über seine Umgebung freilich hinausgewachsen, aber eine kleine Spitze für sich, ein etwas wunderliches Zierwerk; schade immerhin, wenn es nicht da wäre, indessen für das Gebäude doch recht unwesentlich.

Die Sucht, als kühner Neuerer aufzutreten, äußert sich bisweilen in den spaßhaftesten Schrullen, so wenn er regelmäßig zwischen Substantiven und diesen gleichwertigen Adjektiven oder Participien das Komma wegläßt, zum Beispiel: »... wenn diese den Eindruck des Geistreichen Hinreißenden Belebenden Kräftigenden macht.«

Er hat wohl nicht gewußt, daß ihm diese kühne Neuerung ein Dichter vorweg genommen hat: »Es lief ein Hund in die Kuchen in den Speisesaal ins Laboratorium ins Refektorium.«

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