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Mehr Goethe

Rudolf Huch: Mehr Goethe - Kapitel 10
Quellenangabe
typeessay
authorRudolf Huch
titleMehr Goethe
publisherGeorg Müller
printrunFünftes bis siebentes Tausend
year1904
firstpub1899
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151206
projectid03cbebcd
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Der große Moment

Jemand ist versucht, etwas unehrenhaftes zu thun: Die Frau eines Freundes hat sein Blut in Wallung gebracht. Er will widerstehen. Sie verzieht den Mund zu jenem Lächeln, das grimmigere Pein bereitet als Zorn und Haß.

»Wie unmodern!« flüstert sie.

Was ist nun dies modern, dies Zauberwort, das einer Varietät der Menschen ihre geheimnisvolle Ueberlegenheit giebt?

Es scheint ein Wort von einer umfassenden Bedeutung. Zugleich müßte es zu allen Zeiten dagewesen sein: es ist z. B. sicher einmal modern gewesen, einen Kreuzzug »mitzumachen«.

Dennoch läßt sich für jenes Modern, das niemals ausgesprochen oder auch nur gedacht wird, ohne daß die Geweihten sich vor einander verbeugen und die Unmodernen verachten, sogar die Geburtsstunde bestimmen.

Das Dogma von der Willensfreiheit war vor dem Scharfsinne Kants und Schopenhauers gefallen. Aber die moralische Verantwortlichkeit mußte gerettet werden.

Die beiden Meister stützten das Gebäude, indem sie das Dogma von der intelligibeln Freiheit des Willens einschoben, und Kant leitete daraus seinen kategorischen Imperativ ab. Bei Schopenhauer liest man bereits zwischen den Zeilen, daß es mit dieser Freiheit so gar viel im Grunde nicht auf sich hat: sie ist eigentlich nur dazu gut, daß der Wille, nachdem er sich in seiner ganzen Verwerflichkeit erkannt hat, sich verneint und ins Nichts flüchtet.

Der Beweis für das Dasein einer intelligibeln Freiheit ist der mangelhafteste, den es giebt, sie wird eigentlich nur aus dem Gefühle bewiesen, aus der unmittelbar empfundenen Gewißheit: es muß irgendwo eine Freiheit geben.

Es gehörte kein Riese dazu, um diesen Stein wegzuziehen; wer nur erst den Entschluß gefaßt hatte, für den war es auch schon gethan.

Aber die Meister hatten ihn mit solcher Baukunst eingeschoben, daß mit seiner Wegnahme das ganze, uralte Gebäude zusammenstürzte.

So war es am Ende wohl erklärlich, daß Friedrich Nietzsche, nachdem er verkündet hatte: es giebt keine intelligible Freiheit, also giebt es auch keine Verantwortlichkeit – sich wie ein himmelstürmender Titan erschien. Er war es, er, der furchtbare Besieger der Moral, der Verkünder einer unermeßlichen, ungeahnten Freiheit, der Prophet eines völlig neuen Zeitalters: dem der völligen Verantwortungslosigkeit. – In Wahrheit war nur bewiesen, daß sich philosophisch weder eine Freiheit des Willens, noch eine Verantwortlichkeit konstruieren läßt.

Wer darf nun noch Strafen verhängen? fragte Nietzsche triumphierend. Aber siehe da: der Racker von Staat ließ das Strafgesetzbuch ruhig bestehen, als hätte kein Nietzsche aufgeklärt; die menschliche Gesellschaft fuhr in ihrer ewig gestrigen Stumpfheit fort, böse und gut zu unterscheiden.

Das war es: Diese ganze Untersuchung hat nur einen gewissermaßen fachlichen Wert, den einer philosophischen Doktorarbeit.

Jede menschliche Gesellschaft wird so handeln, als glaubte sie an eine Verantwortlichkeit. Uebrigens: auch Nietzsche selber konnte natürlich ohne Wertschätzungen niemals auskommen; schon von diesem Gesichtspunkte aus ist sein Uebermensch eine Inkonsequenz.

Seine Anhänger, die sich bei so langweiligen Dingen wie Konsequenz niemals aufhalten, erkannten richtig, daß Nietzsche immer nur Theoretiker geblieben ist. Nicht zu einem simpeln Ehebruch hat er es gebracht. Dies nachzuholen, die kühne Theorie in noch kühnere Thaten umzusetzen, sind die »Nitzscheaner« mit Eifer und Erfolg bestrebt.

Das ist der Kern, ist die eigentliche Wesenheit dessen, was die Begeisterten, ein Weiberhaufe an der Spitze, der bestürzten Welt als »die Moderne« verkünden.

Man vernahm vor einiger Zeit, daß eine der Führerinnen, eine ganz, ganz Unabhängige, einen Türken geheiratet hat.

O Gott, dachte man mit schaudernder Bewunderung, dieser mutige Moslemite legte sich einen Harem von Ueberweibern an. Welch ein Kismet!

Aber es liegt ein wenig anders.

Als die Moderne ihren Harun Bey, der damals noch anders hieß und kein Türke war, zum Gatten begehrte, stand ein kleines, gewissermaßen formales Hindernis im Wege: er war bereits verheiratet, und unsere zopfige Gesetzgebung gestattet bekanntlich nur einen Mann und eine Frau. Was lag näher, als daß er sich zum Islam bekehrte?

Es gab allerdings schließlich auch andere Wege für die beiden Uebermenschen, zu einander zu kommen. Warum wählten sie gerade diesen, der – gut und böse ganz bei Seite gelassen – für jeden Unbefangenen geschmacklos bis zum Widerwärtigen ist? Ganz einfach: die Sache erregte so mehr Aufsehen. Die Unabhängige sonnt sich in der Bewunderung der Modernen im Lande und schwillt vor Hohn, wenn sie an die dummen »Moralisten« denkt.

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