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Gutenberg > Ossip Schubin >

Maximum

Ossip Schubin: Maximum - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleMaximum Bd. I
authorOssip Schubin
firstpub1896
year1907
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleMaximum
pages1-144
created20050301
sendergerd.bouillon
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In dem Juwelierladen, wo von allen Seiten Diamanten auf sie niederblitzten, standen sie einander gegenüber, Mutter und Sohn.

Sie reichte ihm die Hand, auf die er mit fast andächtiger Zärtlichkeit die Lippen drückte. Dann ihm leicht über den Oberarm fahrend, fragte sie: »Nun, was sagst du zu der Überraschung? Bin ich eine brave Mama, was? Selber herzureisen, anstatt dich mit einem trockenen Brief abzufertigen . . .« Ihre großen Augen blickten heute schalkhaft, und ein Lächeln voll unbeschreiblichen Liebreizes umspielte ihren schönen, etwas strenggeformten Mund. So freundlich und fröhlich hatte er sie noch nie gesehen. Der Wohllaut ihrer Stimme umschmeichelte ihn wie eine Liebkosung, ihr Lächeln drang ihm wie ein Sonnenstrahl ins Herz. Seine ganze Angst war wie weggezaubert, und der fürchterliche Verdacht, der ihn gequält hatte, kam ihm jetzt wie der reinste Unsinn vor – ein Wahnbild, wie es kranke Nerven erzeugen.

»Wer ist denn übrigens der alte Vagabund, mit dem du in ein so eifriges Gespräch vertieft warst?« fuhr sie fort. »So gut ich's von hier aus wahrnehmen konnte, schien mir das Individuum deiner Teilnahme nicht wert.«

Ganz unbefangen sagte sie das. Wie lächerlich, daß er einen Augenblick hatte fürchten können . . .

»Der Alte ist ein großartiges Exemplar in seiner Art,« versicherte er, »es liegt sehr viel Schönes und Edles in ihm begraben, liebe Mutter, und ich möchte ihn gern aus dem Sumpfe herausretten, in den er sich verirrt hat!«

Sie schüttelte mitleidig den Kopf. »Aus dem Wasser kannst du jemand retten,« sagte sie traurig, »aus dem Sumpfe nicht. Aber ich will dich nicht betrüben, mein Liebling. Gott erhalte dir dein weiches Herz, und etwas wird sich wohl immerhin tun lassen für deinen alten Schützling, nur verliere dich nicht zu weit in deinen wohltätigen Absichten. Ein bißchen Vertrauen könntest du, glaube ich, dem Urteil deiner alten Mutter schenken, denn schließlich verdankst du's ihr doch, daß du heute, hm . . . anstatt der Gatte einer russischen Tingeltangelfürstin, der Bräutigam eines ganz entzückenden Mädchens bist.«

»Mutter! . . . Kennst du sie denn?«

»Ob ich sie kenne!« Die Gräfin Ulenberg lachte. »Aber wir benehmen uns hier wie närrisch, machen den Eindruck, als ob wir einander ein Rendezvous gegeben hätten in dem Juwelierladen, und ich bin schließlich zu einem andern Zweck hierhergekommen. Ringe, das Schönste von Ringen, was Sie haben,« wendete sie sich an einen der Kommis, der, inzwischen mit einem höflich erstaunten Gesicht Mutter und Sohn betrachtend, den Augenblick abgewartet hatte, wo man seiner Dienste benötigen würde.

Bald glitzerte der mit grünem Tuch bespannte Ladentisch von kostbaren Kleinodien.

»Suche dir den Verlobungsring für deine Braut aus – nur keine Perlen, mein Verlobungsring war mit einer Perle besetzt.« Die Stimme der Gräfin zitterte. »Ich finde diesen da reizend,« sie deutete auf einen Brillanten, der, kaum merklich gefaßt, an einem dünnen Goldreif hing. »Gefällt er dir nicht?«

»Aufrichtig gesagt, Mutter, habe ich bereits einen Ring für Kitty – nur . . . nur durfte ich ihr ihn nicht schenken, solange deine Antwort auf meinen Brief ausblieb.«

»Armer Junge!« meinte sie. »Hoffentlich hast du dir keine Spinnen in den Kopf gesetzt wegen des Ausbleibens meiner Antwort. Wenn du schon einen Ring hast, so wollen wir dieses Nädelchen wählen, du kannst es heute deiner Braut in die Serviette stecken. Siehrsburgs essen bei uns im Paris,« sagte sie.

Freddy küßte seiner Mutter die Hand und dankte ihr für das große, ihm gespendete Glück. – Das Glück war wunderschön, aber er konnte es nicht recht genießen – denn in das Glück mischte sich schon wieder das kaum verschmerzte Angstgefühl . . . es war, wie wenn in ein hellerleuchtetes, großes, warmes Zimmer durch eine unsichtbare Ritze ein kalter Luftzug streicht, der ein unheimliches Flackern in den Kerzenschimmer bringt und einem ein widerwärtiges Frösteln in die Glieder treibt, ohne daß man eigentlich die Richtung anzugeben vermöchte, aus der er entspringt.

Als er mit seiner Mutter den Juwelierladen verließ, sah er sich nach dem sonderbaren Alten um. Er war verschwunden! »Unsinn, krankhafter Nervenspuk!« sagte sich Freddy. Nichtsdestoweniger klang seine Stimme scharf, als er, neben seiner Mutter auf das Hotel de Paris zuschreitend, fragte: »Jetzt möchte ich doch endlich erfahren, warum du meine Briefe so lange nicht beantwortet hast?«

»Aber Freddy! . . .« ermahnte ihn die Mutter, »ist das ein finsteres Gesicht, so mürrisch kenn' ich dich gar nicht. Und nur, weil man ein bißchen hat warten müssen. Warum ich deine Briefe nicht beantwortet habe? . . . Weil ich sie erst gestern erhielt. Sie waren indessen ruhig im Hotel liegen geblieben. Ich hatte mich nämlich plötzlich entschlossen, deinem Onkel Henry nach England entgegenzufahren, als er mir sein Eintreffen in London signalisiert hatte. Ich hatte dort verschiedenes geschäftlich abzumachen, wobei er mir behilflich war. Da ich anfangs gewähnt, meine Abwesenheit von Paris würde sich höchstens auf zwei Tage ausdehnen, hatte ich im Hotel zurückgelassen, man möge mir zwar Telegramme nachsenden, Briefe jedoch nicht. Aber mein Aufenthalt in England verzögerte sich von einem Tag zum andern – ich reiste von London zu Freunden – das und jenes . . . erst gestern, als ich mit Henry nach Paris zurückkehrte, fand ich deine Briefe. Aufrichtig gesagt, durchfuhr mich ein gelinder Schrecken über dein neues Verlobungsprojekt. Nebenbei mußt du wissen, daß das einzige Familienmitglied deiner entzückenden Braut, das ich bis heute kannte, die dicke Staatsrätin war – das war nicht vertrauenerweckend, und als du nun der Bitte der Angehörigen Kittys um Referenzen erwähntest, fand ich die Prätention ihrerseits mehr als sonderbar. Ich lachte geradezu auf. Dein Onkel war zufälligerweise anwesend und fragte mich, warum ich lachte. Als ich's ihm erklärte, nahm er mir deinen Brief aus der Hand, las ihn aufmerksam durch und meinte: ›Höre, Polly, die Sache ist nicht so ohne, ich habe Kitty als Backfisch gekannt, damals war ich verliebt in sie, der Altersunterschied allein verhinderte mich, um sie anzuhalten, nebenbei vielleicht auch der Umstand, daß ich fest davon überzeugt war, daß sie sich über einen Heiratsantrag von mir krank gelacht hätte – über einen Heiratsantrag unsres Jungen scheint sie sich nicht krank gelacht zu haben . . . ich denke, wir können nichts Besseres tun, als ihm schleunigst zu seinem Glück zu gratulieren.‹

»So dein Onkel! ›Nun ja, aber ihre Angehörigen,‹ wendete ich ein, und entwarf ihm mit kräftigen Strichen ein Porträt der Staatsrätin, er machte mit dem Zeigefinger sein beliebtes Verneinungszeichen und zeichnete mir ein ideales Bild der Eltern Kittys vor, wir zankten uns, schließlich machte er mir den Vorschlag, nach Monte Carlo zu reisen und mir die Sache näher anzusehen. Ich ging darauf ein. Vor zwei Stunden kam ich an, im Hotel de Paris fragte ich nach dir, man sagte mir, du seiest ausgegangen, würdest aber zum Speisen zurückkehren, wahrscheinlich früher, da du dringend einen Brief erwartetest; ich schickte Henry ins Kasino, nach dir zu sehen, dort warst du nicht, ich wußte nicht, wo ich dich suchen sollte! Erst wollte ich deine Rückkehr im Paris abwarten, dann . . . wurde mir die Zeit zu lang, ich verfügte mich mit Henry in die Villa Garibaldi, fand die ganze Familie beim Tee, und denke dir, mich besonnene, mißtrauische Frau überkam ein Begeisterungsanfall, wie ich ihn seit vierundzwanzig Jahren nicht gekannt habe. Ich verliebte mich auf den ersten Blick in Kitty und war in einer halben Stunde mit ihren Eltern so vertraut, als ob ich sie mein Lebtag gekannt hätte. Wir waren sehr heiter und machten schließlich aus, daß wir heute abend im Paris ein kleines Verlobungsdiner feiern wollten. Als ich in das Paris zurückkehrte, hatte dich einer der Pagen, ein nichtsnutziger, kleiner Schlaukopf, der sich Ange Mignon nennt, ausgekundschaftet. Er teilte mir mit, du säßest vor dem Café Riche und tränkest Kognak und Soda mit dem berühmten Monsieur Paul. Erst wollte ich Henry zu dir schicken, dann ging ich selbst, um zugleich den Verlobungsring anzuschaffen, Henry bestellte indessen das Diner. . . . Aber wie sonderbar du aussiehst, fast als ob du dich gar nicht recht freuen könntest! Um Gottes willen, Freddy! Hätt' ich mich vielleicht übereilt? . . . Dein Brief war so dringend, hätte es sich vielleicht bei dir wieder nur um eine flüchtige Neigung gehandelt? . . . Du bringst mich in eine entsetzliche Verlegenheit! Es ist doch nicht möglich, daß du . . .«

»Was?« fragte er scharf.

»Daß du Kitty nicht mehr lieb hast!« Sie sah ihn ängstlich an.

»Kitty nicht lieb,« murmelte er halblaut, »nein, Mutter, so etwas brauchst du von mir nicht zu fürchten. Vielleicht wär's besser, wenn ich sie nicht . . . aber nein, ich spreche Unsinn!« er griff sich an die Stirn. »Du mußt mir nicht böse sein, Mütterchen, aber ich bin wie blöd. Es ist alles zu schnell, zu unerwartet, meine Liebe zu Kitty kam so plötzlich wie die Blüte im Frühling, ich war selig, und von einem Hindernis, das sich meinem Glück entgegenstellen könnte, träumte ich nicht. Es schien mir alles so normal, fast zu normal für etwas so Schönes . . . Da kamen Kittys Eltern und fragten nach Referenzen – nach Referenzen – mich. Es erschien mir wie ein schlechter Spaß – erst . . . dann . . . fast wie eine Beschimpfung – fast – warum sage ich fast, geradezu als eine Beschimpfung erschien mir's. Ich dachte, unsre Familie sei in der ganzen Welt bekannt, und daß es mir vom Gesicht abzulesen sein müsse, daß ich ein anständiger Mensch bin, und daß alle, die zu mir gehören und gehört haben, ebenfalls anständige Leute sind oder gewesen sein müssen. Dann schrieb ich dir . . . und als du mir so lange nicht antwortetest . . . nun, da setzte ich mir schließlich Spinnen in den Kopf.«

Er holte tief Atem.

»Du dummer Junge!« verwies ihm die Mutter zärtlich, »daß die Liebe blind macht, das weiß ich schon lang, aber daß sie hypochondrisch macht, das erfahre ich zum ersten Male. Ganz elend bist du von deinen Grillen geworden. Warum hast du mir aber auch, anstatt zu telegraphieren, geschrieben – in so einem Fall telegraphiert man!«

»Man telegraphiert, wenn es sich darum handelt eine Verlobung anzukündigen, nicht wenn man . . .« er ballte die Faust, »wenn man aufgefordert wird, Belege für die Anständigkeit seiner Familie herbeizuschaffen! Nie . . . nie hätte ich mir's träumen lassen, daß man von mir . . . Referenzen verlangen würde!«

Die Gräfin lächelte mitleidig und zärtlich. »Freddy, mein Liebling, deine Empfindlichkeit ist mir geradezu komisch – du, der du sonst mit deinen unerschrockenen Augen der Sonne kühn ins Gesicht gesehen hättest, ohne zu blinzeln, machst plötzlich den Eindruck, als hättest du allen Ernstes Angst, es könnte etwas vorliegen, was einen Schatten auf deinen Namen wirft . . . ich begreife nicht, was dir einfällt.«

Freddy schwieg einen Augenblick. Sie hatten das Paris erreicht und waren in das niedrige, farbenbunte Vestibül getreten, das, mit phantastisch geformten Gefäßen aus türkisblauem oder himbeerrotem Valoriton geschmückt, außerdem mit Korbmöbeln und orientalischen Teppichen wohnlich ausstaffiert war. Es war ganz leer, nur ein paar Stubenmädchen mit gesteiften weißen Hauben und rosa Halsschleifen zu schwarzen Kleidern saßen vor dem Eingang in die Damengarderobenzimmer und sahen sich nach jemand um, der ihnen Eau de Cologne abkaufen würde.

»Sieh, Mutter, wenn ich der erste beste, ohne Anstellung auf der Welt herumlaufende junge Mensch wäre,« begann Freddy dumpf, »dann . . . dann wäre es ja lächerlich, zu verlangen, ein jeder müsse mir's am Schnitt meiner Nase ansehen, daß ich aus guter Familie bin, aber . . . ich bin österreichischer Gesandtschaftsattaché, mein Onkel ist ein in der ganzen Welt bekannter und geachteter Diplomat, die Ulenbergs gehören zu den ältesten Familien Österreichs, und dennoch . . . dennoch . . . das ist nicht aus der Luft gegriffen – es muß ein Vorurteil existieren gegen die Familie.«

»Ganz unbegründet ist es nicht,« erwiderte die Mutter ernst. »Die Ulenbergs sind verarmt, und mehrere von ihnen waren der schiefen Stellung, die ein gänzlicher Mangel an Vermögen einem jungen Manne mit glänzendem Namen im Leben anweist zum Opfer gefallen, sie haben sich auf der Welt herumgeschlagen irgendwie. Der eine von ihnen, ein Bruder deines Vaters, ist nach Amerika gegangen, nachdem er das Vermögen seiner Frau durchgebracht hatte, und ist dort verschollen. Man will ihn als Kellner in San Francisco wiedergesehen haben! Das habe ich deinem künftigen Schwiegervater mitgeteilt. Ärgeres hatte ich nicht zu sagen!«

Freddy war stehen geblieben. Grübelnd starrte er vor sich hin auf das schwarz und weiße Gequader des Fußbodens. »Nichts Ärgeres?« Dann plötzlich den Kopf hebend . . . »und mein Vater!« . . .

Eine jähe Röte stieg in die Wangen der Gräfin, sie zögerte einen Augenblick, dann sagte sie: »Dein Vater war ein ungewöhnlich begabter, genialer Mensch, er hatte große Fehler, durch die aber nie jemand gelitten hat als er und ich – er ist tot!«

In diesem Augenblick trat ein großer, brauner Mann in das Vestibül.

»Freddy, gratuliere . . . freut mich, daß ich gerade zu diesem freudigen Ereignis von Amerika herübergekommen bin – aber was für ein Gesicht? . . .«

»Es ist nicht mit ihm auszuhalten,« klagte die Mutter, »er hat sich Spinnen in den Kopf gesetzt, weil die Siehrsburgs bei Nennung des Namens Ulenberg die Köpfe geschüttelt und Referenzen verlangt haben. Ich weiß nicht, warum er sich einbildet, daß das Mißtrauen gegen seinen Vater gerichtet war.«

»Darüber kannst du dich vollständig beruhigen,« erwiderte ihm der Onkel, indem er ihm mit derber Herzlichkeit auf die Schulter klopfte, »gegen deinen Vater ist nichts einzuwenden gewesen, der war ein famoser, schneidiger Mensch. Schade, daß er so bald gestorben ist. Wenn er am Leben geblieben wäre, so hättest du jetzt ein halbes Dutzend Geschwister, die du verhätscheln und durchprügeln geholfen hättest, und wärst nicht ein verwöhntes einziges Kind, das sich wegen nichts und wieder nichts Grillen in den Kopf setzt wie ein hysterisches Frauenzimmer – aber da kommen Siehrsburgs – ich höre die mächtige Stimme der Staatsrätin. Ab mit dir – beeil' dich mit deiner Toilette und komm in fröhlicher Stimmung zurück!«

*           *
*

Das Verlobungsdiner hatte erst in der Villa Garibaldi stattfinden sollen, aber als die Staatsrätin die Mahlzeit bestellen wollte, stellte es sich heraus, daß die Köchin spurlos verschwunden war; sie hatte nichts hinterlassen als einen leeren Koffer und einen Brief. In diesem Brief bekannte sie, eine Brillantbrosche der Staatsrätin entwendet zu haben, wobei sie sich der Hoffnung hingegeben hatte, mit dem Erlös die Bank zu sprengen und die Brosche zurückkaufen zu können.

Sie hatte die Bank nicht gesprengt, sondern jeden Pfennig, infolgedessen auch ihre Ehre, verloren! Da sie den Verlust nicht ertragen konnte, war sie geflohen.

Die gutmütige Staatsrätin, die den Verlust ihrer Brosche nicht bemerkt hatte, grämte sich unendlich über das Verschwinden ihrer Köchin, die, wie sie kühn behauptete, ihre beste Freundin gewesen war; »sie hat schlecht gekocht, aber sie hat mich immer verstanden,« versicherte sie. Sie weinte bitterlich, teilweise, da sie eine sehr gastliche Natur war, darüber, daß es ihr nun benommen war, das kleine Familienfest bei sich zu feiern, teilweise aus Besorgnis, die Verzweiflung ihrer Köchin könne in einem Selbstmord kulminiert haben.

Infolgedessen erschien sie im Paris ganz außer Atem und, wie sich's bei stärkerer Beleuchtung herausstellte, von oben bis unten mit Spinnweben bedeckt. Kurz vor dem Ausgehen war sie noch umgekehrt und auf den Boden gestiegen, wo sie die Köchin an einem Balken aufgehängt zu finden fürchtete. Sie hatte sie nicht gefunden, dafür aber entdeckt, daß man aus den Dachfenstern eine wunderschöne Aussicht habe.

Im Paris hatte das Diner in dem Appartement der Gräfin Ulenberg eingenommen werden sollen, aber das ihr versprochene Gelaß war nicht zur rechten Zeit geräumt worden.

Unter tausend Entschuldigungen hatte der Oberkellner gefragt, ob er in dem kleineren Speisesaal decken dürfe, der bei der vorgerückten Saison den Herrschaften zur Verfügung stehe. Oder wünschten die Herrschaften ein separiertes Eßzimmer?

Da hatte sich Kitty als Hauptperson ausgebeten, in der verglasten Galerie zu speisen, die auf den blumengeschmückten Platz hinaussah, und über den Platz hinüber auf das bunte, lustige Café de Paris, aus dem die Musik heraustönte, und rechts auf das Kasino, links auf den großen Bankpalast des Credit Lyonnais.

Denselben Tisch hatte sich Kitty ausgesucht, an dem sie das erste Mal mit Freddy gefrühstückt – nur hatte man noch einen zweiten Tisch herangeschoben, damit die Herrschaften Platz haben möchten.

Während die Kellner den für die Verlobungstafel vorbereiteten Blumenschmuck ordneten, hatte man sich in das Lesezimmer verfügt und wartete auf Freddy.

»Unerhört!« sagte Kitty mit komisch tragischen Augen, »daß eine Braut auf den Bräutigam warten muß! Diese Unpünktlichkeit verzeih' ich ihm nie! Und ich hab' mich so gesputet!«

Gleich nach diesem freimütigen Bekenntnis ihrer bräutlichen Ungeduld wurde Kitty feuerrot und bat: »Aber Freddy dürft ihr's nicht verraten, daß ich Eile gehabt hab'!«

Die Gräfin Ulenberg legte ihrer Zukunftsschwiegertochter die Hand unter das Kinn. »Darf ich meinem Jungen die Freude nicht machen?« lächelte sie. Doch ehe Kitty noch Zeit gefunden hatte zu antworten, erschien Freddy im Smoking und mit kleinen, rosig schimmernden Perlenknöpfen in einem sehr steif gestärkten, weißen Hemd. Er küßte erst der »Fürstin Lydia«, dann Kitty die Hand und beantwortete den Händedruck seines Schwiegervaters mit der Frage: »Nun, waren die Auskünfte in Betreff meiner Sippschaft zufriedenstellend?«

Der Gesandte blickte ihn groß an und lachte. »Sapristi, bist du aber empfindlich.« rief er. »Offenbar scheinst du beansprucht zu haben, man möge dich auf Treu und Glauben hinnehmen wie den Lohengrin.«

»Mon cher! ich hätte ihn hingenommen,« versicherte Frau von Siehrsburg mit ihrer pikant heiseren Stimme und dem russischen Akzent, der in ihrem Munde einen besonderen Reiz erhielt.

Kitty murmelte leise: »Ich auch,« und Freddy lächelte gerührt und setzte sich neben sein Bräutchen und streichelte zärtlich den Rücken ihres Sessels, da er unter den Umständen Kitty nicht selber zu streicheln wagte. Es befanden sich nämlich außer den zwei Verlobungsfamilien noch zwei fremde Personen im Lesesaal, ein Engländer in einem grauen Anzug und mit einem grauen Backenbart, der das »Field«, und seine Gattin in einem himbeerfarbenen Gewand und gleichfarbigen Gesicht, die die »Queen« las. Eigentlich las keines von beiden, sondern beide starrten sich verborgen die Augen aus nach dem Brautpaar – er nach Kitty, und seine Gattin nach dem Bräutigam. Als echte Engländer bedauerten sie das Pärchen, das, wie sie wähnten, traurig aussah, weil es sich nicht küssen durfte, und einem gemeinschaftlichen Impuls höheren Zartgefühles folgend, erhoben sie sich und zogen sich zurück.

Indessen hatte Bretford nicht aufgehört, seinen Neffen zu beobachten. »Höre, mein Junge, du gefällst mir heute gar nicht.«

»Sei nicht zu aufrichtig,« erwiderte Freddy mit gezwungenem Lächeln, »ich vertrag's heute nicht, ich bin noch immer empfindlich. Überhaupt bitte ich die sämtlichen anwesenden Herrschaften um Schonung.«

»Schonung soll dir zu teil werden, so viel du davon wünschest,« versicherte jetzt Herr von Siehrsburg, »aber was deine Empfindlichkeit anbelangt, so . . . ist das eine Kinderei, die ich nicht ganz begreife, und die ich mir mit dem fröhlich offenen, unerschrockenen Wesen, das du mir bei deiner ersten Unterredung zeigtest, nicht zusammenreimen kann. Dir fehlt etwas – du bist krank . . . oder . . . zum Teufel noch einmal, hast du vielleicht dein ganzes Reisegeld beim Roulette- oder trente et quarante-Tisch gelassen und ein dementsprechend schlechtes Gewissen von dorther mitgebracht?«

»Mein Gewissen ist rein!« versicherte Freddy treuherzig mit dünner, etwas traurig zitternder Stimme. »Krank mag ich sein – ich denke, daß ich es sein muß, es wäre ja sonst nicht möglich, daß ich mich unter den Umständen . . .« er nahm Kittys Hand und führte sie an seine Lippen – »unter den Umständen so mutlos und niedergeschlagen fühlen könnte. Es ist plötzlich gekommen, vielleicht geht es plötzlich . . . das erste Glas Wein, das ich auf die Gesundheit meiner Braut leere, schwemmt die Trübsal mit fort!«

»Sie haben ganz recht,« versicherte ihm die Staatsrätin, »ganz recht, nichts ist besser gegen die Traurigkeit als Essen und Trinken. Nachdem mein armer Mann gestorben war, aß ich den ganzen Tag – besonders Austern hatte mir der Doktor verschrieben – mit Sekt, das war das einzige, worüber ich meine Schmerzen vergaß. Davon bin ich auch so stark geworden! Hélas, à quoi bon être belle-pauvre veuve que je suis!« stöhnte sie und rieb sich mit einem ganz kleinen Taschentuch die Augen.

Der Oberkellner kam, zu fragen, ob serviert werden könne.

»Gott sei Dank, der Tisch ist gedeckt!« rief die Staatsrätin.

Bretford aber murmelte unruhig vor sich hin: »Der Junge gefällt mir nicht, ich gäb' was drum, wenn ich ihn noch vor Tisch eine halbe Stunde hätte ungestört ausforschen können.«

*           *
*

»Ah!« ein diskret gedämpfter Ausruf des Entzückens entfuhr den Eintretenden beim Anblick des Blumenschmuckes, der den Verlobungstisch zierte – weiße Rosen, weiße Nelken, Gardenien und ein kaum merklicher grüner Schimmer durchsichtiger Farnkräuter dazwischen.

»Das ist wirklich reizend, Henry,« rief Gräfin Ulenberg, sich zu ihrem Bruder wendend, aus. »Ich finde es rührend, daß du dich nach so langer Zeit noch meiner Lieblingsmanieen erinnerst. Übrigens muß ich sagen, daß man deine Befehle außerordentlich geschmackvoll ausgeführt hat!«

»Ich habe nie einen so schön gedeckten Tisch gesehen!« versicherte Kitty feierlich. »Es ist zu hübsch – findest du nicht, Freddy?«

»Ja, entzückend,« murmelte dieser, aber sein Blick war starr, und er war noch um eine Schattierung blässer geworden als früher. Gleich darauf versuchte er zu lächeln und machte einen Witz, der schrill und hart klang, und über den niemand lachte. Er behauptete, sehr hungrig zu sein, und ließ seine Suppe stehen.

Noch immer, mit der ganzen jugendlichen Kraft, die in ihm war, kämpfte er gegen das Unnennbare, das schattenhaft Schauerliche, das ihn umkreiste und das immer deutlichere Umrisse anzunehmen begann!

»Was bin ich für ein Tor, mich mit so etwas zu quälen – es ist der reinste Wahnsinn!« sagte er sich.

Aber wie er sich auch bemühte, wegzuschreiten vermochte er über den schwarzen Schatten nicht, der quer über seinen sonnigen Lebensweg gefallen war und alle Blumen, die darauf sproßten, vergiftete. Es fiel ihm mit jeder Minute schwerer, ein Wort zu sprechen, und was er sich auf den Teller legte, ließ er stehen. Die Augen seiner lieblichen kleinen Braut hefteten sich besorgt und traurig auf sein erbarmungswürdig verfallenes Gesicht. Henry Bretford sah nachdenklich aus, und die Züge des Gesandten von Siehrsburg nahmen einen finsteren und unzufriedenen Ausdruck an.

Fürstin Lydia bemühte sich, über die allgemeine Ungemütlichkeit hinüber das Gespräch im Gang zu erhalten, vielleicht aus Angst vor dem Scharfblick der Kellner, und die Gräfin Ulenberg griff mehr als einmal nach ihrem Riechfläschchen.

Nur die Staatsrätin entwickelte einen Appetit, der sich durch die allgemeine Verstimmung nichts anhaben ließ, und plauderte dabei ununterbrochen von den guten Eigenschaften ihrer in Verlust geratenen Köchin und von der herrlichen Aussicht, die sie aus ihrem Dachfenster genossen hatte.

»Man sieht Beaulieu, ganz deutlich sieht man Beaulieu,« versicherte sie.

»Beaulieu! . . . mir fährt immer ein Schauder durch den Leib, wenn ich den Namen höre,« sagte Frau von Siehrsburg, dann sich zu ihrem Gatten wendend, fuhr sie fort: »Du weißt doch, wegen Gerhard.«

»Ach ja, wegen seiner halsbrecherischen Rettung,« erwiderte der Gesandte.

Das Gesicht der Gräfin Ulenberg belebte sich plötzlich. »Von was für einer halsbrecherischen Rettung ist die Rede?« fragte sie.

»Ach, 's ist eine sehr alte Geschichte,« erzählte die Fürstin Lydia, »vous savez, ma chère, als mein Sohn Gerhard noch ein ganz kleines bébé war und Beaulieu noch ein ganz kleines, unbekanntes Dorf, da ließen wir ihn mit seiner Wärterin und einer prachtvollen alten Nurse dort zurück, während wir, Oskar und ich« – sie sah sich nach ihrem Manne um – »einen Ausflug nach Paris machten. Ich mußte mich wieder einmal equipieren . . . wir waren damals in Rom. Wissen Sie, Rom war zu der Zeit nur eine kleine Provinzstadt mit einem großen historischen Hintergrund; es war unmöglich, etwas zu kaufen in Rom, und Nizza war ebenfalls impossible, besonders was Hüte anbelangt – jetzt ist das ganz anders. Und so reisten wir denn nach Paris, und Gerhard blieb, wie gesagt, mit seiner kleinen Suite in Eze. Als wir zurückkehrten, fanden wir alles in Ordnung, in schönster Ordnung – nur . . . nach einem halben Jahr verließ uns die Engländerin, die famose Nurse, und da erfuhren wir durch die nursery maid... c'est toujours comme cela... erst wenn eine Dienerin weggeht, erfährt man solche Dinge, daß während unsrer Abwesenheit, – mais c'est à faire dresser les cheveux sur la tête – Geri bei einem Spaziergang an der Küste den Abhang hinuntergefallen und nur von einem Dornbusch festgehalten worden war. . . . Ein heldenmütiger Mann, der mit seiner jungen Frau vorüberfuhr, sprang aus dem Wagen dem Kinde nach. . . . Wie er es fertig gebracht, weiß ich noch heute nicht, aber er rettete es. Die Nurse verheimlichte uns natürlich die Sache aus Angst, wegen ihrer Unachtsamkeit entlassen zu wenden, wir erfuhren infolgedessen davon so spät, daß wir dem Helden nie danken konnten, was mir heute noch leid tut.«

Aus den Augen der Gräfin Ulenberg brach ein fast überirdischer Glanz. »Freddy!« sagte sie leise, »du wolltest etwas Näheres über deinen verstorbenen Vater wissen – nun, der Mann, der angesichts der allergrößten Lebensgefahr auf seiner Hochzeitsreise jenem Kinde, dessen Namen ich bis heute nicht ahnte, das Leben gerettet hat, war dein Vater!«

»Nicht möglich!« schrie fast die Fürstin Lydia.

»Ich war dabei,« erklärte die Gräfin Ulenberg. »Es wäre doch sonderbar, wenn zwei Kinder in jener merkwürdigen Art an derselben Küste gerettet worden sein sollten. Der Vorfall, auf den ich mich beziehe, trug sich am 27. Oktober 1869 zu!«

Eine große Aufregung bemächtigte sich der kleinen Tischgesellschaft, alle fragten durcheinander, forschten nach dem Verstorbenen, erkundigten sich nach dem und jenem – nur Freddy sagte kein Wort! Dasjenige, vor dem er ausweichend geflohen war, nach dem er nicht gewagt hatte, sich umzusehen, aus Angst, sich überzeugen zu müssen, daß es sich ihm nähere, hatte ihn eingeholt – es umdrängte ihn von allen Seiten, grausam, unentrinnbar!

Ihm war zu Mute wie einem, der, in einem Hause festgehalten, rings um sich herum die Flut steigen sieht – höher, immer höher – aus einem Stockwerk ins andre stürzt er – das Wasser steigt, steigt, steigt – mit leisem, siegesgewissem Kichern steigt's die Treppe hinauf, ihm nach, höher . . . immer höher – jetzt ist er unter dem Dach, höher hinauf kann er nicht mehr . . . draußen kichert das Wasser, eine Stufe, noch eine Stufe steigt's empor – er macht die Tür zu, damit es nicht herein kann – kindischer Widerstand! Die Tür fliegt auf – da ist das Wasser – es umspült seine Knöchel kalt und naß – höher, immer höher hinauf steigt es – das Herz preßt's ihm zusammen, den Atem nimmt's ihm!

*           *
*

Durch den Duft von Rosen und Orangenblüten zitterten die ersten Klänge desselben Waldteufelschen Walzers, der die Bekanntschaft Freddys mit dem alten Sonderling eingeleitet hatte.

Das Gesicht der Gräfin Ulenberg nahm einen leidenschaftlichen, fast durstig horchenden Ausdruck an, dann fuhr ein Schauder durch ihren Körper. »Ich bitte dich, Henry, mache das Fenster zu,« wandte sie sich an ihren Bruder, der den Platz neben dem Fenster einnahm.

»Fühlst du einen Luftzug, Polly? 's ist ja schwül,« fragte besorgt der Bruder. »Du bist krank . . . du zitterst!«

»Mir fehlt nichts, ich kann nur die Musik nicht vertragen.«

»Es ist doch ein so schöner Walzer!« murmelte Kitty leise.

»Ja, Kitty, und es war mein Lieblingswalzer vor langer, langer Zeit,« sagte die Gräfin mit gedämpfter Stimme, »darum tut er mir jetzt so weh!«

»Übrigens,« nahm Herr von Siehrsburg das Wort, »wär's gut, nicht nur das Fenster zu schließen, sondern auch den Store herunterzulassen, wir werden beobachtet. Schon seit mehreren Minuten schleicht dort ein wenig Vertrauen erweckendes Individuum auf dem Platz herum und starrt herauf.«

Freddy blickte hinaus. Auf dem Platze stand Monsieur Paul. Als er merkte, daß man den Rollvorhang herunterließ, senkte er den Kopf und schlich fort.

»Sonderbar.« meinte Henry Bretford, »etwas an dem Alten kommt mir bekannt vor – 's muß eine zufällige Ähnlichkeit sein, denn so gut ich weiß, hab' ich keinen intimen Freund in dieser Sphäre.«

»Es ist ein alter Bekannter von mir,« bemerkte unbefangen die Staatsrätin, »wir sind oft beim Spieltisch nebeneinander gesessen, er spielt immer, wenn er Geld und seinen einzigen anständigen Rock nicht versetzt hat, um sein Mittagessen zu bezahlen.«

»Eine sonderbare Ähnlichkeit – eine sehr sonderbare Ähnlichkeit!« murmelte Bretford, und Kitty sagte leise: »Armer alter Mann!« – »Armer alter Mann,« wiederholte kaum hörbar Freddy.

*           *
*

Beim Dessert meldete der Oberkellner, daß das Appartement der Frau Gräfin bereit sei. »Wünschten vielleicht die Herrschaften den Kaffee dort zu nehmen?«

Die Herrschaften wünschten es. Aber es war keine Heiterkeit bei ihrem Wünschen und keine Gemütlichkeit in dem hübschen Wohnzimmer, obschon es den vornehmen Herrschaften, sowie der festlichen Gelegenheit zu Ehren reich mit Blumen geschmückt worden war.

»Du hast ja ganz vergessen, Kitty dein kleines Verlobungsgeschenk zu überreichen,« bemerkte die Gräfin Ulenberg.

»Ich habe das Geschmeide in der Tasche meines andern Rockes gelassen,« erwiderte Freddy.

»Nun, so hol's doch, du zerstreuter Junge,« eiferte die Mutter ihn an.

»Es hat keine Eile, Mutter.«

Einsilbig saß er etwas abseits von den andern in einem Winkel, Kitty neben ihm.

Jetzt brauste der reizbare Vater Siehrsburg auf – der Sohn befand sich leider noch auf seiner Jacht, was ein Nachteil für die ganze Gesellschaft war.

»Was hast du eigentlich?« bohrte er in Freddy hinein.

Freddy wechselte die Farbe. »Was . . . meinst du?« sagte er.

»Ich meine,« donnerte Siehrsburg, »daß deine Haltung etwas geradezu Beleidigendes für uns hat.«

»Aber Vater,« rief Kitty, sich an ihren jungen Bräutigam anklammernd.

»Kitty, so wie die Sachen stehen, würde ich's an deiner Stelle für vernünftiger und passender halten, wenn du diesem jungen Manne gegenüber mit deiner Liebenswürdigkeit ein wenig spartest.«

Kitty sah ängstlich erst den Vater, dann den Bräutigam an und schmiegte sich dann noch enger, zärtlicher an Freddy.

»Papa möchte mir zu verstehen geben, daß du mich nicht mehr lieb hast,« murmelte sie, »aber ich weiß es besser, Freddy, mein armer, lieber, lieber Freddy, was fehlt dir?«

Dem jungen Menschen traten die Tränen in die Augen. »Was mir fehlt? . . . Nur . . .« die Stimme versagte ihm – »nur . . . daß ich nicht weiß . . . ob . . . ob ich das Recht habe, deine Liebe anzunehmen . . . erwidern werd' ich sie bis an mein Lebensende. . . . Aber . . . ach, Kitty! . . . Kitty. . . . schau mich mit deinen lieben Augen nicht so an, ich kann's nicht aushalten.« Er schluchzte jetzt wie ein Kind, dann nahm er das junge Mädchen in seine Arme, küßte es ein paarmal auf die Augen und schob es von sich. »Und jetzt geh, mein einziges Kleinod, mein Liebling, 's ist besser, du gehst – führ sie nach Hause,« wendete er sich an den Vater – »und das eine glaub' mir – ich bin kein Schuft, nur ein sehr unglücklicher Mensch!«

Herr von Siehrsburg sah ihn drohend an, aber vor dem bleichen Elend dieses jungen Gesichts verstummte sein Zorn.

*           *
*

Jetzt waren sie fort. Vor den Bediensteten des Hotels, die um die Verlobung wußten, hatten sie sich geschämt – rasch, ohne ein Wort zu sagen, waren sie hinausgeschlichen, Henry Bretford hatte sie begleitet.

Der Zimmerkellner und das Stubenmädchen standen im Korridor beisammen und fragten sich, was denn da vorgefallen sein möge? Daß sich nach einem Verlobungsdiner die beiden Familien trennten, fast ehe sie den Kaffee ausgetrunken hatten, war doch wirklich nicht erhört. Da tönte aus dem Zimmer der Gräfin ein heiserer, krächzender, schrecklicher Schrei. Gleich darauf kam die Kammerfrau auf den Korridor hinausgestürzt und bat um Eis!

*           *
*

Als Monsieur Paul am Schluß seiner langen Erzählung von seinem geduldigen jungen Zuhörer so plötzlich verlassen worden war, hatte er sich in den Speisesaal des Café Riche geflüchtet. Dort einen Kellner rufend, fragte er: »Könnten Sie mir vielleicht mitteilen, wer der junge Mann war, mit dem ich draußen geplaudert habe?«

»Un comte autrichien – Ulberg – Ul...

»Ulenberg?« fragte der Alte scharf.

»C'est cela – Ulenberg – ein sehr liebenswürdiger junger Mann – bin sehr befreundet mit seinem Kammerdiener. Er hat sich verlobt mit einem entzückenden jungen Mädchen, Tochter einer russischen Fürstin und eines Gesandten! Man erwartet nur noch seine Mutter, um die Verlobung zu feiern!«

»Seine Verlobung?«

»Ja.«

Dann war der Kellner abberufen worden.

Während er ein paar neu eingetretenen Gästen die Speisekarte vorlegte, blieb der Alte wie vom Donner gerührt stehen. Man hätte nicht zu sagen gewußt, ob er zu viel dachte, oder ob der Faden seines Denkens plötzlich entzweigeschnitten worden sei.

Ein zweiter Kellner machte ihn darauf aufmerksam, daß er den andern Tischgästen den Weg versperre, und fragte, womit er ihm dienen könne? Solle er Monsieur nicht ein Diner servieren – diner du jour zu fünf Franken? Monsieur Paul nickte geistesabwesend, worauf er sich hinter ein Tischchen in eine Ecke des Speisesaals verkroch.

Den Kopf in die Hand gestützt, stierte er vor sich hin. »Kann er Verdacht geschöpft haben? . . . Armer Bursche, armer Junge!‹ fragte er sich immer wieder.

»Unsinn . . . unmöglich. . . . Die Sache ist zu unwahrscheinlich, er kann's nicht erraten, daß er mein Fleisch und Blut ist, dieser herrliche Junge, mein Fleisch und Blut! . . . Zu unwahrscheinlich. . . . Was fiel mir aber auch ein, ihm mein Leben zu erzählen! Anfänglich wollt' ich nur ein wenig flunkern, nur einen kleinen Zipfel meines jetzigen Elends emporheben und den Glanz meiner Vergangenheit leuchten lassen, um ihm zu imponieren, nein – nicht imponieren, nur um dem lieben, sympathischen jungen Menschen, der sich meiner so freundlich angenommen hatte, zu beweisen, daß der elende Bummler, den er vor sich sah, doch wenigstens einmal ein anständiger Mensch gewesen war.

»Da hab' ich's nun,« fuhr der Alte in seinem Selbstgespräch fort, »sein Leben hab' ich ruiniert . . . seine Brautschaft . . . pah! . . . nichts wird er erraten – es ist zu unwahrscheinlich – die Kluft zwischen dem, was ich war, und dem, was ich bin, ist zu weit, kein Mensch findet die Brücke hinüber – es gibt keine Brücke – und doch . . . wenn er sich erkundigen . . . sie fragen sollte! . . . was fiel mir ein, was fiel mir ein . . . aber . . . was hab' ich eigentlich verraten . . . hab' ja keinen Namen genannt – immerhin – er dürfte doch . . . nun, wie hätte ich's denn ahnen sollen, daß das mein Sohn ist – dieser herrliche Junge mein Sohn!«

Der Dampf, der aus seiner vor ihm stehenden Suppe aufstieg, wurde immer schmäler und durchsichtiger . . . Monsieur ne mange pas sa soupe?« fragte der Kellner, indem er nach dem Teller griff.

Der Alte merkte es gar nicht, daß man ihm die Suppe wegnahm und einen andern Teller vor ihn hinstellte. Abgerissene Vorstellungen glitten durch seine Seele. Er sah, was geschehen war, und sah, was hätte sein können. Er sah seine junge Gattin vor sich, ihren wundervollen, stolz getragenen Kopf, um den sich die goldbraunen Haare bauschten, die unvergleichliche Schönheit ihrer Arme, die, bis zum Ellenbogen bloß, aus den spitzenumsäumten Ärmeln ihres bequemen Abendkleides herausschimmerten. Er glaubte den lieblichen Irisduft einzuatmen, der ihre Persönlichkeit zu umschweben pflegte – einen Moment, dann war er fort – statt dessen stieg der Geruch der säuerlichen Kapernsoße zu ihm auf, die neben einem sehr blassen Stück Seelachs auf seinem Teller lag.

»Monsieur ne mange pas son poisson?« fragte der Kellner.

Mit einer ärgerlichen Bewegung schob er den Teller von sich. Ein Ekel vor dieser banalen Hotelküche, die er sich sonst nur an hohen Feiertagen gönnte, und wenn er besonderes Glück beim Roulette gehabt hatte, würgte ihn am Halse. Es war nicht nur dieser eine Ekel . . . nein, überhaupt mitten in seiner maßlosen Verzweiflung überkam ihn ein Grauen vor tausend unbedeutenden physischen Einzelheiten, unsauberen Schlampereien, Notbehelfen seiner Existenz, ein Hunger nach Traulichkeit, Vornehmheit, Sauberkeit verzehrte ihn.

Monsieur Paul – Hans Ulenberg – erhob sich, warf seine zwanzig Franken auf den Tisch und verließ das Speisehaus, der Kellner lief ihm nach mit dem gewechselten Kleingeld. Anfangs wollte ihm der Alte das Ganze überlassen, dann behielt er zehn Franken für sich. Mechanisch steckte er sie ein. Sie brannten ihn in der Tasche – aber was sollte er tun, morgen war auch noch ein Tag, und er wollte leben!

Wollte er noch leben? Warum? Zu was?

Nun, das Leben war eine schlechte Gewohnheit von ihm geworden, die er sich ebensowenig entschließen konnte abzustreifen, wie seine andern schlechten Gewohnheiten.

Die Dämmerung begann zu sinken, eine schwere, graue Gewitterwolke zog sich über die Glut des Sonnenuntergangs, nur an ihrem untersten Rande schimmerte ein schmaler, dumpf roter Streifen – auch das Meer hatte seinen feurigen Glanz verloren, es war, als habe man Asche über die Glut gestreut.

Die Musikanten hatten eine Pause gemacht, zwischen den Notenpulten auf dem Tisch vor ihnen standen ein paar sehr frugale Erfrischungen. Vor dem jüngeren, hübscheren der beiden Neapolitaner stand eine Flasche Branntwein. Die Geigerin nahm sie ihm weg. Er warf ihr einen finstern, gehässigen und zugleich verächtlich überlegenen Blick zu, stützte übermütig beide Wangen zwischen die Hände und fing an, mit zwei kleinen Grisetten zu liebäugeln, die Arm in Arm vorüberschritten und ihn anlachten. Die Geigerin schob ihm die Branntweinflasche wieder zu, sie schenkte ihm selbst ein Glas ein . . .

Der Alte, der den Vorfall beobachtet hatte, wendete sich ab . . .

Wie konnte es auf derselben Welt zugleich Frauen geben wie diese da – und Kathrin!

Sie hatte nicht Kathrin geheißen, er aber hatte sie immer so genannt nach der Heldin des berühmten Stücks von Shakespeare, weil sie seine bezähmte Widerspenstige gewesen war – Kathrin – Kate . . .

Er schlich sich von den Menschen fort bis an das äußerste Ende der Galerie Carlos III.

Dort blieb er stehen und sah in das Meer hinab, das nichts mehr war als eine dunkle, stöhnende Unruhe zu seinen Füßen! . . . Ja . . . wenn er sich ihrer nicht unwürdig gezeigt – wenn sie Geduld gehabt hätte! . . .

Früher hatte er sich als den einzig Schuldigen gefühlt – seitdem er wußte, daß ein Sohn von ihm lebte, erhob sich in ihm eine anklagende Stimme gegen sie.

Sie hatte es wissen müssen, damals, als sie ihn von sich stieß, hatte sie es bereits wissen müssen! . . . Das Kind hätte sie ihm nicht vorenthalten dürfen . . . und dann auch, dem Kinde zuliebe hätte sie Erbarmen haben sollen – für das Kind – sie hätte trachten sollen, ihm den Vater zu erhalten, einen Vater, für den er nicht gezwungen war, sich zu schämen.

Schämen! Ob er's wirklich erraten hatte. . . . Mein Gott, er würde ja die Augen nicht mehr aufschlagen können in der Welt, die schönen, hellen, freundlichen, unerschrockenen Augen, deren Blick noch nie irgend einem andern Blick ausgewichen war.

Ein herrlicher Junge, ein schöner, lieber, edler, schneidiger Junge! . . . Inmitten seiner Verzweiflung erfaßte den Alten ein rasender Stolz. »Ein ganz erbärmlicher Wicht kann ich doch nicht gewesen sein, sonst wäre er nicht so ausgefallen,« sagte er sich. »Wenn er etwas ahnt . . . Gott im Himmel, wenn er etwas ahnt!‹

Unten stöhnte das Meer, darüber wölbte sich, die Sterne versteckend, eine dunkle Wolkenkuppel. Zwischen Himmel und Meer schwebte eine schwere feuchte Luft, und aus weiter Ferne leuchteten ein paar grüßende Lichter herüber von einer fremden Küste!

Durch die matte Luft schwebte jetzt ein italienisches Lied, die Stella confidente – die Melodie in ihren höchsten Lagen durchdringend, schmerzlich vibrierend – der höchste Ton!

Er erwachte aus seinem Traum! Der Gedanke, daß er den Jungen durch sein ausführliches Bekenntnis auf die Spur ihrer gegenseitigen Beziehungen gebracht und ihm dadurch geschadet habe, verfolgte ihn dermaßen, daß er durchaus trachten wollte, zu erfahren, wie Freddy den Abend zubrachte. »Daraus werde ich meine Schlüsse ziehen können,« sagte er sich.

Den Kopf gesenkt, wendete er sich um, und nachdem er die Galerie ziemlich rasch durchmessen hatte, schlich er, etwas ängstlich den Lichtglanz der Laternen meidend, auf das Hotel de Paris zu, um seine Erkundigungen einzuziehen. Plötzlich fuhr er zusammen.

Ja, da saßen sie beieinander, Freddy und seine Braut, die Gräfin Ulenberg und die andern alle! . . . Und zu denken, daß sein Platz eigentlich mitten unter ihnen hätte sein sollen! . . .

Wie süß die Kleine war – entzückend hübsch! Nun, es war ja alles ganz gut, da die Verlobung gefeiert wurde, hatte er doch nichts verdorben!

Eine reizende Braut! Und plötzlich tauchte es wie eine Vision aus seiner Seele auf. Er saß neben dem jungen Mädchen an dem Tisch dort oben, neckte sie zärtlich und vorsichtig, und wenn er sie ein klein wenig, ein ganz klein wenig aufgebracht hatte, beruhigte er sie mit herzlichen und ritterlichen Huldigungen. Über den Tisch hinüber schimmerten ihm die Augen seiner Frau aus ihrem schönen, edlen Matronengesicht freundlich ermahnend zu – sie drohte ihm mit dem Finger, und Freddy sagte munter: »Papa, vergiß nicht, daß ein Duell zwischen Vater und Sohn ausgeschlossen ist.«

Rings um ihn der Duft von Zitronenblüten, Rosen und Pittosporum und jetzt durch den Duft zitternd die süße, glückstrunkene Traurigkeit der Waldteufelschen Walzermelodie. . . .

Er vergaß, daß er nicht aus dem Schatten herausrücken durfte, er streckte den Kopf vor, Freddy besser zu sehen.

Um Gottes willen! war's denn möglich, daß eine so kurze Zeitspanne einen Menschen so zu verändern vermocht hatte? Freddy sah aus, als ob ihn plötzlich eine schwere Krankheit befallen habe.

Zu Tode erschrocken, wollte der Alte noch genauer hinsehen, da zog irgend jemand den Store herunter, offenbar um sich gegen die indiskreten Blicke des Gaffers zu schützen.

Den Insult fühlte der Alte nicht. Er sah nur immerfort das blasse Gesicht des Sohnes vor sich! Er weiß, sagte er sich – er weiß – und dann tauchte die Frage in ihm auf – was wird er tun – wird er mich verleugnen – oder wird er sich erschießen?

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