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Maximum

Ossip Schubin: Maximum - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleMaximum Bd. I
authorOssip Schubin
firstpub1896
year1907
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleMaximum
pages1-144
created20050301
sendergerd.bouillon
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»Im Hotel des Anglais angelangt, schlich ich heimlich in mein Ankleidezimmer. Ich hatte einen Geruch von Moschus und Knoblauch an meinen Kleidern mitgebracht, den ich durchaus los werden mußte, ehe ich mit Kathrin zusammenkam.

»Kaum hatte ich den Schlüssel hinter mir im Schloß umgedreht, als Kathrin bereits an meine Tür klopfte. ›Paul!‹

»›Kathrin! Wünschest du etwas, liebes Kind?‹

»›Nein . . . nur . . . ich war sehr besorgt . . . du hast dich so unbegreiflich verspätet!‹

»›Wirklich? Da hat mir meine Uhr aber einen schönen Streich gespielt. Ich komme gleich – in fünf Minuten bin ich bei dir!‹

»Darauf blieb ihr als der wohlerzogenen Gattin, die sie war, natürlich nichts übrig, als sich zurückzuziehen und mich in ihrem kleinen Salon zu erwarten.

»Zehn Minuten später erschien ich bei ihr in Frack und weißer Binde, wie immer, seitdem wir uns in Nizza nach den improvisierten Zuständen der Hochzeitsreise in regelmäßige Verhältnisse gefügt hatten, mit meiner zurückgerichteten Uhr in der Hand und einer plausiblen Entschuldigung auf den Lippen.

»›Ich hatte keine Ahnung, daß ich mich verspätet hab' – sieh nur . . .‹ und ich zeigte auf das Zifferblatt meines Chronometers.

»Sie zeigte auf die Pendule auf dem Kamin. Dann lachten wir einander an, und ich küßte ihr die Hand.

»›Es wär' ja gar nichts weiter dabei gewesen, wenn ich nicht so gräßliche Angst um dich ausgestanden hätte,‹ meinte sie, ›aber zufällig war gerade ein Feuer ausgebrochen in Riquier, und da stellte ich mir vor, daß du dir mit Menschenrettungen auf irgend eine halsbrecherische Art die Zeit vertriebst; ich weiß ja, was du in der Richtung leistest!‹ und ihre Augen schimmerten stolz.

»Anstatt mich zu rühren, verdroß mich diese Bemerkung, wie alles, was mich an ihre rasende Überschätzung meiner Persönlichkeit erinnerte. Zu was diese Flausen!

»›Nein, ich war nicht in Riquier,‹ erwiderte ich, ›ich wußte gar nichts von dem Feuer.‹

»›Gott sei Dank!‹ sagte sie, ›offenbar habe ich mich ganz vergeblich geängstigt, und du hast dich einfach mit einem zufällig wiedergefundenen alten Freunde verplaudert.‹ Sie sah mir dabei unbefangen in die Augen.

»Wissen Sie, ihr so gerade ins Gesicht zu lügen, das brachte ich nicht über mich; aber ich fand einen Ausweg. ›Nicht mit einem Freunde,‹ sagte ich, ›sondern mit einer armen Verwandten.‹

»›So – warum hast du mir sie nicht einfach gebracht – wir hätten sie zum Essen eingeladen,‹ meinte Kathrin freundlich.

»›Das wäre nicht ganz gut gegangen,‹ erwiderte ich ausweichend.

»›Erwartet sie vielleicht, daß ich sie zuerst besuche?‹ sagte Kathrin; ›ich bin jederzeit bereit.‹

»›Nein, nein . . . es ist eine Verwandtschaft, auf die ich nicht sehr stolz bin,‹ sagte ich, ›eine Tante von mir, sie hat ihr ganzes Vermögen verloren – teilweise durch Leichtsinn, teilweise durch Börsenspekulativen, und wohnt hier, in einer Pension dritten Rangs. Es ist kein Verkehr für dich. Erstens hat sie einen schlechten Ruf, und zweitens würde sie dich anbetteln. Du begreifst, so etwas demütigt mich.‹

»›Aber wenn's ihr schlecht geht, können wir sie doch nicht darben lassen,‹ meinte Kathrin.

»›Ich habe mir ohnehin erlaubt, sie mit deinem Geld zu unterstützen . . . aber damit laß es genug sein!‹

»Es war alles wörtlich wahr, was ich sagte, und dennoch Lug und Trug. Ich schämte mich, aber was war zu machen?

»Ich nannte ihr den vollen Namen meiner Anverwandten, dann . . . ›Kathrin!‹ sagte ich, ›du meinst's gewiß nicht so – aber 's klingt genau wie ein Verhör, wenn du mich so ausfragst. Du zweifelst doch nicht an dem, was ich dir mitteilte? Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich dir die Wahrheit gesagt habe.‹

»Statt aller Antwort trat sie auf mich zu, legte mir beide Hände auf die Schultern und küßte mich. Der Diener meldete, daß serviert sei.

*           *
*

»Bei Tisch war sie ganz besonders munter und gesprächig. Die alte Tante, die sich seit den letzten Tagen viel wohler fühlte, dinierte mit uns, verfügte sich aber bald nach dem Kaffee in ihr Zimmer.

»Kathrin ging noch einen Augenblick zu ihr und kam dann mit einer Handarbeit in den Salon zurück. Sie setzte sich mir gegenüber an den Kamin, und ich fragte sie, ob ich ihr nicht etwas vorlesen solle, was sie dankbar annahm. Ich las, wie sie behauptete, sehr gut – eine Seltenheit für einen Kavallerieoffizier – sowohl Englisch als Deutsch. Ich hatte die Iphigenia gewählt, die sie sehr liebte.

»Da ereignete sich etwas Seltsames. Über dem Buch in meiner Hand sah ich plötzlich als Bild, als Gesamtwirkung – Kathrin und den Raum, in dem wir uns befanden – sie in ihrem weißen, mit Straußfedern besetzten Wollkleid, die Füße auf einem weißen Bärenfell, neben ihr in einer Kristallvase einen Strauß weißer Nelken.

»Es war schön, wunderschön. Das Holzfeuer warf seine roten Reflexe über den Saum ihres weißen Gewandes.

»Plötzlich überkam mich ein rasender Schwindel – ein Gefühl, das peinlicher war als jenes, womit ich damals an dem Felsen zwischen Himmel und Erde geschwebt – mir war's, als bewege sich alles um mich herum, als glitte alles, was mich umgab – das ganze Zimmer samt Kathrin – langsam . . . langsam von mir fort!

»Wissen Sie, was mich bei meinem Wiedersehen Lottis am meisten aufgeregt hatte – das war ihr Vorschlag, mir ein Rendezvous mit ihr zu geben in Monte Carlo.

»Der unverbesserliche Spieler schlug bei mir durch.

»'s war auch eines von den Dingen, die mich am meisten reizten gegen Kathrin – daß sie schon von Beaulieu aus durchaus nicht mit mir nach Monte Carlo hatte fahren wollen. Durch verschiedene Anspielungen gab sie mir auch jetzt in Nizza täglich zu verstehen, wie wenig angenehm es ihr wäre, wenn ich mich einmal dorthin begeben wollte. Bei der Generalbeichte, die ich ihr vor meiner Verlobung abgelegt hatte, hatte ich ihr verraten, daß ich ein Spieler gewesen sei. Sie fürchtete für mich die Versuchung. Verstehen Sie mich gut – die Versuchung. Ob ich ein paar tausend Franken ihres Vermögens am Spieltisch verloren hätte, wäre ihr ebenso gleichgültig gewesen, als ob ich ein paar tausend gewonnen hätte. Was sie für mich fürchtete, war ›das Sinken des höheren Menschen durch die neuerwachte Spielgier‹.

»Das wäre in ihren Augen eine Versündigung gegen ihren ethischen Standpunkt gewesen.

»Na, wenn Kathrin mir nicht beständig ihre Angst verraten hätte, ich könne mich gegen diesen verdammten ethischen Standpunkt vergehen, so wäre weder meine Sehnsucht nach Monte Carlo, noch meine Wut auf den ethischen Standpunkt so groß geworden. So aber schäumte ich heimlich vor Ungeduld wie ein zu scharf gezügeltes Rassepferd, das nur den Augenblick abwartet, ausbrechen zu können.

»Zwei Tage waren seit meinem Besuch in der Pension Sankt Helena vergangen. Am dritten Tage, als wir nach beendetem Gabelfrühstück im Salon saßen, meine Frau, ihre alte Tante und ich – da trat mein Diener ein und machte mir ein Zeichen mit den Augenbrauen, worauf er sich ohne weitere Erklärung zurückziehen wollte. Er war ein schrecklicher Esel – und wie alle Esel am dümmsten, wenn er schlau sein wollte.

»›Na, was willst du eigentlich?‹ schrie ich ihn an.

»Ich ahnte, was es war, und da ich Kathrins scharfes Beobachtungsvermögen kannte, so wußte ich, daß mir nichts anderes übrig blieb, als durch dick und dünn vorwärts zu gehen.

»›Nur ein Billett für den Herrn Grafen.‹

»›Von wem?‹

»›Von der Frau Gräfin . . .‹ – er nannte meinen Familiennamen – aus der Pension Sankt Helena. Der Bote wartet auf Antwort.‹

»›Schafskopf – gib her.‹

»Nachdem ich das Billett gelesen, reichte ich es meiner Frau. Es enthielt die Worte:

›Mein lieber Paul.

Muß dringender Umstände halber Nizza bereits morgen verlassen. Möchte Dich noch einmal sehen. Ich erwarte Dich gegen vier Uhr – übrigens ist mir jede Stunde recht. Ich bin in großer Aufregung. Ein paar Augenblicke wirst Du wohl übrig haben für Deine unglückliche Tante

Charlotte.‹

»Ich merkte sofort, daß Lotti den Brief pfiffigerweise so eingerichtet hatte, daß er meiner Frau in die Hände geraten könne, ohne mir zu schaden. Ich segnete sie für ihren genialen Einfall, der mit der ›genauen Wahrheit‹, die ich Kathrin den Tag zuvor mitgeteilt hatte, so herrlich übereinstimmte.

»›Was soll ich tun?‹ fragte ich Kathrin.

»Mein Diener erschien noch einmal – ›der Bote wartet auf Antwort,‹ wiederholte er.

»›Du mußt natürlich gehen,‹ entschied meine Frau, worauf ich dem Dienen zurief: ›Ich laß der Gräfin sagen, daß ich komme!‹ Dann mich meiner Frau zuwendend, ›ist mir sehr unangenehm, es ist ein so schöner Tag, ich war' so gern mit dir und deiner Tante ausgefahren!‹

»›Ich hatte mich schon darauf gefreut,‹ sagte Kathrin, ›aber in so einem Fall ist nicht zu zaudern.‹ Dann mir die Hand auf die Schulter legend und leicht errötend, setzte sie leise hinzu: ›Deine Tante befindet sich offenbar in Geldverlegenheiten – ich bitte dich, spare nicht mit der Unterstützung aus Rücksicht für mich!‹ Sie errötete noch stärker, küßte mich zweimal und flüsterte mir ganz leise ins Ohr: ›Du weißt ja doch, Paul, daß du jetzt über alles verfügst, was mir je gehört hat!‹

»Sie küßte mich noch einmal, was sonst gar nicht so in ihren Gewohnheiten lag. Denn trotz ihrer leidenschaftlichen Liebe zu mir war sie in ihren Liebkosungen von einer schüchternen Zurückhaltung, mit der ich sie oft geneckt hatte.

»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich in diesem Augenblick schämte! Alles Gute, was damals noch in mir war, drängte mich, sie in meine Arme zu schließen und ihr zu bekennen, wie's eigentlich stand – ihr zuzuflüstern: ›Kathrin, mein Liebling, mein guter Engel! Alles, was ich dir gestern gesagt habe, ist wahr – und doch falsch – verzeih mir – Schlimmes war nichts dabei – aber ich bring's nicht übers Herz, dich auch nur um einer unschuldigen Sache willen zu betrügen.‹

»Wenn ihre alte Tante nicht im Zimmer gewesen wäre, hätt' ich's auch getan. Aber so – schob ich mein Geständnis auf – fünf Minuten später hatte ich nicht mehr den Mut dazu. . . . Ich beschäftigte mich noch mit allerhand guten Vorsätzen . . . aber gegen fünf Uhr verfügte ich mich in die Pension Sankt Helena.

»Eine Stunde später sandte ich an meine Frau ein Billett des Inhalts, sie möge mich nicht zum Diner erwarten, da mich meine Tante gebeten habe, mit ihr zu speisen.

»Sie hatte es durchgesetzt, ich fuhr mit ihr nach Monte Carlo – um mein Gewissen zu beruhigen, nahm sie eine Freundin mit.

»Über den Brief, den sie für meine Frau geschrieben hatte, wollte sie sich krank lachen, am meisten darüber, daß ihre List ihr gelungen sei.

»Die Umstände, die sie aus Nizza vertrieben, waren unbezahlte Rechnungen und ungeduldige Gläubiger. Mit einem übermütigen Augenblinzeln raunte sie mir zu: ›Na, weißt – 's hat sich halt wie ein Lauffeuer verbreitet, daß ich einen reichen Protektor hab' – meine Hausfrau hat's verraten – so großmütig ist man nicht ungestraft!‹

»Ach, wie gemein ich mich fühlte – aber ich amüsierte mich. Was wollen Sie. Was wir drei zusammen gelacht haben im Coupé bis Monte Carlo!

»Die dritte war die Französin, die in Petersburg ihre Stimme verloren hatte – eine rotgefärbte Brünette. Sie gehörte zu den Stammgästen der Pension Sankt Helena.

»Der Gedanke an Kathrin stach mir anfangs noch ein wenig im Gewissen herum. Kaum aber saß ich fünf Minuten am grünen Tisch, so hatte ich Kathrin samt meinem Gewissen vergessen. Das alte Fieber war in mich hineingefahren. Ich spielte nicht mehr um tausend – zweitausend – dreitausend Franken. Ich spielte um die Seligkeit auf Erden – um eine unabhängige Vermögensstellung in meiner Ehe, den Eintritt ins Paradies. –

»Ich gewann und gewann, wie fast alle, die zum ersten Male in Monte Carlo spielen. Umsoweniger glücklich waren meine zwei Damen.

»Die Französin spielte nach einem System und verlor. Lotti setzte die Zahlen von allen möglichen Gedenktagen, ihrem Geburtstag, ihrem Hochzeitstag, dem Tag, an dem wir zwei, sie und ich, uns zum ersten Male, und den, an dem wir uns zum letzten Male, und schließlich den, an dem wir uns wiedergesehen, und verlor ebenfalls. ›Scheinen lauter Pechtage g'wesen zu sein für mich,‹ seufzte sie pathetisch, dann fing sie an, herumzuraten, welche von den Damen an dem Tisch wirklich verheiratet sei, konnte nicht einig werden darüber, machte irgend einen sehr schlüpfrigen Witz und setzte von neuem. Da beide Damen nicht genügend mit Munition versehen waren, um diese ›desastreuse Campagne‹, wie sich Lotti ausdrückte, auszuhalten, mußte ich natürlich aushelfen. Ich stellte mich ihnen mit der größten Bereitwilligkeit zur Verfügung. Ich fühlte mich als Glückspender, und mir schmeichelte die Aufmerksamkeit, die ich erregte.

»Die Gleichgültigkeit, mit der ich meinen tollen Gewinst hinnahm, imponierte der Galerie. Nach einer Weile wendete sich das Glück gegen mich. Ich zuckte die Achseln, zog mein Retourbillett hervor, das ich lachend meinen beiden Gefährtinnen zeigte, und meinte: ›Was kann mir geschehen,‹ worauf ich in die Tasche griff und eine Handvoll Napoleons über den Roulettetisch ausstreute, ohne auch nur angeben zu können, wo sie hinfielen. Darum war mir's auch gar nicht zu tun. Ein Taumel hatte mich erfaßt.

»Lotti, die bei allem Leichtsinn eine praktische Ader hatte, wie die meisten Leute ihres Schlags, gab vor, hungrig zu sein, um mich vom Spieltisch wegzulocken. Ich setzte in aller Eile tausend Franken auf rouge; als ich sie verlor, griff ich in die Tasche und sagte: ›Kinder, jetzt gehen wir, aber ihr müßt bescheiden sein – ich habe nur noch dreihundert Franken übrig – glaubt ihr, daß das genügt, euern ärgsten Hunger zu stillen?‹

»Wir soupierten im ›Paris‹ – die Französin machte das Menü. – Sie kannte alle Spezialitäten des Hotels. Besonders auf eine › Poularde en casserole‹ legte sie Wert und dann auf eine russische Nationalspeise, irgend ein mit Trüffeln und Champagner abgesottenes Wild. Lotti aß nichts, trank nur sehr viel Champagner, wobei ich ihr Gesellschaft leistete.

»Ich fühlte das Bedürfnis, mich mit Champagner ›aufzupulvern‹, wie man bei uns zu Land sagt. Mir ward jetzt sehr unheimlich zu Mut – die beiden Frauen langweilten mich, und allerhand mit Reue gemischte Beängstigungen durchschlichen mir die Brust.

»Plötzlich rief Lotti aus: ›Du, den Damen scheinen wir aber gar nicht gefallen zu haben!‹

»›Von wem sprichst du?‹ fragte ich.

»›Eine kleine Braune in einem dunkelblauen und eine große Blasse in einem grauen Kleid! Die war mordsnobel, die Graue, und bildschön. Eine von den echten. Sie ist nur in die Tür getreten, hat uns angeschaut und ist wieder verschwunden. Offenbar hat sie sich nicht im selben Zimmer niedersetzen wollen mit uns.‹ Dabei rieb sich Lotti mit der Serviette den rosa Flaum von den Wangen. ›Merkt man 's denn gar so sehr, daß i g'schminkt bin?‹ murmelte sie mit herausforderndem Lachen.

»› Quelle bêtise!‹ rief die Französin, ›die Dame hat einfach jemand hier gesucht, und ist zurückgetreten, weil sie ihn nicht erblickt hat.‹

»›Wie war sie angezogen?‹ fragte ich.

»›A grau's Kleid, glaub' i, und an kleinen grauen Samthut mit weißen Federn!‹

»Einen kleinen Samthut mit weißen Federn . . . ach was . . . Unsinn! . . . Es gab wenigstens sechshundert graue Samthüte mit weißen Federn in Nizza.

»›Und die Dame mit ihr?‹ fragte ich nach einer Pause, ›war die eine alte Frau?‹

»›Nein, ganz jung, sehr elegant, sah wie eine Wienerin aus – ich glaub', es war die Gräfin Binsky.‹

»Eine junge Frau – eine Wienerin – mit der konnte Kathrin nicht zusammen gewesen sein! – Was für Dummheiten!

»›Und kein Herr dabei?‹

»›Ja, ich glaube . . . bin nicht sicher, sie verschwanden zu rasch.‹

»›Unsinn – Unsinn!‹ murmelte ich – aber ich goß ein Bierglas mit Champagner voll, um mich zu betäuben.

»Als ich mit den beiden Damen im letzten Zug nach Nizza zurückfuhr, schwankte die Welt unter mir, und alle Konturen waren von einem grauen Nebel verwischt. Ich stolperte beim Gehen, aber so viel wußte ich noch, daß es galt, meiner Frau um jeden Preis auszuweichen. Ich schlich mich an meine Zimmertür heran, dummerweise rempelte ich so fest dagegen, daß das halbe Hotel davon erwachen mußte. Eilig wollte ich die Tür hinter mir zusperren, als die Jungfer meiner Frau bei mir anklopfte.

»› Madame la comtesse wünscht Monsieur le comte zu sprechen – will sich Monsieur le comte nicht in den Salon bemühen?‹ richtete sie mir aus.

»Es war nicht mehr auszuweichen! Ich hatte das Gefühl, als ob der Fußboden unter mir einsänke – ich schwebte in der Luft und suchte nach etwas, an dem ich mich anklammern konnte. Ich tauchte meinen Kopf in kaltes Wasser, das Bewußtsein fing an, sich bei mir einzustellen – je mehr es sich klärte, um so elender, trostloser wurde mein Zustand.

»Mit Sehnsucht, ich sage Ihnen, mit Sehnsucht gedachte ich des Bleihagels von Königgrätz, tausendmal, ja zehntausendmal lieber wäre ich noch einmal den preußischen Hinterladern entgegengetreten – als den Augen meiner Frau! Aber was war da noch zu machen? Ich trachtete die Sache auf die leichte Achsel zu nehmen. Leise, ein Liedchen vor mich hinsummend, ging ich auf den Salon zu. Jetzt schob ich die Tür auf – es galt! Da stand ich ihr gegenüber. Ich sah sie genau – sie trug ein graues Kleid, und neben ihr auf einem Fauteuil lag ein kleiner grauer Hut, der mit weißen Straußfedern geschmückt war! – Mir wurde kalt bis in die Knochen hinein.

»›Ist es sehr wichtig, Kathi?‹ fing ich an.

»›Ja,‹ erwiderte sie bestimmt mit einer herben, scharfen Stimme.

»›Nun, da muß ich es wohl über mich ergehen lassen,‹ erwiderte ich, krampfhaft scherzend, und haschte nach einem Sessel, um mich darauf niederzulassen. ›Aufrichtig gesagt, hätt' ich mich lieber vor dir versteckt, Kathi – ich bitte dich vielmals um Verzeihung – aber solche Sachen . . . kommen vor . . . kommen vor – der Champagner – du begreifst, meine Tante hatte noch jemand eingeladen . . .‹

»Mit einem Male verlor ich jeden Rest von Halt und Besonnenheit.

»›Es war meine Tante . . . ich versichere dir, Kathi, ich habe dich nicht angelogen,‹ lallte ich.

»Damals wußte ich kaum, was ich sagte, später trat mir's Wort für Wort ins Gedächtnis zurück. Ich streckte den Arm nach ihr aus, wollte sie an mich ziehen, sie fuhr zurück mit einer Gebärde schaudernden Ekels, die mir das Blut in den Adern erstarren ließ.

»Mir versagte der Atem, ich ließ mich schwer in dem Sessel nieder, an dem ich mich bis dahin angehalten hatte. Erst hatte sie von mir weggeblickt, jetzt heftete sie die Augen voll auf mich – ein paar kalte, spähende Augen, von denen der feucht verklärende Begeisterungsschimmer für immer verschwunden war, denen kein Jota der Widerwärtigkeit meines Zustandes entging, und die mit unaufhaltsamer und verächtlicher Sicherheit in allen Winkeln meines Innersten herumforschten . . .

»›Es ist ganz unnütz, daß du dich in weitere Auseinandersetzungen verstrickst – ich habe dich in Monte Carlo gesehen – ein alter Freund von mir besuchte mich auf der Durchreise mit seiner Frau – und da sie wünschten, den Abend mit mir zu verbringen und zugleich Monte Carlo kennen zu lernen, so fuhr ich mit ihnen hin. Ich hatte ihnen erzählt, daß du bei deiner Tante speisest. Sie machten komische Gesichter, als ich ihren Namen nannte. Als ich dich in Monte Carlo erblickte, erklärte mir Klara Binsky die Situation. Ihr Mann wollte sie daran hindern, aber sie plauderte alles aus.‹

»Ich schwieg wie vom Donner gerührt! Indessen fuhr sie fort: ›Ja, sie ist deine Tante – das weiß ich – aber ich weiß jetzt auch, daß sie deine Geliebte war.‹

»Ich senkte nur den Kopf.

»›Ja,‹ sagte sie hart, ›zehn Wochen nach meiner Verheiratung habe ich meinen Mann mit seiner ehemaligen Geliebten beisammen gefunden – und nicht nur, daß ich ihn gesehen habe – meine Freunde haben ihn auch gesehen. Wie sehr ich mich für dich geschämt habe, wirst du allenfalls begreifen können – wie ich mich aber für mich geschämt habe – das . . . glaube ich, übersteigt dein Fassungsvermögen.‹

»Ich fühlte mich wie ein gepeitschter Hund, aber noch immer trachtete ich mich zu entschuldigen.

»›Ich begreife deine Empörung,‹ erwiderte ich, ›so etwas ist einer Frau gräßlich, besonders vor Zeugen. Aber an und für sich war nichts dabei. Ich bin der, von der du sprichst, neulich auf der Straße begegnet – ihrer Bitte nachgebend, hielt ich mich bei ihr auf, und da es ihr schlecht geht, unterstützte ich sie. Als heute das Billett kam, hatte ich Lust, dir die ganze Sache zu beichten!‹

»›Und warum hast du's nicht getan?‹ fragte sie hart, immer mit demselben verächtlichen Blick, mit demselben eiskalten Spott um den Mund.

»Ich geriet außer Rand und Band. ›Warum ich's nicht getan habe?‹ schrie ich. ›Weil ich keine Szene heraufbeschwören wollte und das Bedürfnis in mir fühlte, mich endlich einmal deiner Tyrannei zu entziehen.‹

»›Meiner Tyrannei? Dich meiner Tyrannei zu entziehen, um zu deiner ehemaligen Geliebten zurückzukehren?‹ fragte sie.

»Und dabei sah sie mich an . . . sah mich an. Es ist nicht zu beschreiben, wie sie mich ansah.

»Ich fühlte plötzlich, daß ich nicht mehr zu Hause bei ihr war, daß ich nicht mehr das Recht hatte, mich in ihrem Zimmer niederzusetzen, solange sie mich nicht dazu aufforderte.

»Ich erhob mich schwerfällig . . . dabei versuchte ich, ihr ihren Blick zurückzugeben.

»Nicht eine Spur von Herzenskränkung stand auf ihrem marmorweißen Gesicht. So unantastbar überlegen, wie in ihrem herben Stolz versteinert, stand sie vor mir, daß auch jedes Fünkchen von Reue in mir erlosch. Ein wahrer Heißhunger danach, ihr weh zu tun, eine verwundbare Stelle an ihr zu finden, übermannte mich.

»›Laß das gut sein,‹ rief ich, ›die Geliebte laß aus dem Spiel, ich weiß kaum mehr, ob sie es je war oder nicht – aber das eine weiß ich, daß ich mit ihr reden kann, ohne mich beständig in überschwengliche Edelmutssphären hinaufzuschrauben, hol's der Teufel! . . . das hält man auf die Dauer nicht aus! Dein Bruder hatte ganz recht, der sagte mir's im vorhinein, daß man's nicht mit dir aushalten könne, trotz all deiner schönen, großartigen Eigenschaften! . . . Erinnerst du dich des Rheinfalls? Du verlangst immer, daß die Flüsse bergaufwärts strömen – das gibt's nicht auf der Welt. Zum Kuckuck! verzeih mir, aber der Verkehr mit dir ist eine solche Anstrengung, daß . . . daß . . . danach . . . na, Donnerwetter – eine Unterhaltung mit einer Kuhmagd eine Erholung für unsereinen wäre!‹

»Der Hieb saß . . . Ja, der saß! Einen Moment stand sie regungslos da, sah mich ein letztes Mal an, dann wandte sie sich zum Gehen. . . . Ich wollte ihr nach, aber schon hatte sich die Tür ihres Schlafgemachs hinter ihr geschlossen. Ich hörte den Schlüssel sich umdrehen im Schloß. Da erst erfaßte ich, was ich getan hatte. Ich rüttelte an ihrer Tür, kniete vor der Schwelle nieder, bat und schluchzte; keine Antwort!

»Endlich wurde ich müde. Die Verzweiflung und Aufregung, die mich aus meinem unzurechnungsfähigen Zustand in eine gewisse Halbzurechnungsfähigkeit wach gequält hatten, ließen nach, die trunkene Müdigkeit lähmte mir von neuem die Glieder.

»Ich taumelte mehr als ich ging in mein Ankleidezimmer zurück, warf mich, kaum daß ich Rock und Stiefel abgestreift, auf einen Diwan und schlief ein.

»Mein Schlaf war bleiern und traumlos. Ich erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand, mit schwerem, schmerzendem Kopf und einer unangenehmen Wundheit in den Gliedern, etwa mit demselben Gefühl wie nach einer fest durchschlafenen, aber auch im Schlafe noch unbequemen und anstrengenden Eisenbahnnacht.

»Alles, was vor meinem Einschlafen geschehen war, hatte ich vergessen. Ich konnte mir's nicht zusammenreimen, wo ich mich befand, warum ich da auf meiner Chaiselongue lag, ohne Rock und Stiefel, nur in eine Reisedecke eingehüllt. Ich griff nach meinem Rock – hastig, verlegen, um nicht von Kathrin bei meinem Trägheit ertappt zu werden. Ich wußte, daß Kathrin das Schlafen bei Tag nicht leiden konnte.

»Bei dem Gedanken an Kathrin fing's in meiner Seele an zu dämmern – dann plötzlich mit einem stechenden Schmerz durchzuckte mich das Licht! Ah! Ich hielt mir beide Hände vor die Augen, mir schwindelte dermaßen, daß ich mich niedersetzen mußte. Es war nicht ein Gedanke in mir, der nur den Versuch wagte, mich zu trösten, nicht ein Blutstropfen, der mich nicht brannte in höhnender und verzweifelnder Selbstanklage.

»›Das hast du getan, du selber hast das getan!‹ schrie es hundertstimmig in mir, ›dein Glück hast du zerschlagen, durch den Sumpf geschleift, erstickt!‹

»So gräßlich war mir zu Mut, daß es mir als eine Erleichterung erschienen wäre, meinen Rücken der Geißel preiszugeben – keine Geißel vermochte mich so scharf zu brennen wie die Erinnerung. Jedes Wort, das ich gesprochen, taute sozusagen aus meiner erstarrten Seele heraus, ich hörte mein schwerzüngiges Lallen, ich sah meine häßlichen, taumelnden Bewegungen.

»Eine Weile blieb ich vor Angst wie erstarrt, dann stützte ich den Kopf zwischen die Hände und stöhnte.

»›Wird sie verzeihen – nicht das, was ich ihr angetan, aber das, was ich zu ihr gesprochen habe – gibt es überhaupt eine Frau, die so etwas verzeiht? Ja, es gibt vielleicht irgendwo eine solche Frau – es gibt nicht nur eine, es gibt viele Frauen, die so etwas verzeihen könnten – aber sie – sie . . .!‹

»Mitten in meiner herzbeklemmenden Niedergeschlagenheit durchschwebte mich die Erinnerung an gewisse, besonders schöne und zärtliche Episoden in unsrer kurzen Ehe. Ein lähmendes Grauen durchzog mich bei dem Gedanken, daß sie sich für immer von mir abwenden könne.

»Ich begriff nicht mehr, wie ich mich gegen irgend etwas, das sie je von mir gewünscht, hatte auflehnen können – ich elender Bettler, den sie aus dem Staub gezogen. Ich sehnte mich nach ihr, mich hungerte und dürstete nach ihr, nach dem freundlichen Blick ihrer schönen und stolzen Augen, nach dem Klang ihrer Stimme, nach ihren lieben Händen – den Händen, die stark und fest waren, fast wie die eines Mannes, und die, wenn sie mir über den Kopf glitten oder meine Schultern streichelten, weich und hilflos wie die eines kleinen Kindes wurden.

»Meine ganze Ehe erschien mir plötzlich als etwas Heiliges, fast unglaublich Schönes.

»Ich hätte mich zu Kathrins Füßen niederwerfen, ihr zurufen mögen: da will ich liegen, mich im Staube demütigen vor dir, bis du mich durch ein Lächeln, einen freundlichen Blick begnadigst! Dann sagte ich mir: ›Aber damit ist ihr ja gar nicht gedient, ich soll mich nicht demütigen vor ihr – sie will das Recht haben, sich vor mir zu demütigen – alles will sie mir verzeihen, nur nicht . . . den Beweis dafür, daß ich kleiner bin als sie!‹

»Was war zu machen? . . .

»Vor allem mußte ich sie sehen, mit ihr sprechen. Ein so starkes Gefühl, wie sie es für mich empfunden, stirbt nicht in einer einzigen Stunde, sagte ich mir.

»Ich mußte vorsichtig sein, Takt zeigen, mich nicht von Anfang an zu sehr an sie herandrängen. Vielleicht, vielleicht würde dann eines Tages der Augenblick kommen . . .

»Indessen kleidete ich mich an – mit einer Sorgfalt, wie ich sie sonst als Junggeselle an den Tag zu legen pflegte, eh' ich auf einen Ball ging.

»Ich half mir dabei selbst. Es fiel mir gar nicht ein, nach meinem Diener zu klingeln – ich hatte vergessen, daß mir ein solcher jetzt zur Verfügung stand, wie ich der materiellen Vorteile meiner Lage – das schwör' ich Ihnen – in meiner großen Aufregung und Verzweiflung überhaupt vergessen hatte.

»Nun war ich fertig – es galt! Ich wollte zu ihr hinein – sie sehen, o, nur einen Augenblick sie sehen. Wie ich mich danach sehnte und . . . wie ich mich davor fürchtete! Endlich nahm ich mir ein Herz! . .‹

»Ich trat in den Salon, in dem wir gestern voneinander geschieden waren – eine unheimliche Luft schlug mir entgegen – der Raum erschien mir seltsam leer und kahl – auch kalt. Das Feuer im Kamin war ausgegangen – die Blumen in den Vasen waren nicht erneuert worden – sie hingen müd' und welk – auch merkte ich, daß verschiedentliche Gegenstände, die ich dort zu sehen gewohnt gewesen war, fehlten, und zwar lauter Gegenstände, die zu Kathrins täglichem Gebrauch gehörten.

»Ich klopfte an die Tür ihres Schlafzimmers, keine Antwort; ich drückte die Klinke nieder in der Erwartung, daß die verschlossene Tür mir Widerstand leisten würde. Aber nein – die Tür öffnete sich – ich warf einen Blick in das Zimmer – es war leer! Von ihren Sachen auch hier nichts mehr übrig – alles hinweggeräumt – nur ein kleiner, pelzbesetzter, himmelblauer Atlasschuh lugte vergessen unter dem Rande des Bettes hervor – einer ihrer kleinen Hausschuhe, in die sie hineinzuschlüpfen pflegte, wenn sie sich's recht bequem machte des Abends in ihren weiten, weißen Schlüpfkleidern. Ich bückte mich nach dem kleinen Schuh und drückte ihn an meine Lippen.

»Noch wie betäubt, den Schuh in der Hand, stand ich da, als mein Diener zu mir trat.

»Er war sehr rot und sah zugleich unglücklich und verlegen aus. Mir ahnte Gräßliches.

»›Wo ist die Frau Gräfin?‹ schrie ich ihn an.

»›Frau Gräfin sind auf die Bahn gefahren,‹ erwiderte er stotternd und die Finger seiner an die Hosennähte geklebten Hände vor Schrecken ausspreizend.

»›Auf die Bahn?‹

»›Ja . . . mit der Frau Baronin.‹

»Das war die kränkliche Tante.

»›Wann kommt sie zurück?‹

»›Ich . . . ich weiß nicht. Sie hat mir aufgetragen, gräflichen Gnaden den Brief zu übergeben.‹

»Ich öffnete ihn hastig – wie die Worte lauteten, weiß ich nicht mehr, aber mein Urteil war darin verzeichnet.

»Einen Augenblick stand ich regungslos, wie vom Donner gerührt, dann schrie ich außer mir: ›Und wann ist sie fort?‹

»›Jetzt, vor einer Viertelstunde . . . zum Pariser Zug.‹

»Ich sah nach der Uhr – noch zehn Minute blieben mir, um den Zug zu erreichen. Ob ich meinen Hut aufgesetzt hab' oder barhaupt hinausgelaufen bin, weiß ich nicht, aber ich stürzte hinaus; ich hatte nicht die Zeit, mich zu fragen, was die Leute von mir dächten, ob sie mich für einen Narren halten würden. Ich lief und lief, bis ich eine leere Droschke erblickte. In die schwang ich mich – ›Auf die Bahn,‹ schrie ich, ›zum Pariser Zug – schnell!‹

»Der Kutscher peitschte sein Pferd. Ich erreichte den Bahnhof vor Abfahrt des Zuges. Meinen armen, kleinen Schuh hielt ich noch in der Hand.

»Ich suchte sie mit den Augen; als ich sie endlich erblickte, schwand jeder Schimmer von Hoffnung.

»Ich hatte mir gesagt, wenn sie verweint ist, geht alles gut. Sie war nicht verweint. Die alte Frau an ihrer Seite, die war verweint, bis zur Unkenntlichkeit war sie verweint – aber Kathrin . . . furchtbar bleich sah sie aus, fast verfallen, die Augen hohl, die festgeschlossenen Lippen kreideweiß – eine Leiche, keine Frau mehr, kein Weib! Ich hatte sie totgeschlagen – sie und ihr Herz – zu rühren war sie nicht mehr!

»Ich nahm mein letztes bißchen Kraft zusammen, ging auf sie zu. Sie erblickten mich beide.

»Die arme, kaum genesene alte Frau, die sich wie ein Opferlamm nachschleppen ließ, zitterte am ganzen Körper, wischte sich verstohlen die Wangen.

»In Kathrin bewegte sich nichts – anscheinend nichts!

»Sie stieg ein – der Zug brauste davon – ich sah ihm nach! . . . In meinem Innern war alles wirr! Die Häuser, das graue Glasdach, die bunten Anschlagzettel an dem Bahngebäude, alles verschwamm in ein braunes Chaos; in meinem Ohr war ein fernes Sausen – es klang wie das Sausen der alten Birke an der Heimatsgrenze – und in meinem Herzen war dasselbe öde, vernichtende Gefühl, wie ich's als ganz junger Mensch empfunden, als ich die Heimat verloren hatte!«

Der alte Mann unterbrach sich. Er wischte sich mit seinem rotseidenen Taschentuch die Augen, dann räusperte er sich und schenkte sich noch ein Glas Kognak und Soda ein.

Totenblaß sah ihm Freddy zu – sein Mißbehagen hatte sich längst in eine deutliche Angst verwandelt – und die Angst ließ sich nicht bannen, wenn er sich auch hundertmal vorsagte, daß sie unsinnig sei. »Nun,« drang er in den alten Mann, »und was geschah weiter?«

Der Alte zuckte die Achseln. »Was weiter geschah? Ich träumte von einer Versöhnung – lange träumte ich davon. Ich wollte ihrem Bruder schreiben, und zwar ganz freimütig, mich rücksichtslos preisgebend – aber ich konnte die Worte nicht finden – er war mir doch zu fremd. Statt dessen schrieb ich an sie, heiße, zärtliche, verzweifelte Briefe – Briefe, die einen Stein hätten rühren müssen. Ich schrieb alle Tage, manchmal zweimal am Tage. An ihrem Schreibtisch schrieb ich, in unsrer Wohnung im Hotel des Anglais. Ich konnte mich nicht entschließen, diese zu verlassen. Mit jeder Post erwartete ich einen Brief von ihr. Im innersten Herzen erwartete, hoffte ich noch etwas andres! . . . Soll ich's Ihnen sagen, was ich hoffte? . . . Daß sich gegen Abend die Tür öffnen und sie an mich herantreten würde, leise . . . leise, sie würde die Hand auf meine Schulter legen und zu mir niederschauen mit ihren himmlischen Augen.

»Es war ein unsinniger Traum, aber ich träumte ihn! Alles hielt ich bereit, damit sie, sobald sie den Fuß über die Schwelle setzte, das Gefühl haben möchte, als habe sie unser kleines Nest nur für die Dauer eines kleinen Spaziergangs verlassen. Der Salon war hergerichtet wie die Kirche im Marienmonat, um den Ausdruck ihres Bruders anzuwenden, mit weißen Blumen, Nelken, Gardenien und Tuberosen überreich ausgeschmückt.

»Solange ich damit beschäftigt war, so alles auszuputzen, war mir ein wenig leichter, ich redete mir vor, daß sie zurückkommen müsse – dann saß ich neben dem Kamin und horchte – horchte . . . horchte. Manches Mal hörte ich unten vor dem Hotel einen Wagen halten . . . dann fieberte es in mir . . . ich eilte zum Fenster . . . die hoch mit Koffern bepackte Kalesche irgend einer lungensüchtigen Engländerin war's.

»Sie kam nicht! . . . und wenn das Licht verlosch und sie nicht gekommen war, verlosch auch das Licht in meiner Seele! Der Kellner erschien, um zu fragen, ob er servieren solle. Ich nickte. Wissen Sie, ich schämte mich, vor dem erbärmlichen Kellner schämte ich mich, daß mich meine Frau verlassen hatte. Ich log ihm alles mögliche vor – nur damit er nicht erraten möge, wie die Dinge stünden. Ohne daß er mich danach fragte, teilte ich ihm mit, ich erwarte die Gräfin stündlich, und ich erwartete sie auch.

»Wissen Sie, es gibt keine Qual über die einer solchen armen, todkranken Hoffnung, die sich unruhig um unsern Schmerz, um unsre Sehnsucht herumschmeichelt und uns daran hindert, einfach den Kopf unters Joch zu stecken und uns zu sagen: ergib dich drein. 's ist, als ob sie einen Menschen, den das Schicksal in ein niedriges Loch hineingeschoben hat, worin er sich höchstens auf allen vieren zurechtfinden kann, beständig veranlassen wollte, sich aufzurichten, nur damit er sich den Kopf recht wundstoßen möge.

»Je früher man sich in so einem Fall entschließt, auf allen vieren zu kriechen, um so besser!

»Ich brauchte leiden ziemlich lang, um mich zu entschließen!

»Ich erwartete sie und ich sehnte mich nach ihr . . . ach, wie ich mich nach ihr sehnte!

»Ich stellte mir die holdesten Möglichkeiten vor. Wenn sie doch käme – ein Rauschen wie von Engelsflügeln oder wie von einem weiblichen Gewand – ein Hauch von Veilchen und frischem Grün – eine leise, weiche Stimme, ein Gemisch von feierlichem Orgelklang und dem Schlag der Nachtigall – und sie war da! Plötzlich würde sie auftauchen neben mir, wie der Frühling auftaucht, wenn der Winter besonders hart und kalt gewesen ist!

»Mit schaudernder Wonne fühlte ich ihre Hand auf meiner Schulter, ich fühlte ihren Kuß auf meiner Stirn – sie – sie – meine Einzige, Unvergleichliche, und dann glitt ich nieder zu ihren Füßen und küßte den Saum ihres Gewandes und dankte ihr schluchzend für ihr schönes, großmütiges Verzeihen!

»Sie ist nicht gekommen! . . .

»So wie sie einmal war, konnte sie nicht kommen. Aber . . . was sie gelitten haben muß!

»Wenn ich's jetzt ruhig überlege, so wundere ich mich nicht darüber, sondern nur, daß ich es von ihr erwarten konnte!

»Da habe ich was in den Zeitungen gelesen, unlängst, von einem deutschen Gelehrten, einem Psychiatriker noch obendrein, der behauptet, wenn die Liebe einer Frau ihre Achtung für den Mann oder ihr Vertrauen zu ihm überdauert, dann ist es eine ungesunde, eine unnatürliche, eine suggestionierte Liebe! Hab' lachen müssen, ja lachen, hören Sie, über diese Behauptung. Der Mann, der so einen Ausspruch gelassen in die Welt hinausposaunen konnte, mag ja ein großer Gelehrter sein, aber die Frauen kennt er schlecht! Es ist gräßlich, wie lang auch bei der edelsten, würdigsten der Zersetzungsprozeß einer solchen armen vergifteten Liebe dauert, wie ruhelos sich so ein tödlich getroffenes Herz zwischen der neuen Verachtung und der alten Zärtlichkeit herumwindet und immer noch nach einer Rechtfertigung für seine Schwäche ausspäht – nach der erlösenden Illusion, die so eine arme Frau von der Notwendigkeit befreit, sich für jeden gegebenen und empfangenen Kuß zu schämen!

»Es gibt keinen schrecklicheren Todeskampf, als den einer sich langsam zu Tode schämenden Liebe.

»Die Leidenschaft stirbt sehr selten von einem Augenblick zum andern ab, und ich bin überzeugt, daß Kathrin durchaus nicht schnell fertig geworden ist mit ihrer Neigung zu mir. – Aber sie brauchte einen edlen Grund, um zu verzeihen; ehe sie diesen edlen Grund gefunden hatte, wollte sie nicht verzeihen, mochte sich ihr Herz noch so sehr danach sehnen. Sie dachte zu sehr über die Situation nach, anstatt sich blindlings ihrem Gefühl hinzugeben; – und wenn eine Frau in ihrer Lage anfängt nachzudenken, ist es in solchem Falle sehr schwer für sie, die höchste Barmherzigkeit von der gewöhnlichsten Schwäche zu unterscheiden. Ja, sie dachte – das ist das richtige Wort; und die denkenden Frauen finden sich immer schwer zurecht in der Liebe – sie machen's auch den Männern schwer. – Die Liebe und die Religion muß man einfach hinnehmen, ohne darüber zu grübeln. Sobald man über die eine oder die andre zu grübeln beginnt, zerstört man sie.

»Aber zu meiner Geschichte zurück. Ich war damals dumm, das was ich Ihnen heute sage, fiel mir nicht ein; – ist alles Treppengeist.

»Daß sie sich einfach schämte, ohne einen edlen Grund zu verzeihen, darüber wurde ich mir ebensowenig klar, als darüber, daß sie Zeit – und ziemlich viel Zeit brauchen würde, um sich zu beruhigen. Ich hatte keine Ruhe und keine Geduld. Ich wollte alles übers Knie brechen.

»Zwei Wochen waren vergangen. Sie war nicht gekommen. Nun wartete ich schon in die dritte Woche hinein – vergeblich.

»Da . . . ich erinnere mich – als ob's gestern geschehen wäre – ein sonniger Herbsttag war's – ein Tag, in den etwas Frühlingssüßes hineinduftete, das mir alle Adern hoffnungsfreudig anschwellen ließ – mit jener Hoffnungsfreudigkeit, die fast jeder großen Verzweiflung vorangeht.

»Ich hatte ihre Zimmer besonders schön und festlich geschmückt – heute wird sie zurückkehren, dachte ich, oder zum mindesten erhalte ich Nachricht von ihr.

»Und ich erhielt Nachricht!

»Der Postbote brachte mir ein dickes Paket – darin befanden sich alle Briefe, die ich aus Nizza an sie geschrieben – uneröffnet! . . .«

Der alte Spieler unterbrach sich mit einem heiseren, röchelnden Laut und hielt sich beide Hände über die Augen – dann den Kopf zurückwerfend, fuhr er in rascherem Tempo fort: »Ich hab' Sie lange aufgehalten mit meiner Erzählung, aber fürchten Sie sich nicht, das Ende kommt schnell! Beim Finish werde ich nicht zögern – war bekannt für meine Art, den Finish bei einem Wettrennen zu reiten, ist mir keiner gleich gekommen in Österreich – der Finish war immer famos, und darauf kommt's an – was liegt denn daran, wie der Rest des Rennens ausgesehen hat – wenn nur der Finish gut ist. . . . Wenn ich noch hoffen könnte, meine Existenz mit einem guten Finish zu schließen – heute möcht' ich meinen Kopf niederlegen . . . aber wie soll ich – wie soll ich? Der Rhein, der im Sumpf stecken bleibt, weil er nicht mehr die Kraft hat, weiter zu kriechen, das bin ich . . . Ja genau – das ist mein Ende . . . nur . . . nach einer weniger glänzenden Laufbahn.

»Aber vorwärts!

»Da ich nicht wußte, wo sich meine Frau aufhielt, hatte ich alle meine Briefe an ihren Rechtsfreund in London gesandt. Es hatte mich geniert – ja, obgleich ich ihn persönlich gar nicht kannte, hatte es mich geniert, ihn durch dieses Verfahren in meine Lage einzuweihen – aber ich bitte Sie, Rechtsfreunde und Ärzte gelten mehr oder minder für Vertrauenspersonen – sind so eine Art confesseur laïque.

»Damit mir kein Zweifel darüber bleiben sollte, daß die Briefe richtig an meine Frau abgeliefert worden waren, hatte sie das Paket in ihrer Schrift adressiert.

»Wie mir zu Mute war? . . . Ich hatte nur gerade noch die Geistesgegenwart, den Schlüssel in der Tür umzudrehen, damit nicht zufällig ein Kellner oder mein eigener Diener eintreten und mich überraschen möge in meiner nicht mehr zu bändigenden Verzweiflung. Mir war's, als ob ich plötzlich blindgeworden sei, ich sah buchstäblich nichts . . . nichts . . . ich tappte mit den Händen – vor meinen Augen wälzten sich schwarze Wolken, und in meinen Ohren war ein Sausen wie von einem Wasserfall. Ich hatte das Gefühl des Fliehenwollens, das uns bei allen unerträglichen Lebenslagen übermannt – etwas wie einen physischen Drang, zu entrinnen.

»Ich machte ein paar Schritte vorwärts, ohne auch nur zu ahnen, nach welcher Richtung, nur um mich zu bewegen. In meiner Blindheit stieß ich an ein Möbel und stürzte hin – der Länge nach stürzte ich auf den Boden! Ich schlug mit dem Kopf gegen den Teppich und schluchzte. Stundenlang mag ich da gelegen haben. Als ich mich ein wenig gefaßt hatte, schleppte ich mich an meinen Schreibtisch und schrieb einen Brief an Kathrin, worin ich den Empfang des Pakets bestätigte, ihr aber zugleich meldete, daß ich unter den Umständen natürlich nichts mehr von ihr annehmen könne, ihr infolgedessen die Hälfte ihres Vermögens, das sie mir durch ihren Heiratskontrakt abgetreten hatte, wieder zur Verfügung stelle und so weiter. Es war ein dummer, lahmer Brief – ich brachte keinen andern zu stande. Damit sie ihn lesen möge, schrieb ich darauf ›Geschäftssache‹ und sandte einen kurzen Zettel an den Advokaten mit.

»Von dem Mammon wollte sie nichts wissen – zurücknehmen wollte sie nichts. Der Rechtsfreund erklärte mir das in einem langen, ausführlichen Dokument.

»Na, ich fügte mich, schrieb ihm meinesteils eine schönverfaßte, sehr förmliche Epistel, worin ich ihm mitteilte, daß ich mich vorläufig gegen die Entscheidung meiner Gemahlin nicht auflehne, infolgedessen von den Einkünften des Vermögens annehmen würde, was ich zum einfachsten, anständigen Leben brauche; aber nur das – den Rest wolle ich so gewissenhaft verwalten wie das Hab und Gut eines unmündigen Sohnes.

»Dann lebte ich eine Weile sehr still und zurückgezogen. Ich drehte allen hübschen Frauen den Rücken und sah mich in der ganzen Welt nach einem Drachen um, den ich töten könnte, um ihr ihn zu Füßen zu legen.

»Wie ein Büßer lebte ich, immer in der Hoffnung, daß meine Frau, die indes zu ihren Verwandten nach England gezogen war, etwas davon hören möge. Meine Frau hörte nichts davon, mir aber schwamm es schwarz vor den Augen, ich wurde grün und elend und schlich herum wie ein Mondsüchtiger. Keiner kann sich' s vorstellen, der's nicht durchgemacht hat, wie einen die Ehe verwöhnt. Warum heiraten denn gerade die Witwer, die, die sich am Sarg ihrer Frau am unsinnigsten gebärdet haben, am schnellsten? Weil sie das Alleinsein nicht aushalten können. Ich konnte es auch nicht aushalten, ich am allerwenigsten. So allein essen im Gasthaus und zurückkehren in eine öde, leere Wohnung, und den ganzen Abend dasitzen mit einer Zeitung oder einem Buch. Dazu bin ich nicht geschaffen. Wenn ich länger als eine Stunde lese, wird mir übel – einfach übel – und wenn man nicht liest und nicht ins Theater gehen will . . . dasitzen und rauchen und immerfort denken . . . denken . . . wie alles ganz anders gekommen wäre, wenn man statt jenem dieses gesagt hätte, und statt diesem jenes – und man regt sich auf und spekuliert, als ob an dem allen noch irgend etwas zu ändern wäre – und da schleicht einem plötzlich so ein ekelhaft kaltes Gefühl vom Rückgrat bis in die Ellenbogen hinein, man hätte Lust, sich zum Fenster hinauszuwerfen und tut's dann doch nicht, weil man im letzten Augenblick denkt, es könnte noch besser werden.

»Vor den alten Bekannten geniert man sich, hat Angst, sie könnten einen ausfragen, neue sucht man nicht, jedes nüchterne Wort tut einem weh.

»Und eines Tages, als ich so recht zerknirscht und einsam dasaß, krank vor Traurigkeit, da öffnete sich die Tür – ich hörte das Rauschen eines weiblichen Gewandes . . . mich durchzuckte eine irrsinnige Hoffnung – nur einen Augenblick! Sofort fühlte ich, daß sie's nicht war. Nein, die andre war's. Ich wollte sie hinausjagen. . . . Sie blieb.

»Verurteilen Sie mich nicht zu streng, ich war nun einmal ein schwacher Charakter in einem zu starken Körper, infolgedessen mein Lebtag lang ein Lump mit heroischen Augenblicken! Ich war ja schlecht genug, aber so schlecht, um dann noch von ihrem Gelde zu leben, so schlecht war ich nicht!

»Ich ging nach Amerika mit – mit der andern . . . weiter brauche ich Ihnen nichts zu sagen.

»Was ich dort alles ausgeführt hab', das ist nicht für Ihre Ohren.

»Ich nahm einen andern Namen an – von dem Augenblick an atmete ich auf – wie von einem hemmenden Zwang befreit fühlte ich mich – und dann – reden wir nicht davon – aber als ich nicht mehr Angst haben mußte, sie könnt's erfahren, ließ ich mir vollständig den Zügel schießen. Ach, wie bequem das war, nur mit Menschen zu verkehren, die noch tiefer standen als ich, Menschen, neben denen ich mich nicht mehr zu schämen brauchte!

»Zwanzig Jahre hab' ich mich dort herumgetrieben, habe Gold gegraben und in kalifornischen Schenken gerauft und gezecht. Seit drei Jahren bin ich nach Europa zurück, hab' Heimweh bekommen. Kaum daß ich den Fuß auf den alten Boden gesetzt, hätt' ich gewünscht, ich wäre drüben geblieben! . . . Was soll ich hier? Ich bin von der Liste gestrichen. Für einen, der zwanzig Jahre tot war, ist auf der Erde kein Platz! Ich mußte ja fürchten, einem alten Bekannten zu begegnen, fürchten, daß er mich erkennen könne. Sind zwei, drei an mir vorübergegangen, hat sich keiner nach mir umgeblickt! Habe mir den Schnurrbart abrasiert und die Haare wachsen lassen, war nicht zu erkennen, ganz verändert. . . . Wollen Sie wissen, was mich hergelockt hat an die Riviera – das Ungeheuer dort, meinen Sie wohl?‹ Der Alte deutete nach der Richtung des Kasinos . . . »Nein, ich wollte das kleine Nest wiedersehen, wo ich damals die schönen Herbsttage mit ihr verbracht hatte. Ich alter, verlotterter Bummler hatte so eine sentimentale Anwandlung! Aus dem Dorf ist heute ein stattlicher Ort geworden, wo vornehme Fremde ihre Winterquartiere aufschlagen – Beaulieu – Sie kennen's ja – ringsherum mit Villen und noblen Hotels garniert. Das kleine Wirtshaus, wo ich so grausam begonnen hatte, sie zu quälen, wo sie sich mit so himmlischer Güte an mich geschmiegt, ist fort, von der Erde verschwunden, als ob es nie gewesen wäre, aber inwendig im Flecken ist alles so ziemlich beim alten geblieben: dieselben mörtellosen Mauern um die Oliven- und Orangengärten herum, dieselben niedrigen, korallenroten Dächer auf den komischen kleinen Häusern mit den grünen Blätterjalousieen, dieselbe Einteilung der Straßen. Ich bin alle Wege gegangen, die ich mit ihr zu wandeln pflegte, auch am Meeresrand bin ich stehen geblieben, dort, wo ich dem armen, kleinen Wurm das Leben gerettet hab'! Und wissen Sie, mir kam eine Anwandlung, mich da hinabzustürzen. Hab's nicht getan – hätt's getan, wenn ich gewußt, sie erführe davon und erriete, daß ich im Sterben an sie gedacht hab'! Aber wie sollte sie's erfahren – für sie bin ich tot – längst tot . . . hab's nicht getan, hab' mich nicht umgebracht – statt dessen . . . bin ich hierher nach Monte Carlo . . . hinein ins Kasino . . . hab' alles verspielt, so nach und nach alles! . . . Wissen Sie, was das Spiel ist da drüben? Die spannendste Zerstreuung, das wirksamste Opiat, der stärkste Ablenker gegen unangenehme Erinnerungen. Sie meinen wohl, die Leute gehen hin, um zu gewinnen? . . . Viele, ja . . . eine Menge aber, die echten, die ärgsten Spieler, die gehen hin, um – zu vergessen, nur um zu vergessen, gehen sie hin!«

Er verstummte. Es war indessen spät geworden, die Kellner vor dem Café Riche begannen die Tische für die Abendmahlzeit herzurichten, drei elende Musikanten, ein Flötenspieler, ein Guitarrist und eine Geigerin hatten neben einer der Efeuwände, die den Terrassenraum vor dem Café abschließen, Posto gefaßt, die unheimlichen Gestalten zeichneten sich fast schwarz gegen die Glut des Sonnenuntergangs ab.

Der Guitarrist und der Flötenspieler hatten den gewöhnlichen, zerzausten, aufgedunsenen neapolitanischen Typ, wie er bei fahrenden italienischen Musikanten üblich ist, die Geigerin war offenbar aus einer besseren Sphäre in ihr jetziges Elend herabgesunken und mußte einmal sehr schön gewesen sein. Ihr schwarzes, lockiges Haar wuchs ihr dicht und tief in die breite, niedrige Stirn hinein, die feinen Brauen wölbten sich regelmäßig über einem Paar prachtvoll geschnittener Augen, die aus tiefen Höhlen wie Fackeln herausleuchteten, der Mund war groß und sinnlich, die Wangen tief eingesunken, um ihre Schläfen schwebte der grünliche Schimmer der Opfer, die der Tod bereits als seine Beute gestempelt hat. Sie trug ein schwarzes, abgesetztes Spitzentuch kreuzweis um die flache Brust geschlungen und rückwärts, in einen Knoten zusammengeknüpft, hinter dem Ohr eine verstaubte Granatblüte aus rotem Kaliko.

»Auch eine épave de Monte Carlo!« murmelte der Alte neben Freddy, »war vormals Direktrice eines der ersten Musikinstitute in Genua, unglücklicherweise verliebt in einen Tunichtgut von Komponisten, träumt eine Nummer, spart und spart, um sich eine Reise nach Monte Carlo zu ermöglichen und für ihr Ideal das Maximum zu gewinnen, und wie's mit dem Sparen zu langsam geht, tastet sie anvertraute Gelder an, brennt durch, gewinnt den ersten Abend zehntausend, den zweiten dreißigtausend Franken, und verspielt am dritten Tag jeden Heller . . . und jetzt sehen Sie sie an! So bringt sie sich durch, ich kenne ihre Geschichte genau, sie erzählt sie selbst, ist auf dem Punkt angelangt, an dem man sich nicht mehr geniert, besonders nicht in unsrer Gesellschaft, wo einer so viel wert ist als der andre, das heißt so wenig. Wir wohnen im selben Hotel ›Tour Eiffel‹, herrliche Lage, Blick auf das Meer, Pension täglich vier Franken – und man kann schuldig bleiben.

»Herr Gott. zu denken, daß unsereins noch Lust hat zu leben – hab' mich oft gefragt, warum sich das Weib nicht umbringt . . . aber warum leb' denn eigentlich ich? . . .«

Freddy blickte zu Boden. Sein junges, schönes Gesicht drückte eine tiefe Niedergeschlagenheit aus.

»Na, Ihnen ist gründlich elend vom Zuhören,« sagte, ihn betrachtend, der Alte, »aber es wird Ihnen nichts geschadet haben. Sie haben heute einen tieferen Blick ins Leben getan, als es Ihnen bis jetzt vergönnt war! Mit meiner Geschichte bin ich zu Ende – ich danke Ihnen, danke Ihnen von Herzen, daß Sie es so lange neben mir ausgehalten haben, und zum Lohn für Ihre große Güte und Barmherzigkeit verspreche ich Ihnen eines . . . nie mit den Augen nach Ihnen hinzuzwinkern, wenn wir einander je wieder begegnen sollten, Sie nie mit einem Gruß in Verlegenheit zu bringen!«

Er wollte sich erheben und gehen, Freddy hielt ihn zurück. »Aber darum ist mir's durchaus nicht zu tun!« rief er heiser, »ich will Sie ja gar nicht aus den Augen verlieren – ich . . . ich möchte Ihnen gern helfen! Kann ich gar nichts für Sie tun?«

Zehnmal im Laufe der unheimlichen Erzählung hätte Freddy dem Alten davonlaufen mögen, jetzt konnte er sich nicht entschließen, sich von ihm zu trennen, ein seltsames Gemisch von Entsetzen, Ekel, Mitleid und warmer Sympathie fesselte ihn an den verkommenen Menschen, dessen rücksichtslose Beichte zugleich so viel Roheit und Schwäche und so viel Schwung und Großartigkeit der Charakteranlagen verraten hatte.

»Ich weiß, hier ist nicht der Ort, um darüber zu sprechen,« sagte Freddy, »aber ich werde Sie aufsuchen, morgen, in der Tour Eiffel, und wir wenden uns miteinander beraten – Sie und ich – wir werden etwas finden!«

Die Augen des Alten wuchsen ordentlich fest an dem schönen, jungen Gesicht. »Gott segne Sie tausendmal, aber zu helfen ist mir nicht, und je eher Sie mich vergessen, je besser! 's ist ohnehin mehr, als ich verdiene, daß sich ein junger Mensch wie Sie einmal freundlich nach mir umgesehen hat! . . . Hol' mich . . . aber . . . ich habe mich geradezu verliebt in Sie . . . und zu denken, daß . . . wenn alles gut gegangen wäre, ich jetzt so einen Sohn haben könnte wie Sie – gerade so einen! Ich weiß, daß es ein Zufall ist, aber . . . in Ihrem Gesicht ist etwas, das mich an sie erinnert, an meine Frau . . . eine wundervolle Frau, nur viel, viel zu gut für mich! Sie können sich's nicht vorstellen, wie sie war!« Plötzlich wechselte der Alte die Farbe, streckte den Kopf vor, sein Blick wurde stier, er zitterte an allen Gliedern. »Großer Gott!« stieß er heraus.

»Was fehlt Ihnen?« fragte Freddy.

»Es ist nichts,« murmelte der Alte. »Gespenster . . . Gespenster!«

Freddy sah sich um. »Meine Mutter!« rief er emporschnellend, indem er eine große, schöne, grauhaarige Frau erblickte, die auf der Schwelle eines Juwelierladens stand.

»Ihre Mutter?«

Die Augen der beiden Männer begegneten einander. »Verzeihen Sie, der Luftzug ist mir zu scharf!« rief der alte Bummler hastig, indem er von Freddy hinweg in das Café Riche hineintrat.

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