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Maximum

Ossip Schubin: Maximum - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleMaximum Bd. I
authorOssip Schubin
firstpub1896
year1907
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleMaximum
pages1-144
created20050301
sendergerd.bouillon
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»Ich rieb mir die Augen, ich sagte mir, daß ich das alles geträumt haben müsse. Dann wollte ich zu Wilhelm, ihn fragen, auf was er seine unsinnige Behauptung stütze. Aber er war ausgegangen, da begab auch ich mich hinaus. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, die sich tiefer und tiefer senkten, dumpfe Donnerschläge grollten aus der Ferne. Ich achtete nicht darauf. In mir wütete ein gräßlicher Kampf; alles, was ich an Ehrenhaftigkeit und Gewissenhaftigkeit besaß, lehnte sich auf gegen mein Glück.

»Mir wollte es fast wie ein Kirchenraub erscheinen, daß ein Mann wie ich die Hände ausstrecken sollte nach einem Mädchen wie Kathrin.

»Es ging eine so herbe, leuchtende Reinheit von ihrem Wesen aus, daß sich dagegen alles schmutzig ausnahm.

»›Nein, nein, nein!‹ schrie es in mir, ›es darf nicht sein, ich darf die Täuschung, der sie sich mir gegenüber hingibt, nicht dahin ausnützen, daß ich sie lebenslänglich unglücklich mache – ich bin ja nicht der, für den sie mich hält. Wenn sie mich lieben könnte, so wie ich wirklich bin – aber das kann sie nicht, nein, das kann sie nicht!‹

»Übrigens war es nicht nur Gewissenhaftigkeit, die mich von ihr zurückhielt – es war auch eine Art Angst, eine Ahnung der Dinge, die kommen mußten.

»War ich wirklich in sie verliebt – ich weiß es nicht. Ich glaube, es war etwas viel Heiligeres als nur so Verliebtheit, das ich für sie empfand. Eine von allerhand hübschen Fiorituren umkleidete Begehrlichkeit macht ja doch das Leitmotiv jeder echten Verliebtheit aus, und in mein Gefühl für Kathrin hatte sich die Begehrlichkeit noch nie hineingetraut. Um's genau zu sagen, so empfand ich für sie das, was ein halbwegs ritterlicher Untertan für seine junge, schöne Königin empfinden mag – mich in sie verlieben, wäre mir als Größenwahn erschienen!

»Aber jetzt kam's – die Worte Wilhelms hatten den Bann gebrochen, mein Herz fing an, rascher zu schlagen – in meinen Adern brannte es. ›Wenn es möglich wäre – ach, wenn es möglich wäre!‹

»An die materiellen Vorteile, die mir eine Verbindung mit ihr gebracht hätte, dachte ich nicht. Gottlob, daß ich mir wenigstens das jetzt sagen kann!

»Durch den Aufruhr in meiner Seele klang ihre süße, etwas tiefe Stimme: ›Es freut mich, daß ich endlich in meinem Leben einem wirklichen Helden begegnet bin!‹ Das Blut stieg mir in die Wangen: wenn sie das nur nicht gesagt hätte!

»Ich lief weiter, weiter, aus der Stadt hinaus, bis dorthin, wo es nichts mehr als Kalk, Ziegelhaufen und unfertige Bauten gab, durch deren leere Fensteröffnungen man die grauen Gewitterwolken drohen sah.

»Die ersten Regentropfen prasselten auf mich nieder – sie taten mir wohl. Es goß in Strömen, mir fiel es gar nicht ein, einen Unterschlupf zu suchen. Ich ging und ging . . .

»Als ich nach Brüssel zurückkehrte, hatte sich das Unwetter verzogen, es war spät am Nachmittag, die Linden auf den Boulevards dampften von Feuchtigkeit, die ganze Stadt war von den Strahlen der tiefstehenden Sonne vergoldet, über allem lag ein mildes, verklärendes Licht. Um ganz Brüssel schwebte es wie ein Glorienschein.

*           *
*

»Das erhebende Gefühl einer durchgemachten inneren Läuterung, einer heldenmütigen Entsagung schwellte mir die Brust, als ich meine triefenden Kleider in das Hotel de Flandre zurückschleppte.

»Ich war mit mir einig geworden darüber, daß es nicht sein könne, nicht sein dürfe!

»Wilhelm, dem ich dies auf seine gutmütige Frage, wie ich mir's überlegt habe, zur Antwort gab, lächelte etwas verschmitzt, erhob aber keine Einwendungen gegen meinen heroischen Entschluß – fragte mich nur, ob ich Abends noch mit ihm einen Sprung in die Rue de l'activité machen wolle, um mich von seinen Verwandten zu verabschieden. Das konnte ich nicht ablehnen.

»Obgleich die Straßen noch von dem Gewitter naß waren, gingen wir zu Fuß und in Galoschen. In Brüssel gingen damals alle jungen Männer zu Fuß in Gesellschaft, selbst zu den Hofbällen.

»Als wir uns der Rue de l'activité näherten, scholl uns Tanzmusik entgegen.

»Wiegend, jauchzend, klagend! Im Palais d'Assch war Ball, eine hölzerne, mit allerhand Behängen verkleidete Markise beschirmte das Portal, eine dichte Volksmenge umdrängte es und machte lange Hälse, um etwas von der Toilettenpracht der Damen zu erspähen.

»Durch die Musik hindurch tönte das Zuschlagen der Wagentüren, die rauhen Stimmen der Diener, die den Equipagen die Abholestunde zuschrieen, das Knistern und Rauschen der seidenen Schleppen.

»Eine Angst erfaßte mich, Kathrin könnte sich auf den Ball begeben haben . . . wir würden sie nicht zu Hause finden. . . .

»Aber wir fanden nicht nur sie, sondern den ganzen Salon voller Leute, meist Herren und Damen, die im Begriff waren, zu d'Assch zu gehen, und sich nur vorher bei Kathrin aufgehalten hatten, um eine Tasse Tee zu trinken und ein wenig zu plaudern. Kathrin war sehr animiert – über den Kreis von Verehrern hinüber, der sie umringte, suchte sie mich mehrmals mit den Augen.

»Diese Verehrer drangen in sie mit Bitten, sie möge sich in der elften Stunde noch entschließen, das Fest zu besuchen, auf dem ihr Bruder sich bereits befand.

»Sie wollte nichts davon hören, gab lachend ausweichende Antworten.

»Ich saß mit den älteren Herrschaften um Kathrins Tante herum vor dem kalten Kamin. Man sprach von dem und jenem, dem neuen Bilde von Emil Wauters und der jüngsten politischen Komplikation. Man grämte sich darüber, daß der König zu schwach sei, den aufschäumenden Übermut der Demokratie zu bändigen, und lachte darüber, daß die Tochter eines der liberalen Minister in einem Federhut ausreite.

»Gegen elf Uhr zogen sich die Menschen zurück. ›So, nun wollen wir's uns recht gemütlich machen,‹ rief Kathrin, ›helfen Sie mir diese Erdbeeren verzehren, Graf . . . hm . . .‹

»Aber Wilhelm, dem es offenbar darum zu tun war, meine Angelegenheit auf die Spitze zu treiben, erhob sich. ›Es geht schon auf Mitternacht, Paul,‹ bemerkte er, ›für zwei Leute, die den nächsten Morgen abreisen wollen, ist das spät. Meinst du nicht?‹ Er blinzelte mich mit einem komisch überlegenen Gesichtsausdruck an.

»Ich aber sagte gelassen: ›Du hast recht, Wilhelm, ich habe noch verschiedenes zu ordnen!‹

»Kathrin war bis in die Lippen blaß geworden. ›Was bestimmt Sie eigentlich, abzureisen?‹ fragte sie.

»›Du könntest eher fragen, was uns bestimmt hat, so lange zu bleiben,‹ erwiderte Willy. ›Wenn wir euch nicht hier getroffen hätten, wären wir schon längst über alle Berge – wenigstens ich. Es ist ja doch nur Pauls wegen, daß ich mich so lange hier aufhielt – den interessierte, glaube ich, die Bildergalerie,‹ setzte er mit einem humoristischen Zwinkern hinzu. ›Ich forderte ihn übrigens auf, zu weiterem Studium noch ein Weilchen allein hier zu verbleiben. Er wollte nichts davon wissen.‹

»›Ah!‹ Ihr Gesicht nahm einen harten, finsteren Ausdruck an, dann kalt, mit vollendeter Selbstbeherrschung bemerkte sie: ›Eigentlich habt ihr beide recht – es fängt an, sehr heiß zu werden in der Stadt, man sehnt sich aufs Land.‹

»Wir verabschiedeten uns in aller Form von den Damen, ich trug Kathrin eine besondere Empfehlung an ihren abwesenden Bruder auf, küßte ihre eiskalte Hand und ging. Als ich dann unten im Vestibül stand, würgte mich plötzlich die Verzweiflung an der Kehle. Warum hatte ich eigentlich meine Schiffe verbrannt? fragte ich mich – nun blieb mir nichts übrig, als zu ertrinken. Ich sah das Wasser vor mir, schwarz und kalt, sausend, mich in seinem Strudel fortreißend – mußte es sein? . . .

»Ich trieb die Selbstquälerei so weit, meinen Oberrock anzutun und in den Hof hinauszugehen. Dort vor dem Tor, während mein Freund noch in seiner Westentasche nach dem Trinkgeld für den Diener suchte, riß plötzlich mein Heldenmut entzwei. ›Warte nicht auf mich, Willy,‹ rief ich, ›ich muß noch einmal hinein. Ich . . . habe etwas vergessen!‹

»› All right‹ brummte er, indem er seine Zigarre ansteckte; ich aber eilte in das Haus zurück und stürzte die weiße Treppe hinauf.

»›Wird sie noch dasein?‹ fragte ich mich atemlos.

»Ja, sie war noch da – ihre Tante hatte sich zurückgezogen – sie aber war noch da. Durch die Tür, die nur von einer Portiere umhangen, nach dem Vorplatz zu offen stand, sah ich sie – mit müden, freudlosen Bewegungen bemühte sie sich, den Flügel zu schließen.

»Da trat ich vor – sie zuckte zusammen. ›Suchen Sie etwas?‹ fragte sie herb.

»Durch das offene Fenster drangen Wogen von Duft und Musik – der Walzer von Waldteufel war's, den sie im Palais d'Assch spielten – Sie begreifen, denselben Walzer . . . den . . . den . . . und Sie begreifen vielleicht auch, warum ich jedesmal halbverrückt werde, wenn ich ihn höre!

»Mehr als eine Minute mochte vergangen sein, ehe ich die Lippen öffnete.

»›Warum reisen Sie ab?‹ fragte sie schließlich heiser, fast rauh.

»›Warum? . . . Weil ich ein armer Schlucker bin, der nicht das Recht hat, Ihnen sein Leben zu Füßen zu legen,‹ murmelte ich. ›Es ist eine Feigheit, Ihnen das einzugestehen, ich wollte abreisen, ohne es Ihnen gesagt zu haben – ich konnte nicht. Gott behüte Sie, Kathrin – Adieu!‹

»Sie hatte sich indessen in einen Lehnstuhl niedergelassen. Offenbar vermochte sie sich nicht mehr aufrecht zu halten vor Erregung. Ich kniete vor ihr nieder, zog den weißen Saum ihres Kleides an meine Lippen – als ich mich erheben wollte, hielt sie mich zurück.

»›Ihre Armut ist kein Grund, der uns scheiden könnte,‹ murmelte sie, dann mit einem wundervollen Lächeln: ›Wenn Sie keinen stichhaltigeren haben, um . . . mich unglücklich zu machen, so . . . so . . .‹ Sie reichte mir die Hand, ich bedeckte sie mit Küssen! Aber im Lichte des Blicks, mit dem sie mich betrachtete, sah ich mehr als je den fürchterlichen Unterschied zwischen dem, was ich war – und dem, für was sie mich hielt.

»Eine schauderhafte Betrügerei war's, ihre Liebe anzunehmen!

»Ich wollte sie nicht blind in die Falle hineinlocken, ich bemühte mich, ihr die Augen zu öffnen. ›Es ist nicht nur meine Armut,‹ begann ich, ›aber ich bin Ihrer nicht würdig . . . ich habe ein leichtsinniges, vergeudetes Leben hinter mir.‹ Kurz, ich ließ mich in weitläufige Geständnisse ein . . . ich bemühte mich, wahr zu sein – aber was ich mit einem Wort gestand, nahm ich mit dem andern zurück oder schwächte es wenigstens ab . . . und schließlich sagte ich über mich nur das, was sie über mich zu hören wünschte – was ihre Augen mir eingaben zu sagen, alles was ich vorbrachte, war nur danach angetan, das Mitleid einer edeln Frauenseele zu wecken, und neben dem Mitleid jenen schwungvollen Herzenstrieb, der alle sittlich hochstehenden weiblichen Naturen kennzeichnet – den Trieb, einen Sünder zu bekehren, einen Verirrten den richtigen Weg zu führen.

»Als ich meine Beichte geendigt, das, was ich für meine Beichte ausgab, was ich für meine Beichte hielt, und nun, noch immer zu ihren Füßen knieend, ihren Urteilspruch erwartete, fühlte ich ihre Hand leise, wie segnend auf meinen Kopf niedersinken. Den andächtigen, wonnigen Schauer jenes Augenblicks vergesse ich nie! ›Kathrin!‹ jauchzte ich und schloß sie in meine Arme!

»Die Uhr auf dem Kamin kündigte wehmütig den Tod auch dieser Stunde!

»›Gott, wie spät es geworden ist!‹ rief ich fast verlegen.

»›Ja,‹ erwiderte sie mit der rührenden, etwas unbeholfenen Schalkhaftigkeit ernster, stark empfindender Mädchen, die selten lächeln. ›Es ist sehr spät – Sie werden mich noch ins Gerede bringen – Sie sehen, daß Sie mich nicht mehr im Stich lassen dürfen!‹

»Ich küßte ein letztes Mal ihre beiden Hände und ging.

»Unten auf dem Platz angelangt, blickte ich noch zu dem Balkon hinauf, wo wir an jenem ersten Abend miteinander geplaudert hatten. Ja, dort stand sie in ihrem weißen Kleid! Mehr als je mutete sie mich an wie eine Erscheinung aus einer andern Welt. Ein letztes, halblaut süßes ›Gute Nacht!‹ murmelte sie mir zu und verschwand im Inneren des Hauses.

»Ich stand noch ein Weilchen wie benommen da, dann ging ich meiner Wege.

»Die Nacht war unsagbar schön! Noch triefte und glänzte alles von dem nachmittägigen Gewitterschauer. Über der Kirche von Sankt Joseph schwebte der Vollmond in einem blaßgrünen Himmel, über den sich schillernde, durchsichtige Wolken hinzogen. Auf dem taufunkelnden Rasen des Square lagen blendend weiße Lichtstreifen neben schwarzen Schatten.

»In den süßen Blätter- und Blütenatem mischte sich mächtig, ja geradezu betäubend der Duft der bis ins Innerste aufgeregten lebentreibenden Erde. Die wiegenden Tanzmelodieen schwebten darüber hin.

»Den Kopf sehr hoch, wie getragen von einem jeglichem Erdenschmutz entfremdeten Gefühl, ganz in die Erinnerung an sie versunken, schritt ich über den Platz. Da schlug plötzlich etwas Störendes an mein Ohr – das Lallen eines Betrunkenen.

»Aus der Rue du Commerce kam er auf mich zu, den Zylinder auf dem Ohr, den Schnurrbart hoch hinaufgedreht, einen Stock um die Hand wirbelnd, gröhlte er eine Walzermelodie – die Melodie . . .

»Mir war's, als sei mir eine Kröte über den Weg gesprungen!

»Mehr als zwanzig Jahre später habe ich in Paris in der Neujahrsnacht in einem der Spiegel, die neben den Auslagen der Läden hinlaufen, mich selber erblickt. Ich fragte mich, woran mich mein Bild erinnere? An den Betrunkenen, vor dem ich erschrocken war in jener wundervollen Juninacht, die mein Glück und mein Unglück besiegelte! Es war dasselbe . . . ich versichere Ihnen, genau dasselbe.

*           *
*

»Den nächsten Morgen verschlief ich die Abreisestunde. Wilhelm kam in mein Zimmer, rüttelte mich auf und gab vor, Eile zu haben.

»›Wir versäumen den Zug, wir versäumen den Zug,‹ rief er ein Mal über das andre.

»›Ah . . . ah,‹ erwiderte ich, mir die Augen reibend, ›was willst du?‹

»›Abreisen.‹

»›Ich . . . ich reise nicht!‹

»›So . . . nun dann müssen wir schleunigst Abschied nehmen!‹

»Aber wir nahmen nicht Abschied. Er war ein guter Kerl und wußte, daß ich ihn, so wie die Dinge standen, mehr als je brauchte.

»Beim Frühstück teilte er mir schmunzelnd mit, daß er die ganze Verlobung absichtlich eingefädelt und sich nur deswegen in Brüssel aufgehalten hatte, um mich mit Kathrin bekannt zu machen. ›Ich wußte, daß sie sich für dich interessiert,‹ meinte er, ›sie hatte mir einmal nach Wien um eine Photographie von dir geschrieben.‹

»In meiner Serviette fand ich einen Briefumschlag – er enthielt meinen zerrissenen Schuldschein! ›Mein Hochzeitsgeschenk!‹ erklärte Wilhelm. Er lachte – ich weinte. Wir umarmten uns.

»Kathrin hatte mit mir ausgemacht, daß ich den Tag nach unsrer Verlobung bei ihr lunchen solle.

»Vorher begab ich mich jedoch noch zu ihrem Bruder, der Raummangels halber nicht in dem kleinen, hübschen Hotel der Rue de l'activité, sondern in einem Junggesellenquartier in der Rue Montoyer wohnte.

»Er empfing mich sehr herzlich, klopfte mich auf die Schulter und behauptete, genau zu wissen, was ich ihm zu sagen gekommen sei, noch ehe ich den Mund aufgemacht hatte.

»Dann bot er mir eine Zigarre an und forderte mich auf, mich niederzusetzen. Die Zigarre war ausgezeichnet, der easy chair, den er mir zuschob, sehr bequem. Überhaupt war seine ganze Behausung über die Maßen anheimelnd.

»Als ich ihm etwas darüber sagte, lachte er vergnügt und meinte: ›Nicht wahr, 's ist gemütlich bei mir – gemütlicher als bei Kathrin – o, Sie brauchen keine so entsetzten Augen zu machen. Ich will Kathrin nicht nahe treten, aber . . . mir ist in ihren immer wie die Kirche im Marienmonat mit Lilien und weißen Rosen geschmückten Gemächern zu Mut wie in einem Vorsaal des Himmels, dessen ich mich noch nicht würdig fühle. Bei mir sieht's nicht erhaben aus – aber dafür haben meine Stühle bequeme Lehnen – 's ist einfach irdisch, hausbacken, für Menschen hergerichtet und nicht für Engel.‹ Dann rückte er mir einen Aschenbecher näher, und sich vor mich hinstellend, die Hände in den Taschen seines Jacketts, richtete er den Blick voll auf mich und sprach: ›Also Sie haben den Mut, meine Schwester zu heiraten? Ich gratuliere!‹

»Daß er die Sache von diesem Standpunkte aus betrachten würde, kam mir unerwartet.

»›Vor allem,‹ rief ich, ›bitte ich, mir zu glauben, daß, obschon mir Ihre Schwester vom ersten Augenblick an die größte Bewunderung einflößte, ich nicht einen Augenblick gewagt hätte, ein solches Glück, wie es mir beschieden scheint, auch nur für möglich zu halten, wenn . . .‹ Hier stockte ich, worauf er mir mit dem heiteren philosophischen Wohlwollen, das ihn kennzeichnete, folgendermaßen ins Wort fiel: ›Weiß schon – begreife – es wird Ihnen schwer, mir klar zu machen, daß Sie nicht gewagt hätten, um Kathrin zu werben, wenn sie Ihnen nicht bis zu einem gewissen Grad entgegengekommen wäre. Sie brauchen sich nicht weiter anzustrengen – ich habe die Dinge sich entwickeln sehen! Ich bin nicht eingeschritten, erstens weil es nichts genützt hätte – zweitens weil Kathrin eine noch unvernünftigere Wahl hätte treffen können. Ich habe mich bei Willy nach Ihnen erkundigt, er hat Ihnen das glänzendste Zeugnis ausgestellt: sehr gute Familie, tadellose Vergangenheit, schneidiger Offizier und so weiter. Leider kein Vermögen! Das ist allerdings ein großer Fehler – es ist immer ein Fehler, wenn es dem Manne der Frau gegenüber an Autorität gebricht, und ein Mangel an Vermögen schmälert entschieden die Autorität eines Ehemannes; nicht so sehr in den Augen der Welt, als in seinen eigenen Augen, wenn er zartfühlend ist; er bleibt immer unbeholfen der Frau gegenüber, wagt nicht aufzutreten. Aber was ist da zu machen? In den Augen meiner Schwester ist Ihre Armut eine interessante Eigenschaft – und in meinen Augen ist sie zwar eine Unbequemlichkeit, aber eine, die mich keineswegs berechtigt, in diesem Fall ein Veto einzulegen. So bleibt mir denn nichts übrig, als Ihnen beiden meinen Segen zu geben und Sie beide . . . von ganzem Herzen zu bedauern!‹

»›Erlauben Sie –‹ rief ich außer mir.

»Er schnitt mir mit einer Handbewegung das Wort ab. Ich seh' ihn noch vor mir, die Hände in den Taschen seiner Joppe, auf und nieder gehen.

»›Ich kenne meine Schwester genau,‹ rief er, ›schätze sie sehr hoch und liebe sie aufrichtig. Eben deshalb hatte ich gehofft, daß sie – so wie sie nun einmal ist – unverheiratet bleiben möge. Meine Schwester ist eine Idealistin, aber sie gehört zu der gefährlichsten Kategorie der Idealisten, nämlich zu der Kategorie der intermittierenden. Ein Idealist ist immer mehr oder minder ein Ungeheuer, das sich ausschließlich von Illusionen nährt und grausam wird, wenn ihm der Vorrat ausgeht.

»›Es gibt Idealisten, denen die Illusionen nie ausgehen, Idealisten, die mit einer verschönernden Augenkrankheit durchs Leben wandeln, unter deren Einfluß sie alles in einem verklärenden, verwischenden goldenen Nebel sehen.

»›Jede kleine Dummheit ist für sie ein Ereignis, jeder zerstruwelte Brausekopf ist für sie ein Genie, sie finden Bedeutung, wo sie kein andrer findet, und Schönheit, wo sie kein andrer sieht. Sie kommen einem manchmal beinahe dumm und zu andern Malen beinahe unmoralisch vor, aber man hat sie gern des unerschöpflichen Wohlwollens halber, das mit ihrem Wahn verbunden ist, und wegen der unbewußten Milde ihrer schwachen Augen, mit denen sie freundlich lächelnd an unsern Schwächen oder Gebrechen vorübersehen. Was sind wir manchmal einem Paar solcher schwacher, gutmütiger Augen dankbar dafür, daß sie nicht sehen! Die Blindheit ist ja so viel wohltuender als die Nachsicht und das Mitleid, mit welchen beiden Eigenschaften das Wohlwollen kluger Menschen immer verdünnt ist!

»›Na – also . . . diese armen, ihre Illusionen immer von neuem erzeugenden Idealisten sind wohltuend – aber mit denen hat der Idealismus meiner Schwester nichts gemein. Der Idealismus meiner Schwester ist eine grausame Forderung an die Menschheit, deren sittliche Leistungsfähigkeit sie überschätzt, und mit deren Schwächen sie sich nicht abfinden will. So ein Anflug von Begeisterung ist bei ihr ein vor übergehender Wahn; sobald er sich verflüchtigt hat, sieht sie alles, alles, alles! Sie sieht das Leben so deutlich, daß ihr davor graut. Sie ist wie die Menschen, die kein Wasser mehr trinken können, weil sie einmal einen Wassertropfen unter dem Mikroskop betrachtet haben! Sie betrachtet alles durch das Mikroskop. In Ihnen glaubt sie den Höhepunkt der Menschheit, den Helden gefunden zu haben, nach dem sie sich ihr Lebtag gesehnt – das Maximum; es wird nicht ewig dauern, der Tag wird kommen, an dem Kathrin auch Sie durch das Mikroskop mustern wird – und dann . . . gnade Ihnen Gott! . . . Aber gehen wir frühstücken . . .‹

»Ende August heirateten wir. Um sieben Uhr früh in der Kirche Sankt Joseph, die reich mit weißen Rosen und Nelken geschmückt war.

»Durch das Düster der Kirche schimmerte das Rot der Altarkerzen, neben mir kniete eine weiße, magische Erscheinung – Kathrin, und beugte, dicht umhüllt von dem Mysterium des Brautschleiers, ihr königliches Haupt demütig unter der beseligenden Last der Myrtenkrone.

»Ich fühlte mich dermaßen ergriffen, daß ich nicht wußte, wie meine Fassung behaupten.

»Als wir das Gelöbnis geleistet, die Ringe gewechselt hatten und nun in einer Wolke von Weihrauch und Rosenduft durch das traumhafte Halbdunkel der Kirche in den hellen Sonnenschein hinaustraten, ertönte hinter uns die östreichische Volkshymne. Wem ich diese Aufmerksamkeit zu danken hatte, weiß ich noch heute nicht. Ehrlich gesagt, hab' ich auch nie danach gefragt!

»Die Unruhe, die einer Erinnerung vorangeht, meldete sich in meiner Seele, und plötzlich mitten in dem hellen Sonnenschein war mir's, als tauchten die feuchten Nebel von Königgrätz vor mir auf. Da überkam mich etwas, das ich nur einmal früher empfunden hatte, und zwar damals, als ich unserm verängstigten Bataillon voran, diese selbe Volkshymne singend, Arm in Arm mit meinen drei Kameraden ins Feuer geschritten war – ein die Brust erweiterndes, emportragendes Gefühl, als ob mir plötzlich Flügel gewachsen wären – ein Gefühl, das über die dem Menschen gesteckten Grenzen hinausstrebte – nichts Freudiges darin – nein, tief traurig – ein heiliger Schmerz – aber doch das Schönste, was ich je empfunden! In diesem Augenblick gelobte ich's mir feierlich, ein andrer Mensch zu werden und durch meine ganze weitere Existenz Kathrinens begeisterte Zärtlichkeit für mich Unwürdigen zu rechtfertigen!

»Wie ich mein Gelöbnis gehalten habe, sehen Sie selbst!«

Der Alte hielt sich einen Moment die Hand über die Augen, dann mit heiserer, niedergeschlagener, sich aber allmählich wieder erwärmender Stimme fuhr er fort: »Also wir waren verheiratet! Feierlichkeiten gab's keine, außer der schönen Feier in der Kirche, kein Hochzeitsdejeuner mit neugierigen, gleichgültigen Menschen, kein Verwandtenschwarm auf der Bahn. Nur ihr Bruder begleitete uns bis an das für uns reservierte Coupé.

Seltsamerweise war er bedeutend aufgeregter als Kathrin! Totenblaß betrachtete er abwechselnd sie und mich und quälte beständig seinen Schnurrbart. Der Abschied der beiden Geschwister war rührend. Zum Schluß stieg er noch in das Coupé, zog die Schwester an sich und sagte ihr: ›Verlang nicht das Unmögliche vom Leben – hab' Geduld . . . hab' Geduld!‹

»Dann küßte er sie sehr innig, drückte mir die Hand und verließ uns.

»Ich habe ihn nie wiedergesehen! Die Tür hatte sich kaum hinter ihm geschlossen, als der Zug davonbrauste.

»Nachdem ich dem Schwager noch ein letztes Lebewohl zugenickt hatte, wendete ich mich meiner jungen Frau zu.

»Ich betrachtete ihre wundervolle Erscheinung sprachlos, wählend sie mit der zärtlichsten Schalkhaftigkeit – auf das erste Wort unsres ersten ehelichen Tete a tete harrte. Mir kam's vor, als ob sie erwarte, daß dies erste Wort etwas Besonderes – Bedeutungsvolles sein solle. Ich fühlte mich ganz entsetzlich eingeschüchtert. Ich suchte in meinem Gehirn – ich fand nichts, nur immer das eine hätte ich ihr zurufen mögen: ›Stell' mich nicht auf ein so hohes Piedestal, mir schwindelt, laß mich zu deinen Füßen knieen und mich langsam aufrichten an dir!‹

»So viele Worte aber konnte ich in meiner großen Aufregung nicht finden, und schließlich küßte ich ihr nur einfach die Hände und murmelte: ›Hab' Geduld!‹

*           *
*

»Sie hat keine Geduld gehabt – zwei Monate später hat sie mich durchs Mikroskop gesehen, und da war natürlich alles vorbei!

»Nein, sie hat keine Geduld gehabt – zwei Monate nach unsrer Trauung war alles vorbei! Und schließlich – ganz unrecht hatte sie nicht, mich zu verstoßen, ich war ihrer nicht wert, aber . . . wenn sie sich durch den Abscheu, die Empörung hindurch, in der ihre Liebe zu mir erstickt ist, noch der ersten Zeiten unsrer kurzen Ehe erinnert, so muß sie sich sagen, daß wenige Frauen Flitterwochen genossen haben wie die, die ich ihr bereitete. Was man einer Frau an leidenschaftlichen Huldigungen, an zartesten Rücksichten bieten kann, habe ich ihr geboten. Ich war durch ihren Einfluß so aus mir heraus, so über mich hinausgehoben, daß ich für eine kurze Zeit ihren höchsten Ansprüchen genügte.

»Erst hielten wir uns in einem einsamen Schlößchen in den Ardennen auf, dann reisten wir den Rhein entlang aus einem traumseligen Städtchen ins andre.

»O es war schön, die langen Spaziergänge, besonders das Heimkehren, wenn sie sich in leichter Ermüdung – der schnellen Ermüdung jener, die schwer tragen an einem großen Glück – fester an meinen Arm hing und ein wenig schleppen ließ.

»Dann das Beisammensein in unserm Wohnzimmer bei offenen Fenstern, eng aneinandergeschmiegt, und von dem hereindringenden kühlen Hauch der ersten Oktoberabende umschwebt! Von fern hörten wir das Kichern und Singen der Burschen und Mädel, die die reifen Trauben von den Weinstöcken schnitten, deren Blätter der Herbst rot und gelb gefärbt hatte; und zwischen die Fröhlichkeit der Winzer schauerte mahnend das Knistern des fallenden Laubes!

»Die Dämmerung sank – sank – der Hauch des Abends wurde kühler – enger schmiegten wir uns aneinander; von den Weinbergen tönte kein Laut– alles war verstummt, nur vor unsern Fenstern rauschte der Rhein, über dessen Glanz die Abendnebel hinzogen – ernst und großartig rauschte er dahin – ohne Hast – ohne Rast!

»Es war, als höre man den Strom der Zeit vorbeirauschen an unsrer Liebe, die ewig währen sollte!

»Ewig! . . . Mein Gott!

*           *
*

»Das erste Angstgefühl um meine Liebe kam mir beim Anblick des Rheinfalls in Schaffhausen. Ich habe Ihnen davon erzählt. Unverwandt, solange ich ihn erblicken konnte, hingen meine Augen an dem herrlichen jungen Strom, der sich dort so keck und mutig in ein reicheres Leben stürzt.

»Als er außer Sicht war, zuckte ich zusammen. Kathrin fragte mich, wovor ich erschrocken sei. Ich erwiderte ihr: ›Es fiel mir eben ein, was für ein klägliches, schmähliches Ende der junge Strom nimmt, der hier seiner glänzenden Entfaltung zujauchzt. Hast du den alterschwachen Rhein ins Meer versinken sehen – durch einen dicken Sumpf hindurch, aus dem er den Weg kaum herausfinden kann?‹

»›Es ist ein häßliches Bild,‹ erwiderte sie leise.

»›Weil so manches Leben ihm ähnlich sieht.‹

»›Ach, das ist eine Ausnahme,‹ erwiderte sie, ›die meisten Ströme ergießen sich breit und voll in das Meer.‹

»›Ja,‹ gab ich ihr zur Antwort, ›aber traurig bleibt's doch, daß die stolzeste Laufbahn des herrlichsten Stromes ein Abwärtsfließen – ein langsames Sinken in sich schließt!‹

»Darauf runzelte sie ihre feinen Brauen, dann den Kopf zurückwerfend, sagte sie: ›Es gibt auch ein triumphierendes Versinken! Wohl dem Strom, der sich in ein Meer verliert, das tiefer und großartiger ist als er selbst!‹

»Es lief mir kalt über den Rücken!«

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