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Maximum

Ossip Schubin: Maximum - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleMaximum Bd. I
authorOssip Schubin
firstpub1896
year1907
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleMaximum
pages1-144
created20050301
sendergerd.bouillon
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»Ich weiß nicht, warum mich in dem Augenblick das Gefühl einer drückenden Vereinsamung, eines plötzlichen Verlassenwordenseins überkam. Genau dasselbe Gefühl, wie ich es als Knabe empfunden, wenn die Sonne untergegangen war.

»Um mich zu zerstreuen, schlug ich in meinem Bädeker nach und sah mir alles an, was man sich in Brüssel in einem Vormittag ansehen kann. Die Folge davon war, daß ich zu spät zum Gabelfrühstück zurückkehrte. Auf der Treppe des Hotel de Flandre, wo wir abgestiegen waren, begegnete mir ein schlanker brauner Mann in einem sehr hellen Anzug.

»Ich erkannte den Begleiter der eigensinnigen Reiterin.

»Oben fand ich meinen Freund bereits bei Tisch, den Champagnerkühler neben sich, die Serviette hinter dem Hemdkragen, in unserm Wohnzimmer. Anstatt mir Vorwürfe wegen meiner Unpünktlichkeit zu machen, entschuldigte er sich gar, nicht auf mich gewartet zu haben. Ich bitte Sie, solche Faxen zwischen zwei Männern! Aber die Rücksicht eines anständigen Kerls gegen einen Menschen, der von ihm abhängig ist, kennt keine Grenzen. Ich war im Augenblick derartig durch meine schiefe Lage geärgert, daß mich der brennende Wunsch befiel, ihm etwas an den Kopf zu werfen. Ich machte ein brummiges Gesicht und versicherte ihm, ich hätte keinen Hunger.

»Ich merkte, wie er anfing, ungeduldig zu werden, doch wußte er, daß ich ihm eine Grobheit hätte weder verzeihen noch erwidern dürfen, daß sie, so wie die Sachen standen, einen Bruch zwischen uns bedeutet hätte.

»Ein guter Kerl, wie er's war, trachtete er das Gespräch durch eine gleichgültige Bemerkung wieder in Gang zu bringen.

»›Schade, daß du keinen Appetit hast,‹ meinte er, ›wir sind heute abend zum Diner eingeladen, und wenn ich zu einem Diner geladen bin, seh' ich mich immer gern vor! Ich hoff', du nimmst's nicht übel, daß ich für dich zugesagt hab'.‹

»›Ich kann vielleicht absagen,‹ brummte ich.

»›Es wäre mir sehr unangenehm,‹ erklärte er.

»›So, dann bleibt mir keine Wahl,‹ erwiderte ich mit jener Unausstehlichkeit, durch die in Abhängigkeit lebende Menschen mitunter einen blödsinnigen Versuch machen, ihre Würde zu wahren.

»Diesmal verlor er die Geduld, stand auf, verließ das Zimmer und warf die Tür hinter sich zu.

»Mir war, als ob ich mich zum Fenster hinausstürzen sollte!

»Es waren kaum drei Minuten vergangen, da kam Wilhelm wieder. Er schlug mich mit einer kordialen Derbheit auf die Schulter, die mir wohltat, und sagte: ›Sei kein Esel – ich hätte nicht darauf bestanden, dich zu diesem Diner zu schleppen, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, du würdest dich amüsieren. 's ist keine formelle Veranstaltung, wir sollen ganz en famille speisen mit meinem Vetter und seiner Schwester – die . . . hm . . . Kathrin ist, so gut ich mich erinnere, ein etwas querköpfiges, aber süperbes Geschöpf, und was Tim anbelangt, so kenne ich keinen gemütlicheren Burschen als ihn. So sehr mich Bekannte in der Fremde gewöhnlich genieren, freute ich mich doch, ihn zu sehen. Es tut mir leid, daß du seinen Besuch verfehlt hast – er hatte mich kaum verlassen, als du eintratst – eigentlich mußt du ihm noch auf der Treppe begegnet sein. Ein großer schwarzer Mensch mit einem helmartigen Strohhut auf dem Kopfe.‹

»›Der?‹ . . . entfuhr mir's.

»›Ja, was machst du denn plötzlich für ein kurioses Gesicht?‹

»Ich sagte nichts, aber jeder Blutstropfen in mir pochte.

*           *
*

»Sie wohnte . . . wenn ich mich gut erinnere, war's Rue de l'activité Nummer zwei, wo sie wohnte. Ein kleines, reizendes Hotel, das sich eine vornehme verwitwete Frau hatte bauen lassen, als sie ihre zwei schönen Töchter in die Welt führen wollte. Die Dame befand sich damals mit ihren Töchtern auf Reisen und hatte das Haus für ein Jahr möbliert vermietet.

»Es war ein Eckhaus und blickte mit vier Fenstern auf die Place St.-Joseph. Vielleicht steht es heute noch dort.

»Was mir am meisten auffiel, als ich es betrat, war die duftige, fast grelle Helligkeit und Reinheit, die es auszeichnete. Alles war weiß, die großen Steinquadern des Flurs, die Wände, das Holzwerk. Der dunkelrote Teppich auf der ebenfalls weißen breiten Treppe bildete den einzigen Farbenfleck.

»Ein Diener führte uns die Treppe hinaus in die Empfangszimmer.

»An der Tür kam uns bereits Wilhelms Vetter entgegen. Ohne zu warten, bis uns mein Freund vorgestellt haben würde, reichte er jedem von uns eine Hand und zog uns über die Schwelle.

»›Freu' mich sehr, daß ihr gekommen seid,‹ rief er. Dann, da ihm Wilhelm leicht schmunzelnd meinen Namen nannte, faßte er mich etwas schärfer ins Auge, lachte und meinte: ›Wenn ich nicht irre, haben wir ja bereits Bekanntschaft gemacht, und zwar haben Sie meine Schwester von einer sehr charakteristischen Seite kennen gelernt.‹

»›Wir scheinen etwas zu früh gekommen zu sein,‹ bemerkte Wilhelm.

»›Nein, im Gegenteil sehr pünktlich,‹ versicherte er, ›was nicht verhindert, daß ihr aller Wahrscheinlichkeit nach noch längere Zeit werdet auf euer Essen warten müssen. Auch könnt ihr zufrieden sein, wenn ihr schließlich nicht mit gebratenen Schimären und eingemachten Idealen abgefüttert werdet.‹

»Auf Wilhelms Frage, was denn los sei, erwiderte er: ›Eigentlich nicht viel, Kathrin hat nur wieder einmal eine Kleinigkeit zur Katastrophe aufgebauscht. Eine famose Person, Kathrin, aber unerlaubt überspannt. Sie verlangt Edelmut von jedem Stallknecht und Keuschheit von jeder Küchenmagd – auf die Länge der Zeit gestaltet das einen Haushalt ungemütlich. In unsre letzte Köchin war sie rein verliebt. Das sittsame Betragen dieser, nebenbei sei's gesagt, bildhübschen Person hatte es ihr angetan. Nun hat es sich herausgestellt, daß die Köchin in unerlaubten oder zum mindesten übereilten Beziehungen zu irgend jemand steht, einem jungen Bäcker, glaube ich. Kathrin war ob der Schwachheit ihrer hübschen Köchin dermaßen entsetzt, daß sie sie sofort auf die Straße hinausjagen wollte. Ehe die Köchin ihren Koffer zu Ende gepackt, gewann bei Kathrin das Mitleid die Oberhand. Dann, glaube ich, wollte sie ihr ein Landhaus schenken mit einem Garten, worin sie sich verstecken und mit Anstand ihre Sünden bereuen könnte.

»›Spendier ihr etwas zu ihrer Ausstattung, riet ich ihr, das ist viel einfacher. Das war ihr früher nicht eingefallen. Die Frauen – die Frauen – und dieses Geschlecht sollen wir mündig sprechen? Nie, solange ich etwas zu sagen habe!‹ Er streckte mit einer pathetischen Geste die Hand aus.

»Er war ein schöner, vornehmer Mensch. Jetzt, wo ich Zeit hatte, ihn näher zu betrachten, bemerkte ich die Ähnlichkeit mit seiner Schwester. Seine Züge waren vom selben edlen Schnitt, nur die Augen anders, sein Blick stumpfer – der Blick eines erfahrenen Weltmanns, der es gelernt hat, an Dingen, die ihm unangenehm sind, und die er nicht ändern kann, vorüberzusehen. Er war offenbar sehr klug und sehr gutmütig, aber seine Klugheit und seine Gutmütigkeit waren von praktischem, in die bestehende Weltordnung hineinpassendem und nicht viel daran herumbesserndem Zuschnitt.

»Diplomat von Beruf und erst seit wenigen Wochen von seinem letzten Posten Rio de Janeiro nach Brüssel zurückgekehrt, wo er seine nächste Designation abzuwarten gedachte, kannte er unsern Erdball nach allen Richtungen hin in- und auswendig, fand vieles an ihm auszusetzen, aber auch, daß sich's, wenn man es sich einzurichten verstand, darauf leben ließ. Auch die Gesellschaft kannte er in allen ihren Sphären nach oben und unten, und sah auch an der mancherlei, was ihm anders besser gefallen hätte, entschied aber, daß man auch mit ihr auskommen konnte, wenn man ihre unangenehmen Eigenschaften nicht unnütz herausforderte.

»Solche Leute sind ein Segen für ihre Umgebung, nur bringen sie die Menschheit nicht um einen Zoll weiter, als sie sie gefunden haben. Sie leben nur in der Gegenwart und wirken auch nur für diese!

»Während er sich also immer mit einer gewissen bewundernden Zärtlichkeit über die Verkehrtheiten seiner Schwester ausließ, sah ich mich in dem Raume um. Die Wände waren mit Holz getäfelt, weiß gestrichen und die Felder mit Goldleisten eingefaßt, die Möbel sehr hell und in weißen Holzgestellen, sie hoben sich eigentümlich von dem Teppich ab, welcher ebenso wie der auf der Treppe einfarbig blutrot war. Die vielen Blumen, die in allerhand Gefäßen, meist durchsichtigen Kristallvasen, herumstanden, waren fast ausschließlich weiß – weiße Lilien und weiße Rosen.

»Während ich noch mit der Musterung meiner Umgebung beschäftigt war, traten zwei Damen ein: eine kleine, sehr hübsche ältere Frau mit weißen Puffscheiteln um ein rosiges, kindliches Gesicht und einem altmodischen Kreppschal über einem grauen Seidenkleid – eine alte Verwandte Kathrins –, dann sie. Mir blieb das Herz stehen. Noch heute überläuft's mich, wenn ich ihr Bild in mir zurückrufe, so wie sie damals vor mir stand. Wie eine Erscheinung aus einer andern Welt mutete sie mich an! Sie war sehr groß und hielt sich prachtvoll. Man sah ihr's an, daß sie's nicht gewohnt war, in Demut ihren schönen Nacken zu beugen.

»Im Gegensatz zu ihrem Bruder war ihr Gesicht blendend weiß. Ich habe selten einen so hellen Teint, außer bei rothaarigen Personen, gesehen, und sie war nicht rothaarig, nur ein ganz leichter Goldschimmer umschwebte ihre Schläfen und die Löckchen in ihrem Nacken. Sie trug das Haar einfach zurückgestrichen, obgleich es schon damals Mode geworden war, sich die Stirn bis an die Augenbrauen mit allerhand Gekräusel zu bedecken.

»Aber wozu sich lange aufhalten bei der Beschreibung ihrer äußeren Person. Sie war ein sehr schönes Mädchen, wie mir ihrer schließlich im Leben wohl ein Dutzend begegnet sein mögen – mehr freilich nicht –, dazu nicht in der ersten Jugend, sie mochte wenigstens fünf- bis sechsundzwanzig Jahre zählen. Wirklich merkwürdig an ihr waren nur ihre Augen. Von goldbraunen Brauen überwölbt, von langen, zurückgebogenen Wimpern beschattet, sehr hell, beständig von Meergrün in tiefes Blau und aus tiefem Blau wieder in Meergrün hinüberschillernd, mit einem Blick, der einem durch die Seele sah, übten sie im ersten Moment eine geradezu unheimliche Wirkung aus, bis im Laufe des Gesprächs ein Schimmer von Rührung sie verschleiert und die forschende Schärfe des Blicks abgedämpft hatte.

»Solang die Rührung anhielt, waren sie unbeschreiblich schön, aber sie hielt nie lange an.

»Wenn die Augen unheimlich und unerbittlich scharfsichtig, ja geradezu hellseherisch erschienen, so war der Mund im Gegenteil unendlich weich und gut, mit einem schwermütigen Zug um die Mundwinkel, fast als litte sie selber unter ihrer Hellseherei, als traure sie darüber, keiner ausdauernden Täuschung fähig zu sein.

»Sie trug ein weißes Kleid und weiße Rosen an der Brust; mit Ausnahme von ein paar grünen Blättern, die sich zwischen die Rosen mischten, war nichts Farbiges an ihr zu sehen. Ich sage Ihnen, wie eine Erscheinung aus einer andern Welt mutete sie mich an. Sie schien mir in ihrer leuchtenden, vornehmen Reinheit allen andern Menschen so fern, daß es mir ganz kurios vorkam, als Wilhelm ohne Umschweife mit einem lauten, kordialen ›Grüß dich Gott‹ ihre Hand schüttelte, ja, seine Vetterrechte geltend machend, darauf bestand, ihre Wange zu küssen. Dann stellte er mich vor – nannte meinen Namen.

»Ihr Blick richtete sich auf mein Gesicht, wuchs ordentlich fest darauf; zum ersten Male bemerkte ich, wie jener dämpfende, verklärende Glanz ihre Augen überzog, zugleich färbte ein seines Rot ihre blassen Wangen, nur so, wie es in dem Kelch einer Malmaisonrose schimmert, und eine Art gerührter Schelmerei umspielte ihren Mund. ›Also doch!‹ murmelte sie.

»Der Diener meldete, daß serviert sei. Wilhelm reichte der alten Dame in dem Creponschal (sie diente Kathrin als offizielle Ehrenwache) den Arm. Ich führte Kathrin.

*           *
*

»Ob das Diner gut oder schlecht war, weiß ich nicht – hab's nie gewußt – nie, ob uns wirklich gebackene Schimären und eingemachte Ideale serviert worden sind, oder genießbarere Speisen. Aber ich weiß noch genau, daß auch der Tisch mit weißen Blumen geschmückt war, und daß das Tafelgeschirr aus Altwiener Porzellan bestand, weiß mit feinen grünen Weinranken an den Rändern.

»Ich bemerkte zu meiner schönen Nachbarin, daß sie eine große Vorliebe für die weiße Farbe hegen müsse, und sie erwiderte darauf, das sei allerdings wahr, auf Weiß ruhe ihr Blick aus, weniges auf der Welt bereite ihr mehr Vergnügen, als auf ein reines Schneefeld zu schauen. Hingegen sei es für sie ein wahrer Schmerz, wenn der Frühling anfange, Schmutzlöcher in den Schnee hineinzubohren. Für sie gebe es nichts Häßlicheres auf der Welt als Tauwetter, das greife ihr immer entsetzlich an die Nerven!

»›Aber das Tauwetter ist ja nur eine Übergangsperiode, und es weckt das Leben,‹ erlaubte ich mir, ihr zu entgegnen.

»›Alles, was das Leben weckt, ist häßlich,‹ murmelte sie.

»Ich war mir noch nicht klar darüber geworden, was sie damit meinen konnte, als sie plötzlich errötete.

»Innerlich fing ich an, mich ein klein wenig an ihrer Verlegenheit, die sie mir menschlich um vieles näher brachte, zu ergötzen, da rief mir ihr Bruder über den Tisch herüber zu: ›Willy teilt mir soeben mit, daß Sie einer der berühmtesten gentlemanriders von Österreich sind; gönnen Sie mir Ihre Ansicht über die Behandlung, die meine Schwester diesen Morgen ihrer Stute angedeihen ließ.‹

»›Wenn ich ganz aufrichtig sein soll,‹ gab ich zur Antwort, ›so erschien mir die Strenge, die das gnädige Fräulein an den Tag legte, eine etwas unnötige Herausforderung ihres Pferdes. Das Experiment ist ja glänzend ausgefallen, war aber doch für eine Dame gefährlich. Ein begütigendes Verfahren hätte ich praktischer gefunden.‹

»›Da hast du's, Kathrin,‹ rief der Bruder, ›was hab' ich dir gesagt?‹

»›O darum gebe ich mich noch lange nicht geschlagen,‹ erwiderte sie munter, ›ich finde, wenn ein Pferd unartig ist, so muß es gezüchtigt werden.‹

»›Und ich finde, wenn ein Pferd unter einer Dame unruhig ist, so muß es vor allem besänftigt werden,‹ rief der Bruder.

»›Das Züchtigen und Geraderichten besorgt dann irgend ein sachkundiger Freund der Dame,‹ erlaubte ich mir einzuwerfen. ›Ich sah ja sofort, daß Sie eine vorzügliche Reiterin sind, gnädiges Fräulein; nichtsdestoweniger bleibt der Sitz einer Dame unsicher und ihr infolgedessen nichts übrig, als in gewissen Fällen ihr Pferd psychologisch zu behandeln. Wenn Ihr Pferd nur um eine Schattierung aufgeregter gewesen wäre, als es wirklich war, hätten weder Gerte noch Zügel darauf gewirkt, Sie hätten mit Ihrer Züchtigung ganz verkehrte Resultate erzielt, und bedenken Sie, Sie waren fünf Schritt vom Pflaster.‹

»In der Tat hatte sich die kleine Szene knapp neben einer Stelle abgespielt, wo der weiche Boden der Reitallee vom Pflaster durchkreuzt wurde.

»›Das ist alles richtig,‹ meinte sie lachend, ›aber ich gehe grundsätzlich nie einer Schwierigkeit aus dem Wege, am wenigsten aus Feigheit. Wenn ich recht habe, so will ich auch recht behalten.‹

»Der Bruder schüttelte den Kopf. ›Laß mich in Ruh' mit deiner Rechthaberei,‹ meinte er, ›eine Frau ist immer am reizendsten, wenn sie unrecht behält.‹

»Hierauf lächelte sie und meinte: ›Ich bin ja gar keine Frau, behauptest du.‹

»›Vorläufig bist du's auch nicht,‹ erwiderte er, ›sondern irgend ein fabelhaftes Ungeheuer – aber warte nur, deine Stunde wird schlagen – ich hoffe, sie schlägt nicht zur unrichtigen Zeit!‹

»Die Tafel wurde aufgehoben, und wir begaben uns von neuem hinauf in den Salon, wo der Kaffee bereits auf uns wartete. Wilhelm und sein Vetter hatten sich in ein politisches Gespräch verwickelt, die alte Verwandte Kathrins – sie war Schülerin von Chopin gewesen – hatte sich an den Flügel gesetzt und spielte halblaut lückenhafte Reminiszenzen aus ihrer musikalischen Glanzperiode. Kathrin stand auf einem Balkon und atmete den süßen Duft der Sommernacht. Es zog mich zu ihr, zugleich aber fürchtete ich mich vor ihr, oder vielmehr – sie schüchterte mich ein. Ich wußte nicht, ob ich mich ihr zugesellen dürfe oder nicht – da wendete sie den Kopf um, ich konnte mich nicht darüber täuschen – sie suchte mich mit dem Blick.

»Ich trat neben sie. Sie lächelte mir zu, freundlich, schelmisch, geheimnisvoll. In ihrem Wesen war die Sicherheit eines Kindes oder einer Königin. Sie hatte nichts von der ängstlichen und gezierten, ihre Avancen immer wieder einfangen wollenden Koketterie jener Mädchen, die sich einem Manne auf Umwegen an den Kopf werfen, weil sie sich genieren, Farbe zu bekennen, und es doch nicht übers Herz gewinnen, sich still zu verhalten. Wenn es ihr einfiel, sagte sie einem Manne eine Freundlichkeit gerade ins Gesicht, offenbar fest davon überzeugt, daß er ihr Entgegenkommen nicht als eine Zudringlichkeit, sondern nur als eine Gnade auffassen könne.

»›Sie wunderten sich gewiß, daß ich mich heute nach Ihnen umsah, nachdem mein Pferd vor Ihnen gescheut hatte?‹ meinte sie.

»›Als Sie sich das erste Mal umsahen, wunderte ich mich nicht; man sieht sich gewöhnlich nach etwas um, das einem Unannehmlichkeiten bereitet hat. Als Sie sich das zweite Mal umsahen, wunderte ich mich,‹ gab ich zu.

»›Da muß ich Ihnen doch erklären, warum ich mich umgesehen habe,‹ sagte sie. ›Mir war's bei Ihrem Anblick, als ob plötzlich jemand aus der Weltgeschichte herausgetreten wäre, um mich zu grüßen.‹

»›Seh' ich irgend einem Heldenporträt ähnlich?‹ fragte ich.

»›Nur sich selber,‹ entgegnete sie mir.

»›Gnädiges Fräulein! . . .‹

»›Ja . . . Sie sind doch einer der vier jungen Jägeroffiziere, die Arm in Arm singend ihrer Mannschaft voran ins Feuer gingen bei der Schlacht von Königgrätz?‹

»›Gnädiges Fräulein, wie kommen Sie denn auf die alte Geschichte zurück?‹

»›Ganz einfach – als sehr junges Mädchen sah ich einmal das Bild der vier Helden. Ich kann gar nicht sagen, wie mich das rührte – ich weinte eine ganze Nacht um die vier jungen Leben. Dann kam ein zweites Blatt mit Ihrem Bildnis – das interessierte mich noch mehr, aber es war mir nicht deutlich genug. Ich schrieb an einen Vetter in Wien – gerade an Willy schrieb ich – mit der Bitte, mir womöglich eine Photographie von Ihnen zu verschaffen. Das tat er denn auch. Das Bild muß sehr ähnlich gewesen sein, da ich Sie sofort danach erkannt habe. Heute morgen auf dem Boulevard meinte ich, es handle sich vielleicht um eine zufällige Ähnlichkeit. Als Willy vor Tisch Ihren Namen nannte, fuhr ich zusammen. Ich freute mich so, endlich einmal einen leibhaftigen Helden zu sehen.‹

»›Ach, gnädiges Fräulein,‹ erwiderte ich, ›ich will die Tat meiner armen verstorbenen Kameraden nicht herabsetzen – aber mit dem Heldenmut war's nicht so arg. 's ist nie wirklich so schön gewesen, wie's in den Zeitungen steht.‹

»›Ist es denn nicht wahr, daß Sie alle vier aus der Front heraustraten, Arm in Arm dem Feind entgegen, und singend?‹

»›Nun ja . . . aber,‹ wehrte ich mich gegen ihre eigensinnige Begeisterung, ›bedenken Sie die Umstände; wie elend unsre armen Soldaten waren, das stand in den Zeitungen nicht. Frisch ausgehoben, kaum ausgewachsen, dazu halbtot vor Hunger – kein Wunder, daß ihnen die Courage ausgegangen war! Das Mitleid wandelte uns an. . . . Schließlich hätte es keiner von uns mehr übers Herz gebracht, die armen Schlucker ins Feuer zu treiben, ohne ihnen ein paar Schritte vorauszugehen.‹

»In der hellen Sommerdämmerung sah ich's, wie plötzlich der verklärend dämpfende Glanz über ihre Augen zog.

»›Nun, offenbar war's noch schöner, als es in den Zeitungen stand,‹ murmelte sie. Ihre Stimme zitterte, und – ja, ich irrte mich nicht – eine Träne rollte über ihre Wangen herab.

»Wir plauderten noch lange zusammen.

»Während ich Ihnen das so erzähle, bin ich um dreiundzwanzig Jahre jünger geworden, ich stehe wieder neben ihr auf dem Balkon und sehe alles genau . . . genau: die durchsichtige Sommerdämmerung, in der die Farben sterben, die hohen Bäume des Squares, das, von einem Eisengitter umfaßt, die Mitte des Platzes einnimmt, und hinter den Bäumen die Aussicht abschließend, die Sankt Josephskirche, sehr modern, aber mit früh ergrauten Wänden, bereits von einer gewissen stimmungsvollen Patina überzogen, und rechts die weißen, glatten Häuser mit ihren weißen, glatten Jalousieen, und links das große, finstere, vornehme Palais der Marquise d'Assch, in dessen offenem Portal man die Diener herumstehen sieht.

»Die Dämmerung sinkt – sinkt – an den weißen Wänden schleicht sie herum, jede harte Linie verwischend. Die feingezeichneten Kronen der Bäume in dem Square – ich glaube, es waren Eschen – sind nur noch eine undeutliche, dunkelgraue Masse, und ein großes weißes Rosenbeet zu ihren Füßen schimmert gespenstisch durch die nächtlichen Schleier, und aus diesem unklaren weißen Etwas zittert ein Duft so süß, traurig, so herzbewegend verheißungsvoll . . .

»Und ringsherum ist es still, still – nur in langen Zwischenräumen unterbricht das Rollen eines Wagens die träge Ruhe des Brüsseler Adelsviertels. Sonst nichts – nichts als der friedliche Klang einer Kirchenglocke, die das Schwinden einer Viertelstunde verkündet, und die gebrochen stammelnde Musik der armen, alten Frau an dem Klavier, deren wehmütige und lückenhafte Melodieen hinübergleiten in das wonnige Schauern und Lispeln der Eschen, die sich den Küssen der Sommernacht hingeben.

»›Der Franz hat fragen lassen, wann er morgen satteln soll!‹ rief plötzlich Kathrins Bruder in unser Gespräch hinein. Er mußte die Frage wiederholen, ehe sie ihm antwortete: ›Um sieben Uhr früh.‹ Dann, nach einer kleinen Pause ihr himmlisches Gesicht mir zuwendend, bemerkte sie: ›Da Sie mit meiner Reitkunst nicht einverstanden sind, könnten Sie mir vielleicht Stunden geben. Ich kann Ihnen ein Pferd zur Verfügung stellen.‹

*           *
*

»›Nun, was sagst du zu Kathrin?‹ fragte mich Wilhelm, während wir auf dem Heimweg nebeneinander über die lindenbesetzten Boulevards schritten. Der Lindenduft war noch stärker als bei Tag – ganze Wolken von säuerlich würzigen Wohlgerüchen senkten sich aus den Ästen auf uns nieder. Hie und da in weiten Zwischenräumen färbte der Strahl einer Gaslaterne einen Ast arsenikgrün, und am Himmel oben flimmerten die Sterne.

»›Was soll ich sagen?‹ murmelte ich, ›ein herrliches, einziges Geschöpf! Ich begreife nicht, daß sie noch unverheiratet ist!‹

»›Besonders, da sie mordsmäßig viel Geld hat,‹ lachte er. ›Aber weißt du, es gibt schon so Mädchen, an denen die Männer bewunderungscheu vorübergehen in der Welt; es traut sich keiner an sie heran . . . sie wollen etwas so ganz Besonderes – unter einem Halbgott tun sie's nicht – schließlich kommt Hochmut vor dem Fall!‹

»Wir hatten unser Hotel fast erreicht; über das Gitter des Parks an der gegenüberliegenden Seite der Rue royale wehten uns die Linden einen letzten Duftgruß zu. In meiner Erinnerung schimmerten Kathrins verklärte Augen auf, ich hörte sie leise sagen: ›Ich freue mich, endlich einem leibhaftigen Helden begegnet zu sein.‹ Arme Kathrin!

»Der mit Kathrin verbrachte Abend hatte in mir den Eindruck von etwas unendlich Reinem, Stillem, Harmonischem zurückgelassen. Wenn ich die Augen schloß, so sah ich vor mir eine weite, blendende, weiße Fläche, aus der an einigen Stellen etwas Grünes aufschimmerte wie ein ferner Hoffnungsgruß, und als ich einschlief, träumte ich von einem weißen Schneefeld, aus dem blütenweiße Frühlingsbäume herauswuchsen. Das hatte ich einmal bei uns zu Hause gesehen, als es geschneit hatte im Mai. Es war sehr schön, aber traurig, weil der Sonnenschein fehlte, und die Blütenbäume zitterten vor Kälte. Da brach die Sonne aus den Wolken, alles glänzte in verklärtem Licht, und die Blütenbäume bebten wonnetrunken – einen Augenblick, nur einen Augenblick, dann plötzlich zerging der Schnee, verwandelte sich in schlüpfrigen Schlamm.

»Die Blüten fielen von den Bäumen – ich sah sie auf den Pfützen schwimmen! Dann erwachte ich!«

*           *
*

Der Alte hielt inne, er heftete seinen Blick auf seinen jungen Zuhörer, offenbar in der Hoffnung, ein Zeichen besonderer Teilnahme an ihm wahrzunehmen.

Aber das wohlwollende Gesicht des jungen Menschen hatte sich eigentümlich verfinstert, so sehr, daß es den alten Bummler einschüchterte.

»Ich langweile Sie,« stieß er hervor. »Sie suchen nach Ausflüchten, um sich von mir loszuschrauben – begreif's – begreif's! Dummkopf, der ich war, glaubte, daß meine verjährten Miseren noch irgend jemand interessieren könnten! Gehen Sie nur, gehen Sie . . .«

Anfangs schien es, als habe Freddy wirklich Lust, sich unter einem höflichen Vorwand zurückzuziehen. Er sah auf die Uhr, die bekanntlich immer herhalten muß, wenn es gilt, eine sich unangenehm lang hinschleppende Unterredung abzubrechen . . .

Die Empfindungen eines unsicher herumtastenden Mißbehagens, das ihn, noch ehe der Alte seine Biographie abzuleiern begonnen, heimgesucht hatte, drängten sich jetzt in ein gräßliches Angstgefühl zusammen, das vor einer sich immer deutlicher gestaltenden schrecklichen Möglichkeit zurückschauderte.

Er sagte sich, daß die Angst unsinnig sei . . . und wenn sie nicht unsinnig war, hatte er kein Recht, ihr auszuweichen. Aber . . . sie mußte unsinnig sein!

Er steckte die Uhr von neuem ein und rückte sich auf seinem Sessel zurecht. »Ich . . . ich habe noch Zeit,« murmelte er, »ich bitte Sie, fahren Sie fort in Ihrer Erzählung – ich bin gespannt, sehr gespannt . . . nur . . . eine Frage . . . welcher Nationalität war . . . die . . . die Dame?«

»Kathrin meinen Sie – hm! – Sie hieß eigentlich anders, sie hießen alle anders . . .« brummte der Alte – »hab' nicht das Recht, ihre eigentlichen Namen zu verraten. Welcher Nationalität? . . . Kosmopolitin – Diplomatenkind. Aber eigentlich hätte ich Ihnen das auch nicht verraten sollen. Stellen Sie mir keine Frage mehr – begnügen Sie sich mit dem, was ich Ihnen erzähle . . . nur gestatten Sie . . . mein Hals ist trocken – möchte gern etwas trinken . . . Garçon, einen Kognak und Soda!«

Aus der großen Glastür des Café Riche trat ein Kellner und brachte einen Siphon, ein Fläschchen Kognak, eine Zuckerdose samt Glas und langem Silberlöffel auf einer Tablette.

Nachdem sich der Alte seinen Trunk eingerührt und eine große Portion davon gierig auf einen Zug ausgeschlürft hatte, begann er von neuem.

»Wo war ich denn geblieben? Hm – bei meinem ersten Abend mit . . . Kathrin – ja, ja, Kathrin – sie hieß anders, aber der Name kleidet sie sehr wohl, also – mit Kathrin.

»Den nächsten Tag ritt ich mit ihr in das Bois de la Cambre.

»Von da an ritten wir alle Tage in das Bois, alle Tage . . . und schließlich kam's, wie Sie's erwartet haben mögen – ehe zwei Wochen verstrichen waren, hatten wir uns verlobt. Ich war der einzige, den diese Verlobung überraschte. Am längsten vorausgesehen hatte sie Willy – er hatte auch sein Möglichstes getan, ihr Vorschub zu leisten. Es schien ihm sehr darum zu tun gewesen zu sein, sie herbeizuführen.

»Gleich den Tag, nachdem wir in der Rue de l'activité diniert hatten, erklärte er mir, Brüssel gefiele ihm, und er wolle sich eine Weile hier aufhalten.

»Während ich Kathrin finishing lessons im Reiten gab, mich auch anderweitig bemühte, ihren Spuren zu folgen, kostete er nacheinander alle besten Restaurants von Brüssel durch und verspielte alle Tage ein paar hundert Franken beim Bakkarat in dem exklusiven Klub, der damals, glaube ich, le petit Bac hieß, und in den er als Fremder von Distinktion durch ein Mitglied eingeführt worden war.

»Eines Nachmittags verspielte er zufällig mehr als ein paar hundert Franken. Da er in allem mäßig war, außer in der Großmut, verleidete es ihm Brüssel. Er war schlechter Laune, als er ins Flandre zurückkehrte, wo er mich an meinem Schreibtisch Verse schmiedend antraf.

»Ich arbeitete an einem Gedicht, das ich Kathrin zugleich mit einem Bukett übersenden wollte, und zwar anläßlich eines Vielliebchens, das ich an sie verloren hatte.

»›Weißt du . . . du . . . Hans, das heißt Paul – du,‹ er trampelte auf und ab, wobei er kolossale Rauchwolken vor sich hin blies, ›du . . . Brüssel gefällt mir nicht mehr – ich hab's satt.‹

»Ich erwiderte nichts, ließ nur die Feder über dem Papier schweben, als ob ich plötzlich erstarrt wäre.

»›Ich möchte mir schon gern etwas anderes anschauen,‹ fuhr er fort . . . ›aber Freudverderber will ich keiner sein. Dir zuliebe bleibe ich ja meinetwegen noch – aber . . . könntest du nicht das Tempo ein wenig beschleunigen?‹

»›Was meinst du?‹ rief ich, mich voll nach ihm umsehend.

»›Na, was ich mein'?‹ Er schob sein dickes, rotes, von Gutmütigkeit strahlendes Gesicht verlegen in seinem steifen, weißen Hemdkragen hin und her. ›Ich . . . was soll ich meinen . . . ich meine nur . . . ich möchte wissen . . . wie du eigentlich mit Kathrin stehst?‹

»Mir fuhr's wie ein Blitz durch den Leib. ›Ich, wie soll ich eigentlich mit deiner Cousine stehen? . . .‹ Ich war aufgesprungen, die Hand auf die Platte des Schreibtisches gestützt, sah ich ihn drohend an.

»›Na, da brat' mir doch einer einen Storch,‹ platzte er heraus. ›Ich denk', du bist längst im reinen, und jetzt machst du ein Gesicht, als ob du gar keine Ahnung davon hättest, was sich alle Spatzen von Brüssel auf den Dächern erzählen.‹

»›Was denn?‹

»›Na, daß sich die Kathrin auf den ersten Blick verliebt hat in dich.‹

»Der Fußboden schwankte unter mir. Ich setzte mich auf den ersten Sessel, den ich zur Hand hatte, und ließ meinen Kopf in meine verschränkten Arme auf die Tischplatte sinken.

»Als ich wieder aussah, war ich allein.

*           *
*

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