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Maximum

Ossip Schubin: Maximum - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleMaximum Bd. I
authorOssip Schubin
firstpub1896
year1907
publisherVerlag von J. Engelhorn
addressStuttgart
titleMaximum
pages1-144
created20050301
sendergerd.bouillon
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Klikliki! . . .

Das klingende, klirrende Geräusch rollenden Goldes und Silbers inmitten einer großen Stille – der atemlosen Stille einer peinlich gespannten Erwartung! Über den Spieltischen, am Plafond angebracht, Lampen mit starken Reflektoren, deren Licht grell auf den grünen Tisch fällt, auf das runde Becken des Roulettes, worin die kleine weiße Kugel herumklappert, auf die Croupiers, die gewichst und gestriegelt in vollendet anständiger Haltung von ihren hohen Sitzen herab das Spiel leiten und überwachen, auf die Banknoten und das Gold neben ihnen, auf die Spieler, die eng gedrängt die Tische umsitzen, die Krücke in der Hand, um ihren Gewinst einzuscharren oder einen Einsatz zurechtzurücken, und auf die Spieler, die hinter ihnen stehen, in doppelten, dreifachen Reihen, mit vorgestreckten Hälsen die Laune des Zufalls beobachtend, ehe sie sich ins Feuer wagen!

Über die Roulettetische hinaus graue Dämmerung, auf den Sofas die Wände entlang schläfrige, gleichgültige Menschen, Männer und Frauen, die die Beine von sich strecken und gähnen.

Einige schlafen fest.

Inmitten der Säle das Fieber, ringsherum traurige Abgespanntheit oder zufriedene Langeweile – ehrbare Gattinnen, die in dem beruhigenden Bewußtsein, die sämtlichen Reisegelder bei sich zu tragen, geduldig abwarten, bis ihre Männer die paar Franken verspielt haben, die ihnen gegönnt worden sind, um an dem Spieltisch Erfahrungen zu sammeln; Villabewohner aus der Umgebung oder aus Monte Carlo selbst, die, im vollen Aufbruch begriffen, ihren von ungemütlicher Packerei verheerten Räumen entflohen sind, um den Abend irgendwie zu verbummeln – eine Feuilletonistin, die verstohlen den Operngucker an die Nase setzt, um den unheimlichen Höllenpfuhl genauer zu mustern, und sich indessen von einem sachkundigen jungen Beamten des Credit Lyonnais Lokalfarbe und Schrecklichkeiten erzählen läßt.

Von Zeit zu Zeit sagt die Feuilletonistin »Entsetzlich!« und macht Notizen in ihr Taschenbuch, und eine Dame neben ihr fragt ihre Nachbarin, ob sie glaubt, daß sich die Mode der breiten Ärmel halten wird – das alles höflich, halblaut, denn keine Stimme wagt sich zu erheben neben der Stimme der eintönig hinklirrenden Münzen.

Klikliklikli! Durch alle Säle zieht sich's, das kristallhelle, klingende Geräusch, jedes andre Geräusch beherrschend.

Klikliklikli! . . . Es ist wie die kichernde Stimme des Zufalls, der die Menschen verspottet ob der abgeschmackten Huldigungen, mit denen sie um seine Gunst buhlen. Klikliklikli – die Stimme des lockenden, fliehenden Glücks.

Hie und da hört man zwischen dem eintönigen Hinklirren des Geldstroms Bemerkungen von Spielern, die ihren Einsatz nicht selber zurechtrücken können und dem Croupier eine Weisung geben.

»Quatorze et les chevaux – rouge – impair – passe!«

Dann wieder nichts als das Klingeln der Münzen, das Rollen der geheimnisvollen Kugel – krrrrr – le jeu est fait, rien ne va plus!

Zwischen den Spielern, die, wie durch einen unseligen Zauber festgebannt, die Tische umdrängen, und den ruhig die Zeit vertrödelnden Bummlern, die sich schläfrig auf den weichgepolsterten Kanapees lümmeln, glänzt ein breiter Streifen helles Parkett, auf dem sich ein paar Unschlüssige herumsiedeln, die zum Spiele entweder keine Lust oder kein Geld, zum Stillsitzen keine Ruhe haben – ein paar elende, blasse Frauen, die ihre verweinten Augen hinter schwarzen Staubbrillen verstecken und von Zeit zu Zeit vergebliche Versuche machen, ihre Gatten vom Spieltisch wegzuschmeicheln, müd' und geduldig, ohne sich von der barschen Roheit oder der vertröstenden Sanftmut, womit ihre mahnenden Worte aufgenommen werden, abschrecken zu lassen. Ein paar aufgeregte blasse Männer, die, eine Roulettetabelle zwischen den Fingern zerknitternd, im Gehen über ihre Schulter hinüber den Gang des Spieles beobachten – ein paar leichtfertige Damen, die sich die Augen ausschauen nach jemand, der ihnen zwanzig Franken borgen oder schenken möchte, damit sie ihr Glück versuchen könnten.

Zwei von ihnen stoßen sich mit dem Ellenbogen und zischeln: »Monsieur Paul! vielleicht hat er zufällig wieder Geld. Wenn er Geld hat – hat er immer eine offene Hand.« Aber wie sie auf ihn zugehen wollen, erschrecken sie vor seinem verstörten Gesicht und prallen zurück.

Er schreitet an ihnen vorbei, ohne sie zu bemerken. »Was ist vorgefallen?« fragen sie einander – sie haben ihn an einem Abend fünfzigtausend Franken verspielen sehen, aber einen so verstörten Eindruck hat er damals nicht gemacht.

Er geht an allen Tischen vorbei, hält sich nirgends auf – geht nur immer fort. Einen Augenblick setzt er sich in eine Ecke, aber kurz darauf erhebt er sich wieder und wandert von neuem aus einem Saal in den andern. Was will er hier, was sucht er hier – warum ist er überhaupt hierhergekommen? Er weiß es selber nicht!

Sein Kopf ist wirr, die starken Getränke, die er massenhafter als sonst zu sich genommen hat, um sich momentan zu beleben, üben jetzt ihre nachträgliche niederschlagende Nachwirkung auf ihn aus. Seine Glieder sind wund und schwer, an seinen Schläfen fühlt er einen peinlichen Druck, und um den Kopf schwebt's ihm wie ein grauer Nebelring, durch den er alles verschwommen oder von einem irisierenden Schein umleuchtet sieht.

Er möchte laut aufstöhnen unter der Last, die ihm an den Schultern zerrt, atemraubend – so schwer ist sie, daß er hinsinken müßte unter ihr, augenblicklich, wenn er nicht zugleich diese schreckliche Unruhe in sich fühlte – eine Unruhe, die ihm peinlich in allen Adern herumsticht, ihm aus den Fingerspitzen herausbrennt, ihn rastlos von Stelle zu Stelle jagt – eine Unruhe, die so groß ist, daß er sich noch weiterschleppen müßte, selbst wenn man ihm die Füße abgeschnitten hätte.

Immer wieder sieht er das blasse, verstörte Gesicht des Sohnes vor sich, und immer wieder schreit's in ihm auf: »Das hast du getan!«

Und weiter irrt er, weiter, wie einer, der einen Ausweg sucht aus einem dunklen, von giftigen Miasmen verpesteten Gang – einen Ausweg – es muß einen Ausweg geben – ein Mittel, das Leben des Sohnes zu retten!

Plötzlich – unklar, schauerlich dämmert ihm eine Möglichkeit auf – die einzige. Ein Frost durchzieht ihn. Nein, das nicht – das nicht. Er schleppt sich weiter mit der Last, die immer größer wird.

Er verirrt sich in den vornehmen trente-et-quarante-Saal hinein, der von berühmten französischen Malern dekoriert ist, und wo nur mit Gold gespielt wird. Die reichen Leute, die Magnaten von Monte Carlo, versammeln sich hier – die Begünstigten, die von ihrer gesicherten Vermögensgrundlage aus den Kreislauf des Zufalls abwarten können und sich mit ihrem Überfluß eine spannende Zerstreuung erkaufen. Hans Ulenberg hält sich nicht gern bei ihnen auf – zu anständige Gesellschaft, und dann – sie sind wirklich nicht interessant.

Er schleppt sein Elend, seine Unruhe in die Roulettesäle zurück.

Er tritt an einen Tisch, den er besonders gut kennt, an den Tisch, der immer am dichtesten besetzt ist, um den die lautloseste Stille herrscht. Ihn durchschauert's.

Wie sich das drängt und stößt; Frauen darunter, schwache, kränkliche Frauen – ja die Überzahl besteht aus Frauen – einige noch mit einem Rest besserer Lebensgewohnheiten in Haltung und Toilette, andre dürftig, ärmlich, zerzaust, schlecht gepflegt, abstoßend schäbig. Von Männern nichts Vertrauenerweckendes, ein paar Ausgestoßene und viele, die zu gar keiner Kategorie gehören, die man nirgends anderswo sieht als in Monte Carlo – Spieler.

Blaß und fahl, gegen alle andern Lebensinteressen abgesperrt, drängen sie sich vor den Spieltisch und bauen mit zitternder Hand an einem letzten ungeheuren Luftschloß.

Darüber hinaus sehen sie nichts – wissen sie von nichts. Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachten sie den Lauf des Spieles, mit stierem, stumpfem Blick, der ihre mit Morphin bekämpfte Schlaflosigkeit verrät – einem Blick, dem man außer in Spielhöllen nur noch in Irrenhäusern und in politischen Versammlungen radikalster Färbung begegnet, dem Blick von Fanatikern und Irrsinnigen, die alles einer fixen Idee, einer trügerischen Hoffnung zu opfern bereit sind – Herz, Seele, Charakter, Liebe und Ehrbegriffe – die auf eine geträumte Nummer hin nicht zögern würden zu stehlen, und sich zwingen könnten zu morden, um sich die Möglichkeit zu schaffen, ein letztes Mal dem trügerischen Zufall die Hand zu bieten – müde Sklaven der grausamen angebeteten Gottheit, der sie zusammenbrechend ihr »Morituri te salutant« zurufen.

Und zwischen diesem gierigen Gelichter sitzen ein paar vornehme Menschen, bleich und stumm, wie erstarrt in einer ungeheuren Trostlosigkeit, die spielen um einen höheren Gewinn als den, von dem die kleinen Glücksjäger träumen – sie spielen um eine Stunde Vergessenheit.

Dort die Frau in den schwarzen Kleidern ist die berühmte Mrs. P . . ., die, des Gattenmordes beschuldigt, von der Jury wegen Mangels an Beweisen nach einem spannenden Prozesse freigesprochen worden ist; neben ihr ein magerer Mann mit schneeweißem Haar und Bart, ein Russe, der in einer Nacht seine Frau und drei Kinder an der Cholera verloren hat; und dort links von dem Croupier – 's ist eine der seltsamsten Erscheinungen von Monte Carlo, man zeigt sie den Fremden wie eine Merkwürdigkeit, wie ein Monument, es ist die ausdauerndste Spielerin im Kasino, sie kommt, wenn das Kasino geöffnet, und geht, wenn es geschlossen wird – alle Tage – alle Tage immer an demselben Posten sieht man sie, ganz weiß oder ganz schwarz gekleidet, mit einem einst schön gewesenen Gesicht, das fast zum Totenkopf abgezehrt ist, so, daß die Knochen durch die Haut schimmern.

Stunde um Stunde sitzt sie da, das Flacon mit Riechsalzen neben sich, unermüdlich verfolgt sie den Lauf des Spiels, berechnet die Chancen, beobachtet die Launen des Zufalls und rückt mit ihrer Croupierkrücke ihre Einsätze zurecht. Von weitem sieht man das Blitzen der Diamanten an ihren mageren Fingern. Sie spielt immer ohne Handschuhe.

Es heißt, sie habe auf der Jagd durch Zufall ihren einzigen Sohn erschossen. Ein schweres Nervenfieber streckte sie nach dem schrecklichen Unglück auf ihr Krankenlager nieder. Und als sie das Krankenlager endlich verließ, war sie so geworden, wie man sie jetzt alle Tage in Monte Carlo sehen kann. Der Verstand ist noch rege, aber von ihrer Gemütstätigkeit ist nichts übriggeblieben als eine atemlose Angst – vor der Erinnerung!

Hans Ulenberg kann heute die Augen nicht von ihr wenden – »ihr einziges Kind, einen Sohn – einen Sohn, den sie liebte, den sie vergötterte – erschossen – mit eigener Hand – auf der Jagd!« denkt er immer wieder. Es ist nicht erst heute, daß er ihr Schicksal erfahren hat; er weiß es längst, aber es ist erst heute, daß er die Qual dieses Schicksals begreift. Die Frau flößt ihm keine Sympathie ein, kaum Mitleid, nur ein bannendes Grauen. »Sie kann nie eine ernste, edle Frau gewesen sein,« sagt er sich; »eine von den überspannten Ruhelosen muß sie gewesen sein schon früher, sonst würde sie nicht hier und auf solche Weise Zerstreuung suchen. Edle Naturen suchen überhaupt keine Zerstreuung in solchen Fällen – die werfen ihren Schmerz nicht von sich, die pflegen ihre Erinnerungen, mögen sie noch so traurig und quälend sein – pflegen sie als ihr letztes, höchstes Gut.

»Edle Naturen! – pah, wer denkt an edle Naturen hier in den Spielsälen von Monte Carlo! Man schlampt sein Leben zu Ende irgendwie und sieht zu, daß es einem nicht zu wehe tut, und wenn niemand anders einem die Last abnehmen will, die einen drückt, so läßt man den Teufel gewähren und sagt ihm noch: ›Schön Dank!‹«

Plötzlich steht er in Reih und Glied mitten in der enggedrängten Menschenmauer, die den Roulettetisch umragt.

Klikliklikli . . . immer dasselbe klingelnde, klirrende Geräusch, die kichernde Stimme des Zufalls, die Stimme des lockenden, fliehenden Glücks! Die vergiftete Atmosphäre, die den Spieltisch umschwebt, übt eine zugleich aufreizende und betäubende Wirkung auf ihn aus. – Es ist eine Atmosphäre, die mit dem Geruch von Schönheitsmitteln und scharfen Essenzen und mit der Ausdünstung einer fiebernden Menschenmenge geschwängert ist. Eine scheußliche Luft, aber für ihn gerade gut genug. Er ist sie gewöhnt.

Klikliklikli . . .

»Quatorze et les chevaux – rouge – pair!«

Und plötzlich schwirrt's wie eine magische Beschwörungsformel um die Ohren der Spieler – das eine Wort: Maximum!

Ein keiner Weinbauer aus der Umgebung, der zum ersten Male den Spielsaal betreten und mit fünf Franken Einsatz begonnen hat, der hat's gewonnen.

Sechstausend Franken auf rouge! Er scheint ganz erstaunt über seine Heldentat und macht ein wichtiges und geheimnisvoll kluges Gesicht, als ob er durch seine persönliche Schlauheit den Zufall besiegt hätte und nun gewärtig wäre, dafür von der Regierung mit der Ehrenlegion ausgezeichnet zu werden. Ein paar Bekannte drängen sich an ihn heran, gratulieren ihm. Sich wichtig die Brusttasche streichend, verläßt der vernünftige Mann den Saal.

»Sechstausend Franken – das kleine Maximum – tant de bruit pour une omelette!« denkt Monsieur Paul und zuckt verächtlich die Achseln – das hat er mehr als einmal gewonnen – das zählt nicht, aber das große Maximum – nur einmal das Maximum, das alle glücklichen Chancen des Spieltisches in sich zusammenfaßt – wenn er das gewinnen könnte, nur einmal, dann wäre er ein gemachter Mann – das Geld vermag alles, er könnte den Kopf wieder hochhalten, er brauchte sich nicht mehr zu schämen, die andern Menschen brauchten sich nicht für ihn zu schämen!

Aber wie sollte ihm so etwas blühen! Na, mehr als verlieren kann er nicht. Er zieht seine letzten zehn Franken aus der Tasche und setzt sie auf Nummer siebenundzwanzig.

Krrrrr! . . . Das Rollen der geheimnisvollen Kugel! Krrrrr! . . . pah, nicht einen Blick will er werfen nach dem grünen Tisch, um sich zu vergewissern, daß er verloren hat, er weiß es im vorhinein . . . Doch nein, was ist das – der Croupier, ein alter Freund, fragt ihn, wie viel von seinem Einsatz er stehen lassen wolle – sein Goldstück hat sich sechsunddreißigmal vermehrt. Er fährt zusammen, nimmt von den dreihundertundsechzig Franken einhundertundachtzig, setzt sie auf Noir und läßt die andern einhundertundachtzig auf der Nummer stehen.

Krrrrrr . . .

Wieder hat die kleine weiße Kugel ihren geheimnisvollen Kreislauf begonnen.

Krrrrrr . . .

Die Brust zieht sich ihm zusammen, sein Atem wird kurz.

Siebenundzwanzig!

Die Hände zittern ihm, das Fieber hat sich seiner bemächtigt, er fühlt den Boden unter seinen Füßen nicht mehr. Der alte optimistische Schwindel hat ihn gepackt – der Schwindel der Spieler – ein hoffnungsseliger Rausch, der allen glückbringenden Möglichkeiten entgegenjauchzt. Er spielt nicht mehr um Tausende, um Hunderttausende – er spielt um sein verlorenes Leben, um die Zukunft seines Sohnes – es gibt nichts, was ihm in diesem Augenblick der Spieltisch nicht verspräche.

Ein Sessel an dem Spieltisch wird frei. Er nimmt darauf Platz, setzt noch einmal, gewinnt – gewinnt immer wieder. Das Geld häuft sich unter seinen Händen – vorwärts, rücksichtslos vorwärts!

Die Leute sehen ihm zu – erschrecken vor der Tollkühnheit, womit er immer die größten Einsätze wagt.

Jetzt – die Farbe, impair, manque – premier douze – les chevaux – le carré – und Nummer neun – alles, was man besetzen kann, hat er besetzt, was man wagen kann, hat er gewagt.

Krrrrrr!

Ihm selber und allen, die zusehen, ist's, als liefe die Kugel dreimal so lang wie sonst um das Roulette herum. Jetzt steht sie still – er streckt den Kopf vor: Nummer neun!

Das Maximum – das große Maximum!

Mit dem wahnwitzigen Glauben der Spieler, die dem Glück epidemische Eigenschaften zuschreiben, drängt sich jetzt eine geradezu beängstigende Menschenmenge um den Tisch. Damen aus den höchsten Ständen mischen sich in das Gewühl, werfen das Geld mit vollen Händen auf den grünen Tisch – Spieler, die seit mehreren Tagen nicht mehr zu setzen gewagt haben, legen einen letzten Tausendfrankenschein auf das grüne Tuch.

Durch die Augen des Alten flackert die Unruhe eines Somnambulen, der langsam aus einem Traum erwacht.

*           *
*

Der Rausch ist vorüber, die Schleier, die seine Seele umfangen hatten, sinken langsam – das Licht dringt herein – die Luftschlösser zerfallen wie mit einem Schlag.

Er hat das Maximum gewonnen – das große Maximum – nun, – was weiter?

Kliklikli . . . höhnend, aufreizend hört er's neben sich, hört's rings um sich herum – die kichernde Stimme des Zufalls, der ihm heute seinen lebenslangen Wunsch erfüllt hat, weil heute die Erfüllung desselben wertlos für ihn geworden ist.

Wertlos? – Nun ja, wertlos.

*           *
*

Monsieur Paul senkte den Kopf, steckte sein Geld ein und ging.

Am Ausgangsportal hielt er sich auf und warf ein paar Goldstücke in die Sammelbüchse – »pour les naufragés«, dann schritt er hastig über den Platz.

Ein feiner Regen zitterte durch die weiche, von Wohlgerüchen fast übermäßig gesättigte Luft. Die Wolken hingen tief.

Hastig, ohne sich nach rechts und links umzusehen, schritt er weiter die Straße entlang, die nach Mentone führt, bis er sein dürftiges Gasthaus erreicht hatte.

Quer durch einen schmalen Gang, über einen Hof, wo ein paar Fremde plaudernd auf Blechstühlen zwischen blühenden Oleanderbäumen saßen, ging er in das Hintergebäude hinein und über eine steile Steintreppe in sein Zimmer. Er zündete eine Lampe an, dann nahm er das Geld ans seinen Taschen, breitete es vor sich aus und zählte es. Es waren fast einhundertundachtzigtausend Franken. Eine hübsche Summe – aber was sollte er damit? Er stützte den Kopf in die Hände. Er konnte allenfalls ein paar Menschen, die noch erbärmlicher daran waren als er selbst, Almosen schenken – er konnte sich ein besseres Lager gönnen – eine schmackhaftere Kost. Als ob ihm je ein Bissen mehr munden würde, und ob er weicher oder härter lag, war ihm auch gleichgültig. Vor bösen oder allzu süßen Träumen war er nie und nirgends mehr sicher.

Er war wie ein Scheintoter, der plötzlich im Sarge erwacht ist und sechs Fuß Erde über sich fühlt. Die Erde konnte er nicht bewegen, den Weg ans Licht nicht mehr finden.

Als er der Rehabilitierungsphantasieen gedachte, die ihn am Spieltisch umgaukelt hatten, lachte er erst über sich, dann mit einem Male fing er an, bitterlich, fast wie ein kleines Kind zu weinen.

Wie hatte er sich das eigentlich vorgestellt? Hatte er sich einen neuen Anzug in Nizza kaufen und dann in aller Form bei dem Gesandten Siehrsburg für seinen Sohn um die Hand der Tochter Siehrsburg anhalten wollen?

Hm – grotesk! Übrigens das Anhalten war nicht nötig – verlobt war ja der Junge, aber wie lange würde es dauern . . .

Es durchfuhr ihn – er hatte einen klaren Kopf, wenn er nicht betrunken war – an den Fingern konnte er sich's abzählen, wie alles kommen würde.

Offenbar hatte der arme Junge noch nicht Gelegenheit gehabt, sich mit seiner Mutter auszusprechen. Er fürchtete allerhand – Bestimmtes wußte er nichts.

Und wenn er es wissen würde! Wieder trat die Frage an ihn heran: »Wird er sich erschießen oder wird er mich verleugnen?«

Der arme Junge – der arme Junge! Und wieder hatte er das Gefühl, weiterzukriechen durch einen engen schwarzen Gang, aus dem er den Ausweg suchte – einen Ausweg, eine Möglichkeit – die einzige.

Wieder – diesmal deutlicher – schwebte der grauenhafte Gedanke an ihm vorbei. Und wieder schnürte sich ihm der Hals zu in Todesangst. Das nicht – nein, das nicht.

Freilich, wenn er den Jungen nur einmal in dem Arm halten dürfte, ihn sagen hören könnte: »Vater!«, so wirklich aus vollem Herzen heraus, dann wäre er vielleicht auch das noch im stande. Aber daran war nicht zu denken – das konnte nicht sein. Ein Wimmern brach von seinen Lippen.

Da . . . was war das . . . er horchte auf . . . die Stimme unten im Flur, eine junge, weiche Stimme, die nach ihm fragte – nach Monsieur Paul Müller. War das wirklich? . . . Nein, das konnte nicht . . . aber doch. . . . Die Treppe herauf kam ein junger, elastischer Schritt näher, näher! Der Alte zitterte am ganzen Leib. »Um Gottes willen,« fragte er sich, »was wirst du tun, wenn er dir entgegentritt? Ihm die Arme entgegenstrecken? – alter Egoist! Nein, tausendmal nein – du darfst nicht – du darfst nicht!«

Und als die Tür aufging und Freddy eintrat, faßte sich alles, was noch Gutes in Haus Ulenberg übriggeblieben war, in einem heldenmütigen Versuch zusammen, dem Sohn die Demütigung zu ersparen, der dieser so großmütig entgegenkam.

»Vater!« murmelte Freddy beklommen, und streckte dem Alten die Hand entgegen. Der Alte blinzelte mit den Augen und erwiderte mürrisch: »Es tut mir unendlich leid – aber ich ahne nicht . . . was Sie eigentlich meinen!«

Überrascht sah ihm Freddy ins Gesicht. Sollte er sich doch geirrt haben? Die Augen der beiden Männer begegneten einander. Aus dem Gesicht des Alten sprach eine so mühsam unterdrückte Zärtlichkeit, eine so rasende Beschämung und Trauer, daß jeder Zweifel ausgeschlossen war.

»Vater!« rief Freddy noch einmal, stärker, wärmer, und diesmal . . . Ja – eine Viertelstunde früher hätte er es nicht geglaubt, daß er es über sich vermögen würde – aber er breitete die Arme aus und zog den Alten an seine Brust.

Da war's mit dem Widerstand des Vaters vorbei. Er hielt den Sohn an sein Herz, preßte ihn fest an sich, und dann schob er ihn von sich hinweg und verzehrte ihn mit einem Blick, voll von Liebe und Stolz und Verzweiflung. Er streichelte ihm die Schultern, die Arme, er nahm seine beiden Hände in die seinen und drückte sie an seine Wangen, an seine Lippen und murmelte immer wieder: »Mein Sohn! mein Kind! mein herrliches, herrliches Kind – aber wie kannst du nur – wie bist du's im stande – mein Kind – mein Kind!«

Es war eine solche Wärme und Innigkeit in der Art des alten Mannes, daß der Sohn gänzlich der Kluft vergaß, die ihn von ihm trennte. Ein Gefühl engster Zusammengehörigkeit zog ihn zu ihm hin, er erwiderte seine Herzlichkeit und sagte ein um das andere Mal: »Vater! Beruhige dich doch – Vater – mein armer, alter Vater!«

Als sich der Alte an ihm satt geherzt und satt geschaut, fragte er ihn mit einer demütigen Bitte in der Stimme, die den jungen Burschen bis ins Innerste rührte: »Da du schon gekommen bist, mein Junge, mein lieber, mein herrlicher Junge – so – so bleibst du doch ein Weilchen, nicht wahr, ein ganz kleines Weilchen. So . . . setz dich, da in den Stuhl, der ist noch der beste. – In so einer elenden Kammer bist du gewiß dein Lebtag noch nicht gewesen, es ist alles viel zu schlecht für dich, aber am allerschlechtesten ist dein alter Vater, der ist deiner am unwürdigsten, armer Bub!«

Ohne ein Wort herausbringen zu können, setzte sich Freddy dem Vater gegenüber.

Eine beklommene Pause folgte, dann ängstlich seinen Sohn von der Seite ansehend, fragte Hans Ulenberg: »Und deine Mutter – weiß sie, daß du mich aufgesucht hast?«

»Ja!«

»Du hast mit ihr über mich gesprochen?«

»Ja, ich mußte sie ausfragen, um mich zu vergewissern, daß meine Vermutungen richtig waren.«

»Nun . . . und als sie erfuhr, daß ich noch lebe, was geschah dann?«

Freddy schwieg.

»Sie wurde ohnmächtig, nicht wahr?«

»Ja!«

»Arme Frau! arme Frau!«

Der Alte verstummte – er trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.

»Es tat ihr schrecklich leid, zu erfahren, daß du dich in Not befindest,« versicherte ihm Freddy. »Sie hatte keine Ahnung davon, daß du lebst – wenn sie es gewußt hätte, so . . .«

»So hätte sie mich nicht darben lassen. O, dafür kenn' ich sie!« sagte der Alte.

Aus dem Nebenzimmer tönte ein rauher Lärm – das Schimpfen einer männlichen und das Gejammer einer weiblichen Stimme. Freddy zuckte zusammen.

»Es ist nichts – so etwas gibt's bei uns alle Tage,« erklärte ihm der Alte. »Die Violinistin, die du vor dem Café Riche gesehen hast, und einer der beiden Neapolitaner – sie sind einander wert. Wenn beide Teile nichtsnutzig sind bei einem Liebesverhältnis, so geht's famos – die dauerhaftesten Beziehungen . . . 's ist nur, wenn einer gar nichts wert ist und der andre sehr viel, daß es nicht zusammen geht, ganz und gar nicht!« Dann griff er nach den Händen des Sohnes, drückte sie und murmelte: »Mein armer Junge! mein armer, lieber Junge! Es ist wunderschön, daß du gekommen bist, aber es bricht mir das Herz – ich . . . ich möchte dich so gern verwöhnen, dir etwas schenken, etwas vorsetzen, aber wie soll ich in diesem Loch – in diesem Loch! Rauch doch wenigstens, mein Alter, mein Tabak wird dir zu schlecht sein, ich rauche immer Caporal; aber rauche deine eigenen Zigaretten – die eine Stunde in deinem Leben, die du mir schenkst, sollst du dich wohl fühlen, so gut's geht, so gut's geht.« Er rieb sich die Augen, nach einem Weilchen sah er auf, sein Blick fiel auf das Geld, das vor ihm lag.

»Das hab' ich heut gewonnen mit deinem Zwanzigfrankenstück,‹ erklärte er Freddy, und schüchtern setzte er hinzu: »'s ist eine Masse – kann ich dir nichts davon geben? Da hast du!« Er schob ihm einen ganzen Haufen von Goldstücken zu mit der naiven Freigebigkeit eines Kindes, das nicht rechnen kann.

Freddy lehnte das Geschenk freundlich ab. – Hans Ulenberg zuckte die Achseln und murmelte: »Hätt's wissen können. Du nimmst nichts von mir, kein anständiger Mensch nimmt etwas von mir, geben möchten sie mir allenfalls etwas, aber etwas nehmen von mir – nehmen – nie . . . nie. . . . Armer Kerl! . . . Es tut dir leid genug, mir weh tun zu müssen, mein armes Kind! 's geht nicht anders. Aber . . .« er verstummte, versank in Nachdenken. Plötzlich hob er den Kopf, und mit der Hand polternd auf den Tisch niederfahrend, schrie er, etwas in seine alte rohe Art zurückfallend, aus: »Na, und die noble Sippschaft deiner Braut, was sagt denn die dazu, daß ich dein Vater bin?«

Freddy errötete sehr tief und stotterte: »Sie wissen's noch nicht.«

»Aber wenn sie's wissen werden, was dann? . . .« Über den schmalen Tisch hinüber packte der Alte den Sohn an den Handgelenken, die er mit fast grausamer Gewalt zusammenpreßte – »und wenn sie's wissen werden, was dann – was dann?« röchelte er.

»Vater! Ich kann dir's nicht sagen.«

»Aber ich kann dir's sagen,« schrie der Alte, indem er mit der Faust auf den Tisch hieb. »Sobald sie's erfahren, werden sie dich hinauswerfen, weil ich dein Vater bin – und die arme Kleine . . . das liebe, süße Ding wird sich an dich festklammern und dich nicht im Stich lassen wollen, und sie werden ihr die weichen, schwachen Arme herunterreißen von dir, werden ihr das Herz brechen – weil ich dein Vater bin. Aber das kann nicht sein – das darf nicht sein! Wenn sie's noch nicht wissen, so brauchen sie's auch nicht zu erfahren – brauchen's nicht zu erfahren – nie – nie! Zu was es ihnen sagen – ich plauder's nicht aus, drück' mich noch tiefer in den Schatten, braucht niemand zu ahnen, daß ich noch lebe – zu was mich öffentlich anerkennen! Es war ja so schön, daß du überhaupt gekommen bist, daß du mich Vater genannt und mich freundlich angesehen hast! Aber dabei laß es bewenden, kümmere dich nicht weiter um mich. Zu leben hab' ich ja, du siehst,« – mit einem Blick auf das Geld – »für meine Bedürfnisse übergenug! Ich werd' nicht mehr spielen – alles will ich ertragen, nur das eine nicht – das Bewußtsein, dein Leben vernichtet, dich um dein Glück betrogen zu haben! Das nicht – nur das nicht! Laß mich aus meinem Loch auf euch schauen, heimlich, unbemerkt, und mich an eurer Freude freuen!

»Wenn du mit deiner schönen jungen Frau an mir vorüberfährst und die Straße ist zu eng, so will ich mich gegen die Wand drücken und mich nicht mucksen, wenn mich ein Rad abschindet; und wenn ich deinen Kindern begegnen sollte, so werde ich stehen bleiben und sie ansehen und stolz auf sie sein und mich an ihrem Anblick ergötzen und sie nie festhalten und nie mit meinen häßlichen Händen berühren, aus Angst, sie zu beschmutzen oder ihnen weh zu tun – nur stehen – stehen und mir die Augen ausschauen nach ihnen und mich freuen, je schöner, je vornehmer, je ferner sie mir sind. Nur nicht dir schaden, dir und den Deinen – das nicht – das nicht!« Der Alte hatte sich beim Kopf gefaßt, und den ganzen Oberkörper vor Verzweiflung auf und nieder bewegend, schluchzte er jämmerlich.

Ein Nebel zog sich vor die Augen des Sohnes. Er stand auf und legte die beiden Hände auf die Schultern des gebrochenen Mannes. »Und du glaubst wirklich, daß ich's fähig wäre, dich zu verleugnen, Vater?« fragte er.

Der Alte wimmerte nur und antwortete nicht.

»Nein, Vater,« sagte Freddy sehr herzlich und einfach: »Ich dürfte es nicht, und ich könnt's auch nicht. Mag jetzt kommen, was will, ich werde zu dir stehen durch dick und dünn! Es ist spät, ich muß nach Hause, morgen vormittag komm' ich zu dir, und dann wollen wir uns über deine Zukunft beraten. Und jetzt lebe wohl, Vater, adieu! Habe Mut – ein neues Leben wird anfangen für dich. Ich wollte die Nacht nicht verstreichen lassen, ohne dich aufgesucht zu haben, aber jetzt muß ich fort.«

»Geh, mein Junge, geh . . . Gott segne dich und lohne dir's, daß du gekommen bist!‹ Er zog den Sohn noch einmal an seine Brust, umarmte ihn heftig und stieß ihn dann von sich.

*           *
*

Als sich der junge Mann entfernt hatte, rieb sich der Alte die Augen und fragte sich, ob er das nicht alles geträumt habe? Nein . . . er hatte nicht geträumt, da war der Stuhl, auf dem sein Junge gesessen, sein Junge, sein Sohn, der ihn Vater genannt und sich von ihm, dem alten Spieler, hatte in die Arme schließen lassen! Jemand hatte die sechs Fuß Erde, die über ihm aufgetürmt gewesen waren, hinweggeräumt und ihn hinausgerufen ins Licht, aber er hielt sich die Hände vor die Augen und wollte wieder ins Grab zurück, er fürchtete sich davor, wieder mit anständigen Menschen verkehren zu müssen – im selben Käfig eingesperrt zu werden mit wilden Tieren, wäre ihm weniger schrecklich vorgekommen.

»Ein neues Leben wird anfangen für dich!«

Wenn der Junge dazu zu bewegen gewesen wäre, ihn im Dunkeln weiter vegetieren zu lassen, aber nein. Der Bursch war tapfer, offenbar wollte er alles daransetzen, den Vater zu rehabilitieren; aber war's denn möglich, war's möglich?

In seinen Adern fing das Blut an zu brennen, ihm schwindelte. Hundert kleine, dunkle, zweideutige Handlungen, die er früher vergessen, die ihm neben den Menschen, zwischen denen er sich jahrelang bewegt hatte, gar nicht aufgefallen waren, tauchten aus seiner Vergangenheit auf, giftig und schauerlich wie erstarrte Skorpione, die von einem Sonnenstrahl ins Leben geweckt worden sind.

Der Schweiß trat ihm auf die Stirn – wenn der Junge das erführe und das . . . mehr, immer mehr – Ärgeres kann es in seiner Vergangenheit nicht mehr geben, meinte er, und da kam noch etwas, noch etwas – aus allen Ecken und Enden seiner Erinnerung kroch's wie schwarzes Ungeziefer hervor – noch mehr, noch mehr.

Das hatte er getan, das und das – und sein Sohn wollte ihn zu sich rufen ans Licht und einen Lumpen wie ihn Vater nennen vor den Augen aller Welt.

Zu was konnte das führen – zu was? Dazu, die Existenz des Jungen zu vernichten – zu sonst nichts!

Er hatte einmal ein Stück gesehen in der Porte Saint-Martin, wo ein solcher alter Liederjan wie er im letzten Akt als reuiger Sünder in den Schoß seiner Familie zurückkehrte.

Er setzte sich in einen alten Lehnstuhl am Kamin und sonnte sich in der Zärtlichkeit seiner Angehörigen.

Bei dieser erbaulichen Szene hatte die Galerie die Taschentücher hervorgezogen und viel geschneuzt und geweint, und in den ersten Ranglogen hatte das Publikum gelacht, geradezu gelacht über die melodramatische Unwahrscheinlichkeit der Situation. Und zum Schluß . . . hatten sowohl die Galerie als die ersten Ranglogen erleichtert aufgeatmet, als der Alte – kurz nach der Versöhnung – in den Armen seiner Angehörigen verschieden war!

Hans Ulenberg erinnerte sich dessen genau. Sein Kopf sank auf seine Brust. Was er in dieser Minute fühlte, übertraf alles, was er an Schmerz bis dahin heruntergelebt hatte, darüber reichte die menschliche Empfindungsfähigkeit nicht hinaus.

Da, da war er wieder, der eiskalte Angstschauer, der ihn schon zweimal an diesem selben Abend gepackt hatte. Auch diesmal wollte er sich abwenden vor dem Gräßlichen. Aber nein – er zwang sich, ihm ins Gesicht zu sehen – und da plötzlich kam etwas Wunderbares über ihn, etwas Befreiendes, Erlösendes! Durch seine Seele schwebte es wie aus weiter Ferne herüberklingend, von vier unsichern, jungen Stimmen gesungen – die österreichische Volkshymne. Er sah die grauen Nebel ziehen über die gräßliche Leichenernte auf den grünen Saatfeldern von Königgrätz, er sah das Flimmern der roten Altarkerzen und den weißen Blumenschmuck der Kirche von Sankt Joseph an seinem Hochzeitstag! Mit einem Male überkam's ihn, die Brust ausdehnend, zum Himmel emporreißend . . . dasselbe Gefühl wie damals, als er seinen verängstigten Soldaten voran den feindlichen Kugeln entgegengeschritten war – dasselbe Gefühl wie damals, als er, an der Seite seiner weißverschleierten Braut in den himmlischen Tagesglanz hinaustretend, sich gelobt hatte, der Liebe dieses herrlichen Weibes würdig zu werden – das Gefühl, als ob ihm plötzlich Flügel gewachsen wären, nur überkam es ihn viel stärker und selig schmerzlicher als die beiden ersten Male in seinem Leben!

Bis dahin hatten die Flügel nie genügt, ihn emporzutragen . . . diesmal . . .

*           *
*

Den nächsten Morgen um etwa zehn Uhr saßen Freddy und sein Onkel Bretford in dem hübschen Wohnzimmer der Gräfin Ulenberg, das auf eine Gartenterrasse hinaussah und über diese hinüber auf das blaue Mittelländische Meer. Ein freundlich gedeckter Frühstückstisch stand zwischen den beiden Männern, doch sprach weder der Onkel noch der Neffe den einladenden Speisen zu.

Die Gräfin Ulenberg war nicht anwesend. Noch gestern um Mitternacht hatte sie den Sohn zu sich beschieden, um ihm das Ergebnis seiner Unterredung mit dem Vater abzufragen. Bis zum letzten Augenblick hatte sie gehofft, daß er sich in einem Irrtum befinden möge. Nach dem, was der Sohn ihr berichtete, waren Zweifel und Hoffnung abgeschnitten. Sie verfiel in einen stumm und starr hinbrütenden Zustand, aus dem sie nichts zu wecken vermochte.

Als Freddy diesen Morgen an ihr Bett getreten war, hatte sie ihn nur mit einem unartikulierten Wehlaut hinausgewiesen. Ihr Aussehen war entsetzlich gewesen.

»Nun, Freddy,« begann Bretford mitleidig, »hast du dir die Sache gut überlegt?«

»Wenn es dabei etwas zu überlegen gäbe, so hätte ich bis ins nächste Jahr nicht zu Ende überlegt,« sagte Freddy treuherzig; »die Aufregung und das Leid, die ich bei meiner Mutter heraufbeschworen habe, bringen mich fast um. Aber ich kann ja doch nur das eine tun, es gibt keine Zweifel, der Weg liegt schnurgerade vor mir. Mein Vater hat mich zwar flehend gebeten, ihn nicht aus seinem Dunkel herauszuziehen, ihn nicht öffentlich anzuerkennen. Aber ich kann Kittys Eltern nicht verschweigen, daß er existiert. Alles weitere wird sich klären mit der Zeit. Du wirst mich natürlich wieder einen sentimentalen Optimisten spotten, Onkel Henry, aber ich versichere dir, so verbummelt er äußerlich ist, mein armer Vater, 's ist doch viel Wunderschönes in seiner Natur, eine Wärme, Herzensgüte, Aufopferungsfähigkeit, wie sie mir im Leben noch nie begegnet sind. Ich war wie berauscht davon. Solange ich mich bei ihm aufhielt, vergaß ich ganz, wie entsetzlich schwer es mir gefallen war, mich zu entschließen, ihn aufzusuchen! Ich begreife es völlig, was meine Mutter in seiner Jugend an ihm bestochen haben mag.«

»Das mußte jeder begreifen, der ihn in seinen guten Tagen kannte,« versicherte Bretford, »er gehörte zu den bedeutendsten Erscheinungen, die mir je vorgekommen sind: bildschön, überaus schneidig, sehr einfach und bescheiden in seiner Haltung und unbeschreiblich gutmütig! Du hast sein Herz, Freddy, aber glücklicherweise den tüchtigen Charakter deiner Mutter dazu. Der fehlte ihm, er war moralisch schwach, dabei leidenschaftlich und reizbar! Das Zusammenleben mit ihm mag unerträglich gewesen sein, aber – ganz freisprechen kann ich deine Mutter nicht!«

»Arme Mutter!« seufzte Freddy, und Henry Bretford fuhr fort: »Sie war zu schroff, sie kannte nur einen Weg für die Tugend, und der ging kerzengerade einen steilen Berg bis zum Gipfel der sittlichen Vollkommenheit hinauf. Daß man den Weg zu ebnen versuchen könne für Leute, die schwindelig sind, und denen der Atem ausgeht, daß man sie allenfalls eine allmählich ansteigende Serpentine hinaufführen könne, das begriff sie nicht! Arme Frau!«

»Ja, arme, arme Mutter!« wiederholte Freddy sehr leise, und dann setzte er hinzu: »Weißt du, Onkel, die ist meine größte Sorge. Ich hoff's von ganzem Herzen, daß ich meinen Vater dazu bringe, sich aufzurichten, so daß er von neuem den Platz in der Gesellschaft einnimmt, der ihm gebührt!«

Der mutlose Ausdruck, womit der ältere, erfahrenere Mann diesen Ausspruch beantwortete, dämpfte die freudige Gläubigkeit des jüngern, nichtsdestoweniger wiederholte er: »Ich hoff's wirklich – nur an dem einen verzweifle ich – eine Versöhnung herbeizuführen zwischen ihm und meiner Mutter!«

»Die ist ausgeschlossen,« entschied Bretford herb.

Freddy senkte den Kopf. Er sah sehr blaß aus, aber ohne den unruhigen Ausdruck und finstern Blick, die gestern sein schönes Gesicht entstellt hatten. Heute verrieten seine Züge nichts mehr als eine geduldige und mitleidige Traurigkeit, die sie sehr wohl kleidete, ja ihnen einen neuen Adel verlieh. »Das ist das Schreckliche,« murmelte er, »und doch – die Mutter selbst könnte nicht wünschen, daß ich anders handeln möchte, als ich es tue. Es gibt, wie gesagt, nur einen Weg.«

Er zog seine Uhr. »Die Zeit ist um, ich muß zu ihm.« Er stand auf. »Onkel,« sagte er leise, »du hast versprochen, zu Siehrsburgs zu gehen statt meiner. Sag den Eltern, was du für gut findest, aber Kitty . . . Kitty sag nichts . . . der . . . der gib diesen Brief von mir –«

Die Hände von Onkel und Neffe begegneten einander in einem festen, herzlichen Druck, dann trat Freddy auf die Tür zu. Er versuchte zu lächeln. Mit grenzenlosem Mitleid blickte ihm der Onkel nach. »Armer Junge.« murmelte er vor sich hin.

*           *
*

Freddy schritt indessen mit langen, gleichmäßigen Schritten aus dem Hotel über den Platz die Straße in der Richtung von Mentone entlang. Er sah sich nicht nach rechts, nicht nach links um. Erst als er plötzlich die Rosenhecken und Zypressenpalisaden der Villa Garibaldi erblickte, merkte er, daß er zu weit gegangen war. Er blieb stehen, tauchte seinen Blick sehnend in die wuchernde Blütenmasse, dann holte er tief Atem und wendete sich um.

Diesmal verfehlte er die Tour Eiffel nicht. Bei Tag mutete ihn das Haus noch viel elender an als in der Nacht. Ein schmales, dreifenstriges Gebäude an der Straße, das Erdgeschoß rot angestrichen, holzgetäfelt wie alle billigen Weinstuben, ein Flügel des Hauses hinter einem verwilderten Gärtchen, das gegen die Straße zu mit einem verfallenen Gemäuer abgeschlossen war, in dem Gärtchen Kehrichthaufen und widerliches Gerümpel zwischen zwei Orangenbäumen, die Wände des Hinterhauses von Wind und Wetter abgeschunden und mit einer großen Anzahl teilweise leerer, alter hölzerner Vogelkäfige behängt. An einer Stange inmitten des Hofes ein Plakat, worauf »Terrain à vendre« stand. Unter einem der Fenster zwischen den Vogelbauern ein Zettel mit den Worten »Appartement à louer«.

Den jungen Mann überkam ein unsägliches Mitleid bei dem Gedanken, daß sein Vater in diesem elenden Spelunke wohnte, die nichts war als eine noch nicht hinweggeräumte Ruine, und inmitten seinem großen Jammers freute er sich, den Armen aus dieser Umgebung herausholen zu können.

In dem schwarz und weiß gequaderten, schmalen Gang schlug ihm eine beengende, unheimliche Luft entgegen; in dem Hofe, den er durchkreuzen mußte, um in das Hintergebäude zu gelangen, stand eine Gruppe von Menschen, die einander lebhaft und halblaut etwas erzählten, und die auseinanderliefen, als sie ihn erblickten.

Er ging die Stiege hinauf, mußte umkehren, weil er sich geirrt hatte, überall vernahm er dasselbe halblaute Flüstern, es ging durch alle Räume der elenden Spelunke. Die Wände schienen zu flüstern, und kein Mensch wagte ein lautes Wort zu reden.

Endlich fand er die Treppe, die zu seinem Vater hinaufführte. In der Mitte der Stufen vertrat ihm die Wirtin, die er bis dahin umsonst gesucht hatte, den Weg.

»Ich möchte gern zu Monsieur Paul Müller hinauf,« erklärte Freddy.

»Es ist nicht möglich!«

»Warum?«

Einen Augenblick zögerte die Wirtin, dann sagte sie: »Weil . . . weil die Herren vom Gericht oben sind.« Sie brach in Tränen aus.

»Die Herren vom Gericht?« wiederholte Freddy, wie vom Donner gerührt. Dann begriff er. »Er ist tot!« murmelte er.

Die Hausfrau nickte und wendete den Kopf ab.

Tot – niemand konnte es begreifen – heute früh hatte man ihn im Bett gefunden, starr und kalt, mit einem Blutfleck auf der Brust. Er hatte sich erschossen, nachdem er gestern das Maximum gewonnen, das große Maximum. Das Geld hatte er noch nach dem Besuch Freddys bei der Hausfrau hinterlegt. Dann war er ausgegangen, um einen Brief aufzugeben, den er niemand hatte anvertrauen wollen.

Als sich die Polizei zurückgezogen hatte, betrat Freddy das niedrige, dürftige Zimmerchen. Das Fenster stand offen, die Sonne drang voll herein. In der Ferne sah man den blauen Himmel und das blaue Meer, eine Endlosigkeit von Blau, sonst nichts!

Auf dem elenden, schmalen, eisernen Bett lag der Mann, der sein Vater gewesen war!

Freddy kniete neben dem Toten nieder und küßte seine Hand.

*           *
*

Als Freddy in das Hotel de Paris zurückkehrte, kam ihm sein Onkel entgegen. Freddy merkte ihm sofort an, daß er von der Katastrophe gehört habe.

Er drückte dem jungen Mann beide Hände, dann sagte er sehr leise: »Geh zu deiner Mutter, sie wünscht dich zu sehen.«

Die Gräfin Ulenberg lag noch immer zu Bett, aber ihr Gesichtsausdruck hatte sich gänzlich verändert, alle Starrheit war daraus entwichen, sie war bis zur Unkenntlichkeit verweint. In der Hand hielt sie einen Brief, den sie Freddy reichte.

Er lautete:

»Mein liebes, nie vergessenes Weib.

»Du brauchst nicht zu erröten über diese Anrede. Zur Stunde, wo Du diese Zeilen lesen wirst, habe ich mir das Recht zurückerobert, Dich so zu nennen. Ja – denn zu der Stunde, wo Du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr unter den Lebenden, und Du brauchst Dich nicht mehr für mich zu schämen. Ich sterbe, damit Du Dich nicht mehr für mich zu schämen brauchst, und damit sich mein armer Junge nicht mehr für mich zu schämen braucht.

»Früher maß ich mir immer die ganze Schuld bei an unserm Unglück, ich sagte mir, so wie Du warst, hattest Du nicht nur das Recht, mich zu verstoßen, sondern Du mußtest es tun, um Dir selber treu zu bleiben.

»Seitdem ich den Jungen gesehen habe, weiß ich, daß auch Du unrecht gehabt hast.

»Du mußtest es wissen, daß Du ein Kind von mir unter dem Herzen trugst, als Du von mir gingst, und das hättest Du mir nicht verschweigen dürfen.

»Aber an mir ist es nicht, Dir Vorwürfe zu machen. Das Recht hab' ich verscherzt!

»Das einzige, was ich für mein Kind tun kann, tue ich! Ein echter Spieler tritt vom Spieltisch zurück, wenn er das Maximum gewonnen hat. Und als der Junge mich aufsuchte in meiner elenden Spelunke und mich freundlich ansah und mich Vater nannte und mich in seine Arme schloß, da hatte ich das Maximum meiner Existenz erreicht, das Schönste, das Unwahrscheinlichste! Es war wie ein wunderbarer Traum, ein Weiterleben müßte ein Erwachen sein. Ich will im Traum sterben!

»Wenn ich durch meinen Tod die Existenz des Jungen retten kann, so will ich gern sterben und mich nur grämen, daß ich nichts Besseres für ihn hinzugeben vermag als dieses elende, beschmutzte Leben, das mir ohnehin längst zur Last geworden ist.

»Gott behüte und segne ihn tausendmal . . . alle, denen er teuer ist und die ihm teuer sind, mit ihm!

»Zum Schluß bitte ich Dich, noch die Vollstreckerin meines letzten Willens zu sein.

»Die einhundertundachtzigtausend Franken, die ich gestern gewonnen und bei meiner Hausfrau, Madame Jules Lebon, hinterlegt habe, bitte ich, auf die Unterstützung notleidender Waisen von Spielern zu verwenden.

»Dir und meinem Sohne vermache ich jedem ein kleines Legat – Dir die alten Briefe, die ich voll verzweifelter Sehnsucht an Dich schrieb in den ersten Tagen nach unsrer Trennung in Nizza – und meinem lieben Sohne den kleinen blauen Schuh, den Du in unsrer Wohnung vergessen hattest bei Deiner – Flucht. Er soll ihn seinem süßen Bräutchen geben, es ist mein Hochzeitsgeschenk. Sie soll den armen, kleinen Schuh nicht verachten . . . weil ich ihn oft geküßt habe, es ist doch Dein Schuh, und sie möge mit dem anmutigen Szepter recht zart umgehen, aber ihn nie aus der Hand legen.

»Die Briefe und den Schuh habe ich ebenfalls bei meiner Hausfrau deponiert.

»Es ist mein ausdrücklicher Wunsch, daß ihr keine Trauer tragen sollt um mich – und mich auch nach dem Tode nicht öffentlich anerkennen möget. Das kleine Opfer, das ich bringe, hätte keinen Zweck, wenn es Veranlassung gäbe, meine Vergangenheit aufzurühren. Es braucht's kein Fremder zu wissen, daß der alte Vagabund, der dort oben auf dem Selbstmörderfriedhof verscharrt wird, einmal Dein Mann war und Hans Ulenberg geheißen hat. Aber wenn Du . . .« An dieser Stelle waren ein paar Zeilen mit einem dicken Gekritzel ausgestrichen. Der Brief schloß mit den Worten:

»Ich küsse den Saum Deines Kleides in unveränderter Verehrung und verbleibe, Dich noch zum Schlusse herzlichst für alles Dir angetane Leid um Vergebung bittend,

Dein Hans Ulenberg,
bekannt unter dem Namen
Paul Müller.


»Die Papiere meines bei dem Untergang der ›Liberté‹ Anno 1871 ertrunkenen Dieners, dessen Namen ich seither angenommen, sowie mein eigener, vom Jahre 1871 datierter Reisepaß und mein Taufschein befinden sich in dem bei Madame Lebon hinterlegten Paket.«

*           *
*

Mit überströmenden Augen hatte der junge Mann den Brief gelesen.

Als er ihn der Mutter zurückgab, hielt sie ihn an ihre Lippen.

»Du hast immer wissen wollen, wie er war, jetzt weißt du's, wie und was er war! Der Mann, der nach fast vierundzwanzig Jahren eines traurig vergeudeten Lebens noch die Kraft in sich fand, dieses Opfer zu bringen, und den Edelmut, diesen Brief zu schreiben – das war dein Vater!«

*           *
*

Es ist zehn Tage später. Die Rosen hängen matt, die Palmen sind von der Sonne verbrannt, die ganze herrliche Vegetation der Riviera erstickt langsam unter einer dicken Lage Staubes; Mentone ist wie ausgestorben, die Hotels von Bordighera und San Remo sind geschlossen, und alle vermögenden Leute haben auch Monte Carlo geflohen.

Alles sehnt sich aus dieser verdurstenden, grauen Landschaft hinaus in das kühlende, frische Grün nördlicher Gegenden.

Ein Flügel des Hotel de Paris steht noch offen. In dem kleinen, ebenerdigen Appartement der Gräfin Ulenberg hat die letzte Zeit große Aufregung und Besorgnis geherrscht, die Gräfin war krank, schwer krank. Eine heftige Nervenkrise, die zu Befürchtungen Anlaß gab, daß sie in einen Typhus ausarten würde, fesselte sie an ihr Lager. Der Typhus ist nicht gekommen, die reine und leichte Luft von Monte Carlo – so behaupteten die dortigen Ärzte – hat die Gräfin davor bewahrt.

Trotz des großen Vertrauens, das die Ärzte in diese reine und leichte Luft setzen, haben sie dennoch die Gräfin dringend aufgefordert, Monte Carlo zu verlassen, sobald ihre Rekonvaleszenz weit genug vorgeschritten sein wird, ihr das Reisen zu gestatten.

Und heute stehen die sämtlichen Koffer der Gräfin Ulenberg, bereits mit Adressen versehen, in dem Vestibül, von wo sie der Omnibus auf die Bahn befördern soll.

Der Kammerdiener im dunkelgrauen Reiseanzug verhandelt im Bureau eifrig mit Monsieur Blum, von dem er sich die Rechnungen unterschreiben läßt, und die Kammerjungfer hat ein letztes sentimentales Gespräch mit einem Kellner, der ihr soeben einen mit einer Ansicht von Monte Carlo verzierten Fächer verehrt hat, und dem sie versichert, daß die Tage im Hotel de Paris zu den schönsten ihres Lebens gehören, und daß sie diese Tage nie vergessen wird.

Kammerdiener und Kammerjungfer erwarten die Rückkehr der Gräfin und des jungen Grafen, die ausgefahren sind.

Ja, ausgefahren! so kurz vor der Abreise – und das erste Mal, wo die Gräfin überhaupt ihr Zimmer verlassen hat.

Die Kammerjungfer schüttelt den Kopf zu dieser Unvorsichtigkeit, und der Kammerdiener beanstandet etwas in der Rechnung.

Indes rollen Mutter und Sohn die staubweiße Straße nach der Condamine entlang. Sie tragen beide dunkle Kleider, aber ohne jedes offizielle Abzeichen der Trauer. Das Aussehen des Sohnes hat sich nur wenig verändert. Zwar ist der knabenhafte Übermut von seinem Antlitz gewichen, seine Züge haben sich geschärft, aber der treuherzige Blick ist seinen Augen geblieben, und sein Lächeln hat nichts von seinem alten Wohlwollen eingebüßt, wenn sich auch eine leise Traurigkeit in dieses Wohlwollen hineinmischt.

Das Äußere der Gräfin hingegen hat sich fast bis zur Unkenntlichkeit verwandelt. Sie ist um zehn Jahre gealtert, ihre Haltung ist gebückt, das Gesicht verfallen. Die Hände krampfhaft gefaltet, blickt sie starr vor sich hin.

Am Tor des Friedhofs hält der Wagen. Freddy ruft den Totengräber herbei und fragt ihn etwas. Der Totengräber zuckt die Achseln und meint: »Wie Sie wollen, aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß der Weg nicht zu den bequemsten gehört.«

»Ich kenn' ihn,« erwiderte Freddy. Der Totengräber faßt ihn schärfer ins Auge. »Ja, richtig,« sagt er, sich besinnend, »aber will die Dame wirklich da hinauf? Es ist sehr steil.«

»Mütterchen, er hat recht, mutest du dir nicht zu viel zu?« flüstert der Sohn besorgt.

Aber die blasse Frau schüttelt den Kopf. »Ich will hinauf,« murmelt sie – und hinauf geht sie. Schwer auf den Sohn gestützt, steigt sie den steilen Berg empor, an dem in seinem eintönig weißen Glasperlenschmuck glitzernden Friedhof der Kinder schleppt sie sich vorüber, höher, immer höher, zwischen Kehrichthaufen und Olivenbäumen, höher, immer höher in der tötenden Sonnenglut, über das spitze, scharfe Geröll. Mehr als einmal muß sie innehalten, Atem schöpfen; kaum daß sie sich noch weiter zu bewegen vermag, ist sie doch zum Umkehren nicht zu bewegen.

Endlich hat sie den Friedhof oder vielmehr Beerdigungsplatz der Selbstmörder erreicht; – ein längliches Viereck von einer niedrigen Mauer umfaßt, gänzlich schmucklos.

Dort werden die Leichen der armen Sünder verscharrt, die, der Ruhestätte in geweihter Erde als unwürdig befunden, ohne priesterliche Einsegnung ins Grab gesenkt worden sind.

Gänzlich abgeschieden von der Welt liegt der Totenacker da.

Über die obere Mauer strecken ein paar alte Ölbäume ihre Äste wie ein erlösendes Friedenszeichen herein, über die untere Mauer sieht man hinter ein paar schwarzen Zypressenwipfeln das Meer, das sich in wundersamer Bläue an die Grenze des Himmels schließt. Sonst nichts – nichts!

Auf den Gräbern kein Kreuz, kein Stein, keine Blume, kein Grashalm, kaum ein Unkraut, nichts als auf jedem ein Holzpflock mit einer Nummer.

Etwas Traurigeres gibt's auf der Welt nicht als den Beerdigungsplatz der Selbstmörder in Monte Carlo – den Totenacker der Hoffnungslosen!

Nur auf einem der Gräber liegt ein verwelkter Rosenstrauß. Vor diesem Grabe bleibt Freddy mit seiner Mutter stehen. Die Augen der Mutter heften sich auf die verdorrten Rosen.

»Weißt du, wer die gebracht hat?« fragt sie leise.

»Meine kleine Braut – Kitty!«

»Sie war hier?«

»Ja, mit mir und Onkel Henry.«

»Früher als ich,« murmelt die gebrochene Frau, dann sieht sie sich um, in ihren Augen ist die Unruhe eines Wunsches, der sich nicht zu äußern wagt. Der Sohn versteht sie! Er, dessen Herz groß genug ist, die zärtliche Verehrung der Mutter unbeschädigt neben dem grenzenlosen Mitleid für beide Eltern zu bergen, versteht sie – er veranlaßt den Totengräber, sich zu entfernen.

Dieser tritt zurück.

Noch einen Augenblick bleibt sie aufrecht, dann mit einem Schluchzen, durch das es wie der Nachhall eines längst verklungenen Liebkosungswortes klingt, bricht sie zusammen!

 

Ende.

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