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Gutenberg > Emil Gött >

Mauserung

Emil Gött: Mauserung - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Werke Band 3
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleMauserung
pages174
created20120227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfter Akt

(Halle des ersten Aufzugs. Die Gräfin bewegt sich in ihr stockenden Schrittes und hält dann inne)

Erster Auftritt

Herlinde. Wir leben nicht zu zwein auf stiller Insel
In einer Welt Getrieb, von der wir leben!
Frei sind wir nur im Fühlen unsrer Brust.
Schon deinen Blick mußt du verschleiert tragen
Den Rest beherrscht die Sitte deines Stamms! (Pause)
Und doch: was laß ich diese kalten Hände
Der Seele selig Glühen mir erschrecken?
Dies namenlose Glück, das in mich braust,
Wenn ich die Schleusen öffne ist's ein Trug?
Und ist es Scham, davon die Wange blüht,
Und in des Herzens ungestümem Pochen
Jagt ruhlos das Gewissen einer Schmach?
Nie und unmöglich! Denn ich bin's, die liebt!
Nun zeig Geschick, wie du den Knoten lösest,
Und ob die süße Kraft, die mich erfüllt, 130
Mich nicht beseelt auch, diese Welt zu zwingen,
Den Gatten mir zu lassen meiner Wahl! (Geht hinein)

 

Zweiter Auftritt

(Von der andern Seite tritt der Hausverwalter auf)

Hausverwalter. Mir ist nicht ganz so wohl als es doch sollte:
Der böse Tropfen frißt sich tief und tiefer
Vergeblich ist mein Würgen wider ihn,
Und unaufhaltsam steigt's wie Katzenjammer!
Fand sie zum Schmeicheln denn kein ander Bild?
(Seufzt) Ich unterlag den Künsten der Sirene!
Bin ich ihr ganz verfallen? Oder wäre
Noch Rettung möglich vor den achtzehn Enden?
Um wie viel keuscher scheint mir doch Maria!
Wie? Wenn ich ihr die Liebelei verziehe?
Bin ich nicht auch ein Sünder? Und wie mürb
Wird sie jetzt sein und mir als Retter danken!

 

Dritter Auftritt

(Von der Treppe herauf kommt des Fürsten alter Diener im Reitanzug)

Der alte Diener. Wo ist der Fürst, Herr Hausverwalter? 131

Hausverwalter. Ei
Der alte Konrad! Und was gibt's, mein Freund?

Der alte Diener. Wo ist der Fürst? ich bitte!

Hausverwalter. Diese Eile!
Kein Wort zum Gruß! Nicht erst ein Gläschen Wein?
Oder ein Schnäpschen? Zur Erquickung? Wie?

Der alte Diener. Ich bitte noch einmal: führt mich zum Fürsten!

Hausverwalter. Ihr seid ja ganz verstört was mögt Ihr bringen?

Der alte Diener. Man hat den jungen Herrn heut nacht erstochen!

Hausverwalter. Wie wa das ist ja fürchterlich! Und wer?

Der alte Diener. Weiß nicht man fand ihn in der Straßengosse
Vor einem bösen Hause in der Stadt!

Hausverwalter. Ein schrecklich Unglück! 132

Der alte Diener. Doch ein Glück dabei:
Der Lümmel ist dahin! Wo ist der Fürst?

Hausverwalter. Im Garten, bei der Herrin, muß er sein
Doch sieh, da kommt er bringt's ihm schonend bei!

(Auf den Zehen ab nach innen)

 

Vierter Auftritt

Fürst (auftretend). Du hier, mein Alter? Und mit welcher Miene
Du bringst nichts Gutes!

Der alte Diener. Nein, mein teurer Herr
Doch laßt die Botschaft nicht dies Haupt entgelten :
Der junge Herr

Fürst (die Hand erhebend).
Ah ahnt ich's fast mein Sohn!
Was ist mit ihm!

Der alte Diener. Mein Fürst er ist nicht mehr!

Fürst (taumelnd). Wie ist's geschehen? Ein Unglück oder Schmach? 133

Der alte Diener (unsicher).
Wir wissen nichts Genaues

Fürst. Sag nur alles
Ich merk dir an: es ist mehr als ein Tod!

Der alte Diener. Man fand ihn heut erstochen in der Stadt!

Fürst (heiser). Ich weiß genug laß mich allein!
(Der Diener zieht sich zurück) O ! nein!
Ich will auch jetzt nicht diesen Namen nennen,
Da mich der Gram zerstückt! Trag's schweigend durch!
Es ist geschehn und einem üblen Lehen
Ein übel Mal gesetzt (Leise) zum Glück das letzte!
Und doch: so schlecht der Bube war ein Riß
Zieht schneidend doch durch mich und meinem Leben
Ist abgetrennt ein Glied kaum zu entbehren:
Der letzte Sproß nun bin ich ganz allein!

(Er steht eine Weile still auf seinen Krückstock gestützt; die Treppe herauf kommt Roland in raschen Sätzen, stutzt vor der Haltung des Fürsten und des Dieners und sieht fragend von einem auf den andern; da schwankt der Fürst, sein Stock fällt zu Boden, beide stürzen auf ihn zu und schützen ihn vor dem Falle; der Fürst bedeckt mit einer Hand die Augen)

Der alte Diener (flüsternd und zitternd).
Mein armer Herr! (Pause) 134

Fürst (leise). Wer ist das?

Der alte Diener. Ich Ihr Konrad

Fürst (noch abwesend).
Der andre?

(Der Diener sieht Roland fragend an)

Roland. Roland!

Fürst. Ah! Wie warm ist seine Hand!
Führt mich hinein! (Richtet sich auf) Ich muß ein wenig ruhn
An diesem Schlage merk ich: ich bin alt!
(Sie führen ihn gegen die Türe)
Es geht sich gut an seinem Arm mein Sohn!
Er bleibt bei mir? ich kann ihn wohl gebrauchen!

Roland. Mit allen Kräften meiner Seele, Fürst!

(Sie gehen hinein)

 

Fünfter Auftritt

(Die Gräfin kommt eilig aus der Pforte)

Herlinde. Der arme Vater welch ein bittrer Schmerz!
Entsetzlich Ende eines Fürstensohns! 135
Wenn es ein Wort vermag, ein nasser Blick
Und eine weiche Hand will ich ihn trösten! (Ab)

 

Sechster Auftritt

(Die Tante und der Vetter aus dem Garten)

Tante. Unredlich wär's, dein Hoffen zu bestärken
Und grausam ist's, dir ganz es zu vernichten!
Und doch: wenn dir der Fürst auch nicht gefährlich
Und uns ihr Roland unnütz Sorge machte
Wie ich sie kenne, hörst du doch ein Nein!
Sie träumt von einem Mann, den 's nur in Märchen
Und in geschwollenen Romanen gibt!
Drum freut mich so unbändig Rolands Streich:
Er zeigt ihr, daß er ist wie alle sind
Ich, Neffe, würde sie nicht so verlesen!

Vetter. Ich glaub's ja auch nicht mehr! Ach, liebe Tante!
Es war mir nicht so wohl auf diesem Gang:
Seit ich des Turmhahns erstes Funkeln sah,
Drückt mich der Alp! Und dennoch zog's mich her
Wie einen Barsch, der auf die Angel ging!
Doch jetzt hab ich genug! Ja oder nein!
Ich hab schon satteln lassen! Sagt sie nein 136
Mag sie die Kirschen mit dem Papa essen,
Und der hat böse Klauen!

Tante. Ja, weiß Gott!

 

Siebenter Auftritt

(Der alte Diener geleitet die Gräfin heraus)

Herlinde. Wir wollen ihm den leisen Schlummer gönnen,
Der freundlich diese Stunde überbrückt!
Ich dank Ihm! Welch ein Schrecken! Aber wie:
So bald schon wollt Ihr reisen?

Der alte Diener. 's ist befohlen!

Herlinde (mit belegter Stimme, zögernd).
Und hört ich recht der junge Mann geht mit?

Der alte Diener. Ja, Euer Gnaden!

Herlinde (mit wankendem Schritt, verabschiedend).
Danke!
(Tritt heraus, der Diener geht zurück) Er verläßt mich!
Die Kniee wanken mir was treibt ihn fort? 137
Wie ist er bleich sein Auge flieht mich scheu
Ist es noch Scham, die wirkt? Das muß es sein
Und Schonung meiner vor der argen Welt!
(Entzückt) Er biegt sich nur zu mir versteh ich dich?
(In jähem Wechsel) Und doch: mir ist als ob ich schreien müßte!
Er geht! Verläßt mich! (Bemerkt die beiden)
Gott! und nicht allein!
Sich fassen müssen, wo man am Zerbrechen!
Willst du mich weiter quälen, Vetter?

Vetter. Quälen?
Ich will dein letztes Wort!

Herlinde. Gab ich's nicht immer?

Vetter. Ich bin das Hin und Her des Hoffens satt!

Herlinde. Hab ich dich hingehalten, da ich schonend
Dein knabenhaftes Stürmen von mir wies?
Doch zeig nun ganz dein Ohr und dein Gefühl:
Hast du mich lieb?

Vetter (feurig). Herlinde! 138

Herlinde. Doch versteh:
Ob du mich liebst oder nur haben willst?

Vetter. Das ist mir eine sonderbare Frage!
Ich hab dich lieb und möchte drum dich haben!

Herlinde. Und wenn dir mich zu haben nicht gelingt,
Hast du mich nicht mehr lieb?

Vetter. Bei Gott, wie komisch!
Man wird ganz dumm davon! Natürlich nicht!

Herlinde. Wenn ich aus Gründen übermächtiger Art,
Gleichviel aus welchen, nicht die Deine werde,
Und dieses Schicksal, nicht von mir beschlossen,
Doch unablenkbar treu erfüllen muß
So fällst du von mir ab?

Vetter. Was soll ich denn?
Am Ende zuschaun, wie dich Einer küßt!

Herlinde. So hör mein letztes Wort: die Frauenseele
Ist wie der See: von jedem Hauch gerührt, 139
Mag hin und her sein flüssiger Spiegel wanken
In seiner Tiefe ruht er unbewegt.
So auch die Frau: auf ihres Wesens Grund
Trägt sie ein Bild ihr Gegenbild! das sich
Zu einem Wesen mit ihr einen will!
Lang wirkt es unerkannt, durch Widerstreben
Das Wählen nur bestimmend und das Werden
Doch grausam rächt es jeglichen Verrat
So grausam, daß des Toren Wahnwitz nur
Bewußt von dem enthüllten Bilde schiede!
Doch sieh: wenn es uns glückt, die krausen Wellen
Nach letztem Sturm zu letzter Ruh zu zwingen,
So wirkt's, selbst nicht enthüllt, mit Sonnenkraft,
Und sagt dort »ja« hier »nein«! und lieber Vetter!
Hier sagt es »nein« du gleichst dem Bilde nicht!

Vetter (knirschend). Aha! So gleicht ihm wohl dein Schreiber mehr!

Herlinde. Was gibt dir Recht zu dieser Frage, Vetter?

Vetter. Oho! mein Blut! Die Ehre des Geschlechts!

Herlinde (etwas bebend). Was gibt dir Grund, für diese bang zu sein? 140

Tante. Du wirst mir zugestehen, liebe Nichte:
Dein Spiel mit Tristan war doch sehr verdächtig!

Herlinde (auffahrend). Warum? Erklärt nicht alles dieser Name?
Du kennst den Schelm doch: wird man mit ihm fertig?
Man läßt ihn prügeln oder räumt das Feld!

Vetter. Du hast's geräumt und er verdiente Prügel!
Und Er behauptet es und müßt es räumen!

Herlinde (zögernd vor der diplomatischen Benützung der noch unverstandenen Tatsache).
Und wie wenn Er es täte?

Tante (schnell). Tut er es?

Herlinde. Er tut es heute noch!

Tante (überrascht). Noch heute?

Herlinde. Ja!

Tante. Das ändert viel ein Stein entfällt der Brust! 141

Herlinde. So haltet Eures Urteils Atem an
Und schützt mein Bild vor schmählichem Verdacht! (Ab)

Vetter. Es ist ein Brocken doch was hilft es mir?
Er geht in meinem Garten doch spazieren!

Tante. Merkwürdig, was das für ein Seegang heut!
Ich weiß nicht, was ich davon denken soll!
Sie liebt ihn sicher und entläßt ihn doch?
Es ist verdächtiger als wenn er bliebe:
Es zeigt den Sturm an aus der Seele Grund!
(Zum Vetter, der mürrisch versunken da gestanden hat)
Da hast du's, armer Kerl, ihr letztes Wort!
Was machst du nun?

Vetter. Was werd ich machen? Abziehn!
Mit abgesägten Hosen, wie ein Narr!

Tante (über den Ausdruck schaudernd, doch begütigend).
Nun, nun doch nimm's dir nicht zu sehr zu Herzen;
Es gibt Partien noch genug im Land !
Ich will doch gleich den Almanach studieren,
Und dir brav suchen helfen! 142

Vetter. Danke, Tante!
Ich hab vorerst genug!

Tante. Nun ja, doch später!
Wir sehn uns noch zum Frühstück! (Ab)

 

Achter Auftritt

Vetter (nachbrummend). Oder nicht!
Was tu ich hier nach dieser Schlappe? Fort!

(Sein Jäger kommt mit den Reisesachen heraus)

Jäger. Nach Euer Gnaden Miene ist nicht umsonst gepackt und gesattelt!

Vetter (nickt trübselig).

Jäger. Pah kein Herzgeklapper um ein Frauenzimmer, das man nicht kriegt es ist kein Unglück! Ich kenne genug Männer, die sich alle Finger danach schleckten und die Zehen dazu, wenn sie die Herztausigallerliebste, um die sie sich einst die Hände wund gerungen und die Köpfe blutig geschlagen, mit keinem Aug gesehn hätten oder mit beiden! 143

Vetter. Läuft die verruchte Schnauze wieder über?

Jäger. Ist's anders möglich, wenn man so voll ist wie ich von Einer! Als sie mich gestern zum Haus hinaus gegrault hatte, und ich auf der Stellfalle saß und ins Wasser spuckte wissen Gnaden, was mir da gekommen ist?: Die Ehe ist wie der Galgen: vorher hat der Mensch einigermaßen die Wahl, ob er hinauf will oder nicht; hängt er aber so kommt er nicht wieder runter, bis er auseinanderfällt! Also aufgeschaut! Außerdem: wenn's sein muß, ziehn Gnaden Weiber an wie geriebner Siegellack Papierschnitzel!

Vetter. Ach geh, das ist kein Trost in solchem Fall:
Du spürst an jeder Frau, die sich dir läßt,
Doch nur die Eine, die dich heimgeschickt
Es bleibt ein Loch zurück, das schließt kein Stöpsel!

Jäger. Was kein Stöpsel? (Mit Stimmfall) So schlecht ist die Welt nicht eingerichtet! Muß ich mit dem Windkolben voranleuchten?: Wenn man einen Weinkeller hat, in dem man sich Tag für Tag totsaufen kann, ohne daß er es spürt! Und sechs Quadratmeilen Jagdgrund Feld, Heide, Wald, Berg, Strom und 144 See! Sakra! das lüftet noch eine Mannsbrust aus von den Schaben, die die Weiber hineinbringen! Denkt nur an den alten vertrackten Schwarzkittel, den wir immer noch nicht herein haben!

Vetter (aufgemuntert).
Verdammt! Recht hast du: Jagen lüftet aus
Und Saufen macht vergessen! Bist ein Kerl,
An dem man noch was hat in beiden Stücken!
Und daß du grad mich an den Keiler mahnst!
Komm, nimm die Sachen! Und dann nix als naus!

(Wendet sich zum Gehen)

Jäger (die Sachen aufnehmend). Na, Gott sei Dank, daß ich an einem Ort erkannt bin! Ja: (Mit Komik aufsagend)
Wenn weiß nit wär und schwarz nit wär
Gäb's keine Schimmel und Rappen,
Und hätt mer mich und die Löffel nit
Müßt mer die Suppen lappen!

(Folgt seinem Herrn)

 

Neunter Auftritt

(Der Hausverwalter kommt in eiligem Getrippel von rechts und späht über die Brüstung in den Garten)

Hausverwalter. Sie kommt! Wie ist sie süß in ihrer Blässe! 145
Ich muß ihr noch einmal den Weg vertreten
Brächt ich den alten Burschen von ihr weg!

(Der Stallmeister tritt auf, Maria führend)

Stallmeister. Das ist ein Unsinn wie der andre, Mädel

Hausverwalter. Ei guten Morgen Beiden! Wohl geruht?

Stallmeister. Geht an! Was hast du sonst für einen Schmerz?

Hausverwalter. Nicht eigentlich und doch: laß mir das Kind
Für ein paar Worte gute! doch allein!

Maria (zur Flucht bereit).
Ich bitt Euch schützt mich oder laßt mich fort!
Nur nicht mit dem allein an diesem Morgen!

Stallmeister. Du hörst so scheer dich!

Hausverwalter. Liebes Kind warum nicht?
Dein Unglück rührt mich Sünde nenn ich's nicht
Ich weiß ja: unser Aller Fleisch ist schwach!
Und führe dich noch heut so gern wie gestern
In das bewußte Glück! 146

Maria. Laßt mir mein Unglück
Es ist mir lieber als ein Glück mit Euch!

Hausverwalter. Das mir? Es ist empörend!

Stallmeister. Zieh nun ab
Und laß das Feld uns!

(Aus dem Garten herauf kommt Bella mit einem mächtigen Blumenstrauß)

Bella. Ah! da treff ich dich
Wir wollen jetzt zur Herrin. (Schiebt ihm den Arm unter)

Hausverwalter (sich sträubend). Laß mich noch

Bella (ihn fortziehend).
Ach was! Was kümmert dich die Trauerweide
Sie mag jetzt ihre Fähnchen hängen lassen!

Hausverwalter (sich sträubend).
Aber aber Schatz

Bella. Nichts da! Jetzt wird geheiert.

(Zieht ihn hinein) 147

 

Zehnter Auftritt

Stallmeister. (nachlachend).
Zur Schlachtbank mit ihm! Aber ist's zum lachen?
So menschlich wird in keinem Stall geheiert!
Doch nun zu unserm Text: ein Unsinn ist's!

Maria. Sie deuten mit den Fingern all auf mich
Wo berg ich meine Schmach!

Stallmeister. Mach mich nicht wild!
Schmach? weil einmal ein jung, jung süßes Mädel,
Vom Gluthauch eines Teufelskerls versengt,
Zum erstenmal aus heißem Auge blickt !
Muß man da gleich ins Wasser oder Kloster?
Da gibt's noch andre Bäder! Hör einmal:
Auf Schönhof geht die Meierin, meine Nichte
Nein, Mädel! hör, jetzt sag ich dir ein Wort
Es soll dich ehren und ein wenig stärken:
Es ist nicht meine Nichte meine Tochter!
(Maria schaut erschrocken, verstehend und dankend zu ihm auf)
Und ihre Mutter war ein Kind wie du
Der Rest sei mein Geheimnis doch versteh:
Man trägt die Sünde wie ein ander Leid:
Man überwindet sie und wächst durch sie!
Meine Bertha rüstet ihre schwere Stunde 148
Und schickte heut um Hilfe. Unsre Frau
Ich will sie bitten sende dich hinaus:
Da leg das überflüssige Grämen ab
Und dafür an die so willkommne Hand
Und nebenbei hab einen offnen Blick:
Du wirst das Weib in seinen Schmerzen sehn,
Und dann der Mutter rätselvolle Freude!
Und siehst du ihren Mann am Lager knien
Und seine treuen Augen ab ihr bitten,
Magst du den einzigen Preis erraten auch,
Um den das Weib dem Mann sich lassen darf:
Der Liebe erst- und letzter Grund: die Ehre!

Maria. Ich hab's gewußt und hab es doch getan!
Ich lauschte gierig seinem Schmeichelwort
Und wand mich wohlig unter seinem Blick
Und sog mich voller Gift in durstigen Küssen
Und drinnen in der unbestochnen Brust
Ward ich den dumpfen, heißen Druck nicht los,
Und nicht das leise, feine, spitze Stechen,
Das für mich wachte und das ich verriet!
(Birgt sich an seiner Brust)

Stallmeister. Ja, das Gewissen! Wunderliche Uhr!
Wer immer deinem regen Zeiger folgte, 149
Der sparte viele Schmerzen ob er aber
Sich eher vollendete, ist noch die Frage!
Doch still ich seh ihn kommen, deinen Jüngling

Maria. Wer? Er? Hinweg! Er soll mich nicht mehr sehn!
(Wendet sich gegen die Pforte)

 

Elfter Auftritt

(Die Pforte öffnet sich, der Hausverwalter und Bella kommen Arm in Arm heraus, sie hoch, er gedrückt; Maria kehrt um und flüchtet hinter die Pflanzengruppe; von der Gegenseite kommt langsam Roland)

Hausverwalter. Sie hat es kurz gemacht!

Bella. Sie hat's gemacht
Und das genügt: wir werden Mann und Frau!

Hausverwalter (seufzend, die Augen aufschlagend, zur Seite).
Ich werfe meine Not auf meinen Herrn!

Bella. Was faselst du von Not? Kopf hoch, Herr Vogt!
Zeig, daß du glücklich bist!

(Auf der Mitte der Bühne stoßen sie auf Roland, der beim Erblicken des Stallmeisters stehen geblieben ist) 150

Hausverwalter. Ah, junger Herr!
Darf man nach dem Befinden sich erkunden?

Roland. In welch besondrer Absicht darf man fragen?
Ihr übertrieft von Liebenswürdigkeit!

Hausverwalter. Eh war nicht Don Adonis diese Nacht
Auf Abenteuer aus nicht ohne Unfall?

Roland (hart an ihn herantretend).
Gelüstet es den alten Wackelbock
Nach einem andern Umfall?

Hausverwalter (zurückprallend). Nu nu nu!
Man hat doch sozusagen seine Nerven!

Roland. So rat ich Ihm: fall Er mir nicht auf meine!

Bella (ihn fortziehend).
Laß doch den Grobian! Du kennst ihn ja:
In Frechheit hat er immer alle Trümpfe
Er kann's noch zu was bringen!

Hausverwalter (sich den Leib haltend, trippelnd an ihrem Arm über die Bühne).
Jesus Jesus !
Mein Leib mein schwacher Leib! 151

Bella (einen langen hochmütigen Blick nach Maria hinüberwerfend).
Hat sie ein Ohr?
Sie mag an meine Stelle rücken, Jungfer!
Im Juli ist die Hochzeit tanzt sie mit? (Sie gehen ab)

 

Zwölfter Auftritt

Stallmeister (der den Vorgang lächelnd verfolgt hat).
Nicht übel habt Ihr diesen abgetakelt!
Allein wie wär's, stellt ich die gleiche Frage?

Roland (befremdet). Wie der?

Stallmeister. Wie der!

Roland. In gleichem Sinn?

Stallmeister. Nun ja!

Roland. Meister Seyfried! Was ist in Euch gefahren!
Die gute Meinung, die ich für Euch trage,
War wohl die Mutter einer weichern Neigung,
Mich Euerm Aug und ernstem Wort zu stellen
Doch dieser Ton und dieses fade Lächeln 152
Macht Euch verzeiht dem gleichen der da ging
Nun nehmt die Antwort wie es Euch beliebt!

Stallmeister. Verdammt! meint Ihr, ich ließ mir's dran genügen
Ihr sollt mir Rede stehn!

Roland. Ich soll? Wer sagt's?

Stallmeister. Ich und im Notfall etwas Hart- und Spitzes!

Roland. Was fällt Euch ein! Gebt frei den Weg! und schafft
Daß ich Euch nicht als Narren stehen lasse!

Stallmeister. Als Narr! Holla! Ich steh für eine Ehre!

Roland. Wie? Hab ich Euch verletzt?

Stallmeister. Mich? Nein und doch:
Ich stehe für die Ehre eines Kindes,
In dem Ihr mich verletzt kommt vor das Tor!

Roland. Ihr seid verrückt! Meint Ihr, daß ich mit Euch 153

Stallmeister. Mich schlage? Ho! Ich merk, Ihr teilt die Männer
In solche mit und ohne Waffenehre
Wie auch die Fraun in Damen und in Dinger!
Mir gilt die Ehr in Samt wie in Kattun,
Und welche Faust für sie vom Leder zieht,
Ist eines Edelmanns heraus die Plempe!

Roland. Nun Gott verdamm mich, gibt es einen Zweiten,
Von dem ich dies ertrüge! Wenn ich schwör's
Bei hundert guten Stunden, die gemeinsam
Auf Rossesrücken jagendem Gewog,
Behaglich aufgestützt am breiten Tisch,
Auf zottig Fell vor das Kamin gestreckt,
Traulich der kräftigen Männerzwiesprach pflegend
In dreier Jahre Fluchten wir genossen
Wenn sag ich noch auf das mein Degen zögert,
Ist's nur der Fordrung Unsinn, der ihn hält!
Weiß Gott! ich schlüg mich mit dem Vater lieber
Als grad mit Euch! Und kennt Ihr mich so schlecht,
Um ein Gewerbe, das nach Eurer Art
Gemein nicht sein kann, so an mich zu bringen?
Ihr habt ein Wort mir in die Brust geschossen
Wie einen Pfeil mit bösem Widerhaken, 154
Und so vergiftet, daß der erste Eindrang
Schon jäh das Mark im Knochen lähmen muß!
Jawohl: ich habe gröblich mich vergangen
An zweier Frauen Würde und die eine
War schutzlos meiner Unzucht preisgegeben :
Wie käm mir's an, die Klinge zu parieren,
Die für sie zückt, und Gegenschlag zu tun?
Da ist mein Degen! Wehrlos seht Ihr mich!
Nun straft mich, wie Ihr wollt, mit Schimpf und Schlag
Und rächt die Dame in Kattun und Linnen !
Dann reicht die alte Faust zu langem Abschied!

Stallmeister. (ihn anfassend).
Mein lieber Junge! weißt du, wie man sagt:
Gläser und Fraun laß nicht zur Probe fallen
Doch einen Mann, den lohnt es zu versuchen!
Laß mir's als Schmaus, was ich dir herb entpreßt,
Und einem andern Ohr als seine Sühne!
Doch sag mir erst das eine: du willst fort?

Roland. Nicht weiter, Meister Seyfried! Darf ich bitten!
Unmöglich wär es mir, Euch noch zu täuschen,
Und noch unmöglicher, hier Licht zu schaffen!

Stallmeister. (ihm die Hand bietend).
Bewahr nur dein Geheimnis, das bei Gott!
Die Fliese nicht verdunkelt, drauf es steht! 155
Ich hab Geduld und meinen Stall zum Warten!
Pack ein! Zieh ab! Doch klopf erst auf den Busch,
Ob du hier nicht noch was zu ordnen hast!

(Schiebt ihn gegen Maria, sie tritt hervor)

Roland. Du hier ? Vor dieser Schwelle?

Maria. Fürchte nichts

Roland (mehr für sich).
Was sag ich dir

Maria. Sag nichts ich hörte alles
Und danke dir du denkst nicht schlecht von mir!

Roland. Maria! nicht ! so mild nicht faß mich an
Es wär mir wohler unter scharfem Bisse :
Ich hab mit deinem tiefen Ernst gespielt!

Maria. Du hast genommen, was ich dir gebracht!

Roland. Beschönige nichts ich war der Wissende!

Maria. Doch ich hab viel in dieser Nacht gelernt!
So laß zurück mich in den Schatten treten
Was bin ich vor der Sonne, die dir scheint! 156

Roland. Ich will zu dieser Stund ihr noch entfliehn!

Maria. Ich weiß es wohl: es schickt sich nicht zu bleiben
Doch du wirst wiederkehren, wenn sie

Roland (fast heftig). Nein!
Berede nichts, was jenseits dieses Tages
Ins Ungemessne fällt! Vor meinem Schritte
Dehnt unabsehbar sich der wilde Weg

Maria. Doch lodert dir im düstern Aug ein Ziel
Wenn nicht so nimm mich mit! ah, wie du zuckst!
Du darfst gefahrlos deine Stirn entfinstern:
Der Klirr in dieser Brust klang hell genug,
Um mich zu wecken! Geh! nimm deine Bahn!
Kein Vorwurf wird beschwerend an dir hängen,
Und du wirst hoch genug am Himmel ziehn,
Daß auch kein Seufzer mehr dein Ohr erreicht
Von der, die dir zu einem Spiel genug,
Und die dich so geliebt! (Sie weint)

Roland (sie zart anfassend, tiefbewegt).
Durch tiefen Schmerz
Kann ich allein für diese Tränen büßen!

(Sie weint an ihn gelehnt) 157

 

Dreizehnter Auftritt

(Auf der Haustreppe oben erscheint Tristan und späht übers Geländer)

Tristan. Was? Hat er wieder ein Auge für Veilchen bekommen? Wie es scheint ein nasses! das ist nicht so feuergefährlich.

(In der Pforte erscheint die Gräfin; sie stutzt an der Gruppe; der Stallmeister tritt zu dem Paar und berührt Marias Schulter)

Stallmeister. (leise). Die Herrin!

(Sie treten in verschiedner Betroffenheit auseinander)

Tristan. Fcht!

Maria (auf Herlinde zueilend und sich auf ein Knie lassend).
Vergebt! Ich hab es ja nicht so gewußt!

Tristan. Sagt allemal die Magd!

Herlinde. Nicht so steh auf! (Hebt sie auf, flüsternd)
Ich weiß noch eine Frau,
Die es erst diese wilde Nacht erfuhr,
Was aus sehnsüchtigen Herzen brechen kann! 158
Geh jetzt! Es wird sich etwas für dich finden
Wir wollen uns die nächste Zeit nicht sehn
Später vielleicht (Zum Stallmeister)
Geleit Er sie!

Maria (mit ihm abgehend, hauchend). Nie wieder!

(Die beiden ab nach innen; die Bleibenden halten in gespannter Verwirrung sich gegenüber)

Tristan. Silentium für einen Gang Liebeserklärungen! (Nach kleiner Pause) Na auf die Mensur!

Herlinde (bebend). Ich hatte Ihn erwartet denn ich weiß
Konrad entfiel es Er will fort von mir?

Roland. Ja, Herrin!

Tristan. Das Konsilium stammt also nicht von ihr!

Herlinde. Und wer treibt Ihn fort?

Roland. Ich selbst.
(Schnell) Versucht nicht, wider Euer bessres Fühlen,
Mich länger hier zu halten! Diese Nacht,
Wie hat sie aus der Brust geheimsten Tiefen 159
Das Unsagbare ungewollt enthüllt!
Nun ist es Tag das Schicksal rückt am Zeiger
Hartholzen schließen sich drei Jahresringe
Zurück unmöglich! Weiter undenkbar!
Und selbst das Scheiden wird unsäglich bitter!

Herlinde. Er spricht in Rätseln dunkel ist mir alles

Tristan. Mir auch!

Herlinde. Und schmerzhaft überraschend und enttäuschend!
Ich hob den Fuß, aus einem düstern Hause,
Darin ich lang gefröstelt und getrauert,
Heraus zu treten in die goldne Sonne
Da überschüttet's mich aus dunkeln Gründen
Mit neuen Schauern Eises! Roland! Roland!
Was ist geschehn? Was hat (Das Ihn nur mit einiger Mühe findend)
Ihn angewandelt?

Tristan. Möcht ich auch wissen!

Roland (die Hände vors Gesicht schlagend).
Erkenntnis meiner selbst an Euch!

Herlinde (macht eine erstaunt fragende Bewegung). An mir? 160

Tristan. Sollt ihm die Ungewaschenheit so tief gegangen sein!

Roland. Wie stand ich da, gebläht von meinem Glück,
Und schlug mein Pfauenrad da traft Ihr mich,
Ein licht Gebild von Schönheit Hoheit Gutheit
Und zaubrischer als von dem Strahl der Macht
Von einer Reinheit Schimmer überflossen,
Vor dem ich jäh zu wüstem Schmutz erstarrte
Und krachend in ein schmählich Nichts zerfiel!
Herrin! Laßt fort mich, daß ich rein mich bade,
Und nicht der Schmach erliege! Denn sie brennt
Wie Dejanirens Balsam mir ins Mark!

Tristan. Was ist das für 'ne Schminke?

Herlinde. Roland! Nicht so nicht so in dieser Stunde,
Da Er mich suchend weiß und ringend! Helf Er!
Und mach sich nicht so schwer, so furchtbar schwer (Stockend)
Da ich die Hand Ihm reiche, Ihn zu heben!

Tristan. Mein ich auch! Es müßte dir tun wie Feuer unter der Düte! 161

Roland. Herrin, das ist's! Mich heben? Mich? den Mann?
Heben will ich! Und nicht gehoben sein
Auch nicht am wenigsten! von Euch!

Tristan. Na nu!

Herlinde (sich ans Herz fassend). Von mir?
(Hinwegtretend, mehr für sich)
Ich hatte einen Traum wie hob er mich
Und ließ mich leicht auf weichen Lüften schweben!
Der Brust, so lang um reines Glück betrogen,
Gezwungen und gewohnt, des Hoffens Funken
In felsgegründetem Verließ zu bergen,
War restlos alle Härte hingeschmolzen;
Kein stolzer Zwang lag mehr im Hub der Stirn
Und in des Auges Aufschlag wie ein Jauchzer
Wie sich der Adler in den Abgrund wirft,
So brach sein Leuchten in die junge Welt,
Und riß mich mit, und trug mich ach wir kurz!
Da tauml' ich wieder die gelähmten Arme,
Noch eben Schwingen, gleiten zuckend nieder,
Der Fuß, der Erde stundenlang entfremdet,
Sucht mühsam sich auf ihrer rauhen Scholle
Zurecht zu finden einsam wie zuvor! 162

Tristan. Flattert sie nicht hin wie ein verwitwetes Turteltäubchen?

Roland. Herrin, verkennt es nicht erfühlt es ganz,
Wie es mir ist, daß ich Euch lassen muß
Ich, dem, seit Ihr den Dämon ihm entfesselt,
Nun jede Ader ein Gerinne nur,
In dem sein Ich, mit Leib und Geist und Seele,
In übermächtiger Wallung zu Euch drängt

Herlinde. Und treibt doch fort?

Roland. Es muß weil ich Euch liebe!
Sonst riß ich im Triumph Euch in die Arme
Als Beute meiner Frechheit wie ich gestern
Die schänderischen Arme um Euch schlug !
Wie hab ich Euch belogen und betrogen!

Herlinde (fast lächelnd).
Wo war ich, daß ich mich versinken ließ?

Roland. Ich züngelte nach Euch und haßte Euch
Und ließ den Mund von Liebe überschäumen,
Die meine Brust 163

Herlinde (lächelnd). Nicht kannte?

Roland. Fragt mich nicht

Herlinde. Roland! ich kenne selber diesen Haß,
Er flammte heiß genug in meinem Herzen,
Und hat in seiner letzten Wallung mir
Ein Taschentuch gekostet!

Tristan. Was? Sollte das mit seinem Schmiß zusammenhängen?

Roland. Herrin nicht!
Versucht mich nicht mit soviel Lieblichkeit!
Schaut lieber her und sagt: Wollt Ihr mich so?
Arm, elend, wüst, unfertig noch in allem,
Nicht Amt, nicht Ehre! Eben Euer Knecht
Kaum aus den Armen Eurer Magd gescheucht :
Wollt Ihr mich so?

Tristan. Blitz! so wenig ist an dir?

Herlinde (in holder Neigung).
Mein Freund; wer denkt daran?
Wer schaut, zum sonnenfrohen Ziel gelangt, 164
Den Pfad nun anders als erlöst zurück?
Der Taucher haßt die Muschel nicht darum,
Daß sie so herb den Atem ihm beschwerte,
Und wenn die Perle mir am Nacken schimmert,
Wer wird sie ob der dunkeln Mutter schmähn?
Was als Geschmeide oder Waffe blitzt,
Unreinem Erze ward es einst entrissen
Der Schlacken aber denkt kein Vorwurf mehr.
So Freund, auch wir: laß nicht am jungen Tage
Den fernen Alp das neue Leben drücken!

Tristan. Predigt sie nicht besser als ein Pfaffe?

Roland. Herrin, ich zittre von dem heißen Blink,
Und Euer holdes Wort es macht mich taumeln!
Und doch: ich muß ihm widerstehn :

Tristan. Aber warum denn? Ich flöge!

Roland. Herrin:
Wir alle sind nur Menschen: feuerflüssig
Rinnt noch der Stoff, aus dem wir sind und schaffen,
Durch unsre Finger! Alles fließt! Und nichts,
Was heut in felsengleich gerecktem Bau 165

(Hier erscheint der Fürst und sein Diener unter dem Bogen; stutzend weist er diesen zurück und bleibt beobachtend hinter dem Pfeiler stehen)

Der Erd' entragt und Ewigkeit verheißt,
Ist schon so fest, daß nicht der nächste Tag
Geschmolzen und verdampft es schauen kann!
Ich aber will nicht, daß der stolze Bau,
Den Aug und Wille unermeßlich türmt,
Zur Beute falle dem gemeinen Lose
Und ende seine Pracht im Schutt der Reue !
Dem bau ich vor als Bauherr!

Fürst. Sieh den Jungen!

Roland. Ruhlos soll jeder Nerv an mir sich spannen,
Bis gleich ist unser beider Schalen Schwere
All Eure Fülle und schaut her! mein Nichts
Und (Sich zurückbiegend, dem Lächeln nahe)
meine Matte Raum für zweie hat,
Und ich (Anschwellend) zugreifen darf, zugreifen, Herrin,
(Bebend) Wenn mich die Stunde und das Meine trifft
So hoch es ragt und (Sich wieder zurückbiegend)
seh ich in dies Auge
Und (Anschwellend) darf ich ganz dem Jubelsturm vertraun,
(Anschwellend) Der in mir aufsteht wie der Sonne nur 166
Orkane rasen mögen und dem Klirren
Der tausend Schwerter, die mich heiß durchzücken
Und mich zum Sturme wecken auf mich selbst
(In höchster Höhe)
Dann bist du's doch!

Fürst. Sapristi!

Tristan (entzückt). Das war Abfuhr!

Herlinde (zitternd die Arme ein wenig öffnend, Jubel und Furcht in der Stimme).
Roland!

(Sie messen sich zitternd)

Fürst (den Anblick genießend). Fein!
Ablösung vor! ich merk es! Und ich merke:
Hier spiel ich noch den Charon doch zu Wiegen!

Roland (die Spannung brechend, einen Schritt näher, in Angriffsstellung).
Herlinde (Wieder zurückgeneigt und in verändertem Ton)
Nein: mit gierigen Händen nicht (Sich zum Knieen neigend)
Mit einem Herzen ganz als Kelch geformt
Empfang ich es und laß ich es verströmen
Ich schlürfe nicht ich dulde!

(Kniet mit nach hinten gebreiteten Armen) 167

Tristan. Wie der Galgenvogel sich gemausert hat! Aber ob nicht auch ihre Federn der Aufkräuselung bedurften?

Herlinde (ihm entgegen). Roland! (Noch einmal innehaltend)
Herz
Zerspring nicht an der Fülle deines Glücks!
Aus unbekannten, doch vertrauten Himmeln
Ergießt sich über mich ein Blumenregen! (Zurückkehrend)
Roland! Wenn ich auf deine Stirne sehe
Und in dein Auge tauche, und die Brust
An deines Rufes ehernem Hall erschrickt
In mir auch fühl ich einen Sturm erstehn,
Er hebt ein Bild von meines Wesens Grund,
Und aus mir muß es brechen wie ein Jauchzen!
Du bist's! du bist's! dem ich entgegenlebe!
Nun Welt, empör dich wider meine Wahl,
Und schleudre deiner Achtung matte Blitze !
Ja: greif auch wölfisch an, mit rotem Rachen
Nichts soll mich schrecken nichts mehr von dir scheiden!
Und würde meine Fülle hier zur Gruft,
Mich hier zu bannen, während du dort schweifst
So schleudr' ich sie von mir und unter mich,
Und werfe frei mich in die Welt mit dir,
An deiner Seite darbend aber lebend ! 168
Roland! Nimm hin sieh wie die Schalen stehn
(Geste mit beiden Händen; in herrlicher Bewegung um sich weisend)
Dies Nichts zu deinem Nichts mein Alles nun!
(Wirft sich ihm zu)

Roland (sie empfangend). Herlinde!

(Sie zieht ihn zu sich hinauf und sie stehen in schöner Umschlingung)

Fürst (leise, mit Handbewegung).
Das schreibt sich seinen eigenen Adelsbrief!

Tristan (verzückt). Jetzt noch meine Top-Flagge dann wären wir alle so ziemlich geordnet!

 

Der Vorhang fällt.

 

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Nachbericht

Wir sind ein sehr sittliches Volk oder leben in einer sehr sittlichen Zeit: wir wollen Rechenschaft von allem. Andre Zeiten, andre Völker waren darin anders. Da ich aber meiner Zeit und meinem Volke angehöre, so habe ich sogar selbst den Drang, Rechenschaft darüber abzulegen, wie ich zu diesem Kinde gelangt bin, noch ehe man sie mir abfordert.

Dieses Spiel ist auf einer Komödie des monströsesten der Dichtergeister aufgebaut, dem man nachgesagt hat, daß sich überhaupt jeder dramatische Stoff bei ihm vorgebildet zeige des Lope de Vega. Und zwar auf einem bisher in Deutschland wohl unbekannten Stück, el perro del hortelano, der Hand des Gärtners, das mir in der französischen Prosaübersetzung des Damas Hinard ( Théâtre espagnol, Paris 1842) vorlag. Ich darf aber wohl sagen, daß ich es, bis auf einen später zu bekennenden Zug, nur als Quelle für eine eigene Neuschöpfung, oder um ein anderes, wie mir scheint dem Vorgang ziemlich nahe kommendes Bild zu verwerten, als Unterlage, im gärtnerischen Sinn, für eine Veredlung 170 benützt habe; und wenn es mir erlaubt ist, diesen Vergleich ein wenig zu reiten, möchte ich meine Vornahme eine Wurzelhalsveredlung nennen, bei der nicht nur die entfaltete Krone, sondern selbst der Stamm des Wildlings der wohlwollenden Säge zum Opfer fällt; ja ich möchte sogar soweit gehen, zu behaupten, daß ich genötigt war, gleichsam auch ein Auge nach unten einzusetzen, da auch die Wurzel dem neuen Bedürfnis nicht mehr genügte. Freilich, ob es mir dabei nicht wie einem Gärtner gegangen ist, der an Stelle einer würzigen Waldkirsche eine fade Glaskirsche gezüchtet hat, muß ich einer aufmerksamen vergleichenden Kostprobe der Feinschmecker überlassen zu entscheiden.

Da aber eine solche Vergleichung nur den wenigsten möglich werden wird, denen ich meine Frucht vorsetze, glaube ich nicht unerwünscht zu handeln, wenn ich den Verlauf des Lopeschen Gedichtes kurz, aber genügend mitteile.

Dort ertappt eine hohe Dame in ihren Gemächern zwei vor ihr flüchtende Männer. Die sofort aufgenommene Untersuchung, bei der auch die verlorene Mütze des Dieners eine Rolle spielt, bringt bald heraus, daß es der Sekretär der Dame gewesen ist, der einer ihrer Dienerinnen einen späten Besuch abgestattet hat. Diese Liebschaft erweckt ihre eigene Aufmerksamkeit auf den jungen Mann, und sie läßt ihn auf eine kaum noch zweideutige Weise (diktierte Briefe) sehen, daß sie ihn selber liebt. Er verläßt sofort brüsk sein Mädchen und wirft sich der neuen großen Erwartung in die Arme. 171 Aber durch ihren leichten Sieg schon gesättigt, stößt ihn die Frau kalt wieder ab, worauf er sich mit der Verlassenen wieder aussöhnt. Sobald die Frau dessen inne wird, regt sich wieder Eifersucht und Lust, und sie holt ihn wieder von dort weg zu sich heran aber nur, um ihn zum zweitenmal brutal fallen zu lassen. Er ist des Spiels jetzt satt, will ihren Dienst verlassen, erklärt ihr, sie triebe es wie der Gärtnershund, der selbst (Obst) nicht äße, aber auch nicht essen ließe worauf sie ihm eins auf die Nase gibt, den Streich jedoch nachher durch zweitausend Taler sühnt »für Taschentücher!« (das blutige hat sie von ihm eingefordert). In dieser Gegend des Stückes, da er auf seinem Abschied beharrt, werden ihre Gefühle ernst, Stolz und Liebe kämpfen miteinander; da ersterer der Stärkere scheint, will sie den Geliebten zwar fortlassen, nicht aber mit ihm das Mädchen. In diesem kritischen Zustande schließt der zweite Akt. Im dritten bringt der durchtriebene Bursche des Helden (Tristan, dem ich den Namen gelassen) eine unerwartete Lösung dadurch herbei, daß er seinen Herrn für den einst geraubten Sohn eines Granden ausgibt, ihn diesem, der einen solchen Sohn beweint, zuführt und dadurch der Dame ebenbürtig macht, worauf sie sich natürlich sofort verloben. Den Akt durchschießt noch eine Fopperei Tristans an zwei adligen Freiern der Dame, die seinen Herrn ermorden lassen wollen und ihn für einen Bravo nehmen. Eine ernste Note klingt am Schluß auf: der Held will die Hand der Dame doch nicht durch einen 172 Betrug gewonnen haben und deckt ihr die Schurkerei auf; sie findet das sehr nett von ihm, verzeiht und nimmt ihn doch.

Diesen etwas gemeinrealistischen Vorgang, der aber natürlich in den Zauber Lopescher Grazie getaucht ist das Stück dürfte eines seiner besten sein, nach allem, was ich sonst von ihm kenne, habe ich nun, wie die Akten zeigen, ganz in unser deutsches, vielleicht überhaupt modernes Gefühl übersetzt, den Forderungen unserer Sittlichkeit so weit genähert, als es (mir) überhaupt möglich war, wenn der gewagte und im allgemeinen doch heitere Untergrund, das lustspielmäßig Wirkende, nicht ganz aufgegeben werden sollte.

Aber brauche ich noch zu sagen, daß, nach Empfängnis dieser Tendenz, zu ihrer geschlossenen Durchführung in einer Kunstform kaum ein Stein mehr auf dem andern bleiben konnte, sondern eine vollkommen neue Aufführung notwendig wurde, das heißt sich von selbst ergab. Im einzelnen dies nachzuweisen, kann unmöglich hier meine Aufgabe sein; aber so viel darf ich sagen, daß ich, vielleicht mit Ausnahme Tristans, der nur seine Schalkerei dem veränderten Bedarf anzupassen brauchte, die Hauptpersonen mit einer neuen, die Nebenpersonen aber überhaupt erst mit einer Seele begaben mußte; das Hauspersonal und die Freier mit ihren Dienern sind bei Lope durchaus schematisch es sind die reinen Mazzen von Figuren behandelt; wie in der ganzen 173 spanischen Dramaturgie muß auch hier die reiche, tönende, in der Ausnützung der poetischen Mittel unbeschränkte Sprache ein Quid pro quo schaffen, das dann auch, für das Ohr und den Geschmack jener Zeit, als gestaltet wirkt.

Wo aber – ich komme damit auf die Andeutung oben zurück die Punktierung meiner Gestalt die der Vorlage berührt oder schneidet, bin ich einer Vermählung nicht nur nicht ausgewichen, sondern ich habe sie mit einiger Zärtlichkeit gesucht. Doch sind diese Berührungen nicht zahlreich, meist nur flüchtig, und nur in den Umbildungen von Bedeutung.

Habe ich mich aber, vor lauter Sittlichkeit, schon einmal darauf eingelassen, mich über die Herkunft meiner Arbeit zu verbreiten, so dürfte es nicht mehr als billig sein, auch der andern Nachhilfen zu gedenken, denen ich und die Welt es zu verdanken haben, daß der Gärtnershund sich bis zu erreichtem Grade gemausert hat: und da wärst in erster Linie du zu nennen, Wilhelm Wetz, der du mich auf diesen Gärtnershund losgelassen und von Anfang bis zu Ende mit deiner ewig unzufriedenen Miene als Scharfmacher hinter mir her warst, bis du dich jetzt notdürftig zufrieden geben konntest. Hab Dank!

Eine wirksame Zusammenziehung im vierten Akt, der erst durch sie seine jetzige schneidende Keilform annehmen konnte, habe ich und hat man der glücklichen Kritik von Gustav Killian gutzuschreiben. 174

Einen stilleren Dank auch dir, die du mich im Augenblick der tiefsten Ermattung durch dein unmittelbares, himmlisches Vertrauen aufrecht hieltest und auf den weiteren Weg stärktest; so hast auch du mitgewirkt; drum grüße dich dies Wort hier.

Zähringen, um den Frühlingsanfang 1908

 

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