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Gutenberg > Emil Gött >

Mauserung

Emil Gött: Mauserung - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Werke Band 3
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleMauserung
pages174
created20120227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Akt

(Turmstube Rolands; links Lager und Truhe, rechts Türe, daneben Ständer mit Jagdgeräten, Waffen; nach hinten mehrfach gekuppeltes Fenster, davor Tisch mit Büchern und brennender Ampel, an den Wänden Bilder und Zeichnungen. Auf dem Lager liegt Roland hingeworfen, das Haupt auf dem Arm, mit geballten Fäusten und stöhnend, er schnellt in die Höhe.)

Erster Auftritt

Roland. Ich habe keinen Fluch, der Luft mir schafft!
(Wirft sich wieder hin, nach einer Weile wieder auf)
Aus ist's! aus ist's! Ein Kind hätt es erkannt:
Die Stunde forderte dein Leben frei
Und auf dies einzige Geschick geschliffen,
Das dir ein jäher Schleierriß verriet
Und du warst schwächlich, zärtlich, süßlich, klein,
Und bogst dich unter dieses niedre Dach!
Nun friß es, Narr friß Staub dein Leben lang
So hat Ambrosia dir doch geduftet!
Heran, Jungfrau von Eisen, Selbstverachtung! 73
Genossin, kalte, heiße, tausendzahnig
Ich geb mich deinem Kuß da nimm dein Recht!
(Wirft sich wieder hin)

 

Zweiter Auftritt

Tristan (außer Atem und gekrümmt hüpfend, die Seite haltend als einer, der sich heftig gestoßen hat). Ha ha laßt mich nur einen Augenblick (Läßt sich ächzend auf die Truhe fallen und krümmt und wälzt sich) Gotts Donner! Bin ich angerannt! Hol dich der Teufel, feige Bestie!

Roland. Was hast du, was ist los?

Tristan (aufstehend und sich betastend). Ich will hoffen nichts! Es hält noch zur Not! (Ächzend) Aber du drei mal drei macht neunmal verdammter Mehlpapp!!

Roland. So rede doch!

Tristan. Wenn du nur eine Spur Stich gehalten hättest! Aber so war's, als ob ich von einem Turm in die Luft getreten wäre: so warst du weg und so flog ich! 74 Na, ich will dies Hinschlagen gern als Buße für mein verruchtes Leiterstehn nehmen (Sich betastend) wenn ich nur noch alle Sprossen hab!

Roland. Wie bist du denn herein gekommen?

Tristan. Mit allen Listen des Odysseus und seiner Tapferkeit! Es war großartig! Da hält er an der Treppe, in der einen Hand zittert das Licht, in der andern schlottert der Degen, und er zetert: holt Fackeln! Windlichter! mehr Leute! laßt die Hunde los! Ich hatte gerad noch Zeit gehabt, mich in die Eiben zu drücken, aber wie ich ihn den Augenblick so allein seh, nütz ich's, drapier mich mit dem Mantel und lauf ihn an mit ein paar Augen aus dem Schlitz heraus, daß es auch die Mauern Trojas erschüttert hätte! Na, im letzten Schimmer der Kerze, bevor ich sie ihm ausschlag, seh ich ihn noch sich entgeistern aber wie ich mich auf ihn werfe, um ihn ein wenig rumpeln zu lassen ist er wie weggeblasen nur plumpsen hör ich ihn und flieg selbst an den Pfeiler, daß ich das Feuer im Elsaß sehe! Kaum find ich den Atem schnell genug wieder, um mich heraufzumachen auf allen Vieren da bin ich gesehen hat mich kein Auge und so wären wir geborgen! 75

Roland (einige Schritte machend für sich).
Geborgen? Auf wie lang? Und auch vor was?
Was ist das, was in meiner Brust herauf schwillt
Und gärend zwischen Wut und Gram sich nistet?

Tristan (hat den Mantel umgeschlungen). Ich gäb ein Abendessen drum, wenn ich mich selbst gesehn hätte, wie ich auf ihn los bin hab ich nichts Heroisches an mir?

Roland. Ich rate dir, laß jetzt die Maskerade
Sie macht mir übel !

Tristan. Wie nach einem Balle, von dem man hinausgeschmissen wurde! (Nimmt den Mantel ab und trägt ihn an den Ständer) Fort also, Hülle Eurer Herrlichkeit! Und wenn ich Euch bei der sauergewordenen Zeche nicht Gesellschaft leisten soll gut Nacht! (Er greift grüßend nach der Mütze) Na zum Donner! (Sieht sich um)

Roland. Nun was hast du wieder?

Tristan. Heiligs siedigs Donnerwetter! Wo ist meine Kappe hingeraten? Ist sie ein Opfer des Gefechts? Blieb sie auf der Walstatt? Es wäre höllisches Pech autsch unser Backen! 76

Roland. Unstern verfluchter bist du recht im Aufgang!

Tristan. Da muß Klarheit her, sagte die Wurst zur Brühe und begab sich zum Sauerkraut ich schleich mich nochmal runter! (Ab)

 

Dritter Auftritt

Roland (nach ein paar Schritten).
Entgleist! Im besten Zug im höchsten Flug
Zur größten Möglichkeit gescheitert wrack!
Entgleist wodurch? Durch eine Leidenschaft?
Nein lächerlich! durch eine dumme Treue!

(Läßt sich auf der Truhe nieder und schlägt den Kopf in die Hände; Pause)

 

Vierter Auftritt

Tristan. Der Boden muß sie geschluckt haben oder eine Hand! Das Haus ist taghell beleuchtet und bei der Frau großer Empfang! Von der Knechtskammer aufwärts bis zu den Fürstengemächern hat sich alles bei ihr versammelt und es muß sich merkwürdig ausnehmen, wenn von uns beiden niemand dabei ist als meine 77 Kappe! Wollen wir nicht doch auch hinunter und uns irgendwie herauslügen, z.B. wir wohnen so hoch und schlafen so gut!

Roland (mürrisch). Ich danke! Hat der Teufel denn geruht,
Die Karten dieses blöden Spiels zu mischen,
So geb er weiter aus! Komme was wolle!

Tristan. Herr Roland hat gut reden, aber ich heiße Tristan! Eure Vielseitigkeit erhält den Abschied meine Wenigkeit ist nur einseitig und bekommt die Peitsche!

Roland (kurz). Ich nehme die Verantwortung auf mich!

Tristan. Ich wollt, Ihr nähmt die Prügel auf Euch verantworten wollt ich's auch!

Roland. So heiß wird nichts gegessen wie gebacken!

Tristan. Man sagt so, aber es ist eine besondere Sache mit der Prügelsuppe: sie wird kalt angerichtet, aber heiß aufgetragen! O schnödes Schicksal, das auf einen so feinen Einfall meiner Front mit einem so groben Ausfall auf meine Kehrseite antwortet! OKappe, Kappe! 78 Armer Kollege! Ich möchte doch wissen, was du einmal hast auf deine nehmen müssen!

Roland (auf seinem Wandel stehen bleibend).
Was faselst du?

Tristan. Ei, ich muß des armen Narren denken, auf dessen Kosten dieses Wort aufgekommen ist! Wie Bruder? Hast du einem gerade so nichtsnutzigen Herrn gedient? Hast ihm auch Leiter gestanden oder ihm andre Riegel sprengen helfen, wo es nicht so honorig zugeht wie beim Weiberverführen?

Roland. Hör auf ich muß in meinem Gram noch lachen!
Dir ist es freilich wohl: dein Fell allein
Juckt ahnend vom gesalzenen Gericht
Mir aber rötet sich die andre Haut!
Wie werd ich morgen vor der Herrin stehn!
Wenn es den Blick verletzter Hoheit löschte
Aus ihrem göttlich stolz- und schönen Auge
So stürzt ich noch in dieser Nacht von hinnen!

Tristan. Wie weiland Vater Adam! War nicht auch uns dies Haus ein Paradies? Herrgott, wie gut hatten wir's! Pflügten wir eine rauhere Scholle als Papier? Säten wir etwas anderes als Gedanken, Verse und 79 Lautentöne? Und siehe, wie ernteten wir Brot und Braten! Und nun? (Singt)
Es wehet durch die Felder
Der rauhe Boreas,
Wir streichen durch die Wälder
Von Schnee und Regen naß,
Der Mantel fliegt im Winde,
Zerrissen sind die Schuh

Roland. Laß deine Possen und verfärb mir nicht
Das echte Rot der Scham mit fahler Sorge!
Nun wahrlich: groben Winks bedarf es nicht,
Um meines Weges mich zu weisen aber:
Von vorne nur, ins Aug, auf Stirn und Brust
Will ich des Tadels Herbigkeit empfangen!
So lös ich von der Sohle die Verachtung,
Die an die flüchtende sich heftete!
Nun aber geh nein: schlüpf nochmal hinunter
Und such mir irgend einen scharfen Tropfen
Wär's der gemeinste Schnaps selbst Essig tät's
Der Schlund ist mir ganz dürr vom Qualm der Wut!

Tristan. Essig? Wollt Ihr nicht an Euerm Daumen lutschen ?

(Es klopft, sie fahren auf)

Roland. Hallo! 80

 

Fünfter Auftritt

Diener (in steifer Form). Die Frau befiehlt Euch noch einmal zu sich!

(Zieht sich zurück; Roland steht betroffen)

Tristan. Und für einen Schnaps brauch ich, scheint's, auch nicht erst zu sorgen wenn sie Euch nur keinen allzu bittern einschenkt!

(Roland stampft auf, nimmt sein Barett)

Der Vorhang fällt.

Verwandlung.
(Szene des zweiten Aktes)

Sechster Auftritt

Herlinde (eintretend).
Ich bin doch ruhig? Keine Wallung soll
Den Seegang meiner Innenwelt verraten,
Und zähm ich mich, so stumpft sich wohl der Stachel,
Der mir den Sinn verwirrt, den Stolz verletzt
Und der zerrissnen Brust sich Liebe nennt!
(Auflachend) Liebe und ich! Und bin ich zehnmal Weib,
Von dem man sagt, zur Liebe sei's geboren
Laß sehn, ob eins nicht stärker sei: der Stolz! 81
Er kommt ich fühl's am Zittern meiner Kniee
Doch lächelnd faß ich und zerschmettr' ich ihn!

(Tritt ans offne Fenster und schaut mit aufgestützten Händen in die Mondnacht, selbst vom Mondschein übergossen)

 

Siebenter Auftritt

(Roland tritt ein und bleibt in dienstlich gemessener und gedrückter Haltung am Eingang stehen; nach einer Pause wendet sie sich)

Herlinde. Ach daß er selbst die Nacht noch für mich opfert!

Roland (sich verbeugend, murmelnd).
O gnädige Herrin!

Herlinde. Schelt Er es nicht Laune:
Es ist mir leid um meine Ungeduld,
Mit der ich diesen Abend Ihn verließ
Hat es Ihn sehr verstimmt?

Roland (murmelnd). O gnädige Herrin!

Herlinde. Ich hätte früher Ihn zurückgerufen
Der rasche Groll, der Seine leichte Art,
Mein heikel Los zu nehmen, mir geschaffen, 82
War schon geschmolzen, doch da schuf ein Vorfall
Uns einen bösen Schreck ich zittre noch!
Wär's möglich, daß der Lärm Ihm ganz entgangen?
Hat Er so tief studiert? Es tät mir leid,
Riß ich Ihn da heraus

Roland. O gnädige Herrin?

Herlinde. Doch denk Er: Diebe fand ich eingedrungen
Der eine der Gesellen schlich hier durch
Und Er studiert, indes man mich hier mordet!

Roland. O gnädige Herrin! spottet mein nicht so!

Herlinde. Ich spotten spotten? lieber Freund, was ist Ihm?
Er sieht so blaß, einsilbig stockt das Wort
Im sonst so reich beredten Mund was ist Ihm?
Wie seh ich Ihn?

Roland. Nicht so quält mich nicht so!
(Rasch und rauh) Gebt mir den Abschied hart und kurz für immer!

Herlinde. Den Abschied? Hör ich recht? Versteh ich Ihn? 83

Roland. Ihr höhnt mich immer noch!

Herlinde. Mein bester Freund

Roland. Ihr wißt so gut wie ich, was fort mich treibt!

Herlinde. In Mitleid, ja in Furcht muß ich Ihn fragen,
Was dieses seltsame Gebaren weckt:
Ich bin der Grund doch nicht, denn ich bin's nicht,
Den sein gebrochner Blick verklagt! Was ist's?
Nur Mut! vertrau Er mir! Ich muß erstaunt
An meinen Roland ihn von sonst gemahnen,
Dem Er zur Stunde nicht sehr ähnlich sieht!

(Wendet sich nach dem Spiegelgesims, den Fächer an sich zu nehmen, mit dem sie fächelnd zurückkehrt; inzwischen:)

Roland (zischend, mit tückischem Nachblick).
Ha! Dieses Spiel mit der gefangnen Maus! (Jäh)
Wie aber Katze! Soll ich Panther sein? (Wild)
Bei Gott ich wag es Sprung und Griff und Biß!

Herlinde. Wie ist's, noch immer findet Er kein Wort?
Es muß doch etwas Ungeheueres sein

Roland (zögernd ansetzend).
Ja Herrin ja: Es ist ein Ungeheures! 84

Herlinde. So beicht Er denn entlad Er sein Gewissen!

Roland (stammelnd).
Ihr werdet es nicht tragen

Herlinde. Weiß Er das?
Ich bin so schwach nicht und auf viel gefaßt!

Roland. So muß ich es entfesseln?

Herlinde. Ist Er feige!
Wie Er sich windet !

Roland (wild). Nun so brech es aus :
Ich (Wirft sich auf die Kniee)
liebe Euch!

Herlinde (fährt fauchend auf, und muß erst durch einen Wirbel von Gefühlen das gänzlich Unerwartete fassen, bis sie auf ihn zugeht und ihm den zerbrechenden Fächer ins Gesicht schlägt).
Ha ha ha Unverschämter!

Roland. Herrin!

Herlinde. Kein Wort mehr, oder ! Auf! O Himmel!
Sahst du ein frecheres Gebaren je? 85
Ist's Wahnsinn, der sich paart mit Schlechtigkeit?
Ging Hochmut durch auf zügellosem Roß,
Von dem gemeinen Blute losgelassen?
Er sieht mich außer mir, sonst ständ Er nimmer,
Ein Bild der Häßlichkeit, vor meinem Auge
Im tiefsten Turm läg Er, bei Molch und Natter
Und leg ich ihn! Bei Gott! Er soll mir büßen!

(Will zur Klingel. Roland hält sie durch eine Gebärde auf)

Roland. So sättigt Euern Haß nach Lust und Macht
Doch nicht, eh Ihr mein letztes Wort gehört!
Am liebsten Oh! Was quältet Ihr mir erst
Grausam das furchtbare Geheimnis ab
Das ich so lang in hartbeherrschter Brust
Um alle Pfade Eures Webens trug!

Herlinde. Kein Wort, will Er nicht maßlos mich erbittern!

Roland. Ihr müßt mich hören, daß durch mich enthüllt
Mein grenzenloses Leid begriffen wird!

Herlinde (hochmütig, ironisch).
Sein grenzenloses Leid? Sonst nichts? Nun gut:
Ich weiß, Er weiß sich interessant zu machen!
Dank Er's den nun ins Nichts versunknen Stunden, 86
Da unsre Stirnen freundlich sich berührten,
Daß ich so viel der Luft ihm noch vergönne,
Als Er in des Prozesses Kürze braucht,
Von seinem grenzenlosen Leid zu lügen.

Roland (aufzuckend).
Die Herrin hat Gewalt und Recht zu schmähn,
Allein, was Ihr auch, wenn Ihr mich gehört,
Gekränkten Stolzes über mich verhängt:
Vergeßt nicht, hohe Frau vergeßt mir nie!
Daß ich, gewillt aus diesem Paradiese,
Wo ich des Glückes ungemessen sog,
Mich auf des Lebens rauhsten Pfad zu schleudern,
In Sternenferne fern von hier zu enden,
Den schnellsten ewigen Urlaub eingefordert!

Herlinde. Er wählte eine sonderbare Art!

Roland. Jäh flammt der Blitz auf, lang lädt sich die Wolke!
Die Schwalben flogen tief den ganzen Tag!
Ihr selbst, ein Bild sonst ruhevoller Kraft,
Zogt nun der Unruh Kreise und des Schwankens!
Zerrissen in mir selbst hielt ich vor Euch,
Doch treu mein Amt erfüllend als Berater:
Was, glaubt Ihr wohl, was kochend mich erfüllte,
Da ich die Not der Wahl mit Euch bedachte? 87

Herlinde. Ich denke Ungeduld war's nach Maria,
Die sehnend Seiner harrte! Traf ich recht?
Sie hat wohl eine mitleidvolle Hand,
Der Wunden ihn zu pflegen, die ich schlug,
Und nicht? aus ihrer Schulter wächst das Kraut
Für grenzenloses Leid?

Roland (sich unter ihren Stichen windend in wilder Entschlossenheit für sich).
Nun vorwärts durch!
(Richtet sich auf und sieht sie voll an)
Und wär es so?

Herlinde. Ha! Frechheit unerhört!

Roland. Daß ich den Brand der ausgedörrten Lippe
Zu kühlen dürstete auf ihrem Schnee?

Herlinde (sich abwendend).
Auf ihrem ! (Zu Roland) Und das wagt Er mir ! (Wie eben) Auf ihrem!

Roland. Ich bin kein Stein, ich bin kein Gott wie Ihr!
Ich rag nicht weiß und marmorn in die Luft
In makelloser Ruh und Reine: Wild 88
Durchbraust mein Aderwerk der rote Strom
Und wettert schäumend wider seine Dämme
Ich kann und will nicht leben ohne Liebe!
Wie aber hat die Herrin mich gequält:
In eisiger Hoheit und so lebenswarm!
In Düften wie kein sterblich Weib mehr haucht
Denn keine ist aus Licht und Duft gewoben
Und Feuern wunderzart wie Ihr so hieltet
Ihr unbewegt im Sturme dieser Gluten,
Die ich geheim um Euern Felsen peitschte
Ich trug's nicht länger und ich riß mich los!
Was es gekostet, freilich, weiß nur ich
Und weiß auch, Herrin, was es kosten wird (Nähertretend)
Doch ich will leben, Herrin, leben will ich
Nicht siechen unter eines Toren Schmerz! (Noch näher)
Und soll ich sagen, welchen Stoffs ich bin ?
So hoff ich noch: aus dem man Männer schnitzt!
Drei Jahre zog ich meinen Kreis um Euch
Und sog mich voll an Eurer Kraft und Süße
Doch länger nie, als nur ein Schlag des Herzens
Die ungestüme Welle durch mich treibt
Hab ich davon geträumt Euch zu besitzen!
Mein Hirn, schwor ich, so lang es mir gehorcht
Und ich will sorgen, daß es mir gehorcht
Es soll nicht träumen, nicht von Dingen träumen,
Die ich im Griffe dieser Faust nicht fasse! (Anschwellend) 89
Zugreifen will ich, wie der Schraubstock greift,
Wenn mich die Stunde und das Meine trifft
Von Griff zu Griff doch immer ohne Traum!
Nun bitte gebt mich frei! Ich bin bereit!
Noch diese Stunde, Herrin, kann ich reisen! (Tastet an seine Taschen)

Herlinde (hat während seines Ansturmes das Auge zu ihm aufzuschlagen versucht; jetzt gelingt es ihr und sie messen sich einen Augenblick; dann wendet sie sich wieder ab; zitternd).
Nein Nein (Für sich) Was tu ich? Sag ich? Gott er blutet!
Von meinem Schlag!
(Zieht ihr Tuch und reicht es, abgewendet, zitternd)
Da ist mein Tuch

Roland (sich darauf stürzend). O Dank!
O holdes Zeichen, zart gewobne Brücke,
Auf der ein Hoffen darf es sich schon regen?
Den jähen Abgrund freundlich überspannt
Nein noch wagt nicht der Fuß es dünkt ihn Wahnsinn
Sie wieder zu betreten! Und doch, Herrin!
Wenn Ihr mich denn des rauhen Weges weist
Und aus dem Buch mich Eures Lebens streicht
Nicht Alles bitte! löschet aus von mir!
Und schaudert auch das Aug an so viel Flecken
Ich trug doch manches ein, das lesbar bleibt,
Und diesen teuren Rest bezeug dies Tuch: 90
Als unentreißbar mächtiger Anker soll's
Doch nicht von ihrem freveln Blut befleckt
An meiner Brust der so zerrissnen ruhn,
Und mich mit diesem Duft an all erinnern,
Was ich besessen und was ich verlor
Nicht wahr, es ist nun mein?

Herlinde (um jedes Wort und Tun verlegen, in bewegtem Spiel).
Ich bitte geht!

Roland (bebend, in gleichem Spiel).
Ich gehe! aber Herrin! wann? wohin?

Herlinde (kann nur winken).

Roland. Ich bitte mir's zu deuten! Nicht die Nacht
Das Beben meiner Herrin läßt den Fuß
Von dieser Schwelle sich zu stürzen zaudern
Hab ich zu gehn? Hinaus? Zu dieser Stunde?

Herlinde (noch mühsam).
Ich hab es nicht gesagt

Roland (wild). Doch dann wohin?

Herlinde (blickt ihn an, sich an seiner Verlegenheit weidend, und es kommt ihr ein Lächeln; mit Handbewegung).
Zu Bett! 91

Roland (fährt auf, starrt sie an sie lächelt wieder über ihn eine mächtige Bewegung lodert in ihm auf und der Ruf entfährt ihm:)
Herlinde!

(Ruf und Bewegung brechen vor ihrer Haltung ab – sie hat beide Hände in schöner, stolzer und doch erschrockner Geste von sich gestreckt; sie sehn sich noch einen Augenblick an, dann sucht er den Weg fast rückwärts zur Türe, sein Auge auf sie gerichtet, das sie zu vermeiden strebt; sobald die Türe sich hinter ihm schließt, wirft sie die Arme erst hoch, breitet sie dann aus und fliegt mit einem tiefen)

                                    Ah! (nach innen)

 

Der Vorhang fällt. 92

 

Vierter Akt

(Gartenterrasse vor der Halle des ersten Aufzugs; vorn links umbrüsteter Felsenabsturz, rechts auf einem Unterbau ein Apollo, dahinter immergrüne Büsche, weiter hinten Tannen und Birken. Es ist Frühmorgen, hell, aber die Sonne noch nicht über den Bergen. Auf den Stufen vor dem Apoll liegt Roland schlafend; aus dem Wäldchen kommen der Hausverwalter und Bella, Arm in Arm.)

Erster Auftritt

Hausverwalter. Jesus, wie hell ist's schon! Das Haus erwacht
Wir müssen machen, lieber Schatz

Bella. Was tut's!

Hausverwalter. Bedenk, wenn wir vor offener Verlobung

Bella. Was schadet das: sie würde dadurch offen!

Hausverwalter. Wohl wohl! Doch wär mir's peinlich vor der Frau
Du weißt, sie liebt die frühen Morgenstunden. 93
Auch wär's noch Zeit, ein Nickerchen zu tun
Weiß Gott, die Nacht ist wie im Nu verflogen
(Schäkernd) Seit jemand mit dem kalten Umschlag kam!

Bella (schlägt ihn). Wart Schäker!

Hausverwalter. Komm! Vor Mittag wissens alle,
Wer nun Frau Vögtin wird!

Bella. Na hoffentlich!
Ich freu mich auf verschiedne spitze Nasen
Und runde Augen! Dieser grüne Spatz!

Hausverwalter. Sprich nicht von ihr ich war ein großer Narr!
Dem Dorne nachzulaufen statt der Rose!
Wir werden glücklich sein, nicht wahr? (Küßt sie schmatzend)

Bella. Und ob!
(Sie wenden sich gegen das Haus)
Von je bin ich entzückt von dir gewesen:
Wie du so gehst und stehst ein Achtzehnender
Trägt stolzer nicht den Kopf bscht! guck, wer liegt da?
Ei sieh, der süße Gauner! Wohlbekomms!
Du hattest dieses kühle Bett wohl nötig! 94
Gib acht, wir werden hier noch was erleben:
Herlinde! rief er grad heraus: Herlinde!
Ja diese Götter! Sollt es mich noch wundern,
(Deutet auf eine Artemis)
Wenn so ein steinern Mensch vom Sockel stiege
Und einen Knecht sich aus dem Stalle holte
Was hast du, Männchen? Hat dich was verstimmt?

Hausverwalter (mürrisch).
Das hättest du nicht sagen sollen!

Bella. Was denn?

Hausverwalter. Es gibt noch andre Bilder!

Bella. Andre Bilder!

Hausverwalter. Als mit dem Achtzehnender!

Bella (stutzend, begreifend und herauslachend). Ah du meinst !
(Indem sie sich nach der Treppe wenden)
Nein nein: was diese Männer gleich sich denken!
Nein nein!

(Schließt mit Gelächter, sie verschwinden im Hause) 95

 

Zweiter Auftritt

Maria (von der Gegenseite aus dem Gebüsch tretend).
Ruhlose Nacht, du Marter jedes Kranken!
Wie zögernd ließest du dem Tag den Schleier,
In den ich stöhnend meine Schande barg
Nun da er kommt und meines Lämpchens Funke
In seines Lichts grausamer Flut ertrinkt,
Enteilst du mir zu schnell! Wär es nicht besser,
Ich schwände hinter meinem Traum dahin,
Nicht in den Tag wie sie: in tiefre Nacht?
(Tritt an die Felsenbrüstung)
Wohl hundert Ellen stürzt der Fels hier nieder,
Schwindelnd wich sonst das Auge, und die Hand
Erlahmte am Geländer doch nun lockt
Das Grauen süß und liebreich mich hinab!
Und Gott im Himmel, heilige Jungfrau du:
Ihr würdet nicht zu sehr der Armen zürnen,
Die ihren Gram nicht überleben kann!
Doch laßt mich noch einmal die Stätte sehn,
Wo ich in Fiebern, die ich nie gekannt,
Wie an der Brust des Glückes trunken lag
(Wendet sich zum Apoll und erblickt Roland)
Jesus! Er ist es! (Eilt auf ihn zu)
Weck ich noch einmal
Für einen Pulsschlag nur den Traum zurück, 96
An dem ich einmal schon gestorben bin?
Noch einen Kuß und dann getrennt auf ewig!
(Beugt sich über ihn und prallt zurück)
Gott! Ist er's noch? wie furchtbar sieht er aus!
Wie finster diese Stirn, wie hart der Mund
Er fletscht und knirscht die Zähne, krampft die Faust
Welch bös Gesicht mag seine Seele quälen!
Vor dieser fremden furchtbaren Gestalt
Beschleicht mich Furcht! Gott er erwacht hinweg!

(Sie flieht ins Haus)

 

Dritter Auftritt

Roland (im Schlaf keuchend).
Die Faust weg! Wirst du ? Fahr zur Hölle
(Mit einem Schrei des Entsetzens sich aufwälzend)
Ha!
Das war ich selbst! Kann man so furchtbar träumen?
Wo aber bin ich? Hier? Wie aber? (Sich entsinnend) Ah!

Tristan (aus dem Hause). Hallo! Also da reibt Ihr den Schlaf aus den Augen und beguckt die harten Daunen! Es war kein geringer Schreck für mich, da ich auf Euerm Bärenfell aufwache und Euer Nest unberührt finde! Schon herausgeschmissen? denk ich! Aber schnell: wie geht's wie steht's? Was hat sie Euch eingeschenkt? Mein ganzes Fell ist in begreiflicher Spannung! 97

Roland (sich erhebend).
Laß mich ich muß mich selber erst besinnen
Der Kopf ist mir ganz voll von wirren Träumen.
Vom letzten friert mich ganz! Wie war es doch:
Ich klomm da steil und mühsam wo empor

Tristan. Wie es scheint ohne meinen alleruntertänigsten Rücken?

Roland. Still es kam schauerlich: da sperrt ein Kerl
Nein, erst war's eine Alte mir den Weg.
Mit Spinnenfüßen greift und würgt sie mich
Und hält mich schwebend über grausiger Tiefe.
Da krieg ich meinen Dolch sie wird ein Kerl
»Gut denn, stoß zu!« sagt er und grinst mich an,
Und seine Fratze wird mir so bekannt
»So fahr zur Hölle!« lall ich und stoß zu
Und zischend fährt der Stahl in meine Weiche
Der andre war ich selbst! Ist das nicht seltsam?

Tristan. Ihr habt Euch so 'ne Kante in die Rippen gelegen davon träumt man dann solches Zeug!

Roland (sich schüttelnd).
Ja es ist Unsinn! Häng ich Schatten nach,
Da mir des schönsten Tages Sonne winkt! 98
Ich bin ein Mann darf mich ein Spuk erschüttern
Auf eines Wunders Schwelle, das kein Traum?!

Tristan. Diese verklärte Miene gibt mir ein wahres Hochgefühl sind meine Schulden bezahlt, lieber Herr?

Roland. Geh! wüßtest du, was mir Fortunens Schoß,
Indes du schnarchtest, schöpferisch geboren
Du dächtest nicht an das! Der Wassertropfen
Auf heißem Stein verpuffte nicht so leicht
Als diese kleine Not!

Tristan. Na hört mal! Ihr mutet mir eine rührende Vergeßlichkeit zu! Ich wollte doch mal sehn, ob die Bank, auf die Ihr geschnallt werden sollt, nicht selbst im Zustand der ewigen Seligkeit Euer Hinteresse wachhielte! Aber es klingt Trost aus Eurem Geläute: Fortuna hat gejungt, merk ich! Laßt mich Gevatter stehn! Legt den Täufling in meine Arme: ich will ihn lieb haben, wenn er für mich eine andre Aufwartung bedeutet

Roland (lachend). Als die bewußte?
Ich sage nichts als: wenn nicht alles trügt,
So duftet es im Haus nach andern Suppen! 99

Tristan. Hochzeit? Kann ich die Böller rüsten? Schießt sie was Tüchtiges zu? Na sie hat's ja, Euch den Weg durch die Türe zu weisen!

Roland. Wer ? Was ?

Tristan. Ich hab Euch nur durchs Fenster helfen können!

Roland. Zum Henker denn was meinst du? (Verstehend) Ah!
Mach dich nicht lächerlich!

Tristan. Was? Hat das Wetter umgeschlagen?

Roland (mehr für sich). Das arme Mädel!
Der Blick, fest auf die Sonne jetzt geheftet,
Reißt sich nicht wieder los und in der Höhe,
Dahin die Schwinge des Geschicks mich trägt,
Entschwindet sie dem ihr verlornen Auge,
Dem kleinen Veilchen gleich im Grase!

Tristan. Donnerwetter! wie lang ist's her, da stand sie in Euerm Aug eine Zeder vom Libanon! 100

Roland. Laß sie!
Weiß Gott, sie tut mir leid

Tristan. sagte die Katze zur Maus, daß ich Sie verspeise!

Roland. Was willst du machen!
's ist eine mehr! Das Leben ist ein Krieg
Und kostet Schutt, und des Gefallnen achtet
Kein vorwärts Stürmender wie käm er vorwärts?
Und ich will vorwärts aufwärts! Und, mein Junge:
Ein jeder Mann ein Mann! verstehst du wohl
Hat einen Augenblick in seinem Leben,
Der einmal ist und niemals wiederkehrt:
Da spielt das Glück den großen Wurf mit ihm:
In dem wie sonst ergriffnen Becher rasseln
Die Würfel heut mit sonderbarem Ton!
Für den hab er ein Ohr, ein Ohr, mein Junge,
Und dann (Mit Geste) ein Handgelenk! und eine Faust!
Verhört, verpaßt er das und fehlt ihm das
(Geste mit der Faust)
Ist er und bleibt sein Leben lang ein Lapp
Und troll sich ins Gewimmel seiner Herde!
Ich aber, Freundchen 101

(Will ihm einen wuchtigen Schlag auf die Schulter geben, Tristan weicht aus, der fehlgehende Hieb bringt Roland ins Schwanken)

                                        Kerl, was stehst du nicht!

Tristan. Na ich danke! Ich weiß auch ohne diese Spezialkniffe der lullischen Kunst, daß Ihr einen festen Griff habt!

Roland (von ihm hinwegschreitend und hinaussprechend).
Ja ich will greifen wie der Schraubstock greift
Von Griff zu Griff jetzt über allen Traum!
(Verändert)
Auch trotz dem dummen Zittern dieser Hand
Und dieser dunkeln Last auf meiner Brust,
Die ich nicht recht verstehe Pah hinweg!
Wie? zittert nicht der Bogen nach dem Schuß?
Drei Jahre halt ich reglos mich gespannt,
Verknirschte all mein Wüten im Geheimen
Nun ist der Pfeil entschwirrt! ins Blatt getroffen
Liegt mir die weiße Hindin auf der Decke
Ha! Nach der Folter dieses wilden Schmachtens
Sink ich nun doch zur Rast an diesen Busen!
Mir werden öffnen sich die hehren Arme,
Die herben Lippen ihren Nektar reichen
Und ich soll zittern nicht und nicht erbrausen?
Von welchem Übermenschen fordr' ich das?
(Zu Tristan zurückkehrend, der ihn scheu umwichen hat) 102
Doch frag nicht mehr, ich will's nicht mehr bereden!
Die reife Frucht wird einst ins Maul dir fallen
Wenn du's so offen haben wirst wie jetzt!

Tristan (klappt hörbar seinen Mund zu). Habt Dank! genügt! verstehe! Noch vor vier Wochen hab ich Eurer Mutter daheim gesagt: Frau Gertrud, hab ich gesagt, Euer Junge stirbt in keinem niedern Bette

Roland (überrascht). Verflucht! Und ist das deine wahre Schätzung?

Tristan. So Wahres gibt's überhaupt nicht freilich; den Rest behielt ich für mich!

Roland. Ich dacht es doch: ein »aber« wird nicht fehlen!

Tristan. es steckt in ihm ein solcher Schuft (Roland tut einen Ruck) versteht sich in ganz honorigem Sinn! daß er entweder im Ministersessel entschlummert oder am Galgen!

Roland. Wetter nochmal! Respekt vor dieser Nase!
Sieht es nicht aus, als triebe sich der Kerl
In meiner Brust geheimsten Sorgen um? 103
Doch hör: ein Schelm ist wohl des andern wert,
Drum, wenn wir weiter uns so gut vertragen,
So soll, wie auch der letzte Würfel rolle,
Kein andrer Kammerdiener mich begleiten!

Tristan. Topp! das ist ein Wort!

Roland. Wie, ohne Einspruch? Und auf beiden Gängen?

Tristan. Mit Haut und Haar!

Roland. Zum Galgen, hörst du hast du dich verschworen!

Tristan. Ihr habt eine Spur, daß es mehr Ehre und Vergnügen macht, mit Euch gehenkt zu werden, als hundert andern Exzellenzen die Orden an die Hühnerbrust zu stecken!

Roland. Zu prügeln bist du oft mit deinem Maule
Doch so wärst du ein Mädel, müßt ich's küssen!
Doch deine Borsten brrr! Nun nicht so da! (Streckt die Hand) 104

Tristan (zum Einschlagen ausholend). Wahrhaftig, auch mir käm's auf einen Kuß nicht an! Aber wenn wir den Zucker den Mädeln lassen, ist »Soda« ein Salz für Männer!

(Schlägt kräftig ein, sie schütteln sich die Hände)

Roland (lachend). Doch ohne eine Schnurre läßt du's nie!

Tristan. So Gott will, nie!

Roland. Und auch das letzte Wort mußt du behalten!

Tristan. Grad wollt ich noch sagen, des Seilers Tochter muß sich beeilen, um es mir abzunehmen aber zum Zeichen, daß mir für Euch noch das Unmögliche möglich wird diesmal sollt Ihr's haben!

(Klappt den Mund hörbar zu)

Roland. Wirklich?

Tristan (würgt und schluckt).

Roland. Wirklich!

Tristan (würgt weiter). 105

Roland. Bei Gott! Ist es zu glauben?
Erlaub, daß ich das Haus zusammenrufe!

(Wendet sich um; in diesem Augenblick erscheint Herlinde über der Treppe, steigt herunter und schreitet langsam, sich da und dort verweilend, in die eben aufgehende Sonne hinein)

 

Vierter Auftritt

Roland. Die Frau! Verdammt! Kann ich ihr so begegnen?
Wie seh ich aus? Schnell bringe mich in Ordnung!

(Tritt mit Tristan hinter das Gebüsch, ordnet hastig die Locken, dreht seinen Bart, während Tristan an seinem Anzug herumzupft und mit dem Sacktuch seine Schuhe abstaubt. Roland hält aber, von der nahenden Erscheinung getroffen, in seiner Bemühung bald inne und stößt dann auch Tristan hinweg, der sich im folgenden versteckt hält)

Ha – dieses königliche Menschenwesen
Dies göttlich schöne, reine Frauenbild!
Auge, erträgst du's ungeblendet? Brust,
In deinen Räumen wagst du's zu empfangen?
Wie sie hereinfließt in die junge Welt!
Der Garten wird lebendig, schwillt von Odem,
Die Brunnen lachen auf und plätschern heller,
Vertausendfacht fällt ein der Vöglein Chor,
Und an der schneeig schimmernden Gestalt 106
Rauscht höher auf die goldne Flut des Lichts!
Und ich! Und ich in meinem Schmutz vor ihr!

(Er erstarrt, im folgenden tiefer und tiefer versinkend)

Herlinde (nach vorn kommend, die Sonne mit der Linken abblendend).
Wie köstlich labt die Luft des reinen Morgens,
Gekühlt vom Eis der Firne, die dort glühn,
Die heiße Brust! O süße Himmelsspeise,
In vollen durstigen Zügen laß dich atmen,
Und du, o junges Licht, hilf mir entschürzen,
Was noch die blasse Nacht an Rätseln ließ!
Weiß ich, was mir geschah und was mir wird?
Bist du's, was wie der Blitz aus dunkler Wolke
Zerschmetternd und erlösend in mich brach,
Und drückst das Siegel auf mein Leben, Glück?
Zerstör's nicht wieder, unbarmherziger Tag,
Der jeden Traum verlöscht! Nein doch: versuch's!
Üb deines Lichtes ganze Kraft an ihm,
Und war's ein Traum, seng ihn dein Strahl hinweg
Und geb mich wieder meinem herben Wachen!
Doch geh! Ohnmächtig bist du! Das ist Leben!
Und sah ich's nur im Zucken eines Blitzes,
So ist es doch! Ha, wie er sich erhob
Und alle seine Schorfe von ihm glitten
Aufrecht und mannhaft, hart und scharf und klar!
Ein halbgezücktes Schwert oder wie du 107
(Wendet sich zum Apoll und erblickt Roland)
Da er! O Gott, wie soll ich ihm begegnen?
Was sag ich ihm?

(Sie stehen sich in verschiedener Unschlüssigkeit gegenüber)

Roland. Wie komm ich fort von hier?

Herlinde. Er findet noch zu keinem Gruß das Wort!

Roland. Ich trag nicht länger ihren reinen Blick!

Herlinde. Wie helf ich ihm zu Mut und wer hilft mir?

Roland (knirschend).
Es muß sein! Herrin

Herlinde. Roland?

Roland (bebend). Darf ich bitten ?

Herlinde (verwundert).
Um was?

Roland. Entfernen mich zu dürfen! 108

Herlinde (stockend). Wie?
Er hat die Freiheit! Doch vor jedem Gruß ?

Roland. Verkennt nicht meine Bitte ? (Stockt)

Herlinde. Ist Er seltsam!

Roland. Ihr seht verwirrt mich und aus manchen Gründen
(Rasch) Von welchen den natürlichsten zu nennen
Die Schicklichkeit verwehrt

Herlinde. Er spricht in Rätseln!

Roland (stammelnd). Es hat mich diese Nacht hierher geworfen
Von diesen Fliesen stand ich eben auf
Und fühle mich so so so ungeordnet

Herlinde (ein Lächeln findend).
Ah so! (Beurlaubende Handbewegung)
Ich wünsch Ihm ein gesegnet Bad!

Roland (sich hastig neigend).
Ich danke, Herrin!

(Rasch ab, vor dem Verlassen der Szene noch einen Rückblick tuend und dann wie gehetzt ins Haus) 109

Herlinde (ihm nachsehend).
Ist er noch zu kennen?
Wie kommt ihm dieser scheue, wunde Blick?
Es muß ihn wahrlich hart ergriffen haben
Doch mir auch bebt und wie das ganze Leben!
(Zu Tristan, der sich drücken will)
Du halt! Komm her und lasse dich besehn!

Tristan (sich windend). Bitt schön ich muß ihm doch bei seinem Wichs helfen!

Herlinde. Er wird sich wohl ja noch der Zeit erinnern,
Wo er alleine mit sich fertig ward
Mich dünkt, du windest dich vor meinem Blick!

Tristan. Allergnädigste Frau ich bin auch noch nicht gewaschen!

Herlinde. Nie fand ich dich in diesem Stück fanatisch!
Du bleibst und kämst du eben aus der Suhle!
Wie kommt es denn: ich seh dich ohne Mütze?

Tristan. O an einem solchen Morgen geh ich gern in der bloßen Wolle! 110

Herlinde. Wolle ist gut! Wohl für den Bürstenmacher!
Ich seh dich aber lieber in der Mütze,
Und eben heut hab ich besondre Lust!

Tristan. Wie das sich trifft! Grad heut, wo sie mir abhanden gekommen ist!

Herlinde. Abhanden? Hast du eine Ahnung, wie?

Tristan (für sich). Wolkenbruch, gehst du nieder? (Laut) Eine Ahnung? Eine Ahnung? Ich glaub, die Frau hat so viel davon wie ich, wie sie mir abhanden gekommen, aber mehr als ich, wo sie hingekommen ist (Sie wendet sich ab, um ihr Lächeln zu verbergen, er wirft sich auf die Knie) Liebste Frau, quält mich nicht länger! Es ist ja doch alles heraus Gott sei Dank! Laßt mir die Absolution geben und dann meine Kappe wieder! Ich will sie von heut an doppelt in Ehren halten, seit sie für das Glück dieses Morgens verantwortlich ist!

Herlinde. Schlingel, was soll das! Meinst du zu entschlüpfen?
Weißt du, daß du ein Schurke warst? O Schmach:
Das liebe, junge, unverdorbene Kind 111
Auf deinen Schultern hobst du ihn hinauf
Und spürtest nichts, du hartgesottner Sünder!

Tristan. Spüren? Haltet mich nicht für fühllos, liebste Herrin! (Sich eine Schulter reibend) An die verdammten spitzen hohen Absätze will ich gar nicht erinnern

Herlinde (aufstampfend).
Ich rat dir auch, tu's nicht! wag nicht zuviel
Und nicht in diesem Stück auf deinen Freibrief!

Tristan. Nein nein nein nein um Gottes willen nicht wo werd ich denn! Es war mir auch sonst nicht wohl dabei! (Gegen das Haus) Hätt ich nur Zeugen dafür, wie ich alles getan, das Unglück zu bremsen ist er mir nicht an den Kragen gegangen?

Herlinde. Schurke, verlüg dich nicht! Wer wird dir glauben!

Tristan. Aber welche Gewalt traut Ihr mir auch zu über so ein junges feuriges Roß das den rechten Bereiter noch nicht gefunden hat! Und es ist so ein unruhiges gewittriges Frühjahr es liegt so etwas (Mit Augenaufschlag) Schmerzliches in der Luft! (Sie wendet sich ab) Ihr freilich spürt nichts davon aber, was ist das? 112 Seh ich das jetzt erst? Was für eine Veränderung ist mit unsrer Frau vorgegangen?

Herlinde. Veränderung an mir? Geh, du bist drollig!

Tristan. Ich schwöre drauf!

Herlinde. Mich dünkt, du gehst auf neue Schliche aus!

Tristan. Ich nehme noch fünf zu meiner Portion, wenn Ihr nicht eine Andre seid als gestern als seit lange! Euer Auge blitzt, die Wange glüht, der Mund schaut friedlich und satt, das Haar schimmert wie Seide kurz, man meint, Ihr hättet nach langem Hungerleiden wieder einmal tüchtig gegessen

Herlinde (belustigt und verwirrt).
Tristan!

Tristan. Oder als ob Ihr die ganze Zeit eine Mondfinsternis gewesen wärt!

Herlinde (auflachend).
Jetzt aber schweig mein holder Sänger,
Und halt mich nicht für töricht: Freund, du salbst,
Um besser deinem Büttel zu entgehn! 113

Tristan. Salben? Salbt mich! Ich nehme noch fünf zehn zwanzig die doppelte Portion! Glänzt Ihr, will auch ich nicht matt sein! Und jetzt muß Verschiedenes heraus:

Herlinde. Tristan!

Tristan. Die losen Zungen des Landes, die von Euch sagen: Ihr triebt es wie der Gärtnershund, können ihren Witz einpacken!

Herlinde (erstaunt und entrüstet).
Wie wer? Wie soll ich das verstehn?
Doch schlag nicht neben mir in eine Pfütze!

Tristan. Na: er ißt selber das Obst nicht, läßt es aber auch keinen andern essen! So Ihr im Garten der Liebe: selber kalt wie Eis, aber heiß wie der Teufel hinter den armen Sündern drein!

Herlinde. Tristan!

Tristan. Ja Kuchen, Tristan! Und wenn Ihr sie verdreifacht: der Gärtnershund hat Appetit bekommen! 114

Herlinde (hin und her flüchtend).
Tristan! Wie stopf ich ihm den Mund!

Tristan (triumphierend auf ihr Antlitz deutend). Es gibt nur eine Schminke, die so heizt!

Herlinde (sich die Ohren zuhaltend).
Das Beste ist, ich flüchte! (Wendet sich nach dem Hause)
Warte nur!

Tristan. Aber meine Kappe was ist mit meiner Kappe? Ich fühle mich ja auch noch so wie sagte mein Herrchen? noch so ungeordnet!

(Stutzt gleichzeitig mit Herlinde zurück und drückt sich im folgenden)

 

Fünfter Auftritt

(Über der Treppe erscheinen der Fürst, die Tante und der gräfliche Vetter)

Fürst^ Da da was ist das? (Führt sein Glas ans Auge)

Herlinde. Gott ich bin belauscht!

Fürst. Trügt mich mein Auge oder ist das nicht
Der Bursche unsres Burschen? 115

Tante. Tristan ist's!

Fürst. Und unsre Frau jagt sich mit ihm? Merkwürdig!

Herlinde. Wohin entflieh ich? (Ihre Wangen pressend)
Kann ich so mich zeigen?

Tante. Es ist nicht zu verstehn!

Vetter. Ja, Gott verdamm mich!
Sie hat kein gut Gewissen! Wie sie stutzt!

Fürst. Hm so scheuert man sein schmutziges Geschirr!
Was liegt da vor?

Vetter. Es muß ergründet werden!

Tante. Sie kann uns nicht entgehn auf der Terrasse!

Herlinde. Sie kommen auf mich zu wie rett ich mich?
Sie dürfen mich nicht sehn die Wange glüht
Ich glaub es selbst! Wär ich an der Fontaine! 116
O Gott nun fühl ich erst die neue Schwere:
Wir leben nicht zu zwein auf einer Insel !
Ich stecke meinen Kopf in dieses Buch!
(Zieht ein Büchlein aus dem Gürtel)

Fürst. Mein Gott, wie geistreich: Straußenpolitik!
(Zur Tante) Nun wenden wir hinüber unauffällig!
Die Herrin hält wohl ihre Morgenandacht
Natürlich mit Horaz!

Herlinde. Geraten, Fürst!

Fürst. Ich lobe so melodische Begleitung:
Es stimmt zu dieser Zeit und Tagesstunde
Der Garten zeigt sich in der schönsten Pracht!

Herlinde. Es ist auch seine schönste Zeit und Stunde!
Wie leicht gewinnt der Mai doch seinen Ruhm,
Nachdem drei Monde für ihn stritten, litten!

Fürst^ Es leidet, streitet Alles bis es blüht
Doch ist es wahr, zwingt dieser Wange Schmelz
Zur Frage wohl, was sie gelitten hat!

Herlinde. Wie meint der Fürst das? 117

Tante. Nun es ist erstaunlich,
Wie wohl du aussiehst nach der bösen Nacht!
Du bist rein in der Blüte!

Herlinde (in steigender Verwirrung).
Geh was sagst du!

Fürst. Und heiter selbst beim lästigsten Geschäft!

Herlinde. Versteh ich das? Wie komisch seid Ihr alle!

Vetter. Du warst auch komisch vorhin mit dem Burschen!

Fürst (wie begütigend).
Ich bitte, Graf, man kann auch lustig scheuern!

Herlinde. Vor diesem Lächeln und vor deinem Grollen
Fühl ich verraten mich drum guten Morgen!

(Rauscht ab, sie sehen ihr nach)

 

Sechster Auftritt

Fürst. Wie dünkt Euch das? 118

Vetter. Da ist was nicht in Ordnung
Nun, meiner Nase riecht's schon lang nicht gut :
Zu nah, das gibt zu warm! Der Teufel hol's!
Ich wollt, ich könnte beiden an den Kragen
Denn das hängt doch zusammen!

Tante. Sicherlich!
Sie mag schon lachend vor dem Burschen flüchten
Er war wohl unverschämt

Vetter. Ich wollt ihm anders!

Tante. Wenn Roland sie Herlinde nennen darf

Vetter. Und nicht zum Haus hinausfliegt! Daß die Pest!
Ich wollt, ich hätt ihn unter meinem Stiefel!

Fürst. Klar ist mir eins: der Bursch muß aus dem Haus!
Und unverzüglich! Denn er wird gefährlich!

Vetter. Das ist er lang schon! 119

Fürst. Ist es zu verwundern:
Er ist ein hochbegabter, flotter Kerl,
Der meine eigne Neigung reichlich hat
Schon lang beacht ich ihn und fürcht ich ihn!
Und wenn ich über etwas staunen muß,
Ist's nur, daß nichts geschah!

Vetter (wild). Noch nichts! Wer weiß es?

Tante. Des bin ich wohl der beste Zeuge, Neffe!
Ein Drache hütet seinen Schatz nicht so,
Wie ich der beiden innigen Verkehr
Doch sorglos war ich in der Tiefe nie!

Fürst. Ich will es hoffen, meine Gnädigste!
Was mich betrifft, so weiß ich einen Mann,
Der sich als Grabschrift dieses Marterl setzt:
Hier ruht ein Mensch, der war sehr weis:
Er wußte das Wasser naß und das Feuer heiß
Und erwartete nicht, daß jenes nicht nässe
Und dieses nicht fresse!

Tante. Wahrhaftig, Fürst, ich merke, das ist viel! 120

Fürst. Nicht wahr?

Vetter (für sich). Das Wasser naß das Feuer heiß
Aha, mir dämmert's auch das ist ein Wort!

Tante. Bst! Bst! da kommt er selbst

Fürst. Das trifft sich gut!
Ich bitte, laßt ihn mir, ich bring ihn weg!

(Tante und Vetter ab)

 

Siebenter Auftritt

(Roland kommt in finsterem Sinnen aus der Halle und wird erst spät die Gruppe gewahr; er nimmt sofort eine vollendet höfliche, ehrerbietig wartende Haltung ein)

Fürst. Guten Morgen, junger Freund! Eh was ich sehe?
Die sonst so flotte Stirn in solchen Sorgen?

Roland. Erlaucht ich wüßte nicht

Fürst. Eh keinen Schwindel!
Hab ich noch sein Vertraun? Was gilt die Wette:
Er treibt von hier hinweg ich seh's ihm an! 121

Roland. Erlaucht ich staune!

Fürst. Ist es nicht so?

Roland. Nun
Ich kann nicht leugnen doch wie kommt Erlaucht ?

Fürst. Pah! Seh ich ihn zum erstenmal?

Roland. Nicht doch

Fürst. Nun also! Und wie viel der Stunden sind's,
Da krähte noch sein kriegerisch Gesicht:
»Hier bin ich Hahn im Korb! Wer schmeißt mich raus?«
Heut stehn in seiner Miene andre Noten,
Und vor die Nase scheint ein b gesetzt!
Was hat es denn gegeben? Na, heraus!

Roland. Erlaucht wenn ich es denn gestehen muß:
Ein Blödsinn eine ungeheure Dummheit!

Fürst (den Stock erhebend).
Où est la femme? 122

Roland. Nun ja

Fürst. Nun ja, mein Lieber!
Dummheit ist leicht gesagt, und Blödsinn auch!
Doch ist's ein Ding so göttlich wie nur eins,
Vom kindischen Menschen nur so schlimm getauft!
Denk Er das Leben sich mal ohne sie,
Die launigen, brutalen Knotenspalter,
Nur unsrem schäbigen Verstand gelassen:
Pfui Teufel! Endlos diese Langeweile!
Und mehr als das: des längst verdauten Wollens
Und weniger Begriffe schale Inzucht!
Von außen kommt das neue frische Blut,
Und der Verstand ersetzt sich aus der Dummheit,
Und wo sich fruchtlos höchste Weisheit schindet,
Das löst im Handumdrehn ein Narrenstreich!

Roland (sich nach seiner Hand neigend).
O wunderbarer Trost aus diesem Worte!

Fürst. Nicht wahr? Drum Vorsicht: dank Er seinem Schöpfer
Für seinen Blödsinn und dann: fort von hier!
Zu lang ist Er schon hier, ich sagt es immer!
Natürlich sitzt Er angenehm im Nest,
Doch viel zu angenehm für seine Jahre!
Er fault hier! Diese weiche, feuchte Luft,
Sie treibt Phäaken, aber keine Männer!
Schäm Er sich was, herkulische Talente,
Um die ein Mann wie ich mich seiner freue,
Am Rocken Omphales so zu verzupfen!
Heraus, sag' ich, mit Ihm und (Sinnend) weiß Er was?
Komm Er zu uns! Wir werden Ihn versuchen,
Und taugt Er wirklich was, was aus Ihm machen!
(Roland streicht sich die Stirne und tastet nach des Fürsten Hand)
Wie ist es? Hat Er neben den Talenten
Wie nennt der Deutsche doch den Schwindel? Treue?

Roland (seine Hand küssend).
Der Dank ertrinkt im Schwalle der Gefühle!

Fürst. Ein Luxus, des Er sich entwöhnen mag!
Und seine Antwort? Frage ist wohl kitzlich?

Roland. Grausam ist sie, Erlaucht! Denn ja und nein
Beraubt mich eines Vorzugs: sag ich nein,
So bin ich treulos, sag ich ja, geschmacklos!
Doch da mir höher als ein Tugendpreis
Das Lob des hochverehrten Meisters steht,
So sag ich frei: ich hab nicht mehr von Treue,
Als mit den eignen Plänen sich vereint
Ich habe Ehrgeiz! 124

Fürst (seine Wange berührend).
Kleiner Schäker! Na:
Besuch Er mich zunächst auf meinem Schlosse;
In wenig Tagen ruft es mich zum Kaiser,
Und sind wir einig, mag Er mich begleiten!
Auf Wiedersehn denn! (Reicht ihm lässig die Hand)

Roland (sie küssend). O, ich werde fliegen!

Fürst (mit dem Finger drohend).
Freundchen, Freundchen! Die Füße auf dem Boden!
Und Schritt für Schritt und Schritt für Schritt nicht anders!
(Abgehend, sich noch einmal umdrehend)
Scharmanter junger Mann! Nein, diese Bauern!
Was gäb ich drum, wär mein Sohn so geraten! (Ab)

Roland. Was war das! Schicksal, spielst du Ball mit mir?
Klirrend zerspringt in hartgepreßter Hand
Das Glasgebild des einen Traums der andre
Schwillt auf, von unversehns, in festen Formen:
Arbeit und großes Tun! Noch faß ich's nicht
Zerbrochen hat mich dieser Griff ins Leere!
So krachten wohl Irions Arme auch,
Die rasend er um seine Wolke warf,
Vor der enttäuschten Geckenbrust zusammen! 125
(Er kommt weiter nach vorn)
Hier war's! Hier wacht ich auf! Hier fuhr der Stoß
In die zum frechen Sprung gestraffte Weiche!
Hier schoß ich in die Tiefe atemlos
Ins Ungemessne zur Zerschmetterung!
Hier stand sie! Da: hier hat der Silbertau
Des leichten Fußes leisen Druck bewahrt
(Wirft sich hin)
Vergib, Geliebte Hohe du, vergib!
An dieser Spur laß meine Lippen büßen
Für ihren schwelgerischen Traum von deinen
Vergib! Ich hab mich erst erkannt an dir!

(Er liegt, von einigen Zuckungen unterbrochen, still)

 

Achter Auftritt

Tristan (taucht unter Umblicken aus dem Gebüsch auf). Holla! Da liegt Er schon wieder! Das reine Lagergetreide! Oder kasteit Er sich hier für das höhere Bett? Aber was ist ihm? Was habt Ihr? Schaut doch auf! Herr, treff ich Euch so im Sonnenaufgang des Glücks!

Roland (bitter auflachend).
Des Glücks! Des Glücks!

Tristan. Hör ein Mensch dieses Lachen! Wenn Ihr nicht das Schoßkind Fortunas seid, wer dann? Das Herz 126 der Frau ist in Feuersbrunst die Flammen schlagen zum Dach hinaus! und wie festlich hatte eben die Staatsgaleere für Euch geflaggt!

Roland. Du weißt nicht, wie mir ist!
(Erhebt sich) Gut, daß du kommst, ich habe dich gesucht
Ich brauche dich! Sieh dich im Hause um
Nach einem Mantelsack oder sonst so was
Ich weiß nicht, wo mein Bündel hingeraten

Tristan (stotternd). Mantelsack? Wozu?

Roland. Dann hilf mir packen!

Tristan. Packen?

Roland. Ja, ich muß hinweg!

Tristan. Ihr müßt hinweg?

Roland. Und noch vor Abend also tummle dich!

Tristan (krümmt sich und schielt an sich selber hinauf). Laust mich ein Affe? Um meines Verstandes willen hat's bei Euch eingeschlagen? Ich hab zugeschworen, mit 127 Euch Minister oder Rabenfutter zu werden aber das Tollhaus steht noch außer Verabredung oder laßt mich doch schnell den vernünftigen Grund wissen, aus dem ich mitverrückt werden soll!

Roland (hat sich inzwischen auf die Rampe des Apollostandes gesetzt und den Kopf in die Hand gestützt; nun da er laut geben will, fährt er gegen seinen Aufruhr kämpfend auf, läßt sich aber wieder zurückfallen und vergräbt, von Schluchzen geschüttelt, das Gesicht in beide Hände).

Tristan. Um Gott Herr, was ist Euch? Noch hat keine neue Stunde geschlagen, seit Ihr diesen Augenblick den einzigen genannt und Euch vermessen habt, ihn fassen und unter Euch kriegen zu wollen, der da nur einmal im Leben

Roland (aufspringend).
Schweig nein: stoß zu und triff mich voll ins Blatt!
Sie streckt sich noch, die einzige der Stunden
Sie schlägt erst aus (Schreiend) sie hebt erst an sie will
Erst unter mich gezwungen sein und (Stampfend) soll's!

Tristan (sich ängstlich umsehend). Wenn mir nur einer sagte, was los ist!

Roland (hinaussprechend).
O Mensch, was ist dein Denken, Meinen, Suchen!
Und wärest du der listigste und kühnste,
Vom stärksten Willen deine Brust gespannt, 128
Mit härtestem Können deine Faust begabt :
Was prescht aus den geheimsten deiner Gründe
Von weltenfernher in den eitlen Bau,
Und schmeißt sein klägliches Gerüst zusammen?
Da! reck die Nase! wittre rund um dich,
Und spür ihm nach, dem rätselhaften Sturm,
Von wo er braust, wohin er treibt ! Ohr auf!
Hörst du das Kollern unter über dir?
Meckert ein Faun gellt Satans schrille Lache,
Oder dröhnt donnernd noch ein andrer drein?
Weiß ich's? Ich spüre nur den heißen Blitz,
Und an der Kehle würgt die nächste Not!
Drum frag mich jetzt nicht leih mir deine Hand!
Ich muß vor Abend aus dem Hause sein:
Der Boden brennt, und Hölle ist geworden,
Wo mir soeben noch ein Himmel lachte! (Stürzt ab)

Tristan. Das ist eine Geschichte merk ich aus den Regionen, wo unsereins die Bergkrankheit kriegt! Aber es soll mich wundern, ob das wirklich so heiß gegessen wird! Was ist denn das? (Geht zur Stelle, wo Roland gesessen hat) Donner! An die hat gestern keiner von uns gedacht, daß wir ihnen entgegengingen: von Kind auf kenn ich ihn aber das sind seine ersten Tränen!

 

Der Vorhang fällt. 129

 

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