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Gutenberg > Emil Gött >

Mauserung

Emil Gött: Mauserung - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Werke Band 3
authorEmil Gött
year1911
editorRoman Woerner
publisherC. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung
addressMünchen
titleMauserung
pages174
created20120227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Akt

(Zimmer Herlindens; seine Ausstattung verrät künstlerische und wissenschaftliche Interessen; ein großer Tisch ist mit Büchern, Rollen und Papieren bedeckt, trägt einen Globus und ein Astrolabium; in der einen Ecke lebensgroße Venus von Capua, in der andern der Narziß; weite Fenster und Balkontüre öffnen in die Landschaft; links und rechts Türen; links vorn ein Kamin, rechts ein Spiegel mit Gesims.)

Erster Auftritt

(Von links kommt, während der Vorhang sich über der nächtlichen Szene erhebt, Herlinde gestürzt und läutet Sturm auf der Schelle, vom Auftreten an rufend)

Herlinde. Leute! Zu Hilfe! Diebe! Räuber! Waffen!
Kommt niemand? Licht! Zu Hilfe! Waffen! Licht!

(Die Türe rechts öffnet sich, Maria läßt Roland heraus, der durch das Zimmer huscht)

Maria (flüsternd). Schnell – fliehe – rette dich in diesem Dunkel!
O Gott, o Gott! Wie wird das enden! 44

Herlinde (entsetzt)                                       Ha!
Ging da nicht –? (Geller Schrei) Ha! Hier ging ein Mann hindurch! (Sturm läutend)
Zu Hilfe! Leute!

 

Zweiter Auftritt

(Von links und rechts stürzen in rascher Folge männliche und weibliche Dienerschaft und die Hausgenossen, zum Teil mangelhaft bekleidet und sich nachträglich ordnend; Mädchen in losem Haar und übergeworfenen Tüchern; ein Reitknecht bringt seine Stiefel mit und zieht sie, den Degen zwischen den Zähnen, in einer Ecke an; einige Frauen tragen Lichter, alle Männer Waffen, darunter auch, die Beschäftigung andeutend, Forke, Spaten, Bratspieß und ähnliches)

Stallmeister.             Waffen, Herrin, hier!

Ein Diener (hinter ihm).
Und hier!

Bella.               Hier Licht!

Tante.                                   Um Gott, was ist dir Kind!

Mägde (wimmernd). O heilige Jungfrau! 45

Vetter (durch die Diener brechend).           Platz! Wer tut dir was?

Herlinde. Man läßt mich hier ermorden!

Hausverwalter (mit Licht).                         Jesus! Jesus!
Doch Gnaden leben noch – Gott sei's gedankt!

Fürst. Mein Degen, teure Wirtin, hier – zur Not!
Was aber schreckt Sie!

Herlinde.                               Männer sind im Hause –
Im Garten zwei – der eine klomm hinauf –
Und einer lief hier durch und dort hinaus –
Durchsucht den Park und hier durchleuchtet alles!

(Die Mannschaft verteilt sich, nach links und rechts ab)

Fürst. Ich halte hier –

Herlinde.                     Was gafft Er da und zaudert!
Wird's bald? Wie lahm! Ich glaube gar, Er zittert!

Hausverwalter. Ich bitte – 46

Herlinde.                               Nun, was trippelt Er herum,
Wo er das Haus voll Raubgesindel weiß!

Hausverwalter (das Licht schützend).
Eil ich nicht, was ich kann?

Herlinde.                                       Das nennt Er Eile!

Hausverwalter. Kann ich denn mehr? Es löscht mir ja das Licht!

Tante. Doch wenn Er säumt wie so, entweicht der Dieb!

Hausverwalter. Doch wenn das Licht erlöscht, wie find ich ihn?

Herlinde. Dummkopf! Noch weniger, wenn Er hier so fackelt!

(Treibt ihn hinaus) O Gott, was für ein Volk, dem man verfallen!

Fürst. Schlafmützen, einem Murmeltier zum Neide!

Stallmeister (mit seinen Leuten von rechts).
Auf dieser Seite, Herrin, fand sich nichts!

Herlinde. Ist alles gut durchsucht? 47

Stallmeister.                                     Der letzte Winkel!

Bella. Auch unsre Kammer?

Stallmeister.                           Ja, beruhige dich!

Bella. Und unter meine Bettstatt –?

Stallmeister.                                     – ist geleuchtet!

Bella. Und nichts habt Ihr gesehn?

Stallmeister.                                     Oh – dies und das,
Was unters Bett gehört!

(Die Männer lachen, die Mädchen kichern)

Bella (gegen ihn schlagend).   Der Unflat!

Herlinde.                                                     Ruhe!
Kaum unberechneter Gefahr entronnen,
Ergötzt sich schon das Volk an plumpen Spässen! (Zum Stallmeister) 48
Und schäm Er sich –

(Draußen entsteht ein Gepolter mit Fall und Krach. Alles lauscht gespannt und erschrocken auf)

Tante.                                   Was ist das?

Stallmeister (auf die Türe zu, gefolgt von seinen Leuten).
                                                            Teufel auch!

(Unter der Türe erscheint bleich und schlotternd, gestützt von zwei Dienern, der Hausverwalter; später folgt der Graf mit seinen Leuten)

Herlinde (auf ihn zu).
Um Gott, was ist geschehn?

Tante.                                             Wie sieht er aus?

Hausverwalter. Euer Gnaden wollen mich zuerst zu Atem –
Und – bitte – einen Stuhl – die Kniee – Oh!
        (Läßt sich auf den herbeigebrachten Stuhl nieder und schöpft Atem)

Herlinde. Nun aber sprecht!

Stallmeister.                           Wir müssen auch was tun
Wenn nicht ein Spuk die Heldenseele äffte! 49

Hausverwalter. Ich wollte Euch mal sehn, kämt Ihr wie ich
Vom Rand des Grabes!

Herlinde.                               Welche Langeweile!
        (Zu seiner Begleitung)
Sprecht Ihr, was ist geschehn?

Ein Diener.                                       Wir wissen nichts,
Als daß wir wimmernd ihn am Boden fanden –

Hausverwalter. Den Kerl! Den Kerl! Habt Ihr ihn nicht gesehn?

Diener. Nicht eine Spur!

Stallmeister.                     Es ist so, wie ich sage!

Hausverwalter. Was, wie ich sage? Auf der Stelle sterb ich!
Ich hielt die Treppe – die da suchten draußen –
Da raschelt was im Busch – ein Kerl taucht auf –
Ich streck den Degen aus –

Stallmeister.                               Der geht nicht los! 50

Hausverwalter. Doch er geht los – ein Sturmwind auf mich zu –
Der Degen fliegt mir aus der Hand – das Licht –
Mit einem Tatzenhiebe schlägt er's aus –
Und unter einem ungeheuren Stoße
Von furchtbarer Gewalt stürz ich zu Boden!

Stallmeister. Wie sah der Kerl denn aus?

Hausverwalter.                                           Sah ich's im Dunkel?

Fürst^ Er hatte doch ein Licht!

Hausverwalter.                           Das schlug er aus!

Stallmeister. Doch vorher – als es brannte?

Hausverwalter.                                               Bester Freund:
Er trug den Mantel überm linken Arm
Und deckte sein Gesicht! Nur durch den Spalt
Sah ich zwei fürchterliche Augen glotzen –:
So stürzt er auf mich zu – mit solchen Augen!
        (Steht auf und ahmt unter allgemeinem Gelächter nach) 51

Fürst. Schrecklich – fürwahr!

Stallmeister.                             Und Grund auch für den Degen,
Ihm aus der Hand zu fliegen!

Herlinde.                                         Scherzet nicht:
Auch ich sah einen Mann, klein aber breit
Mit langem Mantel –

Hausverwalter.                 Klein? Das kann nicht sein:
Ein Riese war's! (Alle lachen)

Herlinde.                   Lacht nicht! Seht lieber nach!
Nehmt Leute, Seyfried, schaut nach einer Spur –
(Zu Dienern) Folgt ihm, mit Licht! –
(Zu den Mädchen)                                 Und Ihr auf Eure Kammern!

Bella. Oh nicht doch, liebste Herrin, eh wir wissen –
Es ist so schauderlich!

Die andern Mädchen.         Wir bitten drum! 52

Maria. Dürft ich mein Auge in den Kissen bergen!
O Gott! O Gott! Wie schrecklich schießt die Saat!

Stallmeister. (mit lachendem Gesicht zurück, etwas hinterm Rücken haltend, auf das die Männer hinter ihm grinsend und flüsternd sehn).
Da sind wir schon – die Jagd war kurz, doch gut:
Mein Riecher hatte gleich den rechten Wind!

Herlinde. Was habt Ihr? zeigt! Macht schnell!

Stallmeister.                                                       Ein kostbar Korpus!
Und wunderbar, wie dieses graugrüngelbe
Und etwas schmierige, wildlederne Ding
Bekannt mir vorkommt! (Hält eine Mütze hoch)

Alle (die Hälse reckend, erstaunt und erlöst).
                                          Ha!

Herlinde.                                         Ist das nicht –!

Stallmeister.                                                             Freilich –

Alle (in einem Schrei).
Tristans! 53

Hausverwalter. Es ist nicht möglich!

Stallmeister.                                         Wessen sonst
Als unsres Erzhofschlingels Tristans Kappe!

(Lachen und Bewegung)

Herlinde. Gebt Ruhe! Wenn das wirklich Tristans Mütze –
Wer sah sie nicht dem Schelm im Nacken sitzen? –
Und hängt das mit dem Schatten gar zusammen,
Der durch dies Zimmer lief, so ist's nicht anders
Als daß ein Ungehöriges geschehn,
Das fast – nein, übler ist als Diebsbesuch!

Fürst. Ah hm!

Herlinde.         Wer weiß etwas? (Alles sieht sich verlegen an)

Tante.                                             Natürlich keiner!

Herlinde. So geht! (Zum Stallmeister und Hausverwalter)
                          Ihr aber bleibt zur Untersuchung!
        (Die Dienerschaft verzieht sich, Bella zögert)
Was willst du noch? Weißt du etwas von dem? 54

Bella. Von dem? Die Wahrheit zu gestehn, noch nichts,
Nur wollt ich mich der Herrin noch empfehlen:
Ich weiß genug, was zwischen Tag und Tag,
Und zwischen Küch und Söller husch husch macht!

Herlinde. Schon gut! Man wird dich rufen – (Für sich) Ekle Schlange!
        (Bella ab; zum Stallmeister und Hausverwalter)
Was ist nun Eure Meinung? Red Er, Seyfried!

Seyfried. Dies Korpus zeigt schon viel, wenn nicht schon alles:
Der Apfel, sagt man, fällt nicht weit vom Stamm!

Herlinde. Wie meint Er das!

Hausverwalter.                       Es lag mir auf der Zunge:
Die Kappe fiel nicht weit von Tristans Bürste!

Tante. Zu diesem Schluß braucht es der Ratsherrn zwei!

Herlinde. Ich weiß, Er meinte mehr!

Vetter.                                                   Ich wittre was:
Der Schreiber steckt dahinter! 55

Stallmeister.                                     Ei, natürlich,
Tristan das ist der Apfel –

Herlinde (sich aufregend).         Und sein Stamm!
        (Tut einige Schritte hinweg)

Fürst. Ah – ich versteh!

Herlinde.                         Was aber ging da vor?

Stallmeister. So sahen Euer Gnaden doch den Burschen?

Herlinde. Gleich hier am Flügel unter der Altane!

Stallmeister. So so! Hm hm! Da schlafen ja die Mädchen!

Herlinde. Ha! und Er meint?

Stallmeister.                           Da stand er Wache – oder
Es ist dort ein empfindliches Spalier –

Herlinde. Was stockt Er? Schnell! 56

Fürst.                                                 Spielt er den Elefanten!

Herlinde (verständnislos).
Den Elefanten?

Fürst.                         Ja, ein ragend Tier!
Ein animaler Turm!

Herlinde.                         Ha – wird mir Licht?

Hausverwalter (zur Seite). Er war bei ihr – ich sehe gelb und grün!

Herlinde (zur Seite). O Gott, gib mir ein kälteres Besinnen,
Daß ich nicht mich und meine Schmach verrate!
        (Zum Stallmeister)
So meint Er wirklich – Roland –?

Tante.                                                       Wer denn sonst?

Vetter. Da hast du deinen Schreiber!

Fürst (kopfschüttelnd für sich zur Seite). Eigentümlich!
Wo bleibt da mein Verdacht? 57

Herlinde (für sich).                         Es macht mich rasend!
        (Zu ihren Leuten)
Doch wenn er's war: zu wem – zu welcher, meint ihr?

Stallmeister. Da bin ich überfragt: ich bin vom Stall
Und führe Buch nur über meine Stuten!

Tante. Er Grobian!

Hausverwalter.     Das Schlänglein! Geb ich's preis?

Herlinde. Und Er – was murmelt Er? Weiß Er etwas?

Hausverwalter. Nach meiner Meinung – doch ganz unmaßgeblich –
Wenn dieser Bube, der dies edle Haus,
Dianens Heiligtum, so frech befleckte,
Der aufgeblasne Fant war, Tristans Herr,
So kann das Schätzchen nur Maria sein –

Herlinde (empört). Maria!

Tante.                                   Wundert's dich? 58

Fürst.                                                               Er hat Geschmack!
Sie pflanzen schöne Menschen um sich her –
Das zieht sich an!

Herlinde.                       Dies Kind! Mir anvertraut!

Fürst. Mein Gott! Verliebtes Volk! Ein Bursch, ein Mädel,
Unter einem Dach tagtäglich umeinander –
Das ist wie Funk und Kraut auf einer Pfanne!

Herlinde (zornig). Genug! Hier spricht ein Mann für einen Mann –
Ich stehe für die Reinheit meines Hauses!
Ich bin die Herrin, mein ist das Geschirr –
Nun – ich will scheuern und für Blankheit sorgen!

Vetter. Du wirfst den Lümmel einfach aus dem Haus –
Mit Schwung! Ich bitte, laß es mich besorgen!

Herlinde (verwirrt). Es wird sich zeigen!

Tante.                                                           Braucht's der Überlegung? 59

Herlinde (scharf). Nein! Aber bitte laßt mich jetzt allein.
Es ist auch spät, und meinen werten Gästen
Hat dieser Lärm die Ruhe bös gestört!
Gute Nacht!

(Alle verabschieden sich unter Verbeugung)

Fürst (sich neigend und aufrichtend).
                      Auch unsrer teuren Wirtin!
Morgen ist auch ein Tag! Dem schlaferfrischten Auge
Wird reiner sich der Stunde Wirrnis schlichten! (Ab)

 

Dritter Auftritt

(Der Stallmeister zögert zu gehen)

Herlinde. Was will Er noch?

Stallmeister. Darf ich die Herrin mahnen,
Die Strafe nicht im Zorn zu überspannen
Euer Gnaden schaun zu heiß, will mich bedünken!

Herlinde. Was gibt Ihm Anspruch, diesen Grad zu schätzen?

Stallmeister. (sie mit einem Blick ansehend, den sie nicht aushält).
Vergebt, vielliebe Herrin, wenn dies Haupt,
In Euerm Dienst ergraut, sich so erkühnt:
Gerechtigkeit will Ruhe und Ihr zittert! 60

Herlinde. Ich?

Stallmeister. (frei und fest).
Ja!

Herlinde (seinen Blick meidend, in versuchter Herbheit).
Er täuscht sich ! Ich bin ruhig

Stallmeister. Herrin!
Ich hab mein Auge! und dies Auge folgt
Seit rundum zwanzig Jahren Eurem Weg
Da ich zum erstenmal aufs Roß Euch nahm
Und Eure erste Liebe ward nicht wahr?
(Herlinde macht eine Bewegung)
Gibt das ein Recht, und alles, was dazwischen?
Darf ich oder ist's zu hart, es zu erwecken?
Euch mahnen, wer am Waldsaum oft die Wacht
Bei unsren Rossen hielt, stumm wie sie selbst,
Und tief im Tanne lag ein fürstlich Weib
Sich auszuweinen in der grünen Kirche!
Gibt das ein Recht, um heute Euch das zu sagen:
Nie sah so bös ich dieses Auge funkeln
Als etwa in der Kindheit Teufelstagen!
Gelt, Ihr nehmt's an von Eurem alten Schelter
Ihr kennt ja seine Weise: rauh und recht! 61

Herlinde (verwirrt). Ich gebe zu es mag den Anschein haben
Daß ich erregt bin (Hastig) aber sagt doch selbst:
Geschehen muß etwas und Strafe sein!

Stallmeister. Wohl wohl! Strafe muß sein! Gerecht, ja streng,
Jawohl, auch streng allein zuvor gerecht!
Ein Tüttelchen von Unrecht an der Strafe
Entwertet sie, nimmt ihr die Heilsamkeit,
Und heilen wollt Ihr doch und nicht verderben!

Herlinde (noch verwirrt).
Gewiß! (Zögernd) Doch sag Er mir das eine noch:
Glaubt Er, daß Roland dieses Mädchen liebt?

Stallmeister. (wägend).
Das glaub ich nicht!

Herlinde (lebhaft). Er schließt es ?

Stallmeister. Das ist einfach:
Ich seh das aus dem Weg, den er genommen:
Der Bauer steigt sechs Jahre durch das Fenster
Und findet noch im siebenten die Türe!
Doch niemals dieser Schlag! 62

Herlinde (in gemischter Empfindung, befreit und empört zugleich).
Und so natürlich
Erscheint Ihm diese Schändlichkeit? Ein Kind
In meinem Hause, kaum zum Weib gereift
Das ist doch Schufterei! Vergebt: die Lippen
Erbleichen vor dem niegefallnen Wort
Und wie gelassen macht Er mich sie glauben!

Stallmeister. (nach einer Pause, in der sein Haupt hin und her wiegt).
Vielliebe Frau! Soviel Ihr Männer schaut
Wo oder wie, in welchem Land und Stand
Merkt Euch: am Weib ist jeder Mann ein Schuft
Nehmt's ganz im ganzen, ohne viel Beweis!

Herlinde (abgewandt, beklommen).
Wir wissen's alle doch wir glauben's nicht!
In Stunden, da aus schmählichem Verrat
Auch wir entgeistert aus den Träumen schrecken,
Bricht blitzend wohl Erkenntnis durch die Nacht,
Und an der Schwester Schicksal sehn wir's täglich
Und rund um uns! Vom eignen Liebsten aber,
Solang wir stehn in seines Auges Bann,
Und seiner Schwüre trunken, glaubt's kein Weib
Unglückliches Geschlecht! So leicht betört
Und furchtbar stets bestraft: die Welt wird wohl
Von einem Mann regiert, sonst wär es anders! 63

Stallmeister. (sich mit verzogenem Gesicht hinterm Ohr kratzend, etwas zur Seite).
Ganz unbestreitbar das es wäre anders!
Was aber denkt die Herrin jetzt zu tun?

Herlinde. Noch bin ich mir nicht klar, allein sein Wort
Verhallte nicht im Leeren: viel gefaßter
Kann ich mich weiter tasten hab Er Dank!
Er hat sich neu bewährt ich freu mich Seiner
Und bitt Ihn nur zu bleiben (Lächelnd) rauh und recht!

Stallmeister (küßt die gereichte Hand liebreich und ehrerbietig und geht).
Wünsche ruhsame Nacht und gut Erwachen!

 

Vierter Auftritt

Herlinde (nach kleiner Pause, in der sie sich versucht).
Ich schlafen? Heute? Lieber, Alter, Treuer:
Hab ich dich sehr belogen? Zwar den Sturm
Gestand ich dir und ließ ihn deiner Mühe
Doch nicht das Gift, das mir im Busen brodelt!
Es frißt mein Herz! O Qual! O Schmach! O Tod!
Ich winde mich um ihn in tausend Schmerzen,
Ohnmächtiger Stolz zerreißt sich mit der Liebe,
Die ihres Siegs nicht froh wird! Bleich und Rot
Jagt sich auf ihrer Wange, heiß und kalt 64
Durchstürmt es mich! Und er! Mit Eiseskälte
Höhnt er mein wildes Schmachten und Versagen!
In meinem Hause neben meinem Lager,
Auf dem ich stöhnend in den Kissen wühle,
Trinkt er Vergessenheit bei meiner Magd
Ha, Frechheit, heilst du mich?

 

Fünfter Auftritt

Bella (schießt herein). Herrin, Herrin!
Ich bitt um Botenlohn! es ist heraus!

Herlinde. Was bringst du?

Bella. Ei, des saubern Rätsels Lösung!
Gibt es im Haus ein zieriger Geschlecker
Mit höher getragner Nase als Maria?
Und dieser Geck natürlich, dieser Roland!
Nun ja: war's nicht von je sein Hauptgeschäft
Parlieren, schwadronieren, karressieren,
Und immer um die jüngsten, dümmsten rum,
Als ob ! (Verschluckt sich) Jetzt liegt sie drin auf ihrer Kammer
Und weint und wimmert vor der heiligen Jungfrau!
Na ja, natürlich! 's ist das alte Lied:
Erst geht es hui! dann ui! 65

Herlinde (verekelt). Sonst weißt du nichts?

Bella. Natürlich scharmutzieren sie schon lang,
Haben ein Flüstern, Blicken, Händedrücken,
Sich-streifen, Necken, Sich-behilflich-sein,
Umständlich Fädchen von den Kleidern lesen,
Und gar bis so 'ne Knosp' am Mieder steckt,
Wollt ich ein Staatskleid fertig mir garnieren!

Herlinde. Genug! Schick mir Maria! Aber wehe,
Wenn ich am Schlüsselloche dich ertappe!

Bella. Was haben Gnaden immer gegen mich?

Herlinde (winkt und kehrt sich um; Bella mürrisch ab).
Ich muß das Tier doch aus dem Hause tun!
Wie ist die Luft so übel hinter ihr
Wie reinigt sie ein guter Mensch! (Maria tritt ein) Da ist sie!

 

Sechster Auftritt

(Maria eilt auf die Herrin zu, wirft sich ihr zu Füßen und sucht eine Hand zu erhaschen)

Maria. Verwerft mich nicht, eh alles Ihr gehört! 66

Herlinde. Steh auf!

Maria. Nicht bis Ihr mir verzeiht!

Herlinde. Steh auf!
Rühr mich nicht an! Unzüchtige Hand, hinweg!
Nie hätt ich das von dir gedacht, von dir!

Maria (noch auf den Knieen).
Herrin, ich weiß, wie sehr ich hab gefehlt,
Doch denkt nicht schlecht! Er kam nur an das Fenster!

Herlinde. Du lügst: hier kam er durch von deiner Kammer!

Maria. Herrin! Er floh nur durch vor Euerm Lärm.
Ihr schriet schon, eh er den Balkon betreten!

Herlinde. Und wenn ich nicht Euch auseinander schreckte
Was dann?

Maria. O Herrin nichts

Herlinde. Was zitterst du?
Wie steht Ihr zueinander, und wie oft
Ist er schon diesen Weg gegangen? 67

Maria. Herrin,
Nur heute!

Herlinde. Lügnerin!

Maria. So tötet mich!

Herlinde. Dann sag, wie lange treibt Ihr sonst dies Spiel?
Verborgen habt Ihr's gut, Verräter beide!
Trau einer doch der kühlen Mädchenstirn!
Wie weiß sie hinter schämigem Getue
Die heimlich buhlerische Glut zu bergen!
Wie weit seid Ihr, gesteh! ich will es wissen!

Maria (das Gesicht bedeckend).
O Herrin, nicht!

Herlinde (ihr die Hand wegreißend).
Du sollst! Sieh mir ins Aug!
Du kannst nicht? Wie gemein muß ich es deuten?

Maria. Nicht doch nicht so! Wir waren uns nur gut,
Und gestern küßt er mich zum erstenmal!
Es ist so ich beschwör es!

Herlinde (finster). Gestern? 68

Maria. Ja!

Herlinde (rauh). Wann und wie war es sprich, ich will es wissen!

Maria (zitternd). Er kam von Euch ich goß die Blumen hier
Da trat er hinter mich und faßte mich
Und

Herlinde (zischend).
Und? Was stockst du?

Maria (zitternd). Küßte mir den Nacken!

Herlinde (zischt). Ha! Unerträglich! Und du hast's geduldet!

Maria. Der Schreck schoß lähmend mir ins Knie doch süß
Ich hab ihn lieb!

Herlinde. Dirne! Du pochst noch auf!

Maria. Herrin! Nicht Dirne! Denn ich hab ihn lieb!

Herlinde (zur Seite). Was drückt sie mir den Stachel in die Wunde!
Schamlose, wie! Du wehrst dich um den Makel! 69

Maria. Ihr nennt es Makel doch es war sein Mund,
Und Euer brennend Auge lechzt danach!

Herlinde (auffahrend). Ha was! Was soll das?

Maria. Ja! Ihr liebt ihn selbst!

Herlinde (auf sie zugehend).
Wenn dir dein Leben lieb ist, schweig!

Maria. Verderbt mich
Es ist mir nicht lieb, denn ich muß ihn lassen!

Herlinde (rauh). Ich rate dir: wenn dir sein Leben lieb
Zwing mich mit deinem Schrei'n nicht zum Beweise,
Daß mir sein Leben nicht so lieb wie dir!
(Pause, in der sie sich drohend und furchtsam messen)
Auf deine Kammer! Daß ich erst mich fasse!
Doch wisse: siehst du morgen noch den Tag,
So schließ den Riegel deines Mundes besser
Als ihren! Aber schließ auch den! Nun geh!

Maria (nach einem langen Blick auf die Herrin hinauswankend).
Ob tot ob lebend er ist mir verloren! 70

 

Siebenter Auftritt

Herlinde (nach kleiner Pause die künstliche Haltung verlierend und wieder nach ihr ringend, stoßweise).
Erkannt! Verraten! und an sie die Magd!
Dämonische Rotte der empörten Sinne,
Wie dämpf ich euch! Des Meeres wildeste Brandung
Kocht nicht so wie mein Blut! Und doch halt ein:
Was dich bis heute hob, es darf nicht stürzen
Ich muß sie wieder finden, Stolz und Kraft,
Die Säulen meines Seins, und sie gewaltig
Gegen das brechende Gewölbe stemmen!
Steh auf! Sei wieder Fürstin deiner selbst!
Balgst du mit deiner Magd um ihren Buhlen?
Um ihren Buhlen oder ? Zittr' ich wieder?
(Besinnt sich plötzlich, das Haupt aufwerfend)
Hier will ich Klarheit noch in dieser Stunde!
(Schellt)
Aus seinem Munde hol ich's: liebt er sie,
Oder ist's nur Schaum kaltherziger Männergier!
(Ein Diener tritt ein)
Geh und bescheide Roland zu mir her!

Diener (im Abgehen).
Wie eilig hat sie's, ihm was vorzurauchen!
Ich möchte nicht in seinem Leder stecken
Der Gärtnershund ist, scheint mir, von der Kette! 71

Herlinde. Und ich will gehn das heiße Antlitz baden,
Mich kühlen ganz zu Eis und Felsenruh:
Das edelste der köstlichen Gebilde,
Das deinen Garten schmückt in Erz und Marmor,
Es hebe seinen wundervollen Bau
In das Gewirk der Erde und des Himmels
Zu deiner Scham nicht edler als du selbst!

(In stolzer Bewegung ab)

 

Der Vorhang fällt. 72

 

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