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Mathias Sandorf. Zweiter Band

Jules Verne: Mathias Sandorf. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJules Verne
titleMathias Sandorf. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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II.
Vergangenheit und Gegenwart.

»Zuerst die Geschichte des Doctors Antekirtt, welche in dem Augenblicke beginnt, in welchem Graf Mathias Sandorf sich in die Wellen der Adria stürzte.

– Ich ging aus dem Hagel von Kugeln, den mir die letzte Salve der Polizisten nachsandte, heil und unverletzt hervor. Die Nacht war sehr dunkel. Man konnte mich nicht sehen. Der Strom trug mich dem Meere zu und ich hätte nicht an das Land zurückgelangen können, selbst wenn ich es gewollt. Ich wollte es auch nicht. Lieber sterben, als aufgegriffen, um nach Pisino zurückgebracht und dort füsilirt zu werden, so dachte ich. Wenn ich unterlag, war Alles zu Ende. Wenn mir meine Rettung gelang, so konnte ich wenigstens für todt gelten. Nichts konnte mich dann mehr in dem Werke der Gerechtigkeit behindern, das zu erfüllen ich dem Grafen Zathmar, Deinem Vater und mir selbst zugeschworen hatte ... und das ich erfüllen werde.

– Ein Werk der Gerechtigkeit? fragte Peter, dessen Auge sich bei dem ihm unerwartet kommenden Worte belebte.

– Ja, Peter, und Du sollst dieses Werk kennen lernen, denn um Dich an demselben Theil nehmen zu lassen, habe ich Dich, todt wie ich selbst es bin, und lebendig, so wie ich es bin, dem Kirchhofe von Ragusa entrissen.«

Peter Bathory fühlte sich bei diesen Worten an die Zeit vor fünfzehn Jahren erinnert, damals, als sein Vater auf dem Schloßhofe der Festung Pisino fiel.

»Das ganze Meer, fuhr der Doctor fort, lag bis zur italienischen Küste hin offen vor mir. Ein so guter Schwimmer ich auch war, durfte ich es nicht wagen, es zu durchschneiden. Wenn mir nicht die göttliche Vorsicht zu Hilfe kam, sei es in Gestalt einer Planke oder eines fremdländischen Fahrzeuges, welches mich an Bord nehmen konnte, war ich verloren. Doch wenn man sein Leben zum Opfer bringen muß, wird man auch stark genug, es zu vertheidigen, vorausgesetzt, daß eine Vertheidigung möglich ist.

– Ich war zuerst wiederholt untergetaucht, um den letzten Flintenschüssen zu entgehen. Als ich sicher war, nicht mehr bemerkt zu werden, hielt ich mich auf der Oberfläche des Meeres und wandte mich der offenen See zu. Meine Kleidungsstücke behinderten mich wenig, denn sie waren sehr leicht und schlossen sich dem Körper an.

– Es mußte so neunundeinhalb Uhr des Abends sein. Nach meiner Schätzung schwamm ich bereits länger als eine Stunde in einer der Küste entgegengesetzten Richtung; ich entfernte mich jedenfalls von dem Hafen von Rovigno, dessen Feuer ich nach und nach verlöschen sah.

– Wohin schwamm ich und worauf gründete sich meine Hoffnung? Ich hatte ganz gewiß keine, Peter, aber ich fühlte in mir eine übermenschliche Widerstandskraft, Zähigkeit und einen eben solchen Willen, die mich aufrecht erhielten. Es war nicht mehr mein Leben, das ich zu retten suchte, sondern das Werk der Zukunft. Wenn in diesem Augenblicke eine Fischerbarke vorübergekommen wäre, ich würde sogleich untergetaucht sein, um von ihr nicht bemerkt zu werden. Wieviele Verräther hätte ich nicht noch finden können, die ebenso bereit gewesen wären, gegen eine gute Belohnung mich auszuliefern, wie Carpena den ehrbaren Andrea Ferrato!

– Gegen Ende der ersten Stunde geschah Folgendes: Ein Fahrzeug tauchte fast plötzlich aus dem Schatten auf. Es kam von der See und hatte alle Segel beigesetzt, um das Land zu erreichen. Da ich bereits ermüdet war, so hatte ich mich auf den Rücken gelegt, doch instinctiv drehte ich mich um, zum Verschwinden bereit. Es war eine Fischerbarke, die zu einem der Häfen Istriens gehörte, sie mußte mir also verdächtig erscheinen.

– Man war auf mich bereits aufmerksam geworden. Einer der Matrosen rief in dalmatinischem Dialekt den übrigen zu, den Curs zu wechseln. Ich tauchte schnell unter und das Schiffchen flog über meinen Kopf fort, ohne daß die Mannschaft mich gesehen hätte.

– Um Athem zu schöpfen, kam ich an die Oberfläche zurück und ich begann meine Schwimmfahrt westwärts fortzusetzen.

– Der Wind legte sich, jemehr die Nacht vorschritt. Die Wellen fielen mit dem Winde. Ich wurde nur noch von langgestreckten, rollenden Wogen emporgehoben, die mich auf die hohe See hinausführten.

– Auf diese Weise, bald schwimmend, bald ruhend, kam ich noch eine fernere Stunde lang von der Küste ab. Ich hatte nur den zu erreichenden Zweck im Auge, nicht den Weg, den ich durchschwimmen mußte, um dahin zu gelangen. Fünfzig Meilen hätte ich zurücklegen müssen, um über die Adria zu gelangen; ich wollte sie durchschwimmen, ja ich hätte sie durchschwommen! Ach, Peter, man muß solche Prüfungen bestanden haben, um zu wissen, wessen der Mensch fähig ist, was die menschliche Maschine durch die Vereinigung der moralischen mit der physischen Kraft leisten kann.

– Ich hielt mich also auch noch in der zweiten Stunde aufrecht. Dieser Theil des Adriatischen Meeres war vollkommen öde. Die Vögel selbst hatten ihn verlassen, um ihre Nester auf den Klippen aufzusuchen. Nur die Seemöven flatterten noch an meinem Kopf vorüber und schossen mit grellem Schrei pfeilschnell davon.

– Trotzdem ich nichts von Ermüdung wissen wollte, wurden meine Arme nun doch matt, meine Beine träge. Meine Finger schlossen sich nicht mehr dicht aneinander, nur mit großer Mühe gelang es mir, die Hände noch geschlossen zu halten. Mein Kopf ward mir so schwer, als trüge ich eine Kugel auf der Schulter und ich war nicht mehr im Stande, ihn über Wasser zu halten.

– Eine Art Hallucination befiel mich. Meine Gedankenrichtung entschlüpfte mir. Befremdliche Ideen stiegen in meinem gestörten Geiste auf. Ich fühlte, daß ich nur noch undeutlich hören und sehen konnte, ob es ein Geräusch war, das sich plötzlich in einiger Entfernung geltend machte, oder ein Licht, in dessen Strahl ich mich plötzlich befand. Folgendes geschah:

– Es mußte ungefähr Mitternacht sein, als sich dieses dumpfe und ferne Grollen in östlicher Richtung bemerkbar machte, ein Brausen, dessen Natur ich nicht erkennen konnte. Ein Lichtschimmer drang durch meine Augenlider, die sich gegen meinen Willen gesenkt hatten. Ich versuchte den Kopf zu wenden, es gelang mir aber nur dadurch, daß ich mich zur Hälfte versinken ließ. Dann blickte ich aus.

– Ich gebe alle diese Einzelheiten wieder, Peter, weil Du sie kennen lernen sollst, und aus ihnen auch mich kennen lernen kannst.

– Ich kenne Sie sehr gut, Doctor, erwiderte der junge Mann. Glauben Sie, daß meine Mutter mir nicht erzählt hat, wer Graf Mathias Sandorf gewesen ist?

– Sie mag Mathias Sandorf gekannt haben, Peter, aber den Doctor Antekirtt gewiß nicht. Und diesen sollst Du eben kennen lernen. Höre also weiter zu:

– Das Geräusch, welches ich vernommen, rührte von einem großen Schiffe her, das von Osten kam und der italienischen Küste zufuhr. Das Licht war eine weiße Laterne, die am Stag des Fockmastes aufgehißt war, also einen Dampfer anzeigte. Seine Positionsfeuer bemerkte ich eben so schnell, das rothe auf Backbord, das grüne auf Steuerbord; da ich sie zu gleicher Zeit sah, so wußte ich, daß das Schiff direct auf mich zu kam.

– Der nächste Augenblick mußte entscheidend sein. Da der Dampfer von der Richtung, wo Triest lag, kam, so sprach Alles dafür, daß er unter österreichischer Flagge fuhr. Ihn um Aufnahme bitten, hieß genau so viel, als sich in die Hände der Gensdarmen von Rovigno begeben. Ich war vollständig entschlossen, es nicht zu thun, aber nicht weniger entschlossen, das Rettungsmittel, das sich mir bot, zu benützen.

– Der Dampfer war ein Eilboot. Je mehr er sich mir näherte, desto unermeßlicher erschien sein Umfang, und ich sah das Meer unter seinem Vordersteven aufschäumen. In weniger als zwei Minuten mußte er die Stelle passiren, woselbst ich fast unbeweglich lag.

– Ich zweifelte nicht daran, daß es ein österreichischer Dampfer war. Doch war es nicht unmöglich, daß seine Bestimmung auf Brindisi oder Otranto lautete, oder daß er dort Station machte. Wenn das der Fall war, so mußte er in ungefähr vierundzwanzig Stunden dort eintreffen.

– Mein Entschluß war gefaßt: ich wartete ab. In der Gewißheit, inmitten der Dunkelheit nicht bemerkt zu werden, hielt ich mich in der Richtung, welche die ungeheure Masse verfolgte, deren Geschwindigkeit eine nur mäßige war und die in der rollenden See kaum schwankte.

– Endlich hatte der Dampfer mich erreicht. Sein über zwanzig Fuß aus dem Wasser ragender Vordersteven beherrschte das Meer rings umher. Ich wurde in den Schaum des Bugs verwickelt, doch nicht von ihm fortgeschleudert. Der lange eiserne Schnabel streifte mich und ich stieß mich kräftig mit der Hand ab. Das dauerte kaum einige Secunden. Dann, als ich die hohen Formen des Hintertheiles sich abzeichnen sah, klammerte ich mich auf die Gefahr hin, von der Schraube erfaßt zu werden, an das Steuerruder an.

– Der Dampfer hatte glücklicher Weise volle Ladung, so daß seine tiefliegende Schraube nicht die Oberfläche des Wassers peitschte, denn sonst hätte ich dem Wirbel nicht widerstehen und mich nicht an der Handhabe festklammern können, wie ich es gethan. Wie bei allen diesen Schiffen, so hingen auch hier zwei eiserne Ketten vom Hintertheile herunter, die an dem Steuerruder befestigt waren. Ich ergriff eine dieser Ketten und zog mich bis zu ihrer Verankerung, dicht über dem Wasserspiegel empor; dort installirte ich mich, so schlecht und recht es eben anging, nahe dem Hintersteven ... Ich befand mich in entsprechender Sicherheit.

– Drei Stunden später brach der Tag an. Ich überlegte, daß ich noch zwanzig Stunden in dieser Lage ausharren müßte, falls der Dampfer in Brindisi oder Otranto anlegte. Vom Hunger und Durst mußte ich am Meisten leiden ... Sehr wichtig war der Umstand, daß ich vom Deck aus nicht bemerkt werden konnte, nicht einmal von dem Rettungsboote aus, das auf dem Hinterdeck zwischen seinen Trägern ruhte. Von uns entgegenkommenden Schiffen konnte ich allerdings gesehen und signalisirt werden, doch nur wenige Schiffe kreuzten uns an diesem Tage und diese fuhren in so großer Entfernung an uns vorüber, daß sie kaum den Menschen erblicken konnten, der in den Ketten des Steuerruders hing.

– Die glühenden Sonnenstrahlen gestatteten mir bald, meine Kleidungsstücke zu trocknen, deren ich mich entledigte. Die dreihundert Gulden Andrea Ferrato's befanden sich noch immer in dem Gürtel um meinem Leibe. Sie mußten mir Sicherheit verschaffen, sobald ich am Lande war. Dort hatte ich nichts mehr zu befürchten. Im fremden Lande drohte mir von den Agenten Oesterreichs keine Gefahr. Es gab noch keinen Auslieferungsvertrag bezüglich politischer Flüchtlinge. Ich wollte indessen nicht nur, daß mein Leben gerettet war, sondern auch, daß man an meinen Tod glaubte. Niemand durfte erfahren, daß der letzte Flüchtling aus dem Wartthurme von Pisino den Fuß auf italienischen Boden gesetzt hatte.

– Was ich wollte, ging in Erfüllung. Der Tag ging ohne Zwischenfälle vorüber. Die Nacht brach herein. Gegen zehn Uhr Abends blitzte südwestlich ein Feuer in regelmäßigen Pausen auf. Es rührte vom Leuchtthurme von Brindisi her. Zwei Stunden später lenkte der Dampfer in das Fahrwasser zum Hafen ein.

– Doch bevor noch der Lootse an Bord gekommen war, zwei Seemeilen vom Lande entfernt, verließ ich die Ketten des Steuerruders, nachdem ich aus meinen Kleidungsstücken ein Bündel gemacht und mir um den Hals gebunden hatte; ich ließ mich sanft in das Wasser gleiten.

– Eine Minute später hatte ich das Schiff aus den Augen verloren, dessen Dampfpfeife seine heulenden Signale gab.

– Nach einer halben Stunde landete ich bei ruhigem Meere an einem brandungfreien Ufer, vor jedem Blicke geborgen; ich zog mich zwischen die Klippen zurück, kleidete mich dort wieder an und inmitten einer mit trockenem Seetang ausgefüllten Mulde entschlummerte ich: die Abspannung besiegte den Hunger.

– Bei Tagesanbruch ging ich nach Brindisi hinein, ich suchte eines der einfachsten Gasthäuser auf und wartete dort die Ereignisse ab, bevor ich mir den Plan zu einem ganz neuen Leben zurechtlegte.

– Nach zwei Tagen belehrten mich die Zeitungen, daß die Verschwörung von Triest ihr Ende erreicht habe. Man schrieb auch, daß Nachsuchungen nach dem Verbleib des Körpers des Grafen Mathias Sandorf angestellt worden waren, doch keinen Erfolg gehabt hätten. Ich wurde für todt gehalten – für ebenso todt, als wenn ich mit meinen beiden Genossen, Ladislaus Zathmar und Deinem Vater Stephan auf dem Schloßhofe von Pisino erschossen worden wäre.

– Ich todt! ... Nein, Peter, und man soll noch sehen, daß ich am Leben bin!«

Peter Bathory hatte aufmerksam der Erzählung des Doctors gelauscht. Er war ebenso lebhaft davon ergriffen, als wenn das Gesagte zu ihm aus der Grabesgruft hinübergeschallt hätte. Ja, so nur konnte Graf Mathias Sandorf sprechen! Ihm gegenüber, der ein lebendiges Abbild seines Vaters vorstellte, war die gewöhnlich gezeigte Kälte allmälig gewichen; er hatte ihm vollständig seine Seele geöffnet, er wollte sich ihm so zeigen, wie er war, nachdem er so viele Jahre hindurch sich hatte verstellen müssen. Mathias Sandorf hatte aber bisher noch nichts davon gesagt, was zu hören Peter eifrig verlangte, noch nichts davon, wobei er auf seine Hilfe rechnete.

Was der Doctor von seiner kühnen Ueberfahrt über das adriatische Meer erzählt hatte, entsprach bis in seine kleinsten Einzelheiten der Wahrheit. Er war heil und gesund in Brindisi angekommen, während Mathias Sandorf ein für alle Male todt war.

Es handelte sich zunächst für ihn darum, Brindisi so schnell als möglich zu verlassen. Diese Stadt ist nur ein Durchfahrtshafen. Man schifft sich dort nach Indien ein oder nach Europa aus. Sie liegt gewöhnlich verlassen da, nur an einem oder zwei Tagen in der Woche herrscht in ihr reges Leben, wenn die überseeischen Dampfer eintreffen, namentlich diejenigen der » Peninsular and Oriental Company«. Der durch diese bewirkte Verkehr genügte aber gerade, um den Flüchtling von Pisino unter Umständen erkannt werden zu lassen und wenn er auch, um es nochmals zu wiederholen, für sein Leben nichts zu fürchten hatte, so war es ihm doch von großer Wichtigkeit, daß man an seinen Tod glaubte.

Darüber dachte der Doctor nach, als er am Tage nach seiner Ankunft in Brindisi am Fuße der Terrasse lustwandelte, welche die Säule der Kleopatra beherrscht, gerade dort, wo die alte appische Straße beginnt. Den Plan seines neuen Lebens hatte er bei sich schon zurechtgelegt. Er wollte nach dem Orient gehen, dort Reichthümer sammeln und mit ihnen Macht. Es paßte aber nicht in seinen Plan, auf einem der Packetboote, inmitten von Passagieren aller Nationalitäten, die Ueberfahrt zu machen, welche den Verkehr mit der Küste Kleinasiens unterhalten. Er konnte sich nur eines weniger auffälligen Transportschiffes bedienen, das er allerdings in Brindisi nicht finden konnte. Er fuhr also noch am selben Abend mit der Eisenbahn nach Otranto.

In anderthalb Stunden hatte der Zug diesen Ort erreicht, der fast am Endpunkte des Absatzes des italienischen Stiefels, an jenem Kanale gelegen ist, welcher den schmalen Eingang zum Adriatischen Meere bildet. In diesem halbverlassenen Hafen konnte der Doctor mit dem Eigenthümer einer Schebecke handelseinig werden, die zum Auslaufen nach Smyrna bereit lag und eine Partie albanesischer Pferde an Bord hatte, für welche sich in Otranto kein Käufer gefunden.

Am folgenden Tage stach die Schebecke in See und der Doctor konnte am Horizont den Leuchtthurm von Punta di Lucca, auf der äußersten Spitze Italiens verschwinden sehen, während aus der gegenüberliegenden Küste die Akrokeraunischen Berge im Nebel versanken. Einige Tage später, nach einer ungestörten Ueberfahrt, wurde Kap Matapan am äußersten Ende Süd-Griechenlands umsegelt und die Schebecke in den Hafen von Smyrna bugsirt.

Der Doctor hatte Peter mit kurzen Worten diesen Theil seiner Reise erzählt, dann auch, wie er aus den Zeitungen den Tod seiner Tochter erfahren hatte, die ihn ganz allein auf Erden zurückließ.

»Endlich, fuhr er fort, befand ich mich auf dem Boden Kleinasiens, woselbst ich nun so viele Jahre unbekannt leben sollte. Die Studien der Medicin, Chemie und Naturwissenschaften, denen ich während meiner Jugend auf den Schulen und Universitäten Ungarns – an denen Dein Vater mit so ausgezeichnetem Rufe lehrte – obgelegen hatte, mußten jetzt herhalten, um meinen Unterhalt zu bestreiten.

– Das Glück war mir über Erwarten hold und zuerst in Smyrna, wo ich sieben oder acht Jahre wohnen blieb, verschaffte ich mir einen bedeutenden Ruf als Arzt. Einige glücklich ausschlagende Curen brachten mich mit den reichsten Persönlichkeiten dieser Gegenden in Verbindung, in welchen die ärztliche Kunst sich noch in einem Urzustande befindet. Ich entschloß mich, die Stadt zu verlassen. Und wie die Professoren von ehedem, theils selbst heilend, theils Unterricht gebend in der Heilkunde, theils mich selbst belehrend über die mir unbekannte Therapie der Talebs Kleinasiens und der Panditen Indiens, durchzog ich die Provinzen, in denen ich hier einige Wochen, dort Monate hindurch mich aufhielt; ich wurde gerufen und befragt in Karahissar, Bender, Adama, Haleb, Tripoli, Damas; mein Ruf ging mir voran, wuchs ohne Unterlaß und verschaffte mir ein Vermögen, welches mit meinem Rufe sich vermehrte.

– Doch das genügte mir nicht. Ich mußte mir eine grenzenlose Macht verschaffen, eine solche, wie sie jene im Ueberflusse lebenden indischen Rajahs besitzen, deren Wissen ihrem Reichthume gleichkommt.

– Eine günstige Gelegenheit stellte sich ein:

– In Homs im nördlichen Syrien wohnte ein Mann, der an einer schleichenden Krankheit dahinsiechte. Kein Arzt war bis zu meiner Ankunft im Stande gewesen, die Natur derselben zu erkennen, es in Folge dessen eine Unmöglichkeit, ihr mit geeigneten Mitteln zu Leibe zu gehen. Dieser Mann mit Namen Faz-Rhat hatte hohe Stellungen bei der Pforte bekleidet. Er war erst fünfundvierzig Jahre alt und bedauerte es umsomehr, schon sterben zu müssen, als ein unermeßliches Vermögen ihm gestattete, alle Freuden des Lebens auszukosten. Faz-Rhat hatte von mir vernommen, denn mein Ruf war damals schon ein weitverbreiteter. Er ließ mich ersuchen, nach Homs zu kommen und ich folgte seiner Einladung.

– »Doctor, sagte er zu mir, die Hälfte meines Vermögens gehört Dir, wenn Du mich dem Leben wiedergibst.«

– Behalte die Hälfte Deines Vermögens, antwortete ich ihm. Ich werde Dich behandeln und heilen, wenn Gott es erlaubt.

– Ich studirte eifrig diesen Kranken, den die Aerzte aufgegeben. Sie hatten ihm auf nur wenige Monate noch Hoffnung gemacht. Ich war glücklich genug, eine sichere Diagnose stellen zu können. Ich blieb drei Wochen lang bei Faz-Rhat, um die Wirkungen der Behandlung, welche ich ihm angedeihen ließ, zu beobachten. Seine Heilung war eine vollständige. Als er sich mit mir abfinden wollte, beanspruchte ich nur den Lohn, der mir nach meinem Ermessen zukam. Dann verließ ich Homs.

– Drei Jahre später verlor Faz-Rhat in Folge eines Jagdunfalles sein Leben. Da er keine Verwandten und directe Erben besaß, bestimmte sein Testament mich als den alleinigen Erben aller seiner Güter, die einen wirklichen Werth von mindestens fünfzig Millionen Gulden repräsentirten.

– Dreizehn Jahre waren gerade verflossen, seitdem der Flüchtling von Pisino die Provinzen Kleinasiens betreten hatte. Der Name des Doctors Antekirtt, dessen sich schon die Sage bemächtigt hatte, war in ganz Europa bereits bekannt geworden. Ich hatte also den Erfolg erreicht, den ich mir gewünscht. Es blieb jetzt nur noch das zu thun übrig, was den einzigen Zweck meines Lebens bildet.

– Ich war entschlossen, nach Europa zurückzukehren, oder wenigstens nach einem Punkte des Mittelmeers, auf seiner äußersten Grenze. Ich besuchte die afrikanische Küste und machte mich durch Erlegung einer bedeutenden Kaufsumme zum Besitzer einer wichtigen, reichen, fruchtbaren Insel, deren materielle Erträgnisse die Lebensbedürfnisse einer kleinen Colonie befriedigen konnten, der Insel Antekirtta. Hier, Peter, bin ich Herrscher, unumschränkter Herr, König ohne Unterthanen, aber über ein Personal, das mir mit Leib und Seele ergeben ist, über Vertheidigungsmittel, die furchtbar sein werden, wenn ich sie vollendet habe, über Leitungsdrähte, die mich mit verschiedenen Punkten des mittelländischen Inselkreises verbinden, über eine Flottille von solcher Schnelligkeit, daß ich aus diesem Meer, sozusagen, meine Domäne gemacht habe.

– Wo liegt also die Insel Antekirtta? fragte Peter Bathory.

– In den Gewässern der großen Syrta, deren Ruf von Altersher allerdings nicht der beste ist, am äußersten Ende dieses Meeres, das die Nordwinde selbst für die neueren Schiffsgattungen so gefährlich machen, im Innern des Golfes von Sidra, welche zwischen dem Tripolitanischen und Cyrenäischen Reiche die afrikanische Küste ausbuchtet.«

Dort liegt in der That, im Norden der Gruppe der Syrten-Inseln Antekirtta. Viele, viele Jahre früher bereiste der Doctor die Cyrenäischen Küsten, Susa, den alten Hafen von Cyrene, das Land von Barcah, alle die Städte, welche aus dem alten Ptolemaïs, Berenike, Adrianopolis entstanden sind, mit einem Wort die alte, einst griechische, macedonische, römische, persische, sarazenische und so weiter, jetzt arabische und vom Paschalik von Tripolis abhängige Pentapolis. Die Zufälligkeiten seiner Reise – er reiste eben dahin, wohin man ihn gerade rief – führten ihn bis auf die zahlreichen Inseln, die vor der lybischen Küste besonders stark ausgesät zu sein scheinen: auf Pharos und Anthirode, die Zwillingsinseln von Plinthine, Enesipte, die Tyndarienischen Felsen, Pyrgos, Platea, Ilos, die Hyphalen, Pontienen, die Weißen Inseln und endlich auf die Syrten.

Dort, im Golfe von Sidra, dreißig Meilen südwestlich von dem türkischen Vilajet Ben-Ghazi, zog der dem Festlande zunächst gelegene Punkt, die Insel Antekirtta, besonders seine Aufmerksamkeit auf sich. Man nannte die Insel so, weil sie vor den anderen Inseln der Syrten- oder Kyrten-Gruppen gelegen ist. Der Doctor nahm sich von jenem Tage an vor, sie einstmals für sich zu erwerben, und gleichsam als Pfand für die spätere Besitzergreifung legte er sich den Namen Antekirtt bei, ein Name, dessen Bedeutung sich bald über ganz Kleinasien erstreckte.

Zwei sehr gewichtige Gründe hatten ihm diese Wahl vorgeschrieben: erstlich war Antekirtta geräumig genug – achtzehn Meilen im Umfange groß – um das Personal aufnehmen zu können, das er hier zu vereinigen gedachte; die Insel lag hoch genug, denn ein Felskegel, der sich zu einer Höhe von achthundert Fuß erhebt, gestattete es, den Golf bis zur Küste von Cyrene zu überschauen; ihre Erzeugnisse wechselten sehr ab und kleine Gewässer befeuchteten sie, so daß sie den Bedürfnissen von einigen tausend Einwohnern vollständig genügen konnte. Sodann war sie im Innern des Meeres gelegen, das furchtbar durch seine Stürme war, und in alten Zeiten den Argonauten gefährlich wurde; Apollonius von Rhodos, Horaz, Virgil, Properz, Seneka, Valerius, Flaccus, Lucanus und viele andere Geographen und Dichter, Polybius, Sallust, Strabo, Mela, Plinius, Procopus schilderten und besangen die Gefahren, die aus den Syrten erwachsen, aus den »Hinunterziehenden«. – Diese Bedeutung liegt ihrem Namen zu Grunde.

Die Insel bildete also ein kleines Reich für sich, wie es dem Doctor Antekirtt gerade paßte. Er erwarb sie für eine beträchtliche Summe als alleiniges Eigenthum, ohne feudale oder sonstige Verpflichtungen; der Abtretungsact wurde vom Sultan selbst unterzeichnet und machte den Doctor Antekirtt zum souveränen Eigenthümer.

Drei Jahre bereits herrschte er auf dieser Insel. Ungefähr dreihundert europäische und arabische Familien hatten sich durch seine Anerbietungen und die Zusicherung eines sorgenlosen Lebens bewegen lassen, hier eine kleine Kolonie zu bilden, die im Ganzen vielleicht zweitausend Seelen umfaßte. Die Einwohner waren weder des Doctors Sclaven noch seine Unterthanen, sondern nur ihrem Oberhaupte ergebene Genossen, denen in diesem Winkel unserer Erdkugel ein neues Vaterland entstanden war.

Nach und nach wurde eine regelrechte Verwaltung mit einer zur Vertheidigung der Insel gebildeten Miliz eingeführt, ein Magistrat setzte sich aus den Edleren unter den Kolonisten zusammen, der jedoch kaum dazu kam, seines Amtes zu walten. Dann wurde nach den eigenen Plänen des Doctors, der dieselben den vorzüglichsten Werften Englands und Amerikas zusandte, jene wunderbare Flottille erbaut, Dampfschiffe, Dampfyachten, Schooners und »Electrics«, mit denen schnelle Fahrten durch das Bassin des Mittelmeeres unternommen werden konnten. Gleichzeitig begannen sich Befestigungen auf Antekirtta zu erheben; sie waren bis jetzt noch nicht vollendet worden, obgleich der Doctor diese Arbeiten, nicht ohne gewichtige Gründe nach Kräften beschleunigte.

Antekirtta hatte also in diesen Strichen des Golfes von Sidra einen Feind zu befürchten? Ja! Und zwar eine furchtbare Secte, eine vollkommene Piratenverbrüderung, die mit neidischem und haßerfülltem Herzen einen Fremden diese Kolonie in der Nachbarschaft der lybischen Küste gründen sah.

Diese Secte war die muselmannische Brüderschaft des Sidi Mohammed Ben' Ali-Es-Senusi. In diesem Jahre (1300 der Hedjra) zeigte sie sich drohender als je, und ihre geographische Domäne zählte fast drei Millionen Anhänger. Sie besaßen in Egypten, im europäischen und im asiatischen Theile des türkischen Reiches, im Lande der Baëlen und Tubus, im östlichen Nubien, in Tunis, Algerien, Marokko, in der unabhängigen Sahara, im Sudan weitverbreitete Actionscentralplätze und ihre Zauïyas und Vilajets existirten in noch größerer Anzahl in Tripolis und Cyrene. Von dort erwuchs den europäischen Besitzungen in Nord-Afrika eine stete Gefahr, so unter Anderen dem herrlichen Algerien, welches das reichste Land der Erde sein könnte, und besonders der Insel Antekirtta, wie man noch sehen wird. Die Vereinigung aller neuzeitlichen Vertheidigungs- und Schutzmittel auf der Insel war also nur ein Act der Klugheit seitens des Doctors.

Alles das erfuhr Peter im Verlaufe der Unterhaltung, die ihm viel Belehrendes bot. Auf die Insel Antekirtta war er also gebracht worden, tief hinein in das Meer der beiden Syrten, an einen der unbekanntesten Orte der alten Welt; hunderte von Meilen trennten ihn von Ragusa, wo er zwei Wesen zurückgelassen hatte, deren Andenken in seinem Herzen nie erlöschen konnte: seine Mutter und Sarah Toronthal.

Der Doctor vervollständigte mit wenigen Worten die Einzelheiten, welche auf diese zweite Periode seines Lebens Bezug hatten. Während er die beregten Veranstaltungen zur Sicherheit seiner Insel traf, während er die Reichthümer des Bodens zu verwerthen und ihn für die materiellen und moralischen Bedürfnisse seiner kleinen Colonie nutzbar zu machen strebte, wurde er über Alles, was seine einstigen Freunde thaten, deren Spuren er nie verloren hatte, im Laufenden erhalten, unter Anderem, was Frau Bathory, ihr Sohn und Borik begannen, als sie von Triest nach Ragusa übersiedelt waren.

Peter begriff nun auch, warum die »Savarena« unter Umständen in Gravosa angekommen war, welche die Neugierde des Publikums über alle Maßen erregt hatten, warum der Doctor Frau Bathory besucht und diese, ohne daß der Sohn jemals eine Ahnung davon gehabt, das ihr zur Verfügung gestellte Geld zurückgewiesen hatte, wie es schließlich dem Doctor gelungen war, gerade rechtzeitig zurückzukommen, um Peter dem Grabe zu entreißen, in welchem er nur einen magnetischen Schlaf erduldet hatte.

»Und Du mein Sohn, Du verlorest den Kopf und schrecktest vor einem Selbstmorde nicht zurück?« schloß der Doctor fragend.

Mit einer heftigen Bewegung des Unwillens drehte sich Peter dem Doctor zu.

»Vor einem Selbstmorde? rief er. Sie haben also glauben können, daß ich mich selbst erstechen wollte?

– Peter! Ein Augenblick der Verzweiflung und ...

– Ja, verzweifelt war ich allerdings! ... Ich glaubte mich von Euch Allen verlassen, von Ihnen, dem Freunde meines Vaters, verlassen nach den Versprechungen, die Sie mir freiwillig machten, ohne daß ich Sie darum gebeten hatte. Verzweifelt war ich und – bin es auch noch! ... Aber Gott befiehlt nirgends, daß man in der Verzweiflung Hand an sich legen soll ... Er sagt, daß man leben solle ... um sich zu rächen!

– Nein ... um zu bestrafen, verbesserte der Doctor. Wer also war es, der Dich ermorden wollte, Peter?

– Ein Mann, den ich hasse, erwiderte dieser, ein Mann, mit dem ich an jenem Abend zufällig in einer öden Straße, längs der Mauern Ragusas zusammentraf. Vielleicht glaubte dieser Mensch, daß ich mich auf ihn stürzen und ihn herausfordern würde ... Er kam mir zuvor! ... Er erstach mich! ... Dieser Mann, dieser Sarcany ist ...«

Peter konnte nicht vollenden. Bei dem Gedanken an diesen Elenden, in welchem er jetzt Sarah's Gatten erblickte, verwirrten sich seine Sinne, seine Augen schlossen sich, das Leben schien aus ihm zu entfliehen, seine Wunde von Neuem aufgebrochen.

Der Doctor hatte ihn bald wieder zu sich gebracht; er ließ ihn zur Besinnung kommen und sagte, ihn betrachtend, leise:

»Sarcany! ... Sarcany!«

Peter mußte nothwendigerweise nach dem Zufalle, der ihn betroffen, etwas Ruhe haben. Es verlangte ihm aber nach keiner.

»Nein! sagte er. Sie haben mir anfänglich gesagt: Zuerst die Geschichte des Doctors Antekirtt, die mit dem Augenblicke beginnt, als Graf Mathias Sandorf sich in die Fluthen des Adriatischen Meeres stürzte.

– Ganz recht, Peter.

– Jetzt bleibt Ihnen noch übrig, mir das zu erzählen, was ich vom Grafen Sandorf noch nicht weiß.

– Hast Du auch die Kraft, mir zuzuhören?

– Sprechen Sie nur!

– Es sei! antwortete der Doctor. Es ist besser, Du lernst mit einem Male alle Geheimnisse, die zu erfahren Du ein Recht hast, mit sammt dem Schrecklichen, was die Vergangenheit enthält, kennen, als daß wir noch einmal darauf zurückkommen müssen. Du hast also glauben können, Peter, daß ich Dich verlassen hatte, weil ich von Gravosa fort mußte! ... Höre also! ... Du wirst mich dann besser verstehen!

– Du weißt, Peter, daß am Abende vor der Hinrichtung meine Genossen und ich aus der Festung Pisino zu entfliehen versuchten. Ladislaus Zathmar wurde indessen in dem Augenblick von den Wächtern ergriffen, als er am Fuße des Wartthurmes zu uns stoßen wollte. Dein Vater und ich waren, durch die Strömung des Buco fortgerissen, schon aus ihrem Bereich.

– Nachdem wir wunderbarer Weise den Wirbeln der Foïba entgangen waren, wurden wir, als wir am Kanal von Leme festen Fuß faßten, von einem Schurken bemerkt, der nicht zögerte, unsere Köpfe zu verkaufen, auf welche die Regierung einen Preis gesetzt hatte. Wir wurden bei einem Fischer in Rovigno entdeckt, gerade als dieser sich anschicken wollte, uns auf die andere Küste der Adria hinüberzubringen; Dein Vater wurde gefangen genommen und nach Pisino zurückgebracht. Ich war glücklicher und entkam. Wie, das weißt Du bereits. Folgendes aber ist Dir noch unbekannt.

– Vor der Angeberei dieses Spaniers, Namens Carpena, die dem Fischer Andrea Ferrato die Freiheit und einige Monate später das Leben kostete, hatten zwei Männer bereits das Geheimniß der Verschwörer von Triest verkauft.

– Ihre Namen? rief Peter Bathory ungeduldig.

– Frage zuerst, wie ihr Verrath aufgedeckt wurde?« beschwichtigte der Doctor.

Und er erzählte flüchtig, was in der Zelle des Thurmes vorgegangen war, wie ihm ein akustisches Phänomen die Namen der Verräther überliefert hatte.

»Ihre Namen, Doctor! rief Peter nochmals. Sie dürfen sie mir nicht verweigern.

– Ich werde sie Dir nennen.

– Wie lauten sie?

– Der Eine von den Verräthern ist jener junge Buchhalter gewesen, der sich als Spion in das Haus Ladislaus Zathmar's eingeschlichen hatte. Er ist derselbe, der Dich ermorden wollte, Sarcany!

– Sarcany! rief Peter und fand Kraft genug, auf den Doctor zuzugehen. Sarcany! ... Dieser Schurke! ... Und Sie wußten es! ... Und Sie, der Genosse Stephan Bathory's, Sie, der Sie seinem Sohne Ihren Schutz anbieten, Sie, dem ich das Geheimniß meiner Liebe anvertraut habe, der mich ermuthigt hat, Sie haben diesen ehrlosen Menschen ruhig das Haus von Silas Toronthal betreten lassen, das Sie ihm mit einem Worte hätten verschließen können. Durch Ihr Schweigen haben Sie ihn zu diesem Verbrechen ermuthigt, ja, zu einem Verbrechen, denn nur durch ein solches ist das unglückliche Mädchen Jenem ausgeliefert worden.

– Ja, Peter, ich habe es gethan!

– Und warum?

– Weil sie nicht Deine Frau werden konnte.

– Sie nicht, sie nicht?

– Weil es ein noch abscheulicheres Verbrechen gewesen wäre, wenn Peter Bathory Fräulein Toronthal geheiratet hätte.

– Aber warum? ... warum? fragte Peter, dem eine fürchterliche Augst fast die Kehle zuschnürte.

– Weil Sarcany einen Mitschuldigen hatte ... Ja, einen Genossen bei dieser gemeinen Machination, die Deinen Vater in den Tod getrieben hat. Und dieser Mitschuldige – Du mußt ihn endlich kennen lernen ... ist der frühere Bankier von Triest, Silas Toronthal!«

Peter hatte gehört und begriffen! ... Er konnte nichts erwidern. Ein Krampf schloß ihm die Lippen. Er hätte zu Boden sinken müssen, wenn nicht eine Starrheit seinen ganzen Körper gelähmt hätte. Durch die unförmig erweiterte Pupille schien sein Blick in eine unergründliche Finsterniß zu tauchen.

Dieser Zustand hielt jedoch nur einige Secunden an, während welcher der Doctor sich mit Besorgniß fragte, ob der Patient dieser schrecklichen Operation, der er ihn unterzogen hatte, nicht unterliegen müßte.

Aber auch Peter Bathory war eine willensstarke Natur. Es gelang ihm, die Empörung seines Innern niederzuschlagen. Einige Thränen drangen aus seinen Augen ... dann fiel er in seinen Sessel zurück und überließ seine Hand dem Doctor.

»Peter, sagte dieser mit ernster und sanfter Stimme, wir sind Beide für die ganze Welt gestorben. Ich stehe jetzt allein auf der Erde, ich habe keine Freunde, kein Kind mehr ... Willst Du mein Sohn sein?

– Ja! ... Vater!« hauchte dieser.

Es war jedenfalls ein wahres väterliches und kindliches Gefühl zugleich, das sie Beide einander in die Arme führte.

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