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Mathias Sandorf. Zweiter Band

Jules Verne: Mathias Sandorf. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJules Verne
titleMathias Sandorf. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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VI.
Die Mündungen von Cattaro.

Der unglückselige Zufall, der in den Ereignissen auf Erden eine Hauptrolle spielt, hatte die Familien Bathory und Toronthal in derselben Stadt vereinigt. Er hatte sie nicht nur in Ragusa wohnen lassen, sondern sie noch näher zusammengebracht, da sie beide das Stadtviertel des Stradone bewohnten. Sarah Toronthal und Peter Bathory hatten sich gesehen, getroffen, geliebt – Peter, der Sohn des Mannes, der durch Verrath in den Tod getrieben, Sarah, die Tochter desjenigen, welcher der Verräther gewesen war.

Als der junge Bathory ihn verlassen hatte, sagte Doctor Antekirtt zu sich:

»Peter geht voller Hoffnung fort und ich bin es, der ihm diese Hoffnung, die er vordem nicht besaß, gemacht hat.«

War der Doctor der Mann, diesen undankbaren Kampf gegen das Fatum aufzunehmen? Fühlte er in sich die Macht, die Geschicke der Menschen nach seinem Willen lenken zu können? Würde ihn diese Kraft, diese moralische Energie, deren er bedurfte, um dem Schicksal ein Paroli zu bieten, nicht im Stiche lassen?

»Nein, ich werde kämpfen! rief er. Eine solche Liebe ist hassenswerth, verbrecherisch. Wenn Peter Bathory der Gatte der Tochter von Silas Toronthal geworden ist und eines Tages die Wahrheit erfährt, würde er seinen Vater nicht mehr rächen können. Es bliebe ihm nichts weiter übrig, als sich aus Verzweiflung zu tödten ... Ich werde ihm also, wenn es sein muß, Alles sagen ... Ich werde ihm erzählen, was diese Familie der seinigen angethan hat ... Ich werde diese Liebe, gleichviel wie, vernichten.«

Eine solche Verbindung wäre in der That ungeheuer gewesen.

Man möge Folgendes nicht vergessen: In seiner Unterhaltung mit Frau Bathory hatte der Doctor erwähnt, daß die drei Führer der Verschwörung in Triest die Opfer einer erbärmlichen List geworden waren, wie es sich im Verlaufe der Verhandlungen herausgestellt, und daß eine Indiscretion eines der Thurmwächter von Pisino ihm dieselbe mitgetheilt hatte.

Man wird sich ferner erinnern, daß Frau Bathory aus gewissen Gründen ihrem Sohne nichts von dem Verrathe erzählt hatte, deren Urheber sie auch nicht kannte. Sie wußte nicht, daß der Eine, reich und angesehen, in Ragusa, nicht weit von ihr im Stradone wohnte. Der Doctor hatte jene nicht genannt. Warum? Wahrscheinlich weil die Zeit noch nicht gekommen war, sie zu entlarven. Er kannte sie aber. Er wußte, daß Silas Toronthal Einer dieser Verräther war, und Sarcany der Andere. Und wenn er in seinen vertraulichen Mittheilungen nicht weiter als bis hierher gegangen war, so hatte er es gethan, weil er auf die Hilfe Peter Bathory's rechnete, weil er den Sohn theilnehmen lassen wollte an dem Werke der Gerechtigkeit, die über die Mörder seines Vaters hereinbrechen sollte und mit ihm dessen beide Gefährten, Ladislaus Zathmar und Mathias Sandorf rächen wollte.

Deshalb konnte er auch dem Sohne Stephan Bathory's nicht mehr sagen, wollte er ihm nicht das Herz brechen.

»Es hilft trotzdem Alles nichts, wiederholte er bei sich, ich muß ihm das Herz brechen.«

Nachdem Doctor Antekirtt diesen Entschluß einmal gefaßt hatte, war die nächste Frage, wie sollte er weiter vorgehen? Sollte er Frau Bathory oder ihrem Sohne die Vergangenheit des Triester Bankiers enthüllen? Besaß er denn die thatsächlichen Beweise des Verrathes? Gewiß nicht, da Mathias Sandorf, Stephan Bathory und Ladislaus Zathmar, die Einzigen, welche je solche Beweise in Händen gehabt hatten, todt waren. Sollte er in der Stadt das Gerücht jener That niedriger Gesinnungsart verbreiten lassen, ohne die Familie Bathory davon zu unterrichten? Ja, das hätte zweifellos genügt, um einen neuen Abgrund zwischen Peter und dem jungen Mädchen zu schaffen – diesmal eine unüberschreitbare Kluft. Doch wenn dieses Geheimniß einmal bekannt geworden war, stand nicht zu erwarten, daß Silas Toronthal sich beeilen würde, Ragusa zu verlassen?

Der Doctor wollte aber durchaus nicht, daß der Bankier verschwand. Der Verräther mußte von dem Rächer zu erreichen sein, wenn die Stunde der Gerechtigkeit schlug.

Zu diesem Zwecke mußten die Dinge einen ganz anderen Verlauf nehmen, als er sich bisher vorstellte.

Der Doctor war, nachdem er das Für und das Gegen der Frage reiflich erwogen, zu dem Entschlusse gelangt, nicht direct gegen den Bankier vorzugehen, aber doch so schnell als möglich zu handeln. Vor allem mußte Peter Bathory aus dieser Stadt entfernt werden, in welcher die Ehre seines Namens Gefahr lief. Ja! Er mußte versuchen, ihn so weit fortzubringen, daß Niemand seine Spur entdecken konnte. Hatte er ihn einmal in seiner Macht, so wollte er ihm Alles sagen, was er von Silas Toronthal und seinem Mitschuldigen, Sarcany, wußte; er wollte ihn theilnehmen lassen an seinem Werke. Nicht ein Tag war zu verlieren.

Zu diesem Zwecke ließ eine Depesche des Doctors von seinem Ankerplatze eines seiner schnellsten Beförderungsschiffe an die Bucht von Cattaro, südlich von Ragusa, kommen. Es war einer jener wunderbaren Thornycrofts, welche den heutigen Torpedobooten als Muster gedient haben. Der einundvierzig Meter lange spindelförmige, stählerne Rumpf von siebzig Tonnen Tragkraft führte weder Mast noch Schornstein, sondern zeigte äußerlich nur eine Plattform und ein metallenes Gehäuse mit linsenförmigen Luftöffnungen, welches dem Steuermanne zum Aufenthalte diente und luftdicht verschlossen werden konnte, wenn der Zustand des Meeres es erforderte. Dieses Fahrzeug konnte bei Wind und Wetter vorwärts kommen, ohne durch das Wellengewoge der hohlen See Zeit und Curs zu verlieren. Mit einer weit höheren Geschwindigkeit ausgestattet, als sämmtlichen Torpedobooten der alten und neuen Welt zu eigen ist, legte es bequem seine fünfzig Kilometer in der Stunde zurück. Dank dieser außergewöhnlichen Schnelligkeit hatte der Doctor schon bei vorkommenden Gelegenheiten überraschende Ueberfahrten auf ihm bewerkstelligen können. Daher stammte auch die Gabe der Allgegenwart, die man ihm zuschrieb, wenn er zum Beispiel aus den inneren Inselgruppen des Archipels verschwand und in verhältnißmäßig kurzer Zeit am äußersten Ende des Meeres der beiden Syrten auftauchte.

Ein bemerkenswerther Unterschied aber existirte noch zwischen den Thornycrofts und den Fahrzeugen des Doctors. Während dort überhitzter Dampf die fördernde Kraft ist, war es hier die Elektricität, welche mittelst mächtiger, von ihm selbst erfundener Accumulatoren die Triebkraft bildete; er konnte in ihnen den elektrischen Strom mit einer fast unendlich zu nennenden Spannung aufspeichern. Diese Eilschiffe führten sämmtlich den Namen »Electric« und zur Unterscheidung eine fortlaufende Nummer. Es war »Electric 2«, der an die Bucht von Cattaro beordert wurde.

Nach Ertheilung dieses Befehles wartete der Doctor den Augenblick des Handelns ab. Er ließ gleichzeitig Pointe Pescade und Kap Matifu wissen, daß er ihre Dienste demnächst in Anspruch nehmen würde.

Es ist kaum nöthig, noch hervorzuheben, wie glücklich beide Freunde waren, endlich Beweise ihrer Ergebenheit ablegen zu können.

Eine Wolke nur warf einen Schatten auf die Freude, mit der Jene die Botschaft aufnahmen.

Pointe Pescade sollte in Ragusa bleiben, um das Hotel am Stradone und das Haus in der Marinella-Straße zu beobachten, während Kap Matifu den Doctor nach Cattaro begleiten mußte. Eine Trennung also, die erste nach so vielen Jahren, während welcher die Genossen des Elends Seite an Seite gelebt hatten. Kap Matifu zeigte deshalb eine rührende Unruhe, wenn er daran dachte, daß sein kleiner Pescade sich nicht mehr bei ihm befinden würde.

»Geduld, mein Kap, Geduld, sagte Pointe Pescade zu ihm. Es wird nicht lange dauern! Nur die Zeit über, in der das Stück spielen wird, dann ist Alles wieder gut. Wenn ich mich nicht täusche, ist es ein famoses Stück, welches man unter der Leitung eines ebenso famosen Directors vorbereitet, der Jedem von uns eine famose Rolle zutheilt ... Glaube mir, Dir wird Dein Antheil schon zusagen.

– Du denkst?

– Ich bin dessen gewiß. Den Liebhaber sollst Du allerdings nicht spielen. Dieses Genre liegt nicht in Deiner Natur, obwohl Du teuflisch sentimental bist. Ebenso wenig den Intriguant. Dich hindert daran Deine gutmüthige dicke Gestalt. Nein, Du sollst den guten Genius darstellen, der bei der Lösung des Knotens erscheint, um das Laster zu bestrafen und die Tugend zu belohnen.

– Wie in den Ausstattungsstücken? fragte Kap Matifu.

– Genau so. Ich sehe Dich schon in dieser Rolle, lieber Kap. Gerade, wenn es der Bösewicht am wenigsten erwartet, erscheinst Du mit Deinen breiten geöffneten Händen und Du brauchst sie nur zu schließen, um das gute Ende herbeizuführen. Wenn auch Deine Rolle nicht sehr groß ist, so ist sie doch sympathisch und Bravos und silbernen Lohn erhältst Du wohlfeil.

– Das wird schon so sein, erwiderte der Hercules, doch vorläufig müssen wir uns trennen!

– Nur für wenige Tage! Versprich mir nur, während meiner Abwesenheit nicht abzumagern. Nimm genau Deine sechs Mahlzeiten zu Dir und mäste Dich, lieber Kap. Und jetzt schließe mich in Deine Arme, oder vielmehr thue nur so wie auf der Bühne, sonst erdrückst Du mich am Ende. Zum Teufel auch, man muß lernen, in dieser Welt Komödie spielen zu können. Umarme mich noch einmal und vergesse nicht Deinen kleinen Pointe Pescade, der niemals seinen dicken Kap Matifu vergessen wird.«

Auf diese Weise nahmen die Freunde rührenden Abschied, als sie sich trennen mußten. Kap Matifu war das Herz in der riesigen Brust nicht wenig beklommen, als er sich allein auf der »Savarena« befand. Noch am selben Tage hatte sich sein Genosse auf Anordnung des Doctors hin in Ragusa einquartiert; sein Auftrag lautete, Peter Bathory nicht aus den Augen zu verlieren, das Hotel Toronthal zu überwachen und sich über Alles im Laufenden zu erhalten.

Während der langen Stunden, die Pointe Pescade im Stadttheile des Stradone zu verbringen hatte, hätte er auf jene Fremde stoßen müssen, die denselben Auftrag wie er zu haben schien. Dieses Zusammentreffen wäre auch zweifellos erfolgt, wenn nicht die Marokkanerin nach Absendung jener Depesche Ragusa verlassen haben würde, um sich an einem vorher verabredeten Orte mit Sarcany zu treffen. Pointe Pescade fühlte sich also in seinen Operationen durchaus nicht genirt und konnte sich seines Auftrages mit seiner gewohnheitsmäßigen Geschicklichkeit entledigen.

Peter Bathory wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß er in der allernächsten Nähe beobachtet wurde; er hätte nie geahnt, daß die Augen jener Spionin von denen Pointe Pescade's abgelöst worden waren. Nach seiner Unterredung mit dem Doctor, nach dem Geständniß, das er ihm abgelegt, fühlte er sich vertrauensseliger als je. Warum hätte er auch jetzt noch die Unterhaltung, die er am Bord der »Savarena« gehabt, der Mutter verheimlichen sollen? Würde sie nicht so wie so in seinen Blicken wie in seiner Seele gelesen haben? Würde sie nicht sofort bemerkt haben, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war, daß der Kummer, die Verzweiflung in ihm der Hoffnung und dem Glücke Platz gemacht hatten.

Peter Bathory berichtete also Alles seiner Mutter. Er erzählte ihr, wer diese junge Dame war, die er liebe, daß er ihretwegen Ragusa nicht habe verlassen wollen. Ihre gesellschaftliche Stellung mache so gut wie nichts aus. Doctor Antekirtt habe ihm ja gesagt, daß er hoffen könne.

»Also deshalb hast Du so viel gelitten, mein Kind, erwiderte Frau Bathory. Möge Gott Dir beistehen und Dir das volle Glück gewähren, welches Dir bis jetzt gefehlt hat.«

Frau Bathory lebte sehr zurückgezogen in dem Hause der Marinella-Straße. Sie ging mit ihrem alten Diener nur zur Messe, da sie ihre religiösen Pflichten mit der strengen und überzeugten Frömmigkeit der katholischen Ungarn erfüllte. Sie hatte noch nie von der Familie Toronthal reden gehört. Ihr Blick hatte sich noch nie zu dem Hotel erhoben, an dem sie vorüberging, wenn sie sich zur Erlöser-Kirche begab, die mit dem Franziskaner-Kloster verbunden, fast am Eingange zum Stradone liegt. Sie kannte also die Tochter des früheren Bankiers von Triest gar nicht.

Peter mußte sie ihr körperlich und seelisch schildern, ihr sagen, wo er sie zum ersten Male gesehen hatte, woran er erkannte, daß seine Liebe erwidert wurde. Alle diese Einzelheiten berichtete er mit einem Eifer, daß Frau Bathory nicht wenig erstaunt war, in ihrem Sohne ein so zärtliches und leidenschaftliches Gefühl zu entdecken.

Als aber Peter von der Stellung berichtete, welche die Familie Toronthal einnahm, als sie erfuhr, daß das junge Mädchen eine der reichsten Erbinnen Ragusas wäre, konnte sie ihre Besorgniß nicht unterdrücken. Würde der Bankier jemals einwilligen, daß sein einziges Kind die Frau eines Mannes ohne Mittel, ja fast ohne Zukunft würde?

Peter hielt es jedenfalls nicht für nöthig, die Kälte, ja fast die Verachtung zu erwähnen, mit der Silas Toronthal ihn bis jetzt behandelt hatte. Er begnügte sich, die Worte des Doctors zu wiederholen. Dieser hatte betheuert, daß er zum Freunde seines Vaters Vertrauen haben könnte, sogar müßte, daß er für ihn ein geradezu väterliches Wohlwollen empfände, woran Frau Bathory allerdings nicht zweifeln durfte, wußte sie doch, was der Doctor für sie und die Ihrigen bereits hatte thun wollen. Sie glaubte schließlich ebenso wie ihr Sohn und wie Borik, der seine Meinung auch aussprechen zu müssen glaubte, einer guten Hoffnung leben zu können und so war ein Schimmer des Glückes in das bescheidene Haus in der Marinella-Straße eingezogen.

Peter Bathory empfand diese Freude noch, als er am folgenden Sonntage Sarah Toronthal in der Kirche der Franziskaner wiedersah. Das stets traurige Gesicht des jungen Mädchens heiterte sich auf, als sie Peter wie umgewandelt sah. Beide sprachen sich mit den Blicken und verstanden sich. Und als Sarah lebhaft angeregt in ihr Heim zurückkehrte, trug sie ein gutes Theil des Glückes mit hinein, das sie so deutlich auf dem Antlitze des jungen Mannes hatte lagern gesehen.

Peter sah den Doctor nicht wieder. Er erwartete, eine Einladung an Bord der Yacht zu bekommen. Mehrere Tage verflossen, doch kein zweiter Brief forderte ihn zu einem abermaligen Zusammentreffen auf.

»Der Doctor wird jedenfalls erst Erkundigungen einziehen wollen, überlegte er. Er wird selbst nach Ragusa gekommen sein oder geschickt haben, um sich einige Auskünfte über die Familie Toronthal zu verschaffen ... Vielleicht wollte er auch Sarah erst persönlich kennen lernen ... Ja! Es ist nicht unmöglich, daß er ihren Vater bereits gesehen und diesem von dem Vorfalle Kenntniß gegeben hat ... Eine Zeile von ihm, ein Wort von ihm hätte mir jedenfalls Freude gemacht, namentlich wenn dieses Wort gelautet hätte: Kommen Sie!«

Das Wort kam nicht. Frau Bathory konnte die Ungeduld ihres Sohnes nur schwer zügeln. Er verzweifelte und nun war es ihre Aufgabe, ihm ein wenig Hoffnung zu machen, die sie selbst kaum theilte. Das Haus in der Marinella-Straße stand dem Doctor offen, das mußte er wissen, und trotz des Interesses, das er für Peter fühlte, trotz des Interesses, welches ihm diese Familie einflößte, für welche er schon ein so großes Mitgefühl an den Tag gelegt hatte, schien er nicht zu bewegen zu sein, dasselbe aufzusuchen.

Peter zählte die Stunden und Tage und hatte schließlich nicht mehr die Kraft, sich zu gedulden. Er mußte den Doctor Antekirtt um jeden Preis wiedersehen. Mit unbezwinglicher Gewalt zog es ihn nach Gravosa. An Bord der Yacht würde man seine Ungeduld schon verstehen und seinen Schritt entschuldigen, sollte er selbst voreilig unternommen sein.

Am 7. Juni gegen acht Uhr Morgens verließ Peter seine Mutter, ohne ihr ein Wort von seinem Vorhaben zu sagen. Er verließ Ragusa und ging mit so schnellen Schritten nach Gravosa, daß ihm Pointe Pescade kaum hätte folgen können, wenn dieser nicht eben äußerst flink gewesen wäre. Auf dem Quai angelangt, gegenüber der Stelle, wo die »Savarena« bei seinem letzten Besuche vor Anker gelegen hatte, blieb er betroffen stehen:

Die Yacht war aus dem Hafen verschwunden.

Peter ließ seine Blicke umherschweifen, weil er glaubte, sie hätte nur den Platz gewechselt ... Das Schiff blieb verschwunden.

Er fragte einen Matrosen, der auf dem Quai umherschlenderte, was aus der Yacht des Doctors Antekirtt geworden wäre.

Die »Savarena« wäre am Abend vorher unter Segel gegangen, wurde ihm geantwortet und gerade wie man nicht gewußt hätte, woher sie gekommen, so wüßte man auch nicht, wohin sie gegangen sei.

Die Yacht fort! Doctor Antekirtt ebenso geheimnißvoll wieder verschwunden wie aufgetaucht!

Peter Bathory ging nach Ragusa zurück, diesmal in größerer Verzweiflung als je.

So viel ist gewiß, wenn Peter Bathory eine Ahnung davon gehabt hätte, daß die Yacht nach Cattaro gesegelt war, so wäre er ihr unbedingt nachgeeilt. Allerdings wäre diese Reise ganz nutzlos gewesen. Denn die »Savarena« war nicht in die Bucht eingelaufen. Der Doctor hatte sich in der Begleitung Kap Matifu's durch eines seiner Boote ans Land setzen lassen, die Yacht selbst aber war sogleich wieder nach einem unbekannten Bestimmungsorte in See gegangen.

Es gibt in ganz Europa, vielleicht in allen alten Erdtheilen keinen sonderbareren Ort als die Art der Zusammenstellung von Land und Wasser, die man die Bocche di Cattaro nennt.

Cattaro ist durchaus kein Fluß, wie man vielleicht zu glauben geneigt ist, sondern eine Stadt mit dem Sitze eines Bischofs, die man überdies zur Kreishauptstadt ernannt hat. Unter der Bezeichnung der Bocche versteht man sechs Baien: dieselben liegen hintereinander und sind durch schmale Canäle miteinander verbunden; um sie zu passiren, gebraucht man sechs Stunden. Von dieser Kette von kleinen Seen, die sich um die Ufergebirge reiht, bildet das letzte Glied zu Füßen des Berges Norri die Grenze des österreichischen Reiches. Jenseits desselben beginnt das montenegrinische Gebiet.

Am Eingange zu diesen Mündungen also ließ sich der Doctor nach einer schnellen Ueberfahrt ausschiffen. Dort erwartete ihn ein von elektrischen Motoren bedientes Schnellboot, das ihn zur innersten Bai brachte. Nachdem er das Vorgebirge von Ostro umsegelt hatte, an Castelnuovo vorübergekommen war, an Panoramen von Ortschaften und Capellen links und rechts, an Stolivo, Risano, Perasto, einem berühmten Wallfahrtsorte, wo die dalmatinischen Trachten sich schon mit denen der Türken und Albanesen zu mischen beginnen, langte er von einem See zum anderen im letzten Kreise an, in dessen Hintergrunde Cattaro sich erhebt.

Der »Electric 2»ankerte in der Entfernung einiger Längen vor der Stadt, auf diesen dunklen, schläfrigen Gewässern, welche kein Luftzug an diesem schönen Juniabend bewegte.

Der Doctor nahm indessen nicht an Bord Wohnung. Er wollte jedenfalls nicht, behufs besserer Ausführung der jüngst gefaßten Pläne, daß man ihn als den Besitzer jenes Fahrzeuges kannte. Er landete also in Cattaro selbst, um in einem der dortigen Hotels ein Unterkommen zu suchen, Kap Matifu mußte ihn begleiten.

Das Boot, das sie hergeführt hatte, verlor sich in der Dunkelheit rechts vom Hafen, wo es sich hinter einem Ufervorsprunge verbarg. In Cattaro konnte der Doctor ebenso unbemerkt weilen, als wenn er sich in dem verstecktesten Winkel der Erde verborgen hätte. Denn den Bocchesen, den Einwohnern dieses reichen Districtes von Dalmatien, von Abstammung Slaven, konnte kaum die Anwesenheit eines Fremden auffallen.

Von der Bai aus scheint es, als ob die Stadt Cattaro in eine mächtige Höhlung des Berges Norri hineingebaut worden sei. Ihre vordersten Häuser bilden einen jedenfalls dem Meere abgewonnenen Quai im Hintergrunde der zugespitzten Ecke des kleinen Sees, dessen letzter Ausläufer sich tief in den massigen Gebirgsstock hinein erstreckt. An der Spitze dieses, durch seine schönen Bäume mit den dahinterliegenden grünen Abhängen einen sehr heiteren Anblick gewährenden Trichters, legen stets die Packetboote des Lloyd und die großen Küstenfahrzeuge des Adriatischen Meeres an.

An jenem Abend beschäftigte sich der Doctor nur damit, ein passende Wohnung für sich zu suchen. Kap Matifu folgte ihm, ohne gefragt zu haben, wo man sich denn eigentlich befände. Es war ihm ganz gleichgiltig, ob man in Dalmatien oder in China war. Wie ein treuer Hund folgte er seinem Herrn, wohin dieser ging. Er war nur ein Werkzeug, eine gehorsame Maschine, eine Maschine zum Drehen, Bohren, Stoßen, die der Doctor in Betrieb setzen konnte, wann es ihm beliebte.

Beide durchschritten den in Rautenform angelegten Quai und die befestigte Umwallung von Cattaro; dann gelangten sie in eine Folge schmaler und bergiger Straßen, in welchen eine Bevölkerung von vier- bis fünftausend Menschen durcheinanderwimmelt. Man schloß gerade das Meerthor, dasjenige, welches mit Ausnahme der Tage, an denen die Packetboote einlaufen, nur bis acht Uhr Abends offen bleibt.

Der Doctor hatte es bald heraus, daß sich kein einziges Hotel in der Stadt befand. Man mußte also irgend Jemandes habhaft werden, der geneigt war, ein Gemach abzutreten, was übrigens die Hauseigenthümer von Cattaro gegen gute Bezahlung sehr gern thun.

Ein Vermiether fand sich, eine Wohnung ebenfalls. Der Doctor sah sich bald in einer ziemlich sauberen Straße, im Erdgeschosse eines für seine und Kap Matifu's Bedürfnisse ausreichenden Hauses einquartiert. Vor allen Dingen wurde vereinbart, daß Kap Matifu von dem Besitzer gespeist wurde und trotzdem dieser einen ungewöhnlich hohen Preis hierfür verlangte, der allerdings in Anbetracht der enormen Leibesstärke des neuen Gastes berechtigt war, wurde diese Angelegenheit zur Zufriedenheit beider Theile erledigt.

Doctor Antekirtt behielt sich das Recht vor, seine Mahlzeiten außerhalb des Hauses einnehmen zu können.

Er begann am nächsten Tage, nachdem er Kap Matifu die Erlaubniß gegeben, über seine freie Zeit nach Belieben zu verfügen, seine Promenade mit einem Gange zur Post, um zu fragen, ob Briefe oder Depeschen unter gewissen verabredeten Zeichen für ihn eingetroffen wären. Es war noch nichts angelangt. Er verließ dann die Stadt, um sich in ihrer Umgebung umzusehen. Er fand bald eine passende Gastwirthschaft, in welcher sich gewöhnlich die Gesellschaft Cattaros zu treffen pflegt, österreichische Officiere und Beamten, die sich hier wie in der Verbannung, noch stärker gesagt wie im Gefängniß vorkommen.

Der Doctor wartete jetzt nur noch den Augenblick zum Handeln ab. Sein Plan bestand aus Folgendem.

Er war entschlossen, Peter Bathory zu entführen. Diese Aufhebung wäre an Bord der Yacht, während sie in Gravosa ankerte, schwer zu bewerkstelligen gewesen. Der junge Ingenieur war dort bekannt und da sich die öffentliche Aufmerksamkeit bereits auf die »Savarena« und ihren Besitzer gelenkt hatte, würde das Unternehmen, vorausgesetzt, daß es geglückt wäre, schnell Lärm gemacht haben. Die Yacht war ferner nur ein Segelschiff; wenn also ein Hafendampfer sich an die Verfolgung gemacht hätte, so würde er sie in Folge seiner größeren Schnelligkeit jedenfalls eingeholt haben.

In Cattaro dagegen war eine Entführung unter unendlich besseren Verhältnissen ausführbar. Peter Bathory war mit Leichtigkeit dorthin zu locken. Er würde ganz gewiß auf ein Wort des Doctors hin abreisen. In Cattaro war er ebenso unbekannt wie dieser selbst; sobald er sich an Bord des »Electric« befinden würde, sollte dieser die offene See gewinnen und Peter Bathory Alles erfahren, was er von der Vergangenheit Silas Toronthal's noch nicht kannte. Das Bild Sarah's mußte dann vor der Erinnerung an seinen Vater erblassen.

Die Ausführung des Planes bot also keine Schwierigkeiten. In zwei oder drei Tagen – der späteste Termin, den sich der Doctor gestellt hatte – konnte das Werk gethan, Peter auf immer von Sarah getrennt sein.

Am folgenden Tage, dem 9. Juni, kam ein Brief von Pointe Pescade. Dieser berichtete, daß es im Hotel des Stradone nichts Neues gab. Peter Bathory wollte Pointe Pescade seit jenem Tage nicht wiedergesehen haben, an dem er sich nach Gravosa begeben hatte, zwölf Stunden nach dem Auslaufen der Yacht.

Peter könne indessen Ragusa nicht verlassen haben. Er hätte sich ganz gewiß in dem Hause seiner Mutter eingeschlossen. Pointe Pescade vermuthete – und er irrte darin nicht – daß die Abfahrt der »Savarena« diese Aenderung in den Gewohnheiten des jungen Ingenieurs herbeigeführt hatte, umso mehr, als derselbe nach der Abfahrt verzweifelt nach Hause zurückgekehrt war.

Der Doctor entschloß sich schon am nächsten Tage, seine Operationen damit zu beginnen, daß er einen Brief an Peter Bathory schrieb, einen Brief, der ihn aufforderte, unverzüglich zu ihm nach Cattaro zu kommen.

Ein völlig unerwartetes Ereigniß sollte diese Vorsätze ändern und es dem Zufalle überlassen, die Betheiligten an dasselbe Ziel zu führen.

Am Abende desselben Tages gegen acht Uhr befand sich der Doctor auf dem Quai von Cattaro, als das Einlaufen des Packetbootes »Saxonia« signalisirt wurde.

Die »Saxonia« kam von Brindisi, welche Stadt sie angelaufen hatte, um Passagiere aufzunehmen. Von dort begab sie sich nach Triest, wobei sie Cattaro, Ragusa, Zara und andere Häfen an der österreichischen Küste des adriatischen Meeres anlief.

Der Doctor stand gerade dicht bei der Anlegebrücke, mittelst derer das Ein- und Ausschiffen der Reisenden bewerkstelligt wurde, als sein Blick im letzten Tagesschimmer sich starr auf einen Reisenden richtete, dessen Gepäck man soeben auf den Quai hinübertrug.

Dieser, ungefähr vierzig Jahre alte Mann von hochmüthigem, fast unverschämtem Aussehen, gab seine Befehle mit lauter Stimme. Es war eine jener Persönlichkeiten, deren schlechte Erziehung man empfindet, selbst wenn sie höflich sind.

»Er! ... Hier, in Cattaro! ...«

Diese Worte wären den Lippen des Doctors entschlüpft, wenn er sie nicht mit Gewalt unterdrückt hätte, ebenso wie eine Bewegung des Zornes, der aus seinen Blicken drang.

Der Passagier war Sarcany. Fünfzehn Jahre waren seit jener Zeit verflossen, in der er die Obliegenheiten eines Buchhalters im Hause des Grafen Zathmar erfüllt hatte. Er war nicht mehr, am wenigsten in seiner Kleidung, der Abenteurer, den man durch die Straßen Triests zu Beginn dieser Erzählung hatte irren sehen. Er trug ein elegantes Reisecostüm unter einem Staubmantel nach der neuesten Mode und seine Gepäckstücke, mit ihrem vielseitigen Messingbeschlag, bewiesen, daß der einstige tripolitanische Makler jetzt comfortabel zu leben verstand.

Sarcany hatte seit fünfzehn Jahren, Dank dem riesigen Antheile an dem Vermögen des Grafen Sandorf, ein Leben voll Luxus und Freude geführt. Was war ihm davon übrig geblieben? Seine besten Freunde, wenn er solche gehabt hätte, würden es nicht haben sagen können. Jedenfalls trug sein Antlitz Spuren der Befangenheit, ja selbst der Besorgniß, deren Ursache diese in sich verschlossene Natur schwerlich errathen ließ.

»Woher kommt er? ... Wohin geht er?« fragte sich der Doctor, der ihn nicht aus den Augen verlor.

Woher Sarcany kam, konnte man leicht durch den Commissär der »Saxonia« erfahren. Dieser Passagier hatte in Brindisi das Dampfboot bestiegen. Doch ob er aus Ober- oder Unter-Italien kam, wußte man nicht. Er kam aus Syrakus. Auf die Depesche der Marokkanerin hin hatte er sofort Sicilien verlassen und war nach Cattaro abgereist.

Cattaro war nämlich schon früher als Rendezvousort verabredet worden. Jene Frau, deren Mission in Ragusa nun zu Ende zu sein schien, erwartete ihn hier.

Die Fremde stand ebenfalls auf dem Quai und harrte auf das Schiff. Der Doctor bemerkte sie, er sah Sarcany auf sie zueilen und hörte noch, was sie zu ihm in arabischer Sprache sagte.

»Es war höchste Zeit.«

Sarcany antwortete nur durch ein Nicken mit dem Kopfe. Nachdem er das Ueberführen seines Gepäckes in das Zollhaus überwacht hatte, zog er die Marokkanerin nach der rechten Seite hin, um an der Umwallung der Stadt entlang zu gehen und nicht durch das Meerthor dieselbe zu betreten.

Der Doctor zögerte einen Augenblick. Sollte er Sarcany entschlüpfen lassen? Sollte er ihm folgen?

Er bemerkte, während er sich umsah, Kap Matifu, der wie ein harmloser Maulaffe das Ein- und Ausschiffen der Passagiere der »Saxonia« beobachtete. Er brauchte nur ein Zeichen zu geben, der Hercules war sofort an seiner Seite.

»Siehst Du diesen Mann, Kap Matifu? sagte der Doctor, auf den sich entfernenden Sarcany zeigend.

– Ja!

– Wenn ich Dir befehle, Dich seiner zu bemächtigen, wirst Du es thun?

– Ja!

– Und Du wirst ihn wehrlos machen, wenn er Widerstand leistet?

– Ja!

– Denke daran, daß ich ihn lebendig haben muß.

– Ja!«

Kap Matifu machte keine Redensarten, konnte aber dafür das Verdienst beanspruchen, um so klarere Antworten zu geben. Der Doctor wußte, daß er auf ihn zählen durfte. Wenn Jener einen Befehl auszuführen hatte, so führte er ihn auch aus.

Die Marokkanerin konnte gebunden und geknebelt in irgend einen Winkel geworfen werden. Ehe sie im Stande war, Lärm zu schlagen, konnte Sarcany schon an Bord des »Electric« sein.

Die Dunkelheit, obgleich sie noch nicht dicht genannt werden konnte, mußte die Ausführung des Planes erleichtern.

Sarcany und die Fremde setzten inzwischen ihren Weg längs der Umwallung der Stadt fort, ohne zu bemerken, daß sie gesehen und verfolgt wurden. Sie sprachen nicht miteinander. Sie wollten augenscheinlich so lange schweigen, bis sie an einen Ort gelangt waren, an dem sie sich im sicheren Versteck wähnen konnten. So kamen sie bis fast an das Südthor, das auf die Straße hinausführt, welche in die Gebirge zur österreichischen Grenze läuft.

Dort befindet sich ein bedeutender Marktplatz, ein den Montenegrinern wohl bekannter Bazar. Hier treiben diese ihren Handel, weil man sie nur in beschränkter Anzahl in die Stadt hineinläßt und erst, nachdem sie ihre Waffen abgelegt haben. Am Dienstag, Donnerstag, Sonnabend jeder Woche kommen diese Bergbewohner von Njegus oder Cettinje herbei. Sie müssen fünf bis sechs Stunden unterwegs bleiben, um hier Eier, Kartoffeln, Geflügel und Reis, dessen Absatz bedeutend ist, an den Mann bringen zu können.

Jener Tag war gerade ein Dienstag. Einige Gruppen, deren Geschäfte sich sehr in die Länge gezogen hatten, befanden sich noch auf dem Marktplatze, um hier die Nacht zuzubringen. An dreißig Bergbewohner kamen, gingen, plauderten und stritten miteinander. Die Einen hatten sich schon zum Schlafen auf den Boden ausgestreckt, die Anderen ließen über einem Kohlenfeuer einen kleinen, auf einen hölzernen Spieß (nach albanesischer Sitte) gezogenen Hammel schmoren.

Dorthin zogen sich Sarcany und seine Begleiterin zurück; sie schienen den Ort schon zu kennen. Hier war es ihnen in der That leicht, ungestört zu plaudern und selbst während der ganzen Nacht zu bleiben, ohne erst nach einem ungewissen Quartier auf die Suche gehen zu müssen. Seit ihrer Ankunft in Cattaro übrigens hatte sich die Fremde wegen eines anderen Unterkommens unbesorgt gezeigt.

Der Doctor und Kap Matifu traten Einer hinter dem Anderen in den stark dunklen Bazar ein. Hier und dort knisterte es auf einigen Feuerherden, doch helle Flammen waren nicht zu sehen und deshalb fehlte jeder Lichtschein. Die Aufhebung Sarcany's war unter diesen Umständen eine sehr schwierige Sache, namentlich wenn er den Bazar nicht vor Tagesanbruch wieder verließ. Der Doctor bedauerte sehr, nicht schon auf dem Gange zwischen dem See- und Südthore gehandelt zu haben. Jetzt war es zu spät. Man mußte sich auf das Warten verlegen, um jede Gelegenheit, die sich bieten konnte, benützen zu können.

Das Boot lag hinter den Klippen, kaum zweihundert Schritte vom Bazar entfernt und zwei Ankerlängen weiter konnte man die flüchtigen Umrisse des »Electric« bemerken, dessen Ankerplatz eine kleine am Bug aufgehißte Laterne bezeichnete.

Sarcany und die Marokkanerin hatten sich in einer sehr dunklen Ecke, nahe bei einer Gruppe schon schlafender Bergbewohner niedergelassen. Sie hätten sich also von ihren Angelegenheiten ungestört unterhalten können, ohne Besorgniß gehört zu werden, wenn es dem in seinen Reisemantel eingehüllten Doctor nicht gelungen wäre, sich unter die Gruppe zu mischen, was weiter keine Aufmerksamkeit erregte. Kap Matifu verbarg sich, so gut er konnte, hielt sich aber in der Nähe, um dem ersten Zeichen Folge zu leisten.

Sarcany und die Fremde glaubten sich schon dadurch, daß sie arabisch sprachen, gesichert, in der Voraussetzung, daß hier Niemand diese Sprache verstehen würde. Sie täuschten sich, denn Doctor Antekirtt war zugegen. Ihm, der mit allen Idiomen des Orients und Afrikas vertraut war, entging nicht ein einziges Wort von ihrer Unterhaltung.

»Du hast meine Depesche in Syrakus erhalten? fragte die Marokkanerin.

– Ja, Namir, antwortete Sarcany, und ich bin gleich am folgenden Tage mit Zirone aufgebrochen.

– Wo ist Zirone?

– In der Nähe von Catana, wo er seine neue Bande sich zusammenstellt.

– Du mußt morgen in Ragusa sein und sofort zu Silas Toronthal gehen, Sarcany.

– Ich werde dort sein und mit ihm reden. Du hast Dich also nicht getäuscht, Namir? Es war Zeit, daß ich kam?

– Ja, die Tochter des Bankiers ...

– Die Tochter des Bankiers! wiederholte Sarcany in einem so eigenartigen Tone, daß es den Doctor wider Willen kalt überlief.

– Ja ... seine Tochter! wiederholte Namir.

– Wie? Sie erlaubt sich ihr Herz sprechen zu lassen und ohne meine Einwilligung? fragte Sarcany ironisch.

– Das überrascht Dich, Sarcany. Und doch ist es mehr als gewiß. Du wirst aber noch mehr überrascht sein, wenn ich Dir gesagt haben werde, wen Sarah Toronthal heiraten will.

– Irgend einen ruinirten Edelmann, der sich mit Hilfe der Millionen des Vaters wieder arrangiren will.

– Stimmt, meinte Namir, einen jungen Mann von edler Abkunft, doch ohne Vermögen.

– Und dieser Unverschämte heißt? ...

– Peter Bathory!

– Peter Bathory! rief Sarcany. Peter Bathory will Sarah Toronthal heiraten?

– Beruhige Dich, Sarcany, beschwichtigte Namir den Gefährten. Daß die Tochter von Silas Toronthal und der Sohn Stephan Bathory's sich lieben, ist kein Geheimniß mehr für mich. Vielleicht aber weiß es Silas Toronthal noch nicht.

– Er sollte es nicht wissen? fragte Sarcany.

– Nein, und übrigens würde er nie seine Einwilligung geben ...

– Ich weiß gar nichts, antwortete Sarcany. Silas Toronthal ist zu Allem fähig ... selbst dazu, seine Einwilligung zu dieser Heirat zu geben, nur um sein Gewissen zu beschwichtigen, falls dasselbe etwa nach fünfzehn Jahren wieder zu Kräften gekommen sein sollte ... Ich bin glücklicherweise noch da, um ihm sein Spiel zu verderben, morgen schon bin ich in Ragusa.

– Gut! meinte Namir, die einen gewissen Einfluß auf Sarcany auszuüben schien.

– Die Tochter von Silas Toronthal soll keinem Anderen als mir gehören, verstehst Du, Namir? Mit ihrer Hilfe werde ich mein Vermögen wieder zurechtflicken.«

Der Doctor hatte hiermit Alles gehört, was er wissen wollte. Was Sarcany und die Fremde sich nun noch zu erzählen hatten, konnte ihm ziemlich gleichgiltig sein.

Ein Schurke, der das Recht hatte, sich aufzudrängen, beanspruchte die Tochter eines zweiten Schurken. Gott selbst intervenirte bei dem Werke menschlicher Gerechtigkeit. Es war nun nichts mehr für Peter Bathory zu befürchten, den ein solcher Nebenbuhler jetzt aus dem Felde schlagen wollte. Es war nicht mehr von Nöthen, ihn nach Cattaro zu entbieten, namentlich unnöthig, sich des Mannes zu bemächtigen, der die Ehre beanspruchen wollte, der Schwiegersohn von Silas Toronthal zu werden.

»Mögen diese Spitzbuben sich nur ruhig miteinander verbinden und eine Familie bilden, sagte sich der Doctor. Wir werden ja sehen!«

Er zog sich zurück und gab Kap Matifu ein Zeichen, ihm zu folgen.

Kap Matifu, der nicht gefragt hatte, warum er den Passagier der »Saxonia« aufheben sollte, fragte jetzt auch nicht, warum er auf diese Entführung verzichten mußte.

Am nächsten Tage, dem 10. Juni, öffneten sich in der achten Abendstunde die Thüren des großen Salons im Hotel des Stradone in Ragusa und ein Diener meldete mit lauter Stimme:

»Herr Sarcany!«

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