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Mathias Sandorf. Zweiter Band

Jules Verne: Mathias Sandorf. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJules Verne
titleMathias Sandorf. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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V.
Verschiedene Zwischenfälle.

Der Doctor schien aber, entgegen der Annahme der Frau Bathory, durchaus keine Lust zu empfinden, Gravosa zu verlassen. Nach seinem erfolglosen Versuche, der Mutter zu Hilfe zu kommen, hatte er sich vorgenommen, dem Sohne unter die Arme zu greifen. Wenn auch Peter Bathory bis dahin keine seinen vorzüglichen Fähigkeiten entsprechende Stellung gefunden hatte, so würde er gewiß die Anerbietungen nicht von der Hand weisen, welche der Doctor ihm zu machen gewillt war. Ihm eine seiner Anlagen und seines Namens würdige Stellung zu verschaffen, konnte nicht als ein Almosen betrachtet werden. Es wäre das nur eine gerechte Widervergeltung, die man diesem jungen Manne schuldig war.

Peter Bathory war jedoch, wie Borik gesagt hatte, nach Zara in Geschäften gefahren.

Der Doctor zögerte trotzdem nicht, ihm zu schreiben. Er that es noch am selben Tage. Sein Brief beschränkte sich darauf, auszudrücken, wie glücklich er sich schätzen würde, Peter Bathory am Bord der »Savarena« zu empfangen, da er ihm einen ihn gewiß interessirenden Vorschlag zu machen hätte.

Dieser Brief wurde in Gravosa auf die Post gegeben und man mußte sich nun bis zur Rückkehr des jungen Ingenieurs in Geduld fassen.

Der Doctor lebte noch zurückgezogener als vorher am Bord des Schooners. Die in der Mitte des Hafens verankerte »Savarena« lag, umsomehr als auch ihre Bemannung niemals an Land ging, ebenso verlassen da, als befände sie sich an irgend einem einsamen Orte des mittelländischen oder atlantischen Meeres.

Das Außergewöhnliche war ganz dazu angethan, die Neugierigen, Reporter oder Andere zu intriguiren, welche keineswegs darauf verzichtet hatten, die räthselhafte Person des Doctors zu »interviewen«, obgleich man sie nicht an Bord der Yacht ließ, die nicht minder räthselhaft als ihr Eigenthümer sich zeigte. Da Pointe Pescade und sein Genosse Kap Matifu willkürlich schalten und walten konnten, so ließen sie es sich namentlich angelegen sein, diejenigen abzufertigen, welche für ihre Zeitungen Erkundigungen einzuziehen gedachten.

Pointe Pescade hatte, mit Genehmigung des Doctors natürlich, etwas Fröhlichkeit in das eintönige Schiffsleben gebracht. Während Kap Matifu so ernsthaft wie eine Schiffswinde blieb, deren Stärke er besaß, lachte und sang Pescade stets, lebhaft wie der Commandowimpel eines Kriegsschiffes, dessen Beweglichkeit der seinen gleichkam. Wenn er nicht zum größten Ergötzen der Bemannung, der er Unterricht im Luftsprunge gab, geschickt wie ein Matrose und gewandt wie ein Schiffsjunge im Tauwerk umherkletterte, so unterhielt er mit seinen endlosen Hanswurstiaden. Der Doctor Antekirtt hatte ihm nicht vergebens angerathen, sich seinen guten Humor zu bewahren. Nun wohl, er bewahrte ihn und ließ sogar Andere daran Theil nehmen.

Es war weiter oben schon gesagt worden, daß Kap Matifu und er vollständige Freiheit genossen. Mit anderen Worten, sie konnten gehen und kommen, wie es ihnen beliebte. Während die Mannschaft an Bord blieb, fuhren sie ans Land, wenn es ihnen einfiel. Daher stammte denn auch die natürliche Neigung der Neugierigen, ihnen zu folgen, ihnen zu schmeicheln, sie auszufragen. Doch Pointe Pescade ließ sich nicht sprechen, wenn er schweigen wollte; wenn er aber sprach, besagte sein Sprechen auch nichts.

»Was ist der Doctor Antekirtt?

– Ein berühmter Arzt. Er heilt alle Krankheiten, selbst die, welche Euch soeben in die andere Welt spedirt haben.

– Ist er reich?

– Er besitzt keinen Kreuzer ... Ich, Pescade bin es, der ihm jeden Sonntag seine Löhnung auszahlt.

– Woher kommt er?

– Aus einem Lande, dessen Namen Niemand kennt.

– Und wo liegt dieses Land?

– Alles, was ich sagen kann, ist, daß es im Norden durch irgend etwas Mächtiges und im Süden durch Nichts begrenzt wird.«

Es war ganz unmöglich, andere Antworten aus dem stets vergnügten Gefährten Kap Matifu's heraus zu bekommen, der stumm wie ein Granitblock blieb.

Wenn nun auch die beiden Freunde den indiskreten Fragen der Reporter aus dem Wege gingen, so unterließen sie es doch nicht, sich unter vier Augen, und zwar häufig über ihren neuen Herrn zu unterhalten. Sie hatten ihn schon liebgewonnen und liebten ihn sehr. Ihre stete Sorge war es, ihm ihre Ergebenheit zu beweisen. Zwischen ihnen und dem Doctor bestand eine Art Wahlverwandtschaft, eine Zusammengehörigkeit, die sie von Tag zu Tag enger aneinander knüpfte.

An jedem Morgen hofften sie in des Doctors Zimmer gerufen zu werden und dort die Worte zu hören:

»Ich bedarf Eurer, Freunde.«

Aber zu ihrem großen Verdruße geschah nichts derartiges.

– Ob das wohl noch lange so fortgehen wird? fragte eines Tages Pointe Pescade. Es ist hart, zum Nichtsthun verurtheilt zu sein, namentlich wenn man dazu nicht erzogen worden ist, mein Kap.

– Ja, meinte der Herkules und betrachtete sorgfältig seine enormen, den Zugstangen der in Ruhe versetzten Maschinen ähnlichen Muskeln, meine Arme werden steif.

– Sag mal, Kap Matifu ...

– Was soll ich Dir sagen, Pointe Pescade?

– Weißt Du, was ich vom Doctor Antekirtt halte?

– Nein, aber sage mir Deine Gedanken, Pointe Pescade, vielleicht verhelfen sie mir zu einer Antwort.

– Nun gut, daß es in seiner Vergangenheit Dinge gibt, Dinge ... Man sieht das nämlich seinen Augen an, die mitunter Blitze werfen, als wollten sie Jemand blenden ... Und an dem Tage, an dem der Donner losbrechen wird ...

– Wird es einen großen Krach geben?

– Ja, Kap Matifu, es wird einen Krach geben ... und Arbeit; ich denke mir nämlich, daß wir dann nicht unnütz herumstehen werden.«

Pointe Pescade sprach nicht ohne Grund in dieser Weise. Obwohl die größte Ruhe an Bord des Schooners herrschte, hatte der umsichtige Jüngling doch Manches gesehen, was ihm zu denken gab. Daß der Doctor nicht ein einfacher Reisender war, der auf seiner Vergnügungsyacht das Mittelmeer durchstreifte, war klar. Die »Savarena« konnte nur ein Centrum für die vielen Fäden sein, die in der Hand ihres Eigenthümers vereinigt lagen.

Briefe und Depeschen kamen nämlich fast aus allen Ecken und Enden dieses herrlichen Meeres, dessen Fluthen die Küsten so vieler verschiedener Länder, Frankreichs, Spaniens ebenso wie diejenigen von Marokko, Algerien und Tripolis, bespülen. Wer sandte obige? Jedenfalls Correspondenten des Doctors, welchen Angelegenheiten anvertraut waren, deren Bedeutung nicht mißzuverstehen war; weniger wahrscheinlich war es, daß diese Nachrichten von Patienten des Doctors herrührten, die auf schriftlichem Wege den berühmten Doctor consultirten.

Selbst im Telegraphenbureau von Ragusa konnte man schwerlich den Sinn dieser Depeschen erfassen, denn sie waren in einer unbekannten Sprache, deren Zeichen nur dem Doctor verständlich waren, abgefaßt. Und wäre selbst diese Sprache zu verstehen gewesen, was hätte man schon aus solchen Phrasen, wie die folgenden, herauslesen können.

 

»Almeira: Man glaubte, Z. R. auf der Spur zu sein. – Falsche, jetzt verlassene Fährte.«

»Den Correspondent von H. V. 5 wiedergefunden. – Verbunden mit Truppe von K. 3, zwischen Catania und Syrakus. Zur Verfolgung.«

»In dem Manderaggio, La Valette, Malta habe ich das Passiren von T. K. 7 festgestellt.«

»Cyrene ... Erwarten neue Befehle ... Flotille von Antek ... bereit. Electric 3 bleibt Tag und Nacht unter Druck.«

»R. O. 3. Seitdem im Gefängniß verstorben. – Beide verschwunden.«

 

Ein anderes Telegramm brachte mit Hilfe einer verabredeten Zahl folgende genauere Nachricht:

 

»2117. Sarc. Früher Handelsmakler ... In Diensten Toronth. – Beziehungen mit Tripolis von Afrika unterbrochen.«

Auf die meisten dieser Depeschen ging von der »Savarena« folgende gleichlautende Antwort ab:

»Recherchen fortsetzen. Sparet weder Geld noch Mühe. Sendet neue Beweisstücke.«

Hier existirte also ein Austausch von Schriftstücken, deren unbegreiflicher Inhalt den ganzen schiffbaren Theil des Mittelmeeres in den Kreis ihrer Beobachtung zu ziehen schienen. Der Doctor war also doch nicht so unbeschäftigt, wie es den Anschein hatte. Aller Verschwiegenheit im Amte zum Trotze konnte dieser Depeschenwechsel nur schwer vor der Oeffentlichkeit geheim gehalten werden. Die Neugier betreffs der räthselhaften Persönlichkeit des Doctors verdoppelte sich also.

Einer der am meisten Vexirten aus den besseren Gesellschaftskreisen Ragusas war der einstmalige Bankier von Triest. Silas Toronthal hatte, wie man sich noch erinnern wird, wenige Augenblicke nach der Ankunft der »Savarena« den Doctor Antekirtt auf dem Quai von Gravosa angetroffen. Während dieses Zusammentreffens hatte sich auf der einen Seite ein lebhaftes Gefühl des Widerwillens, auf der anderen ein nicht weniger großes der Neugierde bemerkbar gemacht; doch bis zu dieser Stunde hatten die Umstände es dem Bankier nicht ermöglicht, letztere befriedigen zu können.

In Wahrheit hatte die Anwesenheit des Doctors einen eigenthümlichen Eindruck auf Silas Toronthal ausgeübt, den er sich selbst nicht erklären konnte. Was man sich von Ersterem in Ragusa erzählte, das Incognito, mit dem er sich umhüllte, die Schwierigkeit, bei ihm vorgelassen zu werden, hatte in Silas Toronthal den Wunsch lebhaft werden lassen, ihn wiederzusehen. Er hatte sich zu diesem Zwecke mehrfach nach Gravosa begeben. Dort pflegte er vom Quai aus den Schooner zu betrachten, vor Begierde brennend, an Bord desselben zu gelangen. Eines Tages hatte er sich sogar nach der Yacht übersetzen lassen, aber ebenfalls die unvermeidliche Antwort des Steuermannsgehilfen erhalten:

»Doctor Antekirtt ist nicht zu sprechen.«

Die Folge war, daß Silas Toronthal in einen Zustand sich steigernder Erbitterung gerieth gegenüber dem Geheimniß, das er nicht zu ergründen wußte.

Der Bankier faßte deshalb den Plan, den Doctor auf eigene Rechnung ausspioniren zu lassen. Er gab einem Agenten, den er als zuverlässig kannte, den Auftrag, Schritte und Wege des geheimnißvollen Reisenden zu beobachten, selbst wenn dieser sich darauf beschränkte, nur Gravosa oder seine Umgebung zu besuchen.

Man kann sich also die Unruhe vorstellen, die Silas Toronthal befiel, als er hörte, daß der alte Borik eine Unterredung mit dem Doctor gehabt hatte, und daß dieser am folgenden Tage der Frau Bathory einen Besuch abstattete.

»Was mag das nur mit diesem Manne auf sich haben?« fragte er sich unablässig.

Was konnte übrigens der Bankier in seiner jetzigen Stellung zu fürchten haben? Innerhalb der letzten fünfzehn Jahre war nichts von seinen einstigen Umtrieben laut geworden. Trotzdem mußte ihn Alles, was sich auf die Familie derjenigen bezog, welche er verrathen und verkauft hatte, beunruhigen. Wenn auch die Reue sein Gewissen nicht bedrückte, die Furcht schlich sich doch oft bei ihm ein und der Schritt, den dieser unbekannte, durch seinen Ruf und sein Vermögen mächtige Doctor gethan hatte, war ganz dazu angethan, ihm jede Ruhe zu nehmen.

»Was mag das nur mit dem Manne auf sich haben?« sagte er wiederholt. »Was mag er in Ragusa, in dem Hause der Frau Bathory zu suchen haben? ... Ist er dorthin als Arzt gerufen worden? ... Was mag sie mit ihm gemein haben?«

Er fand keine befriedigende Antwort auf diese Fragen. Was Silas Toronthal etwas beruhigte, war, daß er nach sorgfältiger Beobachtung die Gewißheit erhielt, daß der Frau Bathory gemachte Besuch nicht wiederholt wurde.

Der Entschluß des Bankiers, mit dem Doctor in Verbindung zu treten, koste es, was es wolle, wurde demnach immer hartnäckiger erwogen. Dieser Gedanke beherrschte ihn Tag und Nacht. Er mußte dieser Qual ein Ende machen. Das überreizte Gehirn spiegelte ihm vor, daß er seine Ruhe nur wiederfinden könnte, wenn er den Doctor Antekirtt wiedergesehen, sich mit ihm unterhalten, die Gründe seines Aufenthaltes in Gravosa kennen gelernt haben würde. Er suchte eifrig nach einer Gelegenheit zur Herbeiführung einer Begegnung.

Endlich glaubte er das Richtige gefunden zu haben. Seit einigen Jahren bereits litt Frau Toronthal an einer abzehrenden Krankheit, gegen welche die Aerzte in Ragusa kein Mittel kannten. Trotz ihrer Bemühungen und trotz der Pflege, mit welcher ihre Tochter sie umgab, siechte die Dame sichtlich dahin, ohne daß sie bettlägerig wurde. Lag diesem Zustande eine moralische Ursache zu Grunde? Vielleicht, doch Niemand konnte dahinterkommen. Der Bankier allein konnte wissen, ob seine Frau, die ja seine ganze Vergangenheit kannte, nicht vielleicht einen unüberwindlichen Abscheu vor einer Existenz hegte, die ihr nur Schrecken verursachen konnte. Jedenfalls bot das Auftreten der Krankheit bei der von den Aerzten der Stadt fast aufgegebenen Frau Toronthal dem Bankier die beste Gelegenheit, mit dem Doctor in Verbindung zu kommen. Es war zu erwarten, daß dieser einer erbetenen Consultation, einem Besuche, wäre es auch nur aus Nächstenliebe, nicht aus dem Wege gehen würde.

Silas Toronthal schrieb also einen Brief, den er durch einen seiner Leute nach der »Savarena« befördern ließ. »Er würde sich glücklich schätzen,« schrieb er in demselben, »die Ansicht eines Arztes von so unbestreitbarem Verdienste zu vernehmen.« Dann bat er, zugleich mit der Entschuldigung wegen der Störung, die sein Anliegen in das zurückgezogene Leben des Doctors bringen mußte, »ihm den Tag anzeigen zu wollen, an dem er ihn im Hotel am Stradone erwarten dürfte.

Als am folgenden Tage der Doctor diesen Brief empfing, dessen Aufschrift er zuerst betrachtete, zuckte nicht ein Muskel in seinem Gesicht. Er las ihn bis zur letzten Zeile, aber nichts verrieth, welcher Natur seine Ueberlegung war, die durch den Brief in ihm wachgerufen wurde.

Welche Antwort war hier die richtige? Sollte er die ihm gebotene Gelegenheit, in das Haus Toronthal's zu dringen, benützen und sich mit der Familie des Bankiers in Verbindung setzen? Konnte andererseits die Art und Weise, wie er das Haus des Bankiers betreten würde, selbst in seiner Stellung als Arzt, ihm genehm sein?

Der Doctor schwankte nicht. Er warf nur wenige Worte auf das Papier, welches dann dem Diener Toronthal's eingehändigt wurde. Dieselben lauteten:

»Doctor Antekirtt bedauert, seine Sorgfalt Frau Toronthal nicht widmen zu können. Er ist kein europäischer Arzt.«

Weiter nichts.

Als der Bankier diese lakonische Antwort erhielt, zerknitterte er das Briefpapier mit der Geberde lebhaften Unwillens. Es war mehr als augenscheinlich, daß der Doctor nicht in Verbindung mit ihm zu treten wünschte. Die Absage ließ deutlich genug durchschimmern, daß diese eigenartige Persönlichkeit ihren unwiderruflichen Entschluß bereits gefaßt hatte.

»Und wenn er selbst kein europäischer Arzt ist, sagte er bei sich, »warum wollte er es für Frau Bathory sein ... vorausgesetzt, daß er sich als Doctor bei ihr eingeführt hat? ... Was hätte er auch sonst dort zu thun? ... Was können die Beiden miteinander haben?«

Diese Ungewißheit folterte Silas Toronthal, dessen ruhiges Leben durch die Anwesenheit des Doctors in Gravosa vollständig in Unordnung gerathen war und voraussichtlich so lange gestört blieb, als die »Savarena« im Hafen ankerte. Er sagte übrigens seiner Frau und seiner Tochter nichts von dem erfolglosen Schritte, den er gethan. Er zog es vor, das Geheimniß seiner sehr begründeten Unruhe für sich zu behalten, hörte aber nicht auf, den Doctor auch ferner überwachen zu lassen, um über alle Schritte unterrichtet zu sein, die dieser von Gravosa nach Ragusa noch machen würde.

Schon am nächsten Tage gab ihm ein neuer Vorfall Grund zu nicht weniger ernster Besorgniß.

Peter Bathory war entmuthigt von Zara zurückgekehrt. Er hatte sich nicht betreffs der ihm angebotenen Stellung einigen können, welche die Leitung eines bedeutenden metallurgischen Hüttenwerkes in der Herzegowina betraf.

»Die Bedingungen waren nicht annehmbar, begnügte er sich seiner Mutter zu sagen.

Frau Bathory sah den Sohn an, wollte aber nicht fragen, weshalb die Bedingungen nicht annehmbar waren. Dann überreichte sie ihm den während seiner Abwesenheit für ihn eingelaufenen Brief.

Es war derselbe durch den Doctor Antekirtt Peter Bathory aufforderte, zu ihm an Bord der »Savarena« zu kommen, um sich mit ihm über eine Angelegenheit zu unterhalten, deren Kenntniß für ihn gewiß von Interesse sein würde.

Peter Bathory reichte den Brief seiner Mutter. Dieses vom Doctor ausgehende Anerbieten konnte sie nicht überraschen.

»Ich war darauf gefaßt, sagte sie.

– Sie erwarteten diesen Vorschlag, Mutter? fragte der über diese Antwort nicht wenig erstaunte junge Mann.

– Ja, Peter. Der Doctor Antekirtt war während Deiner Abwesenheit bei mir.

– Wissen Sie, wer dieser Mann ist, von dem man seit Kurzem in Ragusa so viel spricht?

– Nein, mein Sohn. Doctor Antekirtt kannte Deinen Vater, er war ein Freund des Grafen Sandorf und Zathmar und führte sich als solcher bei mir ein.

– Welche Beweise hat Ihnen dieser Doctor gegeben, Mutter, daß er wirklich der Freund meines Vaters gewesen ist?

– Keine! erwiderte Frau Bathory, die nicht von der Übersendung der hunderttausend Gulden sprechen wollte, was der Doctor vor dem jungen Manne ebenfalls geheim halten sollte.

– Und wenn er irgend ein Schleicher, ein Spion, ein Agent Oesterreichs ist? fragte Peter Bathory.

– Du wirst ihn richtig beurtheilen, mein Sohn.

– Sie rathen mir also zu ihm zu gehen?

– Ja, ich rathe es Dir. Man darf einen Mann nicht bei Seite schieben, welcher auf Dich die ganze Freundschaft, die er für Deinen Vater gefühlt, übertragen will.

– Was hat er aber in Ragusa zu suchen? Welche Absichten führen ihn in unser Land?

– Vielleicht denkt er daran, hier irgend etwas zu erwerben, erwiderte Frau Bathory. Er gilt für ungeheuer reich und es ist möglich, daß er Dir eine Deiner würdige Stellung anbieten will.

– Ich werde zu ihm gehen, liebe Mutter, und hören, was er will.

– Gehe noch heute zu ihm, mein Sohn, und statte ihm gleichzeitig den Besuch ab, den ich ihm schuldig bleiben muß.«

Peter Bathory umarmte die Mutter. Er drückte sie lange an seine Brust. Ein Geheimniß schien ihn zu bedrücken, das er nicht zu offenbaren wagte. Konnte es in seinem Herzen etwas Schmerzliches, Gewichtiges geben, das er seiner Mutter nicht anvertrauen durfte?

»Mein armes Kind,« sagte Frau Bathory unhörbar.

Es war in der ersten Stunde Nachmittags, als Peter den Stradone hinab nach dem Hafen von Gravosa ging.

Als er am Hause Toronthal's vorüberging, blieb er einen Augenblick stehen, nur einen Augenblick. Seine Blicke schweiften zu einem der runden Pavillons hinüber, dessen Fenster sich nach der Straße öffneten. Die Vorhänge waren heruntergelassen. Wenn das Haus unbewohnt gewesen wäre, hätte es auch nicht verschlossener erscheinen können.

Peter Bathory nahm seinen Marsch, den er eher verlangsamt als unterbrochen hatte, von Neuem auf. Seine Bewegungen entgingen aber nicht den Blicken einer Frau, die auf dem jenseitigen Bürgersteige des Stradone auf und ab ging.

Sie war eine hochgewachsene Person. Ihr Alter? ... Zwischen vierzig und fünfzig Jahre. Ihr Schritt? ... Gemessen, fast mechanisch, als wäre Alles an ihr aus einem Stück. Diese Fremde – daß sie es war ließ sich leicht an ihren braunen, dichtgelockten Haarflechten und ihrem marokkanischen Teint erkennen – war in einen dunkelfarbigen Mantel gehüllt, dessen Kapuze über das mit Zechinen geschmückte Haupt gezogen war. War es eine Zigeunerin, ein Wesen egyptischer oder indischer Abstammung? Man hätte es mit Bestimmtheit nicht sagen können, da so viele Typen sich ähneln. Jedenfalls aber bat sie nicht um Almosen und hätte wahrscheinlich auch keine angenommen, wenn man sie ihr gereicht haben würde. Sie war da, um auf eigene Rechnung oder im Auftrage eines Anderen zu überwachen und auszuspioniren, sowohl was im Hause Toronthal als auch in der Marinella-Straße vor sich ging.

Sobald sie den jungen Mann gesehen hatte, der durch den Stradone auf Gravosa zu weiterging, folgte sie ihm so, daß sie ihn nicht aus den Augen verlieren konnte, doch auch so geschickt, daß ihr Geleit nicht auffällig wurde. Peter Bathory war auch viel zu sehr in Gedanken versunken, als daß er hätte bemerken können, was hinter ihm vorging. Als er vor dem Hotel Silas Toronthal's seinen Schritt verlangsamte, that sie es ebenfalls. Als er weiterschritt, folgte sie ihm, indem sie ihre Schritte nach den seinigen regelte.

An der ersten Umwallung Ragusas angelangt, durchschritt Peter Bathory dieselbe schnell, entfernte sich aber dadurch nicht von der Fremden. Jenseits des Ausfallthores fand sie ihn auf der Straße nach Gravosa wieder und ging in einer Entfernung von zwanzig Schritt durch die mit Bäumen bepflanzte Nebenallee hinter ihm her.

Zu derselben Zeit fuhr Silas Toronthal im offenen Wagen nach Ragusa zurück. Er mußte sich also nothwendigerweise mit Peter Bathory unterwegs kreuzen.

Als die Marokkanerin Beide sah, blieb sie stehen. Sie glaubte vielleicht, daß Einer sich dem Anderen nähern würde. Ihr Blick entzündete sich und sie suchte hinter einem dicken Baume Schutz. Wenn selbst die zwei Männer mit einander sprachen, wie hätte sie es hören sollen?

Doch geschah nichts derartiges. Silas Toronthal hatte Peter Bathory in einer Entfernung von zwanzig Schritt sich nähern gesehen. Diesmal antwortete er ihm nicht einmal mit einem Gruße von oben herab, wie auf dem Quai von Gravosa in Begleitung seiner Tochter, wo er sich schon dazu bequemen mußte. Er wandte in dem Augenblicke, als der junge Mann den Hut zog, den Kopf fort und sein Wagen trug ihn schnell nach Ragusa hinein, an Peter vorüber.

Die Fremde hatte nichts von dieser Scene verloren: ein Lächeln huschte über ihr unempfängliches Gesicht.

Peter Bathory, ersichtlich mehr betrübt als irritirt von der Handlungsweise des Bankiers, ging langsameren Schrittes, ohne sich umzublicken, weiter.

Die Marokkanerin folgte ihm in einiger Entfernung; man hätte zwischen ihren Lippen in arabischer Sprache die Worte vernehmen können:

»Es ist Zeit, daß er kommt.«

Eine Viertelstunde später langte Peter auf dem Quai von Gravosa an. Er blieb einige Augenblicke stehen, um die elegante Yacht zu betrachten, deren Wimpel an der Spitze des Großmastes in der schwachen Meerbrise sich kaum entfaltete.

»Woher mag dieser Doctor Antekirtt stammen? fragte er sich. Die Flagge ist mir unbekannt.«

Er wandte sich an einen auf dem Quai umherwandelnden Seemann mit der Frage:

»Kennen Sie jene Flagge, mein Freund?«

Der Seemann kannte sie auch nicht. Alles, was er ihm sagen konnte, war, daß die Yacht aus Brindisi gekommen war und daß ihre von der Hafenbehörde gemusterten Papiere in Ordnung waren. Da die Yacht als ein Vergnügungsfahrzeug angemeldet war, so hatte die Behörde das Incognito respectirt.

Peter Bathory rief ein Boot an und ließ sich an Bord der »Savarena« bringen, während die äußerst überraschte Marokkanerin ihn sich entfernen sah.

Bald darauf betrat der junge Mann das Deck des Schooners und fragte nach dem Doctor Antekirtt.

Der Befehl, der jeden Fremden von dem Betreten der »Savarena« ausschloß, schien für ihn nicht vorhanden zu sein. Der Quartiermeister gab ihm zur Antwort, daß sich Doctor Antekirtt auf seinem Zimmer befände.

Peter Bathory gab seine Karte ab und bat zu fragen, ob der Doctor ihn empfangen würde.

Ein Matrose ging mit derselben die Treppe hinunter, die zu den hinteren Salons führte.

Eine Minute später kehrte der Matrose mit der Meldung zurück, daß der Doctor Herrn Peter Bathory erwarte.

Der junge Mann wurde sofort in den Salon geleitet, in dem ein durch die leichten Vorhänge an den Luken verursachtes Halbdunkel vorherrschte. Als er an der Thür anlangte, deren beide Flügel offen standen, wurde er von dem vollen Lichte, das aus den Spiegelgläsern an der Decke zurückstrahlte, getroffen.

Doctor Antekirtt saß in dem dunkleren Theile des Gemaches auf einem Divan. Er fühlte beim Eintritt des Sohnes von Stephan Bathory sich lebhaft überrascht, was Peter allerdings nicht bemerken konnte; ebenso konnte er die Worte nicht hören, die über des Doctors Lippen drangen:

»Ganz er ...! Ganz sein Ebenbild!«

Peter Bathory ähnelte seinem Vater in der That augenfällig; anders konnte dieser im Alter von zweiundzwanzig Jahren auch nicht ausgesehen haben: dieselbe Willenskraft blickte aus den Augen, derselbe Adel der Haltung, derselbe Blick, bereit, sich für das Gute, Wahre, Schöne zu begeistern.

»Ich freue mich, Herr Bathory, sagte der Doctor, indem er sich erhob, daß Sie meiner an Sie gerichteten Aufforderung gefolgt sind.«

Und auf eine einladende Bewegung hin nahm Peter ihm gegenüber auf der anderen Seite des Salons Platz.

Der Doctor hatte sich der ungarischen Sprache bedient, weil er wußte, daß Peter Bathory ihrer mächtig war.

»Ich würde hergekommen sein, antwortete Peter, um Ihnen, Herr Doctor, den Besuch zu erwidern, den Sie meiner Mutter gemacht haben, selbst wenn Sie mich nicht aufgefordert hätten, zu Ihnen an Bord zu kommen. Ich weiß, daß Sie einer der unbekannten Freunde sind, denen das Andenken meines Vaters und der mit ihm zusammen gestorbenen zwei Vaterlandsfreunde heilig ist. Ich danke Ihnen herzlich dafür, daß Sie ihm einen Platz in Ihrer Erinnerung bewahrt haben.«

Peter Bathory konnte, als er die ferne Vergangenheit heraufbeschwor, von seinem Vater und dessen Freunden, den Grafen Mathias Sandorf und Ladislaus Zathmar sprach, seine Rührung nicht unterdrücken.

»Ich bitte um Verzeihung, Herr Doctor, sagte er. Wenn ich daran denke, was sie gethan haben, so kann ich nicht ...«

Fühlte er wirklich nicht, daß Doctor Antekirtt noch bewegter als er selbst war und daß er nur deshalb nicht gleich antwortete, um nicht zu zeigen, was in seinem Innern vorging?

»Herr Bathory, sagte er endlich, ich habe Ihrem ganz natürlichen Schmerze nichts zu vergeben. Sie sind auch Ungar von Geburt und welcher Sohn seines Vaterlandes wäre so entartet, daß er sich von solchen Erinnerungen nicht schmerzlich bewegt fühlen würde. Damals, vor fünfzehn Jahren – ja, fünfzehn Jahre sind es bereits her – waren Sie noch sehr jung. Sie können kaum behaupten, daß Sie Ihren Vater gekannt haben und die Ereignisse, an denen er betheiligt war.

– Meine Mutter ist, sozusagen, seine zweite Hälfte, Herr Doctor, antwortete Peter Bathory. Sie hat mich in dem Glauben an denjenigen erzogen, den sie noch jetzt beweint. Alles, was er versucht, was er gethan hat, sein ganzes Leben voll Ergebenheit für die Seinigen, voll Patriotismus für sein Land, ich kenne es durch sie. Als mein Vater starb, war ich erst acht Jahre alt, doch scheint es mir, als lebe er noch immer, da er mir in meiner Mutter neu entstanden ist.

– Sie lieben Ihre Frau Mutter, wie sie geliebt zu werden verdient, Herr Peter Bathory, sagte der Doctor, und wir, wir verehren sie als die Witwe eines Märtyrers.«

Peter dankte dem Doctor für die Gefühle, die er ausgesprochen. Sein Herz schlug ihm hörbar und er bemerkte selbst nicht, daß der Doctor mit einer ersichtlichen, natürlichen oder beabsichtigten, Kälte sprach, welche den Kern seines Wesens zu bilden schien.

»Darf ich fragen, ob Sie meinen Vater persönlich gekannt haben, Herr Doctor? begann Peter Bathory von Neuem.

– Ja, Herr Bathory, erwiderte der Doctor mit leisem Zögern, doch habe ich ihn nur gekannt, wie ein Student einen Professor kennt, der eine der Zierden der ungarischen Universitäten gewesen ist. Ich habe meine medicinischen und physikalischen Studien in Ihrem Vaterlande durchgemacht. Ich war der Schüler Ihres Vaters, trotzdem er nur vielleicht zwölf Jahre älter war als ich. Ich lernte ihn schätzen, lieben, denn ich fühlte in seinen Lehren schon das vibriren, was er später als glühender Patriot gethan hat und ich verließ ihn erst in dem Augenblick, als ich mich anschickte, in fremden Ländern meine in Ungarn begonnenen Studien zu vollenden. Kurz darauf mußte Professor Stephan Bathory seinen für gerecht und edel erkannten Ideen seine Stellung opfern, ohne daß irgend welche Privatinteressen im Stande gewesen wären, ihn vom Wege der Pflicht abzulenken. Er verließ Preßburg, um sich in Triest niederzulassen. Ihre Frau Mutter hat ihm mit Rathschlägen und liebender Sorgfalt in den Tagen der Prüfung zur Seite gestanden. Sie besaß alle Tugenden der Frau, wie Ihr Vater diejenigen des Mannes besaß. Sie werden mir vergeben, Herr Peter, wenn ich schmerzliche Erinnerungen in Ihnen wachgerufen habe; ich habe es gethan, weil ich voraussetzen durfte, daß Sie nicht zu denen gehören, die derartiges vergessen können.

– Nein, Herr Doctor, nein! rief Peter mit jugendlicher Begeisterung, ebenso wenig wie Ungarn jemals die drei Männer vergessen kann, die sich für dasselbe geopfert haben: Ladislaus Zathmar, Stephan Bathory und den Kühnsten unter ihnen, Mathias Sandorf.

– Wenn er auch der Kühnste war, erwiderte der Doctor, so dürfen Sie mir schon glauben, daß seine beiden Freunde ihm ebenbürtig an Ergebenheit, Opferfreudigkeit und Muth waren. Alle drei haben Anrecht auf die gleiche Achtung. Alle drei haben dasselbe Anrecht, gerächt zu werden!«

Der Doctor schwieg. Er wußte nicht, ob Frau Bathory dem Sohne wiedererzählt hatte, unter welchen Umständen die Verschwörer gefangen genommen worden waren, ob sie vor ihm das Wort Verrath gebraucht hatte. Der junge Mann griff es nicht auf.

Frau Bathory hatte allerdings hierüber geschwiegen. Sie wollte jedenfalls das Leben ihres Sohnes vom Haß freihalten und ihn nicht erst auf falsche Fährten leiten, da Niemand die Namen der Verräther kannte.

Der Doctor hielt sich für den Augenblick zu gleicher Zurückhaltung verpflichtet und stand vom weiteren Verfolgen des Gedankens ab.

Er zögerte aber nicht, zu betonen, daß ohne das gemeine Vorgehen des Spaniers, der die vom Fischer Andrea Ferrato aufgenommenen Flüchtlinge verrieth, Graf Mathias Sandorf und Stephan Bathory voraussichtlich den Nachstellungen der Polizei in Rovigno entgangen wären. Wären sie einmal, gleichviel in welcher Richtung, über die österreichischen Grenzen entkommen, so hätten ihnen gewiß alle Thüren offengestanden.

»Bei mir, setzte er hinzu, hätten sie sicher ein Obdach gefunden, in dem sie stets geborgen gewesen wären.

– In welchem Lande, Herr Doctor? fragte Peter.

– Ich wohnte damals auf Cephalonia.

– Ja, ja! Auf den jonischen Inseln, unter dem Schutze Griechenlands wären sie gerettet gewesen und mein Vater noch am Leben.«

Die Unterhaltung wurde einen Augenblick unterbrochen. Die Gedanken schweiften in die Vergangenheit zurück. Der Doctor begann dann von Neuem:

»Ihre Erinnerungen, Herr Peter, haben Sie etwas der Gegenwart entrückt. Wünschen Sie, daß wir jetzt von etwas Anderem, namentlich von Ihrer eigenen Zukunft, wie ich sie mir denke, sprechen?

– Ich höre, Herr Doctor, sagte Peter. Aus Ihrem Briefe ersah ich, daß es sich bei dem Besuche bei Ihnen vielleicht um meine eigenen Interessen handeln könnte.

– So ist es, Herr Bathory, und da ich wohl weiß, wie groß die Hingebung Ihrer Frau Mutter während der Jugend ihres Sohnes gewesen ist, da ich auch weiß, daß Sie sich derselben würdig gezeigt haben und nach harten Prüfungen nun ein Mann geworden sind ...

– Ein Mann! erwiderte Peter Bathory mit Bitterkeit. Ein Mann, der noch nicht einmal für sich selbst sorgen, geschweige der Mutter zurückerstatten kann, was sie für ihn gethan hat.

– Mag sein, sagte der Doctor, doch tragen Sie nicht die Schuld. Ich weiß genau, wie schwer es ist, sich bei dieser Concurrenz eine Position zu verschaffen, während so viele tüchtige Kräfte um so wenige offene Stellungen ringen. Sie sind Ingenieur?

– Ja, Herr Doctor! Ich habe die Akademie mit diesem Titel verlassen, bin aber ungebunden und habe keine Berechtigung zum Staatsdienste. Ich habe versucht, bei irgend einer industriellen Unternehmung anzukommen, aber bis jetzt, wenigstens in Ragusa nichts gefunden, was mir zusagen könnte.

– Und außerhalb?

– Außerhalb ..., erwiderte Peter Bathory und stockte.

– Ja. Sind Sie nicht vor einigen Tagen behufs Meldung zu einer Stellung nach Zara gereist?

– Man hatte mir allerdings von einer solchen erzählt, die bei einem metallurgischen Unternehmen offen stehen sollte.

– Und diese Stellung?

– Ist mir auch angeboten worden.

– Sie haben sie nicht angenommen?

– Ich glaubte sie ausschlagen zu müssen, weil ich mich endgiltig in der Herzegowina hätte niederlassen müssen.

– In der Herzegowina? Hätte Frau Bathory Sie dorthin nicht begleiten können?

– Meine Mutter wäre mir gewiß überallhin gefolgt, wohin mein Interesse mich zu gehen genöthigt hätte.

– Warum also haben Sie das Angebotene ausgeschlagen? fragte der Doctor eindringlich.

– In der Lage, in der ich mich augenblicklich befinde, Herr Doctor, meinte Peter, verpflichten mich ernsthafte Gründe, Ragusa nicht zu verlassen.«

Der Doctor bemerkte, daß eine gewisse Verlegenheit in dem Wesen Peter Bathory's sich bei dieser Antwort geltend machte. Seine Stimme zitterte bei der Offenbarung dieses Wunsches, stärker gesagt dieses Entschlusses, Ragusa nicht zu verlassen. Es konnte nur ein sehr gewichtiger Grund sein, der ihn veranlaßt hatte, die ihm gemachten Vorschläge von der Hand zu weisen.

– Dann wird auch die Angelegenheit hinfällig, wegen der ich mit Ihnen zu reden hatte, sagte Doctor Antekirtt.

– Es handelt sich um eine Abreise?

– Ja, in ein Land, in dem ich umfangreiche Arbeiten ausführen lassen will. Ich wäre glücklich gewesen, dieselben unter Ihrer Leitung zu wissen.

– Ich bedaure es ebenfalls, Herr Doctor, doch glauben Sie mir wohl, daß ich, nachdem ich einmal den Entschluß gefaßt habe ...

– Ich glaube es, Herr Peter, und bedaure es vielleicht mehr als Sie! Ich hätte mich gefreut, auf Sie die volle Neigung übertragen zu können, welche ich für den Vater gefühlt habe.«

Peter Bathory antwortete nicht. Er litt unsäglich durch einen inneren Kampf. Der Doctor fühlte, daß er sprechen wollte, aber es nicht wagte. Und doch zog etwas Unwiderstehliches Peter Bathory zu diesem Manne hin, der so viel Sympathien für seine Mutter und ihn selbst zeigte.

»Herr Doctor, sagte er mit nicht zu verhehlender Bewegung, glauben Sie nicht, daß es eine Laune oder Eigensinn von mir ist, wenn ich Ihnen absage. Sie haben zu mir als Freund Stephan Bathory's gesprochen. Sie beabsichtigten, Ihre Freundschaft für ihn auf mich zu übertragen. Auch ich fühle für Sie, Herr Doctor, obgleich ich Sie erst seit wenigen Augenblicken kenne. Ja, Herr Doctor, ich fühle für Sie dieselbe Liebe, welche ich für meinen Vater empfunden habe.

– Peter! Mein lieber Junge! rief der Doctor und ergriff die Hand Peter's mit warmem Drucke.

– Ja, Herr Doctor, Ihnen will ich auch Alles sagen. Ich liebe ein junges Mädchen aus dieser Stadt. Doch gibt es zwischen uns Beiden einen Abgrund, denjenigen, der die Armuth vom Reichthume trennt. Ich habe diesen Abgrund nicht sehen wollen und vielleicht hat auch sie nicht an ihn gedacht. So selten ich sie auch am Fenster oder auf der Straße bemerke, so ist das für mich ein Glück, dem ich nicht entsagen kann. Bei der bloßen Idee, daß ich fort von hier muß, und vielleicht auf lange Zeit, werde ich schon schwindlich. Nun, Herr Doctor, begreifen Sie ... und verzeihen mir vielleicht meine Weigerung.

– Ich begreife Sie vollkommen, Peter, sagte Doctor Antekirtt, ich habe Ihnen auch nichts zu verzeihen. Sie haben wohl daran gethan, völlig offen zu mir zu sprechen. Eines nur kann vielleicht die ganze Sachlage ändern. Weiß Ihre Mutter schon, was Sie mir soeben erzählt haben?

– Ich habe mit ihr noch nicht davon gesprochen, Herr Doctor. Ich wagte es nicht, weil sie vielleicht in Anbetracht unserer bescheidenen gesellschaftlichen Stellung mir jede Hoffnung genommen hätte. Vielleicht aber hat sie auch schon errathen und begriffen, worunter ich leide und leiden würde.

– Sie haben mir Ihr Vertrauen bewiesen, lieber Peter, und es war gut so. Das junge Mädchen ist also reich?

– Sehr reich! Zu reich! antwortete der junge Mann. Ja, zu reich für mich.

– Und Ihrer würdig?

– Hätte ich je daran denken können, meiner Mutter eine Tochter zuzuführen, die ihrer nicht werth wäre, Herr Doctor?

– Nun, Peter, vielleicht ist der Abgrund noch zu überbrücken.

– Herr Doctor, zeigen Sie mir nicht eine Hoffnung, die nie erfüllbar sein wird.

– Nie erfüllbar?«

Der Ton, in welchem der Doctor das sagte, verrieth ein so großes Selbstvertrauen, daß Peter Bathory sich wie umgewandelt fühlte, daß er sich mit einem Male als Herr über Gegenwart und Zukunft sah.

»Haben Sie Vertrauen zu mir, Peter! Sie werden es als angemessen betrachten, daß ich, um handeln zu können, den Namen des jungen Mädchens erfahren muß.

– Warum sollte ich ihn Ihnen verhehlen, Herr Doctor? antwortete Peter Bathory. Es ist Fräulein Toronthal.«

Die Gewalt, die sich der Doctor anthun mußte, um bei Nennung dieses verabscheuten Namens ruhig zu bleiben, war diejenige eines Mannes, zu dessen Füßen der Blitzstrahl niederfährt und der kaum zu zittern wagt. Einen Augenblick – einige Secunden nur – blieb er unbeweglich und stumm.

Dann sagte er, ohne daß seine Stimme irgend welche Bewegung verrieth:

»Gut, Peter, gut. Lassen Sie mich über Alles nachdenken. Lassen Sie mich sehen.

– Ich gehe, Herr Doctor, antwortete der junge Mann und drückte die ihm gereichte Hand. Erlauben Sie mir Ihnen zu danken, wie ich meinem Vater gedankt haben würde.«

Peter Bathory verließ den Salon, in welchem der Doctor allein zurückblieb; er stieg auf Deck und dann in sein Boot hinunter, welches ihn an der Falltreppe erwartete. Dieses brachte ihn zurück an den Molo, von wo er die Heimkehr nach Ragusa antrat.

Die Fremde, die auf ihn die ganze Zeit über, so lange er an Bord der »Savarena« geblieben war, gewartet hatte, folgte ihm von Neuem.

Peter Bathory fühlte sich in seinem Innern ungeheuer glücklich. Endlich hatte sein Herz gesprochen! Er hatte sich einem Freunde anvertrauen können, der vielleicht mehr als ein bloßer Freund war. Er genoß einen jener herrlichen Tage, mit deren unverfälschtem Glück das Schicksal auf Erden geizt.

Er konnte heute kaum noch daran zweifeln, daß, als er an einem gewissen Hotel des Stradone vorüberging, an einem Fenster des Pavillons ein Zipfel des Vorhanges sich hob, um ebenso schnell wieder herabgelassen zu werden.

Aber auch die Fremde hatte dieses Manöver gesehen und sie blieb in Folge dessen unbeweglich vor dem Hotel stehen, bis Peter Bathory um die Ecke der Marinella-Straße verschwunden war. Dann begab sie sich zum Telegraphenbureau und sandte eine Depesche ab, die nichts weiter enthielt als:

»Komme!«

Die Adresse dieser Depesche lautete:

»Sarcany, postlagernd, Syrakus, Sicilien.«

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