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Mathias Sandorf. Zweiter Band

Jules Verne: Mathias Sandorf. Zweiter Band - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJules Verne
titleMathias Sandorf. Zweiter Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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VII.
Die Casa Inglese.

Am folgenden Tage, in der ersten Nachmittagsstunde, schickten sich Doctor Antekirtt und Peter Bathory an, den »Ferrato« zu verlassen.

Das Boot nahm die Passagiere wieder auf; doch bevor der Doctor dasselbe bestieg, hatte er erst noch dem Kapitän Köstrik aufgetragen, auf die Ankunft des »Electric 2« Obacht zu geben, die von einem Augenblick zum andern erwartet wurde und dieses Schiff sofort auf die Höhe der Farriglioni, mit anderen Worten der Polyphems-Klippen zu senden. Wenn der Plan gelang, wenn Sarcany oder wenigstens Zirone und Carpena zu Gefangenen gemacht werden konnten, sollte das Eilschiff bereit sein, sie nach Antekirtta zu transportiren, denn dort konnte der Doctor über das Schicksal der Verräther von Triest und Rovigno nach Gefallen bestimmen.

Das Boot stieß ab. In wenigen Minuten standen der Doctor und Peter auf einer der Quaitreppen von Catania. Sie waren nach Art der Bergsteiger gekleidet, die genöthigt sind, eine Temperatur zu ertragen, welche von dreißig Graden über Null, so ist sie am Meeresspiegel, bis zu sieben oder acht Graden unter Null sinkt. Ein von der Section des Alpenclubs, 17 Lincolnstraße, gestellter Führer erwartete sie mit Pferden, die in Nicolosi von Maulthieren abgelöst werden sollten, vortrefflichen Thieren mit sicherem und ausdauerndem Gange.

Die Stadt Catania, deren Breite im Verhältniß zu ihrer Länge eine äußerst mittelmäßige ist, wurde schnell durchritten. Nichts verrieth, daß die kleine Gesellschaft ausgekundschaftet und verfolgt wurde. Sobald sie die Straße nach Belvedere eingeschlagen, bewegten sich der Doctor und Peter bereits auf den untersten Abhängen des Aetnastockes, dem die Sicilianer den Namen Mongibello geben, und dessen Durchmesser nicht weniger als fünfundzwanzig Meilen beträgt.

Die Straße läuft natürlich steil und in krummen Linien. Sie macht oft Wendungen, um den Lavaströmen, den Basaltfelsen, deren Verhärtung auf ein Alter von Millionen von Jahren schließen läßt, ausgetrockneten Flußbetten, durch welche das Frühjahr reißende Gewässer strömen läßt, aus dem Wege zu gehen. Diese wilde Gebirgsnatur liegt aber noch inmitten einer üppigen Vegetation: Oliven-, Orangen-, Johannisbrod-, Eschenbäumen, Weinstöcken mit langen Armen, die sich um die nebenstehenden Bäume schlingen. Sie bildet die erste der drei Zonen, zu denen die verschiedenen Abstufungen des Vulcans sich aufbauen, dieses »Feuerofen-Berges«, wie die Phönizier den Berg Aetna nannten, dieses »Nagels der Erde und dieses Pfeilers des Himmels«, wie die Geologen zu einer Zeit ihn bezeichneten, in der es noch keine geologische Wissenschaft gab.

Nach zwei Stunden, während einer einige Minuten langen Pause, welche mehr den Thieren als den Reitern gegönnt werden mußte, konnten der Doctor und Peter zu ihren Füßen die ganze Stadt Catania, die herrliche Nebenbuhlerin von Palermo, erblicken, welche nicht weniger als 85.000 Einwohner zählt. Sie sahen die Flucht ihrer vornehmsten Straßen, die parallel von den Quais auslaufen, die Glocken und Thürme ihrer hundert Kirchen, ihre zahlreichen und malerischen Klöster, ihre sich in einem anspruchsvollen Style des siebzehnten Jahrhunderts gefallenden Häuser und das Ganze eingerahmt von dem prachtvollsten Baumgürtel, den je eine Stadt um ihre Hüften geschlungen hat. Weiter vor dann den Hafen, dem der Aetna selbst natürliche Schutzdämme errichtet hat, nachdem er ihn theilweise während des furchtbaren Ausbruches von 1669 verschüttet hatte, der vierzehn Dörfer und Flecken zerstörte, achtzehntausend Menschenopfer forderte und mehr als eine Milliarde Kubikmeter Lava über die Landschaft ergoß.

Daß der Aetna in unserem Jahrhunderte sich weniger bemerkbar macht, mag daher kommen, weil er jetzt einen gerechten Anspruch auf Ruhe hat. Man zählt seit Beginn der christlichen Zeitrechnung nicht weniger als dreißig Ausbrüche. Daß Sicilien dabei nicht zu Grunde gegangen ist, dankt es seiner soliden Verankerung. Es muß auch berücksichtigt werden, daß der Vulcan sich nicht nur einen einzigen, ununterbrochen thätigen Krater geschaffen hat. Er arbeitet, wie und wann es ihm beliebt. Das Gebirge spaltet sich dort, wo einer seiner Feuerströme gerade hinausdrängt und durch die entstandene Oeffnung strömt die gesammte, in seinen Flanken angesammelte Lavamasse hinaus Diesem Umstande entstammt die große Menge kleiner Vulcane, die Monte-Rossi, ein Doppelgebirge, das sich innerhalb dreier Monate in einer Höhe von hundertsiebenunddreißig Metern aus dem Sande und den Schlacken des Ausbruches von 1669 gebildet hat, die Krater Frumento, Simoni, Stornello, Crisinco; sie ähneln den rings um den Dom einer Kathedrale aufgehängten Glöckchen und haben zu Genossen noch die Krater der Ausbrüche von 1809, 1811, 1819, 1838, 1852, 1865 und 1879, deren Trichter die Flanken des Hauptkegels wie die Zellen die Bienenstöcke durchlöchern.

Nachdem der Flecken Belvedere durchritten war, schlug der Führer einen näheren Pfad ein, um die Straße von Tramestieri und dann diejenige von Nicolosi zu erreichen. Es ist immer noch die erste, cultivirte Zone des Gebirges, welche sich fast bis zu diesem Flecken, also zu einer Höhe von zweitausendeinhundertundzwanzig Fuß erstreckt. Es war ungefähr vier Uhr Nachmittags, als Nicolosi auftauchte, ohne daß die Reisenden irgend ein fatales Abenteuer auf der fünfzehn Kilometer langen Strecke erlebt hätten, welche sie bereits von Catania trennte; sie hatten weder Wölfe noch wilde Schweine zu Gesicht bekommen. Zwanzig Kilometer mußten noch bis zur Casa Inglese zurückgelegt werden.

»Wie lange wollen sich Eure Excellenz hier aufhalten? fragte der Führer.

– So kurze Zeit als möglich, erwiderte der Doctor, so daß wir Abends gegen neun Uhr in der Casa eintreffen können.

– Vielleicht vierzig Minuten?

– Schön, vierzig Minuten.«

Das war eine reichliche Zeit, um einen kräftigen Imbiß in einem der beiden Wirthshäuser des Ortes einnehmen zu können, welche das culinarische Ansehen, in welchem die Locanden Siciliens gemeinhin stehen, ein wenig erhöhen. Das muß zur Ehre der dreitausend Einwohner Nicolosi's, einschließlich der Menge Bettler, die sich dort aufhalten, gesagt werden. Man erhält dort ein Stück Ziegenfleisch, Früchte, Weintrauben, Orangen, Granaten und Wein von San Placido, der in der Umgebung Catania's gewonnen wird; es gibt in Italien sehr viele, bedeutendere Städte als Nicolosi es ist, in denen mancher Hotelier ebensoviel nicht bieten kann und sehr in Verlegenheit käme, wenn man es verlangte.

Noch vor fünf Uhr bestiegen der Doctor, Peter und der Führer ihre Maulesel und die Thiere kletterten durch die zweite Zone, die Waldzone, weiter empor. Die Bäume sind dort durchaus nicht so zahlreich vertreten, wie es der Name besagt, denn auch dort, wie überall, arbeiten die Holzfäller und zerstören die alten, prächtigen Forsten, die bald nur noch eine mythologische Erinnerung ihres einstigen Bestehens bilden werden. Indessen sprossen hier und dort, theils in Gruppen, theils zu Gebüschen vereint, längs der Säume der Lavaströme, auf den Rändern der Abgründe, noch Eichen, Buchen, Feigenbäume mit fast schwarzen Blättern, ferner in einer höheren Luftschicht Tannen, Fichten und Birken. Sogar die Aschenreste erzeugen, wenn sie sich mit Erdreich mischen, breite Büschel von Farrenkräutern, Malven und Eschwurz und bedecken sich mit einem dichten Rasenteppich.

Um acht Uhr Abends befanden sich der Doctor und Peter schon in einer Höhe von dreitausend Meter, die fast die Grenze des ewigen Schnees bildet. Auf den Abhängen des Aetna lagert ein solcher Ueberfluß von Schnee, daß er, ausgebreitet, gut und gern Italien und Sicilien bedecken könnte.

Sie waren jetzt in die Region der schwarzen Lava, der Asche, der Schlacken gekommen, die sich jenseits einer ungeheuren Kluft ausbreitet, in dem riesigen elliptischen Circus des Valle del Bove. Nun galt es die tausend bis dreitausend Meter hohen Klippen zu überwinden, deren Bestandtheile Schichten von Trachyten und Basalten zum Vorschein kommen lassen, gegen welche die Elemente noch nicht ankämpfen konnten.

Vor ihnen erhob sich der eigentliche Kegel des Vulcans, um den hier und da einige Phanerogamen grünende Kreise bildeten. Dieses centrale Höckersystem, das ein ganzes Gebirge für sich bildet – Pelion aus dem Ossa – schließt mit seiner äußersten Spitze in einer Höhe von dreitausenddreihundertsechzehn Metern über dem Meeresspiegel ab.

Dort erzitterte schon der Boden unter ihren Füßen. Schwingungen, hervorgebracht durch die Plutonische Thätigkeit, die unermüdlich den Aetna durchtobt, pflanzten sich unter der Schneedecke fort. Streifen von Schwefeldämpfen, die der Wind aus der Oeffnung des Kraters trieb, wurden mitunter bis zur Basis des Kegels niedergedrückt und ein Schauer von Schlackenstückchen, ähnlich dem weißglühenden Cokes, fielen auf den weißen Teppich herab, auf dem sie zischend verloschen.

Die Luft war bereits eine bitter kalte – mehrere Grade unter Null – und die Schwierigkeit, Athem holen zu können, machte sich bereits in Folge der Verdünnung der Luft sehr fühlbar. Die Bergsteiger mußten sich fest in ihre Reisemäntel hüllen. Ein scharfer Wind, welcher das Gebirge bestrich, führte spitzige Flocken mit sich, die er dem Boden entrissen hatte und welche nun in der Luft umherwirbelten. Von dieser Höhe aus konnte man, unterhalb des feuerspeienden Rachens, in welchem sich ein schnaubendes Flammenmeer bemerkbar machte, andere Krater untergeordneter Gattung überblicken, schmale Schwefelgruben oder düstere Schachte, in deren Innerem unterirdische Feuer glühten. Ein fortwährendes Grollen mit orkanartigem Anschwellen machte sich vernehmbar, so wie es ähnlich ein ungeheurer Dampfkessel von sich geben würde, wenn der überhitzte Dampf die Ventile emporhebt. Ein Ausbruch war aber nicht zu befürchten. Dieser ganze innere Zorn des Berges verrieth sich nur durch das Grollen des obersten Kraters und ein Ausstoßen in den vulcanischen Rachen, welche den Gipfel durchlöcherten.

Die neunte Stunde war angebrochen. Am Himmel erglänzten Milliarden von Sternen, welche die Dünne der Luft in dieser Höhe noch funkelnder erscheinen ließ. Der aufsteigende Mond badete sich im Westen in den Wogen des äolischen Meeres. Auf einem anderen Gebirge, welches keinen thätigen Vulcan in sich barg, wäre diese Ruhe der Nacht eine wahrhaft überwältigende gewesen.

»Wir müssen nun bald an Ort und Stelle sein? fragte der Doctor.

– Dort ist die Casa Inglese,« antwortete der Führer.

Und er wies auf eine Mauerwand, in welche zwei Fenster und eine Thür eingelassen waren, die sein bewanderter Blick in der Entfernung von fünfzig Schritten, das heißt also vierhundertachtundzwanzig Meter unterhalb des Randes des Centralkegels sich vom Schnee abheben sah. Es war das im Jahre 1811 von englischen Officieren auf einem von Lava gebildeten Plateau Namens Piano del Lago errichtete Haus. Gegenwärtig sollen die Arbeiten in Angriff genommen werden, welche die Casa Inglese zu einem Observatorium umgestalten; die Kosten bestreitet die italienische Regierung und der Magistrat von Catania.

Dieses Haus, welches man auch die Casa Etnea nennt, wurde lange Zeit hindurch auf Kosten des Herrn Gemellaro, des Bruders des gelehrten Geologen gleichen Namens, unterhalten, neuerdings war es durch die Bemühungen des Alpenclubs wieder in Stand gesetzt worden. Nicht weit davon starrten durch die Dunkelheit einige Ruinen römischen Ursprunges den Kommenden entgegen; man hat ihnen den Namen »Thurm der Philosophen« gegeben. Von dort hat sich, so behauptet die Sage, Empedokles in den Krater gestürzt. In Wirklichkeit gehört schon eine ganz einzige Dosis von Philosophie dazu, acht Tage an diesem einsamen Orte zuzubringen und man kann sich die That des Philosophen von Agrigent wirklich erklären.

Der Doctor Antekirtt, Peter Bathory und der Führer hatten sich mittlerweile der Casa Inglese zugewendet. Sie klopften an die Thür, die sich ihnen sofort öffnete.

Einen Augenblick später befanden sie sich inmitten ihrer Leute. Diese Casa Inglese besteht nur aus drei Zimmern, die mit Tischen, Stühlen und Küchengeräthschaften ausstaffirt sind; diese Einrichtung genügt indessen den Aetna-Touristen vollständig, die zufrieden sind, wenn sie sich ruhen können, nachdem sie eine Höhe von zweitausendachthundertfünfundachtzig Meter erreicht haben.

Bis jetzt hatte Luigi, in der Furcht, daß die Anwesenheit seines kleinen Streifcorps sich verrathen könnte, kein Feuer anmachen wollen, obwohl die Kälte recht schmerzte. Doch nun war es nicht mehr nöthig, so große Vorsicht anzuwenden, da Zirone ja wußte, daß der Doctor die Nacht in der Casa Inglese zubringen würde. Man häufte darum auf dem Herde eine Handvoll von dem Holze auf, welches sich in der Holzkammer vorfand. Bald hatte eine prasselnde Flamme genügend Wärme und Licht, die bislang fehlten, verbreitet.

Der Doctor nahm Luigi bei Seite und fragte ihn, ob seit des Letzteren Ankunft irgend etwas vorgefallen wäre.

»Nichts! erwiderte Luigi. Ich fürchte nur, daß unsere Anwesenheit hier nicht so geheim mehr ist, als wir es gewünscht haben.

– Und wieso das?

– Weil wir, wenn ich mich nicht irre, von Nicolosi ab von einem Manne verfolgt wurden, der kurz bevor wir die Basis des Kegels erreicht hatten, verschwunden war.

– Das ist in der That bedauerlich, Luigi. Das könnte Zirone vielleicht die Lust nehmen, mich überraschen zu wollen. Und ist seit Anbruch der Nacht Niemand um die Casa Inglese geschlichen?

– Niemand, Herr Doctor, antwortete Luigi. Ich selbst habe vorsichtshalber die Ruinen des Thurmes der Philosophen durchsucht: sie sind völlig leer.

– Wir wollen es abwarten, Luigi, doch soll sich ein Mann stets als Wachposten vor der Thür aufhalten. Man kann eine ziemliche Strecke weit sehen, weil die Luft klar, und es ist von großer Wichtigkeit, daß wir nicht überrascht werden.«

Die Anordnungen des Doctors wurden sofort befolgt und als er auf einer Fußbank vor dem Herde Platz genommen hatte, legten sich seine Leute auf Strohdecken um ihn herum zum Schlafen nieder.

Kap Matifu näherte sich jetzt dem Doctor. Er sah ihn an, wagte aber nicht, zu sprechen. Es war nicht schwer, die Gedanken des Riesen zu errathen.

»Du willst wissen, was aus Pointe Pescade geworden ist? fragte ihn der Doctor. Geduld! ... Er wird in Kurzem wieder bei uns sein, obwohl er jetzt ein Spiel wagt, wobei er unter Umständen aufgehenkt werden kann ...

– An unserem Halse,« setzte Peter rasch hinzu, der Kap Matifu's Besorgnisse über das Schicksal seines kleinen Genossen zerstreuen wollte.

Eine fernere Stunde verging, während deren Verlauf nichts die um den Centralkegel sich ausbreitende lautlose Stille störte. Kein Schatten war vorn auf dem weißen Felde des Piano del Lago aufgetaucht. Peter und der Doctor begannen bereits ungeduldig und sogar unruhig zu werden. Wenn Zirone unglücklicherweise die Gegenwart des kleinen Detachements ausgekundschaftet hatte, so würde er es gewiß niemals wagen, die Casa Inglese anzugreifen. Es wäre ein verfehlter Coup gewesen. Und doch mußte man sich unbedingt dieses Genossen Sarcany's, in Ermangelung von diesem selbst, bemächtigen und ihm seine Geheimnisse entreißen.

Kurz vor zehn Uhr fiel ein Flintenschuß in einer Entfernung von vielleicht einer halben Meile unterhalb der Casa Inglese.

Alle traten in das Freie und hielten Umschau, sie sahen aber nichts Verdächtiges.

»Es war aber ein Flintenschuß, sagte Peter.

– Vielleicht ein Jäger, der auf dem Anstand im Gebirge steht, um Adler oder wilde Schweine zu schießen.

– Wir wollen hineingehen, mahnte der Doctor, um nicht gesehen zu werden.«

Sie thaten es.

Doch zehn Minuten später stürzte der draußen auf Posten stehende Matrose eilig herbei:

»Aufgepaßt! rief er. Ich glaube bemerkt zu haben ...

– Mehrere Menschen? fragte Peter hastig.

– Nein, nur einen einzigen.«

Der Doctor, Peter, Luigi, Kap Matifu gingen an die Thür, paßten aber auf, daß sie nicht aus dem Schatten traten.

In der That kletterte ein Mann, flink wie eine Gemse auf dem alten Lavastrome, der sich auf das Plateau öffnet, empor. Er war allein und nach wenigen weiteren Sprüngen fiel er in zwei sich ihm öffnende Arme, diejenigen Kap Matifu's.

Es war Pointe Pescade.

»Schnell! Schnell in den Versteck hinein, Herr Doctor!« rief er.

Im Augenblick waren Alle in das Innere der Casa zurückgekehrt, deren Thür sich hinter ihnen sofort schloß.

»Und Zirone? fragte der Doctor. Was ist aus ihm geworden? ... Du hast ihn verlassen können?

– Ja! ... Um Sie zu benachrichtigen.

– Kommt er?

– In zwanzig Minuten muß er hier sein.

– Um so besser.

– Nein! Um so schlimmer! ... Ich weiß nicht, wer ihm verrathen hat, daß Sie ein Dutzend Leute voraufgeschickt haben.

– Ohne Zweifel der Bauer, der uns nachgeschlichen ist, rief Luigi.

– Kurz, er weiß es, erwiderte Pointe Pescade, und er hat eingesehen, daß Sie ihm eine Falle gestellt haben.

– Er möge nur kommen, rief Peter.

– Er kommt, Herr Peter! Dem Dutzend in Malta für ihn angeworbener Burschen hat sich der übrige Rest der Bande angeschlossen, die heute Früh in Santa Grotta eingetroffen ist.

– Wie stark ist jetzt die ganze Bande? fragte der Doctor.

– Fünfzig Mann,« antwortete Pointe Pescade.

Die Lage des Doctors und seiner kleinen Truppe, die lediglich aus elf Matrosen, Luigi, Peter, Kap Matifu und Pointe Pescade – sechzehn gegen fünfzig – bestand, wurde jetzt eine sehr bedrohliche. Jedenfalls mußte nun ein schneller Entschluß gefaßt werden, denn ein Angriff konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Doch bevor der Doctor fernere Maßregeln traf, wollte er vor allen Dingen von Pescade hören, was vorgefallen war und dieser erzählte Folgendes.

Am Morgen dieses Tages war Zirone von Catania, wo er die Nacht zugebracht hatte, zurückgekehrt. Er war jedenfalls mit dem Menschen, der in der Villa Bellini herumgelungert hatte, identisch. Als er die Locanda von Santa Grotta betrat, fand er einen Bauern vor, der ihm meldete, daß ein aus verschiedenen Richtungen kommender Trupp in Stärke von einem Dutzend Mann die Casa Inglese besetzt hätte.

Das zu wissen genügte Zirone, um die Situation zu überschauen. Er war es also nicht mehr, der den Doctor Antekirtt in einem Hinterhalt fing, sondern es war der Doctor selbst, vor dem man ihn gewarnt hatte, der ihn aufheben wollte. Pointe Pescade bestand trotzdem darauf, Zirone müsse die Casa Inglese angreifen und versicherte ihm, daß die Malteser leichtes Spiel mit den Leuten des Doctors haben würden. Zirone aber blieb unentschlossen und war noch nicht mit sich darüber einig, was er beginnen sollte. Das Drängen Pointe Pescade's begann ihm nachgerade so verdächtig vorzukommen, daß er Befehl gab, diesen zu überwachen, was Pescador schnell bemerkte. Zirone hätte also ziemlich gewiß es aufgegeben, unter diesen zweifelhaften Umständen sich des Doctors zu bemächtigen, wenn seine Bande nicht in der dritten Nachmittagstunde zu ihm gestoßen wäre. Nun hatte er fünfzig Mann unter seinen Befehlen und er zauderte auch nicht länger; die ganze Bande verließ die Locanda von Santa Grotta und marschirte auf die Casa Inglese zu.

Pointe Pescade sah ein, daß der Doctor und die Seinigen verloren waren, wenn er sie nicht bei Zeiten warnen konnte; sie konnten dann vielleicht noch entschlüpfen oder wenigstens auf der Hut sein. Er wartete also, bis die Bande Zirone's in Sicht der Casa Inglese gekommen sein würde, deren Lage er nicht kannte. Das Licht, welches durch ihre Fenster drang, gestattete ihm, sie in der neunten Abendstunde zu bemerken, trotzdem sie noch zwei Meilen bis an die Abhänge des Kegels zu marschiren hatten. Pointe Pescade stürmte plötzlich in dieser Richtung davon. Ein Flintenschuß, der ihm von Zirone nachgesendet wurde – derselbe, den man in der Casa Inglese gehört hatte – traf ihn nicht. Mit Hilfe seiner clownartigen Gewandtheit befand er sich bald außer Schußweite; auf diese Weise war er der Bande Zirone's um zwanzig Minuten höchstens vorausgeeilt.

Ein Händedruck des Doctors belohnte den kühnen und intelligenten Jungen für seine Erzählung und seine Thaten; dann überlegte man, was zu thun sei.

Die Casa Inglese verlassen, einen Rückzug inmitten der Nacht, über die Abhänge dieses Gebirgsstockes unternehmen, dessen Fußpfade und Zufluchtsorte Zirone und seine Leute genau kannten, hieß sich einer vollständigen Vernichtung aussetzen. Es war hundertmal vortheilhafter, in dem Hause selbst den Tag abzuwarten, sich hier zu verschanzen und zu vertheidigen wie in einem Blockhause. Wenn der Tag erst angebrochen war und es nöthig sein sollte, abzumarschiren, so konnte der Rückzug wenigstens im vollen Tageslichte bewerkstelligt werden und man würde sich nicht der Gefahr auszusetzen haben, blindlings über die Abhänge, durch die Bergstürze und Schwefellager herunterklettern zu müssen. Es wurde also beschlossen, zu bleiben und Widerstand zu leisten. Die Vorbereitungen zur Vertheidigung wurden sofort in Angriff genommen.

Vor allen Dingen mußten die Fenster der Casa geschlossen und ihre inneren Riegel nach Kräften verstärkt werden. Als Schießscharten mußten die offenen Stellen dienen, welche die Dachbalken zwischen sich und ihren Angelpunkten in der Mauer der Façade ließen. Jeder Mann war mit einem Schnellfeuergewehr und fünfzig Patronen ausgerüstet. Der Doctor, Peter und Luigi konnten ihnen mit ihren Revolvern zu Hilfe kommen. Kap Matifu verfügte nur über seine Arme, Pointe Pescade nur über seine Hände. Deshalb waren Beide wahrscheinlich nicht minder gut bewaffnet!

Fast vierzig Minuten verstrichen, ohne daß ein Angriffsversuch unternommen worden wäre. Hatte Zirone, der ja jetzt wissen mußte, daß Pointe Pescade den Doctor Antekirtt gewarnt hatte, und daß dieser nicht mehr zu überraschen war, seine Absichten aufgegeben? Das war indessen nicht anzunehmen, denn die fünfzig Mann, welche unter seinem Befehle standen, und der Vortheil, den ihm die Kenntniß der Ortschaft verschaffte, mußten nothwendigerweise ihm bedeutende Chancen bieten.

Plötzlich gegen elf Uhr trat der wachthabende Matrose hastig ein. Eine Bande Männer nahte heran, die so manövrirte, daß sie die Casa Inglese von drei Seiten einschloß, die vierte Seite des Hauses, die sich an den Berg anlehnte, bot keine Möglichkeit des Entkommens.

Nachdem man Kenntniß von dieser Absicht der Angreifer genommen, wurde die Thür verschlossen, verbarrikadirt und Jeder nahm seinen Posten bei den Lücken der Dachsparren ein mit dem strengen Befehl, die Patronen nicht unnütz zu verschießen.

Währenddessen rückten Zirone und die Seinigen langsam vorwärts; sie gebrauchten die Vorsicht, hinter den Felsen heranzuschleichen, um die First des Piano del Lago zu erreichen. Hier waren ungeheure Blöcke von Trachyt- und Basaltfelsen aufgeschichtet; sie sollten wahrscheinlich dazu dienen, die Casa Inglese vor den Schneewehen im Winter zu bewahren. Hatten die Belagerer erst das Plateau erreicht, so konnten sie bequemer gegen das Haus vorgehen, die Thür und die Fenster eindrücken und dann mit Hilfe ihrer Uebermacht sich des Doctors Antekirtt und seiner Leute bemächtigen.

Plötzlich fiel ein Schuß. Ein leichtes Rauchwölkchen kräuselte zwischen den Dachsparren empor. Ein Mann fiel, zu Tode getroffen. Die Truppe ging sofort einige Schritte zurück und duckte sich hinter die Felsen. Aber allmälig führte Zirone mit Benützung der Terrainunebenheiten seine Leute doch bis an den Fuß des Piano del Lago heran.

Während dieses Vorgehens fielen noch an ein Dutzend Schüsse aus der Verdachung der Casa Inglese – zwei fernere Angreifer wurden damit in den Schnee gestreckt.

Der Sturmruf wurde nun von Zirone ausgestoßen. Unter Aufopferung einiger neuer Verwundeter stürzte die Bande auf die Casa Inglese los. Die Thür wurde von Flintenkugeln durchlöchert und einige auf der Innenseite postirten Matrosen mußten, leicht verwundet, ihre Stellungen aufgeben.

Nun entspann sich ein lebhaftes Gefecht. Mit Hacken und Piken gelang es den Stürmenden, die Thür und das eine der Fenster zu durchbrechen. Ein Ausfall mußte versucht werden, um sie zurückzudrängen, und zwar inmitten des lebhaftesten Feuers beider Parteien. Luigi's Hut wurde von einer Kugel durchbohrt und Peter wäre, ohne die Dazwischenkunft Kap Matifu's von einen Pikenstoß eines Räubers durchbohrt worden. Aber der Hercules paßte auf und mit derselben Pike, welche er dem Manne entrissen hatte, tödtete er diesen auf der Stelle.

Kap Matifu hauste während dieses Ausfalles furchtbar unter den Angreifern. Zwanzig Mal auf das Korn genommen, wurde er doch von keiner Kugel getroffen. Wenn Zirone den Sieg davon trug, war Pointe Pescade schon im Voraus ein Kind des Todes, und dieser Gedanke verdoppelte des Riesen Muth.

Vor einem solchen Widerstande mußten sich die Räuber zum zweiten Male zurückziehen. Der Doctor und seine Leute konnten sich ungehindert in die Casa Inglese zurückziehen und dort sich über ihr ferneres Verhalten schlüssig machen.

»Wieviel Munition ist noch vorhanden? fragte er.

– Zehn bis zwölf Patronen für den Mann, antwortete Luigi.

– Und wie spät ist es?

– Kaum Mitternacht.«

Also in vier Stunden erst brach der Tag an. Mit der Munition mußte also sehr sparsam umgegangen werden, damit der Rückzug am Morgen unter dem Schutze der Waffen erfolgen konnte.

Doch wie einen neuen Sturm, wie die Erstürmung der Casa Inglese verhindern, wenn Zirone und seine Bande sich noch einmal näherten?

Und das geschah in der That nach einer viertelstündigen Pause, während welcher sie ihre Verwundeten in den Schutz eines Lavastromes zurückgeschleppt hatten, durch dessen Fluß eine Art verschanzten Lagers gebildet wurde.

Dann überklimmten die durch einen so energischen Widerstand und durch den Anblick ihrer fünf bis sechs kampfunfähig gemachten Kameraden wüthend gemachten Räuber die Lava, sie durchmaßen den Zwischenraum, der sie von dem Basaltwalle trennte und tauchten wieder auf der Plateaufläche auf.

Nicht einen Schuß feuerte man in der Casa ab, während sie bis hierher vordrangen. Zirone folgerte daraus mit Recht, daß die Munition den Belagerten auszugehen drohte.

Er spornte seine Bande an. Der Gedanke, sich der Person eines hundertfachen Millionärs bemächtigen zu können, war ganz dazu angethan, diese Bösewichter der schlimmsten Sorte zu entflammen.

So groß war die Wuth, daß sie diesmal den Eingang zur Thür und zum Fenster erzwangen und sie hätten ganz gewiß das Haus erstürmt, wenn nicht eine neue Salve fünf oder sechs Mann getödtet haben würde. Sie mußten bis an den Fuß des Plateaus zurückweichen; doch auch zwei Matrosen waren so schwer verwundet worden, daß sie den Kampf aufgeben mußten.

Vier bis fünf Schuß für den Mann blieben nur noch den Vertheidigern der Casa Inglese. Unter diesen Umständen wurde selbst der Rückzug bei hellem lichten Tage unmöglich. Sie fühlten, daß sie verloren wären, wenn ihnen nicht rechtzeitig Hilfe wurde. Doch woher sollte eine solche Hilfe kommen?

Man konnte unglücklicherweise nicht darauf rechnen, daß Zirone und seine Genossen von ihrem Vorhaben abstehen würden. Es waren ihrer immer noch vierzig Räuber, wohlbewaffnet und unversehrt. Sie wußten, daß man ihre Schüsse bald nicht mehr würde erwidern können und versuchten einen abermaligen Sturm.

Plötzlich rollten enorme Felsblöcke von der Höhe des Plateaus wie die Steine einer Lawine hernieder und zerschmetterten drei Räuber, die ihnen nicht schnell genug ausweichen konnten.

Kap Matifu war es, der die Basaltfelsen heranrollte, um sie von der First des Piano del Lago herabzuwerfen.

Doch dieses Vertheidigungsmittel konnte nicht lange vorhalten. Das Material mußte bald zu Ende gehen. Es hieß also, unterliegen oder Hilfe von draußen herbeiholen.

Pointe Pescade hatte eine Idee, doch wollte er sie dem Doctor nicht mittheilen, weil er fürchtete, dieser würde ihm die Erlaubniß verweigern, sie auszuführen. Er theilte sie daher Kap Matifu mit.

Er wußte aus der Rede, die Benito in der Locanda von Santa Grotta gehalten hatte, daß eine Abtheilung Gensdarmen sich in Cassone befand. Um dorthin zu gelangen, gebrauchte man eine Stunde, eine ebenso lange Zeit zum Rückwege. Sollte es nicht möglich sein, dieses Detachement zu benachrichtigen? Ja, wenn es gelang, sich durch die Belagerer hindurchzustehlen und sich sofort nach Westen in das Gebirge hineinzuschlagen.

»Ich muß durchkommen und ich werde durchkommen, sagte Pointe Pescade zu sich selbst. Zum Teufel! Man ist entweder Clown oder man ist es nicht!«

Und er machte Kap Matifu mit dem Mittel bekannt, welches er zur Herbeiholung von Hilfe in Anwendung bringen wollte.

»Du riskirst aber ..., meinte Kap Matifu bedenklich.

– Ich will es!«

Kap Matifu würde nie gewagt haben, Pointe Pescade zu widersprechen.

Beide gingen einer Stelle, rechts von der Casa Inglese zu, woselbst der Schnee sich in großen Massen aufgethürmt hatte.

Zehn Minuten später, während der Kampf hinüber und herüber tobte, erschien Kap Matifu wieder, er trieb einen mächtigen Schneeball vor sich her. Inmitten der Felsblöcke, welche die Matrosen auf die Stürmenden immer noch herabsandten, rollte auch die Schneemasse den Abhang hinab, sie fuhr durch die Räuberbande und blieb einige fünfzig Schritte weiter unten in einer kleinen Höhlung des Terrains liegen.

Der halb durch den Sturz geborstene Ball öffnete sich vollends und erlaubte einem flinken lebenden, »etwas boshaften Wesen«, wie es von sich selbst sagte, hervorzuschlüpfen.

Pointe Pescade war es. Eingeschlossen in diese Schildkrötenschale von hartem Schnee, hatte er es gewagt, sich den Abhang herunterrollen zu lassen, auf die Gefahr hin, in irgend einen Abgrund zu stürzen. Jetzt war er frei und sprang behend die Fußpfade durch das Gebirge in der Richtung nach Cassone hinab.

Die Uhr zeigte jetzt eine halbe Stunde nach Mitternacht.

Der Doctor, der Pointe Pescade nicht mehr sah, fürchtete schon, er wäre verwundet worden. Er rief nach ihm.

»Fort! sagte Kap Matifu.

– Fort?

– Ja! ... Er will Hilfe holen.

– Wie entkam er?

– Als Schneeball.«

Kap Matifu erzählte, was Pointe Pescade gethan.

»Der tapfere Mensch! rief der Doctor. Muth, Freunde, Muth! ... Sie sollen uns doch nicht bekommen, diese Banditen!«

Und die Steine klapperten weiter auf die Belagerer nieder. Doch dieses neue Vertheidigungsmittel drohte jetzt ebenso auszugehen wie das frühere.

Gegen drei Uhr Morgens mußten der Doctor, Peter, Luigi und Kap Matifu, gefolgt von ihren Leuten, welche die Verwundeten mit sich führten, das Haus räumen, welches nun in die Hände Zirone's fiel. Zwanzig seiner Genossen waren bereits todt und trotzdem war die Uebermacht noch auf seiner Seite. Der Rückzug der kleinen Truppe konnte nur in der Weise bewerkstelligt werden, daß man an den Abhängen des Centralkraters hinaufkletterte, dieser Anhäufung von Lava, Schlacken, Asche, deren Spitze ein Krater bildete, das heißt ein unergründlicher, feuerspeiender Abgrund.

Dort hinauf zogen sich Alle zurück, die Verwundeten wurden natürlich mitgenommen. Von den dreihundert Metern, welche der Kegel mißt, durchmaßen sie zweihundertundfünfzig inmitten der Schwefeldämpfe, welche der Wind ihnen in das Gesicht blies.

Der Tag begann bereits heraufzudämmern und schon zeichneten sich die Umrisse der calabrischen Gebirge mit leuchtenden Farben oberhalb der östlichen Küste der Meerenge von Sicilien ab.

Doch in der Lage, in welcher sich der Doctor mit seiner Schaar befand, bot selbst der Tag keine Aussicht auf ein glückliches Entkommen mehr. Immer weiter mußte man sich zurückziehen, die Hügel bis an ihre äußersten Grenzen erklettern und die letzten Felsstücke versenden, was Kap Matifu mit einer fast übermenschlichen Kraft besorgte. Sie mußten sich wiederholt verloren geben, wenn die Flintenkugeln an die Basis des Kegels klatschten.

Plötzlich ein Augenblick der Unentschlossenheit in den Reihen der Banditen. Bald darauf stürzt Alles, was nur fliehen kann, die Abhänge herunter.

Sie hatten die Gensdarmen, die von Cassone heraufkamen, Pointe Pescade an ihrer Spitze, erkannt.

Der muthige Mensch hatte es nicht nöthig gehabt, bis in die Stadt selbst zu eilen. Die Gensdarmen, welche das Gewehrfeuer vernommen hatten, waren bereits unterwegs gewesen. Pointe Pescade hatte sie nur zur Casa Inglese zu führen gehabt.

Nun hatten der Doctor und die Seinigen die Oberhand. Kap Matifu, als ob er für seine Person allein schon eine Lawine gewesen wäre, sprang auf die Nächsten zu und erwürgte zwei, die nicht mehr Zeit hatten, zu entfliehen. Dann stürzte er auf Zirone zu.

»Bravo, mein Kap, Bravo! rief Pointe Pescade, der herbeigekommen war. Werf' ihn! ... Laß' ihn die Erde mit den Schultern küssen! ... Der Zweikampf zwischen Zirone und Kap Matifu, meine Herren!«

Zirone hörte diese Worte und mit der Hand, die ihm frei blieb, feuerte er seinen Revolver auf Pointe Pescade ab.

Dieser fiel lautlos zu Boden.

Nun ereignete sich eine fürchterliche Scene! Kap Matifu hatte Zirone gepackt und würgte an seinem Halse, ohne daß der halb erdrosselte Schurke dieser Umschlingung sich hätte entziehen können.

Vergebens rief der Doctor, der Zirone gern lebend haben wollte, ihm zu, diesen zu schonen. Vergebens waren Peter und Luigi herbeigesprungen, um Zirone freizumachen. Kap Matifu dachte an nichts weiter als daran, daß Zirone Pointe Pescade erschossen hatte. Er kannte sich selbst nicht mehr, er hörte und sah nichts, er hatte nur das Ueberbleibsel von einem Menschen vor Augen, das er jetzt mit gestreckten Armen von sich abhielt.

Mit einem nochmaligen Sprunge erreichte er den Rand des Kraters, diese gähnende Schwefelgrube, und in diesen Feuerbrunnen hinein schleuderte er Zirone.

Pointe Pescade, der ziemlich schwer verwundet worden, war vom Doctor zwischen die Kniee genommen worden, der die Wunde prüfte und verband. Als Kap Matifu zu ihm zurückgekehrt war, liefen dicke Thränen über dessen Gesicht.

»Habe keine Furcht, mein Kap ... Es ist wirklich nichts!« sagte leise Pointe Pescade.

Kap Matifu nahm ihn in seine Arme wie ein Kind und Alle stiegen die Anhöhe des Kegels hinunter, während die Gensdarmen Jagd auf die letzten Flüchtlinge von Zirone's Bande machten.

Sechs Stunden später hatten der Doctor und die Seinen Catania wieder erreicht und sich auf dem »Ferrato« eingeschifft.

Pointe Pescade wurde in seine Kabine gebettet. Mit dem Doctor Antekirtt als Arzt und Kap Matifu als Pfleger mußte es ihm gut gehen. Seine Wunde – ein Streifschuß an der Schulter – bot zu Befürchtungen keinen Anlaß. Ihre Heilung war nur eine Frage der Zeit. Wenn er schlafen sollte, erzählte Kap Matifu ihm Geschichten – stets die gleichen – und Pointe Pescade sank sofort in einen gesunden Schlaf.

Der Doctor hatte mit dem Beginn seines Feldzuges Unglück gehabt. Nachdem er beinahe selbst in die Hände Zirone's gefallen war, hatte er sich nicht einmal dieses Genossen Sarcany's bemächtigen, ihm nicht seine Geheimnisse entreißen können – und das durch die Schuld Kap Matifu's. Man konnte diesem aber deswegen doch nicht zürnen.

Obgleich der Doctor sich noch fernere acht Tage in Catania aufhielt, war es ihm doch nicht möglich, irgend welche Nachrichten über Sarcany zu erhalten. Wenn dieser wirklich die Absicht gehabt hatte, mit Zirone in Sicilien zusammenzutreffen, so waren seine Absichten inzwischen jedenfalls andere geworden, sobald er erfahren, daß der dem Doctor Antekirtt gestellte Hinterhalt verrathen worden war und Zirone selbst den Tod dabei gefunden hatte.

Am 8. September stach der »Ferrato« wieder in See und fuhr mit vollem Dampf nach Antekirtta, woselbst er nach einer schnellen, ungetrübten Ueberfahrt eintraf.

Dort schickten sich der Doctor, Peter und Luigi an, die Projecte wiederaufzunehmen und weiter zu erwägen, in deren Ausführung ihr ganzes Leben gipfelte. Es handelte sich jetzt zunächst darum, Carpena aufzufinden, der wissen mußte, was aus Sarcany und Silas Toronthal geworden war.

Zum Unglück für den Spanier, welcher der Vernichtung der Bande Zirone's dadurch entging, daß er in der Locanda von Santa Grotta zurückblieb, war seine Freiheit nur von kurzer Dauer.

Zehn Tage später meldete einer der Agenten des Doctors diesem, daß Carpena soeben in Syrakus verhaftet worden wäre – nicht als Genosse Zirone's, sondern eines Verbrechens wegen, welches er vor fünfzehn Jahren schon begangen hatte, eines Todschlages, wegen dessen er Almayata in der Provinz Malaga verlassen hatte und nach Rovigno in Istrien gewandert war.

Drei Wochen später wurde Carpena, nachdem dem Wunsche nach Auslieferung Folge geleistet war, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt und er an die marokkanische Küste, nach Ceuta befördert, einer der größten Sträflingskolonien Spaniens.

»Endlich befindet sich einer dieser Verbrecher im Bagno, sagte Peter, und für immer.

– Für immer? ... Nein! erwiderte der Doctor. Wenn Andrea Ferrato auch im Gefängnisse gestorben ist, so braucht Carpena darum noch nicht im Bagno zu sterben!«

Ende des zweiten Bandes.

 

 

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