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Mathias Sandorf. Erster Band

Jules Verne: Mathias Sandorf. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJules Verne
titleMathias Sandorf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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II.
Der Stapellauf des Trabocolo.

»Es geht also nicht? fragte Kap Matifu.

– Was geht nicht? erwiderte Pointe Pescade.

– Mit unseren Geschäften?

– Sie könnten unleugbar besser gehen, aber sie könnten auch noch schlechter gehen.

– Pescade?

– Matifu?

– Sei mir nicht böse, wenn ich Dir etwas sage.

– Gewiß werde ich Dir böse sein, wenn Du es verdienst, daß man mit Dir zankt.

– Also ... Du müßtest mich verlassen.

– Verstehe ich recht, ich sollte Dich verlassen? ... Dich allein auf dem Plan lassen? fragte Pointe Pescade.

– Ja!

– Fahre fort, Herkules meiner Träume, die Sache wird interessant.

– Ja ... Ich bin überzeugt, daß es Dir besser gehen würde, wenn Du allein wärest ... Ich genire Dich und wenn ich nicht wäre, würdest Du schon die Mittel finden ...

– Sage mal, Kap Matifu, fragte Pointe Pescade äußerst bedächtig, Du bist stark?

– Ja.

– Und groß?

– Ja!

– Nun gut, so stark und groß wie Du bist, so dumm bist Du auch; denn anders kann ich mir das, was Du da eben gesagt hast, nicht erklären.

– Und warum bin ich dumm, Pointe Pescade?

– Ich soll Dich verlassen, Abgott meines Herzens? Ich frage Dich nur, mit wem wolltest Du jongliren, wenn ich nicht mehr bei Dir wäre?

– Mit wem?

– Wer sollte den gefährlichen Sprung auf Deinen Hinterkopf ausführen?

– Ich sage nicht ...

– Oder den großen Luftsprung zwischen Deinen beiden Händen?

– Verdammt, ja ... entfuhr es Kap Matifu, der vor so vielen wichtigen Fragen nicht aus noch ein wußte.

– Vor einem Beifall klatschenden Publikum – wenn zufällig ein Publikum da ist.

– Ein Publikum! murmelte Kap Matifu.

– Also schweige, fing Pescade von Neuem an. Wir wollen jetzt an weiter nichts, als daran denken, wie wir uns unser Abendbrod verdienen können.

– Ich habe keinen Hunger!

– Du hast immer Hunger, Kap Matifu, doch, Du hast immer Hunger, antwortete Pointe Pescade und klappte mit seinen beiden Händen das mächtige Kauwerk desselben auseinander, das den Weisheitszahn ganz gut entbehren konnte, weil auch ohne ihn zweiunddreißig Zähne vorhanden waren. Ich erkenne das an Deinen Augenzähnen, die so lang sind, wie die Hakenzähne einer Bulldogge. Du hast Hunger, sage ich Dir und wenn wir auch nur einen halben Gulden verdienen, ja selbst nur einen viertel Gulden, so sollst Du zu essen bekommen.

– Aber Du, kleiner Pescade?

– Ich? Ein kleines Hirsekorn ist für mich genug. Ich brauche nicht kräftig zu sein, während Du, mein Sohn ... Folge wohl meiner Ansicht. Je mehr Du ißt, je stärker wirst Du! Je stärker Du wirst, ein desto größeres Phänomen bist Du!

– Ich ein Phänomen? ... Ja!

– Ich dagegen werde noch magerer, wenn ich wenig esse und je mehr ich abmagere, ein desto größeres Phänomen werde ich ebenfalls. Ist das nicht so?

– Allerdings, antwortete Kap Matifu, der größte Einfaltspinsel der Welt. Ich muß also in meinem eigenen Interesse essen, Pointe Pescade.

– Wie Du es sagst, so ist es, mein dicker Kerl, und in meinem Interesse liegt es, daß ich nicht esse.

– Angenommen also, daß unser Geld nur für Einen reicht ...?

– So wird es für Dich verwendet.

– Wenn es aber für Zwei ausreicht?

– Dann wird es ebenfalls für Dich verwendet. Zum Teufel auch, Kap Matifu, Du giltst doch für Zwei.

– Für vier, sechs, zehn!« schrie der Herkules, dem allerdings nicht zehn Männer die Stange gehalten haben würden.

Das schwülstige Uebertreiben ist allen Athleten der alten und der neuen Welt gemeinsam, Kap Matifu nicht ausgenommen. Daß ihm aber bisher Alle, die sich in einen Ringkampf mit ihm eingelassen hatten, unterlegen, war volle Wahrheit.

Man erzählt sich von ihm zwei Züge, die allerdings den besten Beweis seiner beispiellosen Körperstärke liefern können.

Eines Abends in Nimes gab in dem aus Holz errichteten Circusgebäude einer der Balken, welche die Bedachung zusammenhielten, plötzlich nach. Ein Krachen scheuchte die geängstigten Zuschauer auf, die in Gefahr geriethen, durch das Herunterstürzen des Daches zerschmettert oder beim Hinauseilen in den Gängen erdrückt zu werden. Aber Kap Matifu war zur Stelle. Er sprang gegen den aus der festen Lage gekommenen Balken an in dem Augenblicke, als das ganze Gebälk sich bereits zu lösen begann, und er hielt es mit seinen kräftigen Schultern so lange zusammen, bis der Saal sich geleert hatte. Dann rettete er sich durch einen zweiten Sprung ebenfalls nach draußen, während hinter ihm das Dach einstürzte.

Zeigte dieser Vorfall die Kraft seiner Schultern, so gab ein zweiter einen schlagenden Beweis seiner Muskelstärke.

Eines Tages durchbrach in den Ebenen der Camarga ein wild gewordener Stier das Gehege, in welches er eingepfercht war; er verfolgte und verwundete mehrere Menschen und würde ohne die Dazwischenkunft Kap Matifu's noch größeres Unheil angerichtet haben. Kap Matifu ging dem Thiere entgegen und erwartete es mit fest eingestemmtem Fuße. In demselben Augenblicke, als sich die Bestie mit gesenktem Haupte auf ihn stürzte, ergriff er sie bei den Hörnern, legte sie mit einem Ruck seiner Muskeln auf den Rücken und hielt sie in dieser Lage, mit den vier Hufen nach oben, so lange fest, bis der Zorn des Thieres sich gelegt hatte und es Niemandem mehr schaden konnte.

Noch andere Beispiele dieser übermenschlichen Kraft ließen sich anführen, doch genügen diese, um nicht nur die Stärke Kap Matifu's darzuthun, sondern auch seinen Muth und seine Opferwilligkeit; denn er zögerte niemals, sein Leben zu wagen, wenn es sich darum handelte, seinen Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Er war ein ebenso gutmüthiges als starkes Geschöpf. Wie Pointe Pescade es mehrfach wiederholt hatte, war es also durchaus nothwendig, daß Kap Matifu aß, um nichts von seinen Kräften einzubüßen; er zwang ihn zu essen und entbehrte lieber selbst, wenn das Geld nur für Einen oder selbst für Zwei reichte. An jenem Abende aber war am Horizont noch kein Schimmer von einer Mahlzeit, nicht einmal für Einen, zu entdecken.

»Wir bekommen Nebel,« wiederholte Pointe Pescade.

Und um ihn zu zerstreuen, begann der muthige Junge mit seinen Redensarten und Gesichtsverrenkungen von Neuem. Er durchmaß das Gerüst, er zappelte sich ab, er zerrte seine Glieder auseinander, ging auf den Händen, wenn es ihm nicht mehr behagte, auf seinen Füßen zu stehen – er hatte nämlich die Beobachtung gemacht, daß der Hunger weniger fühlbar war, wenn der Kopf nach unten hing. Er schrie in halb provençalischer, halb slavischer Sprache jene ewigen Paraderedensarten in die Menge, die überall gang und gäbe sind, wo es einen Clown gibt, welcher sie den Leuten vorplappert und Maulaffen, die sie gern hören.

»Immer herein, herein, meine Herrschaften! schrie Pointe Pescade. Man zahlt erst beim Herausgehen ... einen Kreuzer nur die Person!«

Wenn Menschen irgendwo wieder herausgehen wollen, müssen sie naturgemäß zuvor erst hineingegangen sein. Fünf bis sechs Personen blieben wohl vor der bemalten Leinwand stehen, doch Keiner entschloß sich, die kleine Arena zu betreten.

Pescade tippte mit einer schlanken Gerte auf die wilden Thiere, die auf die Leinwand gepinselt waren. Er hätte zwar keine Menagerie den geehrten Herrschaften zu bieten, doch wollte er ihnen nur sagen, daß diese schrecklichen Thiere wahr und wahrhaftig in gewissen Ecken Afrikas und Indiens leben und daß sie, wenn sie Kap Matifu in den Weg kämen, von ihm einfach zu einer Mahlzeit verarbeitet werden würden.

Der Hercules unterbrach mit dem gutmüthigsten Gesicht von der Welt diese Marktschreierei durch gelegentliche Schläge auf die große Pauke, die wie Kanonenschläge durch das Meßgewühl hallten.

»Hier die Hyäne, meine Herrschaften, gebürtig vom Kap der guten Hoffnung, ein gewandtes und blutdürstiges Thier, es überspringt die Kirchhofsmauern und sucht sich die Leichen zum Fraß!«

Dann wies er auf einen andern Theil der Leinwand, auf dem gelbliches Wasser und blaue Blumen den Hintergrund abgaben.

»Sehen Sie hier das junge und interessante Rhinoceros! fünfzehn Monate alt! Es wurde auf Sumatra erzogen; während der Ueberfahrt hätte es mit seinem furchtbaren Horn das Schiff beinahe zum Sinken gebracht.«

Die Gerte klatschte an eine andere Stelle, wo inmitten eines grünlichen Flecks die Reste von menschlichen Gerippen lagen:

»Hier, meine Herrschaften, ist ferner zu sehen der schreckliche Löwe vom Atlas! Er haust im Innern der Sahara, in dem heißen Sande der Wüste. Wenn die Hitze mörderisch wird, zieht er sich in die Höhlen zurück. Wenn er einige Tropfen Wassers findet, stürzt er sich auf sie und geht durchnäßt ab. Deshalb nennt man ihn auch den numidischen Löwen!«

Diese vielen Anstrengungen nützten indessen nichts. Pointe Pescade ereiferte sich ganz unnöthig. Vergebens schlug Kap Matifu bis zur Verzweiflung auf die große Pauke.

Mehrere Dalmatiner, kräftige Bergbewohner, blieben endlich vor dem Riesen Matifu stehen, den sie als Kenner zu betrachten schienen.

Sofort ergriff Pointe Pescade die Gelegenheit und reizte diese Leute, sich mit Kap zu messen.

»Herein, meine Herren, herein! Die Gelegenheit ist günstig! Ergreifen Sie den Augenblick! Großer Ringkampf unter Männern! Ringkampf mit der flachen Hand! Die Schultern müssen sich berühren! Kap Matifu verpflichtet sich, die Kunstfreunde zu Boden zu werfen, die ihm die Ehre ihres Vertrauens schenken wollen. Ein baumwollenes Ehrenwickelzeug für den Sieger! Ist's gefällig, meine Herren? setzte Pointe Pescade hinzu und wandte sich an drei kräftige Burschen, die ihn ganz bestürzt ansahen.

Aber die drei kräftigen Burschen hielten es doch nicht für gerathen, ihre Stärke in diesem Kampfe zu erproben, so ehrenhaft er auch für die Gegner des Riesen war. Pointe Pescade sah sich daher veranlaßt, zu verkünden, daß wenn Keiner Muth besäße, ein Kampf zwischen ihm selbst und dem Riesen stattfinden würde. Ja wohl! »Die Geschicklichkeit wird sich mit der Kraft messen!«

»Hereinspaziert, meine Herren, nur hereinspaziert, folgen Sie der Gesellschaft, wiederholte fast athemlos der bedauernswerthe Pescade. Sie sehen hier, was Sie noch nie gesehen haben! Pointe Pescade und Kap Matifu im Handgemenge! Die beiden Zwillinge der Provence! Ja ja! die zwei Zwillinge ... wenn auch nicht von gleichem Alter und von derselben Mutter! ... He! Sehen wir uns nicht ähnlich? Ich namentlich!«

Ein junger Mann war vor dem Schaugerüste stehen geblieben. Er hörte andächtig die abgenutzten Redensarten bis zu Ende an.

Dieser junge, höchstens zweiundzwanzig Jahre alte Mann war über das Mittelmaß groß. Seine, ein wenig von der Arbeit ermüdeten angenehmen Züge, der von einem gewissen Ernste überhauchte Gesichtsausdruck, kündeten eine denkende Natur an, die vielleicht in der Schule der Leiden groß gezogen worden war. Die großen schwarzen Augen, der Vollbart, den er kurz gehalten trug, der Mund, der es wenig gewohnt war, zu lächeln, aber unter dem zierlichen Schnurrbarte sich deutlich abzeichnete, kündeten auf tausend Schritte den Ungar an, in dessen Adern das magyarische Blut vorherrschte. Er war einfach gekleidet, modern, doch ohne das Bestreben, der neuesten Mode gerecht zu werden. Seine Haltung erlaubte keine Täuschung: in diesem Jünglinge war der Mann bereits fertig.

Er lauschte, wie gesagt, dem nutzlosen Geplapper Pointe Pescade's. Er sah ihn, nicht ohne Betrübniß, sich auf dem Gerüste abmühen. Eigene Leiden hatten ihn zweifellos dahin gebracht, fremdes Elend nicht mitansehen zu können.

»Zwei Franzosen sind es, dachte er bei sich, arme Teufel, die heute noch nichts verdient haben.«

Und schnell kam ihm der Gedanke, für sich allein ein Publikum – ein zahlendes Publikum – zu bilden. Es sollte sein Eintrittsgeld schließlich nichts anderes als ein Almosen sein, aber wenigstens ein verkapptes, und wahrscheinlich kam es sehr gelegen. Er wendete sich der Thüre zu, das heißt, dem Stückchen Leinwand, das man aufheben mußte, um zu dem kleinen Circus zu gelangen.

»Treten Sie näher, mein Herr, rief Pointe Pescade, die Vorstellung beginnt sofort!

– Ich sehe, ich bin allein, bemerkte der junge Mann im wohlwollendsten Tone.

– Mein Herr, erwiderte Pointe Pescade mit prahlerischem Stolze, wahre Künstler sehen auf die Qualität, nicht auf die Quantität ihres Publikums.

– Sie erlauben also ...« meinte der junge Mann und zog seine Börse.

Er nahm zwei Gulden heraus und legte sie auf den Zinnteller, der in einer Ecke des Gerüstes stand.

»Edles Herz!« sagte Pointe Pescade bei sich.

Dann, sich gegen seinen Genossen wendend, rief er diesem zu:

»Auf die Mensur, Kap Matifu, auf die Mensur! Der Herr soll für sein Geld etwas zu sehen bekommen!«

Gerade als der einzige Besucher der französischen und provençalischen Arena eintreten sollte, sah man ihn hastig forteilen. Er hatte soeben jenes junge Mädchen mit ihrem Vater bemerkt, die eine Viertelstunde vorher vor dem Guzlaspieler gestanden hatte. Dieser junge Mann und dieses junge Mädchen waren sich in demselben Gedanken der Barmherzigkeit begegnet. Die Eine hatte dem Zigeuner ein Almosen gegeben, der Andere ließ ein solches den Akrobaten zu Theil werden.

Diese heimliche Uebereinstimmung genügte aber augenscheinlich dem jungen Manne nicht, der, sobald er das Fräulein bemerkt hatte, seine Eigenschaft als Zuschauer und den Preis, den er für seinen Platz erlegt, ganz vergaß und sich schnell der Richtung zuwandte, in welcher sich Jene in der Menge verloren hatte.

»He! Mein Herr! ... Mein Herr! rief Pointe Pescade ihm nach. Ihr Geld! Wir haben es uns noch nicht verdient, zum Teufel auch! ... Wohin ist er? ... Verschwunden? ... He! Mein Herr!«

Er suchte vergebens sein »Publikum«. Es war ihm ausgekniffen. Dann blickte er Kap Matifu an, der, nicht weniger betroffen als er selbst, mit offenem Munde dastand.

»Gerade als wir beginnen wollten! sagte endlich der Riese. Kein Glück!

– Beginnen wir trotzdem!« erwiderte Pointe Pescade und stieg die kleine Treppe hinunter, die zur Arena führte.

Auf diese Weise, indem sie vor den leeren Bänken spielten – die, nebenbei bemerkt, nicht vorhanden waren – verdienten sie sich wenigstens ihr Geld.

Gerade jetzt erhob sich auf den Quais des Hafens ein wüster Lärm. Die Menge schien nach einer sehr ausgesprochenen Richtung hin zu drängen, nach derjenigen, welche dem Meere zuführte, und von mehreren Hunderten von Stimmen wurde der Ruf laut:

»Der Trabocolo! ... Der Trabocolo!«

Der Augenblick war gekommen, in welchem das kleine Fahrzeug vom Stapel gelassen werden sollte. Dieses stets anziehende Schauspiel war ganz dazu angethan, die Neugier des Publikums zu erregen. Der Platz und die Quais, welche die Menge vorher angefüllt hatte, waren bald verlassen und Alles strömte der Werft zu, auf welcher der Stapellauf vor sich gehen sollte.

Pointe Pescade und Kap Matifu sahen ein, daß für den Augenblick gewiß auf keine Zuschauer zu rechnen war. Auch begierig, des einzigen Menschen wieder habhaft zu werden, der beinahe ihre Arena betreten hatte, verließen sie dieselbe, ohne sich erst die Mühe zu geben, den Eingang zu verschließen. Wogegen hätten sie ihn auch verschließen sollen? Sie gingen ebenfalls der Schiffswerft zu.

Diese befand sich außerhalb des Hafens von Gravosa, auf der äußersten Spitze einer Landzunge und einem abschüssigen Terrain, das die Brandung mit einem leichten Schaume bedeckte.

Pointe Pescade und Kap Matifu gelangten unter Anwendung ihrer Ellbogen bis in die vorderste Reihe der Neugierigen. Selbst an ihren Benefiz-Abenden hatten sie keinen solchen Andrang vor ihrem Schaugerüste erlebt, wie hier. O, über diese Talmikunst!

Der Trabocolo, von den Stützen, die seine Seitenwände aufrecht hielten, bereits befreit, stand zum Auslaufen bereit. Der Anker hing bereit an Ort und Stelle; er brauchte nur herniedergelassen zu werden, sobald sich der Kiel im Wasser befand, um dessen Lauf zu hemmen, der ihn sonst zu weit in die Fahrbahn hinausgeführt haben würde. Obgleich der Trabocolo nur auf fünfzig Tonnengehalt geaicht war, bildete er doch eine ziemlich ansehnliche Masse, zu deren Schutze alle Vorsichtsmaßregeln sorgfältig getroffen worden waren. Zwei Werftarbeiter waren auf dem Hinterdeck postirt, dicht neben dem Hinterdecksmast, an welchem die dalmatinische Flagge wehte, und zwei andere standen auf dem Bug zum Werfen des Ankers bereit.

Der Trabocolo wurde, wie üblich bei solchen Vorgängen, mit dem hinteren Theile nach vorne gewendet vom Stapel gelassen. Sein auf dem eingeseiften Gerippe ruhender Kiel wurde nur noch durch den Hemmschuh gehalten. Um das Gleiten hervorzurufen, war es nur noch nöthig, diesen Hemmschuh zu entfernen; die einmal in Bewegung gesetzte Masse vermehrte ihre Schnelligkeit durch das Gesetz der Schwere und das Schiff strebte von selbst seinem natürlichen Elemente zu.

Ein halbes Dutzend mit eisernen Schlegeln ausgerüstete Zimmerleute klopften noch an den vorher bereits unter den Kiel geschobenen Klötzen umher, um diesen etwas zu heben und dadurch die Bewegung genauer zu fixiren, welche den Trabocolo in das Meer führen sollte.

Jedes folgte dieser Verrichtung mit dem lebhaftesten Interesse, während ein allgemeines Schweigen sich über die Menge lagerte.

In diesem Augenblicke erschien an der Krümmung des Vorgebirges, welches nach Süden hin den Hafen von Gravosa schützt, eine Vergnügungsyacht. Es war ein Schooner von ungefähr 350 Tonnengehalt. Er versuchte durch Laviren an dem Vorsprunge vorüber zu kommen, auf dem sich die Schiffswerft befand, um glatt in den Hafen einlaufen zu können. Da die Brise aus Nordwest wehte, so kniff er mit den Halsen auf Backbord den Wind, so daß er sich von diesem nur treiben zu lassen brauchte, um seinen Ankerplatz zu erreichen. In weniger als zehn Minuten mußte der Schooner bereits die Segel streichen, und er vergrößerte sich vor den Blicken in der That so schnell, als beobachtete man ihn mittelst eines Fernglases, dessen Tubus man durch fortgesetztes Drehen verlängerte.

Um genau in die Hafeneinfahrt einzulaufen mußte das Fahrzeug dicht vor der Werft vorüber, auf welcher der Stapellauf des Trabocolo vorbereitet wurde. Sobald der Schooner signalisirt worden war, war es daher für angezeigt erachtet worden, den Stapellauf noch aufzuschieben. Derselbe sollte erfolgen, sobald die Yacht das Fahrwasser des Trabocolo durchmessen haben mußte. Ein Zusammenstoß zwischen den beiden Schiffen, von denen das eine mit dem Hintertheile anrennen mußte, während das andere sich in voller Fahrt befand, hätte ganz gewiß eine bedenkliche Katastrophe am Bord der Yacht zu Wege gebracht.

Die Arbeiter hörten auf, die Balken mit den Schlägeln zu bearbeiten und der mit der Wegräumung des Hemmschuhes beauftragte Mann erhielt den Befehl, zu warten. Es konnte sich nur um Minuten handeln.

Die Yacht näherte sich zusehends. Man konnte beobachten, daß sie bereits die Vorbereitungen zum Ankerwerfen traf. Ihre beiden Langbäume wurden schon abgeführt und man zog die Tauecke des großen Segels an, während zu gleicher Zeit das Focksegel aufgegeit wurde. Sie lief in Folge der erlangten Geschwindigkeit indessen noch eine ziemlich schnelle Fahrt unter dem Vorstag und dem zweiten Focksegel.

Aller Blicke richteten sich auf das graziöse Fahrzeug, dessen weiße Segel unter den schrägen Strahlen der Sonne wie vergoldet erschienen. Seine Matrosen in der Tracht der Levante, den rothen Fez auf dem Kopfe, manövrirten, während der Capitän auf seinem Posten hinten neben dem Steuermanne seine Befehle mit ruhiger Stimme ertheilte.

Der Schooner, der nur noch so viel Tuch führte, als nöthig war, die letzte Landzunge vor dem Hafen zu umsegeln, befand sich gerade vor der Schiffswerft.

Plötzlich ein allgemeiner Schrei des Entsetzens. Der Trabocolo ist in Bewegung. Aus irgend einer unbedeutenden Ursache hatte der Hemmschuh nachgegeben und das Schiff setzt sich genau in dem Augenblicke in Bewegung, als die Yacht ihm ihre Steuerbordseite zuwendet.

Der Zusammenstoß zwischen den beiden Fahrzeugen war unvermeidlich. Zeit und Mittel fehlten, um ihn zu verhindern; kein Manöver konnte hier verfangen. Den Schreckensrufen der Zuschauer hatte ein furchtbarer Schrei seitens der Mannschaft der Yacht geantwortet.

Der Capitän, der seine Kaltblütigkeit bewahrte, hatte inzwischen das Steuer herumwerfen lassen, aber es war trotzdem ganz unmöglich, daß sein Schiff noch schnell genug auswich oder in die Fahrbahn des Trabocolo einlenkte, um so dem Stoße zu entgehen.

Der Trabocolo glitt das Gestell entlang. Ein durch die Reibung erzeugter weißer Rauch quoll unter dem Schnabel hervor, während sein Hintertheil bereits in die Fluthen des Golfes tauchte.

Plötzlich springt ein Mann nach vorn. Er ergreift ein Tau, das auf der einen Seite des Schiffes herunterhängt. Doch vergebens stemmt er sich gegen den Boden und zieht das Seil an, selbst auf die Gefahr hin, mitgerissen zu werden: er bringt das Schiff nicht zum Stehen. Zum Glück befindet sich an derselben Stelle ein altes, in die Erde getriebenes Kanonenrohr, das als Anlegeblock dient. Das Seil ist im Augenblicke herumgeschlungen und wickelt sich nun ganz langsam ab, während der Mann es trotz der ihm drohenden Gefahr, ergriffen und zermalmt zu werden, zurückhält und fast zehn Secunden hindurch mit übermenschlicher Kraft Widerstand leistet.

Das Tau reißt. Aber diese zehn Secunden haben genügt. Der Trabocolo ist in die Wellen des Golfes hinabgetaucht und wie beim Stampfen auf hoher See wieder hinaufgeschossen. Er ist kaum einen Fuß hinter der Yacht vorüber in seine Wasserbahn hineingesaust und fliegt vorwärts, bis der Boden fassende Anker durch die Spannung der Kette ihn zum Stillstand bringt.

Der Schooner war gerettet.

Dieser Mann, dem Keiner zu Hilfe kommen konnte, weil der ganze Vorgang sich so unerwartet und blitzschnell abspielte, war Kap Matifu.

»Gut, sehr gut!« schrie Pointe Pescade; er lief dem Kameraden nach, der ihn in seine Arme schloß, nicht um mit ihm zu jongliren, sondern um ihn zu umarmen, wie er zu umarmen pflegte, daß man nämlich ersticken konnte.

Und dann brach das Beifallrufen auf allen Seiten hervor. Die ganze große Menge drängte an den Hercules heran, der nicht minder bescheiden als der berühmte Verrichter der zwölf Arbeiten der Sage war und die Begeisterung des Volkes nicht recht begriff.

Fünf Minuten später hatte die Yacht im Hafen Anker geworfen; ein eleganter Sechsriemer brachte den Besitzer derselben an das Land.

Er war ein hochgewachsener, fünfzig Jahre alter Mann mit fast weißen Haaren und einem ins Graue spielenden, auf orientalische Weise zugeschnittenen Barte. Fragende, große dunkle Augen von einer eigenthümlichen Beweglichkeit belebten sein etwas sonnverbranntes Gesicht, dessen Züge regelmäßig und noch schön zu nennen waren. Was aber von Anfang an auffiel, war der Adel, ja selbst eine Erhabenheit, die seine ganze Erscheinung ausströmte. Seine seemännische Kleidung, ein dunkelblaues Beinkleid, eine gleichfarbige Jacke mit gelben Knöpfen, ein schwarzer Gürtel, der unter der Jacke die Blouse zusammenhielt, sein leichter Hut aus braunem Segeltuch – Alles stand ihm gut und ließ einen kräftigen, herrlich gebauten Körper ahnen, dem das Alter noch nichts anhaben konnte.

Sobald diese Persönlichkeit, in welcher man sogleich einen energischen und viel vermögenden Mann vermuthete, den Fuß auf das Land gesetzt hatte, ging sie auf die beiden Akrobaten zu, welche die Menge umringte und bejubelte.

Man machte dem Fremden ehrerbietig Platz.

Als er vor Kap Matifu angekommen war, zog er nicht etwa gleich die Börse, um ihr eine reichliche Belohnung zu entnehmen. Er streckte dem Athleten die Hand hin und sagte zu ihm auf italienisch:

»Dank, mein Freund, für das, was Ihr gethan habt!«

Kap Matifu schämte sich fast dieser Ehre, die ihm nach seiner Meinung für die verrichtete Kleinigkeit gar nicht zukam.

»Ja, es war schön, es war herrlich, Kap Matifu, fing Pointe Pescade mit dem ganzen Wortschwall provençalischer Beredsamkeit von Neuem an.

– Ihr seid Franzosen? fragte der Fremde.

– Mehr als das! brüstete sich Pointe Pescade. Wir sind Franzosen aus dem Süden Frankreichs.«

Der Fremde betrachtete sie mit augenscheinlicher Rührung. Ihr Elend stand ihnen zu offenkundig auf der Stirn geschrieben, als daß man sich darüber täuschen konnte. Er hatte ersichtlich zwei arme Artisten vor sich, von denen Einer ihm mit Gefahr seines Lebens soeben einen großen Dienst geleistet hatte, denn ein Zusammenstoß der Yacht mit dem Trabocolo hätte unter Umständen zahlreiche Opfer gefordert.

»Besucht mich an Bord! sagte er zu ihnen.

– Und wann, mein Fürst? fragte Pointe Pescade und producirte seine schönste Begrüßung.

– Morgen Mittag um ein Uhr.

– In der ersten Stunde also,« antwortete Pointe Pescade, während Kap Matifu durch einmaliges Nicken mit dem Kopfe sein stummes Einverständniß gab.

Die Menge hatte sich während dieser Unterhaltung von dem Helden dieses Ereignisses nicht entfernt. Sie hätte ihn sicher im Triumphe davongetragen, wenn sein Gewicht nicht die Entschlossensten und Kräftigsten unter ihr zurückgeschreckt hätte. Pointe Pescade, stets auf dem Posten, glaubte die günstige Stimmung eines so zahlreichen Publikums ausnützen zu müssen. Nachdem der Fremde sich mit einer freundschaftlichen Handbewegung nach dem Quai hin entfernt hatte, schrie er mit seiner spitzen Ausruferstimme:

»Der Kampf zwischen Kap Matifu und Pointe Pescade, meine Herrschaften! Nur näher, meine Herren, nur näher! Man zahlt erst nach Schluß der Vorstellung ... oder, wenn man will, auch vorher!«

Dieses Mal wurde seine Aufforderung von einem so zahlreichen Publikum befolgt, wie er es wahrscheinlich noch nie zuvor erlebt hatte.

Der Raum um die Arena war zu klein! Man mußte Zuschauer abweisen! Man zahlte sogar das Geld zurück!

Der Fremde sah sich nach einigen in der Richtung nach dem Quai zurückgelegten Schritten dem jungen Mädchen und deren Vater gegenüber, die Zeugen des ganzen Vorganges gewesen waren.

Der junge Mann, der ihnen gefolgt war, hielt sich in einiger Entfernung; der alte Herr hatte seinen Gruß sehr von oben herab erwidert, was der Fremde wohl bemerkte.

Dieser konnte, als er jenen Mann sah, eine Bewegung nicht unterdrücken. Seine ganze Gestalt schien vor etwas zurückzubeben, während es aus seinen Augen wie ein Blitz zuckte.

Inzwischen war der Vater des jungen Mädchens an ihn herangetreten und sagte zu ihm:

»Sie sind, Dank dem Muthe dieses Akrobaten, einer sehr großen Gefahr entgangen, mein Herr?

– Allerdings, mein Herr,« antwortete der Fremde, dessen Stimme, zufällig oder nicht, von einer unbesiegbaren Bewegung erzitterte.

Dann sich an den Fragesteller wendend, sagte er:

»Darf ich wissen, mein Herr, mit wem ich augenblicklich die Ehre habe zu sprechen?

– Silas Toronthal aus Ragusa, antwortete der ehemalige Bankier von Triest. Und darf ich meinerseits erfahren, wer der Besitzer jener Vergnügungsyacht ist?

– Doctor Antekirtt,« erwiderte der Fremde.

Dann trennten sich die beiden Herren mit einem förmlichen Gruße, während Hochrufe und Beifallklatschen aus der Arena der französischen Akrobaten herüber schallten.

An diesem Abende aß Kap Matifu nicht nur für sein Theil, das heißt für Vier, es blieb auch noch für mehr als Einen etwas übrig. Und damit war sein tapferer kleiner Genosse Pointe Pescade sehr zufrieden.

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