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Mathias Sandorf. Erster Band

Jules Verne: Mathias Sandorf. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorJules Verne
titleMathias Sandorf. Erster Band
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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IX.
Letzte Anstrengungen in einem letzten Kampfe.

Andrea Ferrato blieb stumm. Er fand dem Grafen Sandorf darauf nichts zu erwidern. Sein corsisches Blut kochte in ihm. Er hatte die Flüchtigen vergessen, für die er bisher schon so viel gewagt. Er dachte nur noch an den Spanier, er sah nur noch Carpena.

»Dieser Elende, dieser Elende! murmelte er endlich. Ja, er weiß Alles. Wir sind in seiner Gewalt. Ich hätte das einsehen müssen!«

Mathias Sandorf und Stephan Bathory blickten beklommen den Fischer an. Sie warteten darauf, was er sagen, was er beschließen würde. Es war kein Augenblick zu verlieren zu irgend einem Beginnen. Das Werk der Angeberei war vielleicht schon gekrönt worden!

»Herr Graf, sagte nach einer langen Pause Andrea Ferrato, die Polizei kann von einem Augenblicke zum andern in mein Haus dringen. Ja! Dieser Schurke muß entweder wissen oder wenigstens vermuthen, daß Sie sich hier befinden. Er hat mir einen Handel vorgeschlagen. Meine Tochter sollte der Preis seines Schweigens sein! Er wird sie verderben, um sich an mir zu rächen. Wenn die Agenten kommen, ist es nicht mehr möglich, ihnen zu entschlüpfen und Sie werden entdeckt. Hier heißt es allerdings sofort fliehen.

– Ihr habt Recht, Ferrato, antworte Mathias Sandorf. Aber ehe wir uns trennen, laßt mich Euch für Alles danken, was Ihr für uns gethan habt und was Ihr für uns noch thun wolltet ...«

– Was ich thun wollte, das will ich noch thun, sagte Andrea Ferrato feierlich.

– Wir leiden es nicht, antwortete Stephan Bathory.

– Ja, wir leiden es nicht, setzte Mathias Sandorf hinzu. Ihr habt Euch schon zu sehr bloßgestellt. Wenn man uns in Eurem Hause findet, so erwartet Euch das Zuchthaus. Komm', Stephan, wir wollen das Haus verlassen, ehe wir seinen Ruin und sein Unglück verschulden. Laßt uns fliehen und allein fliehen!«

Andrea Ferrato ergriff die Hand Sandorf's.

»Wohin würden Sie gehen? Das ganze Land wird von den Behörden scharf bewacht. Die Polizisten und Gensdarmen durchstreifen es Tag und Nacht. Es gibt keinen einzigen Fleck am Ufer, an dem Sie sich einschiffen, keinen einzigen freien Fußpfad, auf dem Sie über die Grenze gelangen könnten. Ohne mich fliehen, wäre sicherer Tod.

– Folgen Sie meinem Vater, meine Herren, ergänzte Maria. Was auch geschehen wird, er thut nur seine Pflicht, wenn er Sie zu retten versucht.

– Brav, meine Tochter, ich thue in Wahrheit nur meine Pflicht. Dein Bruder soll uns an der Jolle erwarten. Die Nacht ist sehr dunkel. Ehe man uns bemerkt, sind wir auf dem Meere. Umarme mich, Tochter, umarme mich und dann fort.«

Graf Sandorf und sein Genosse wollten noch immer nicht nachgeben. Sie weigerten die Annahme eines solchen Opfers. Das Haus sofort verlassen, um nicht den Fischer zu schädigen, ja! Sich unter seiner Führung einschiffen, auf die Gefahr hin, daß er das Zuchthaus für diese That eintausche, nein!

»Komm', sagte Mathias Sandorf zu Stephan Bathory. Befinden wir uns erst außerhalb des Hauses, so ist nur für uns Beide zu fürchten.«

Sie eilten auf das offene Fenster ihres Zimmers zu, um über den niedrigen Zaun fort entweder das Ufer oder das Innere der Provinz zu gewinnen. Gleichzeitig stürzte Luigi hinein.

– Die Polizei! rief er.

– Lebt wohl!« schrie Mathias und sprang, von Bathory gefolgt, durch das Fenster.

Ein Trupp Polizisten betrat in demselben Augenblicke die Wohnstube.

Carpena führte ihn.

»Schurke! sagte Andrea Ferrato.

– Meine Antwort auf Deine Weigerung«, erwiderte der Spanier.

Der Fischer war festgenommen und gebunden worden. Im Augenblick hatten die Polizisten alle Zimmer des Hauses besetzt und durchsucht. Das über der Umzäunung offenstehende Fenster wies ihnen den Weg, den die Flüchtigen genommen hatten. Sie machten sich auf ihre Verfolgung.

Jene hatten inzwischen die Hecke erreicht, welche auf dieser Seite den Bach begrenzte. Graf Sandorf sprang mit einem Satze darüber fort und hatte Stephan Bathory bereits ebenfalls hinübergeholfen, als plötzlich fünfzig Schritte hinter ihnen ein Schuß fiel.

Stephan Bathory wurde getroffen; die Kugel streifte ihm allerdings nur die Schulter, doch blieb sein Arm gelähmt und es war ihm unmöglich, es seinem Gefährten an Schnelligkeit gleichzuthun.

»Flieh', Mathias, flieh'! rief er.

– Nein, Stephan, nein. Wir wollen zusammen sterben, rief Sandorf, nachdem er versucht, seinen verwundeten Gefährten in die Arme zu nehmen.

– Flieh', Mathias! wiederholte Stephan Bathory, und lebe, um an den Verräthern Gerechtigkeit zu üben.«

Diese letzten Worte klangen wie ein Befehl für den Grafen Sandorf. Er allein blieb jetzt noch übrig, um das Werk von Dreien auszuführen. Der Magnat Siebenbürgens, der Verschwörer von Triest, der Genosse von Stephan Bathory und Ladislaus Zathmar, er sollte als Wahrer der Gerechtigkeit auferstehen!

Die Polizisten, die inzwischen am Ende der Umzäunung angelangt waren, warfen sich auf den Verwundeten. Graf Sandorf wäre in ihre Hände gefallen, falls er nur noch eine Secunde gezögert hätte.

»Lebe wohl, Stephan, lebe wohl!« hatte er ihm zugerufen. In einem mächtigen Sprunge setzte er über den Bach fort; er stürmte an dessen Ufer weiter, dessen Lauf an der Hecke entlang führte, bis da, wo der Bach verschwand.

Fünf bis sechs Gewehrschüsse wurden nach dieser Richtung abgefeuert; die Kugeln trafen aber den Flüchtigen nicht, der nun abschwenkte und eilig dem Meere zulief.

Die Polizisten folgten ihm dicht auf dem Fuße. Da sie ihn in der Dunkelheit nicht sehen konnten, so fiel es ihnen auch nicht ein, ihm in einer Richtung zu folgen. Sie zerstreuten sich, um ihm jeden Rückzug abzuschneiden, sowohl in der Richtung nach dem Innern des Landes, als auch nach der Seite der Stadt und dem Vorgebirge, welches im Norden von Rovigno die Bai abschließt. Eine Abtheilung Gensdarmen war zu ihrer Hilfe herangerückt und manövrirte so, daß dem Grafen Sandorf nur noch der Ausweg nach dem Ufer blieb. Was konnte er dort zwischen den Klippen beginnen? Die einzige Möglichkeit für ihn war, sich eines Bootes bemächtigen und die offene See gewinnen zu können. Dazu würde er aber voraussichtlich keine Zeit finden und während er noch damit beschäftigt sein würde, das Boot flott zu machen, saßen ihm die Kugeln gewiß schon im Rücken. Er hatte aber auch bemerkt, daß ihm der Ausweg nach Osten verlegt worden war. Das Knattern der Gewehrschüsse, die Rufe der Polizisten und Gensdarmen bei deren Annäherung zeigten ihm, daß um ihn herum die Kette geschlossen war. Er konnte nur gegen das Meer hin und über dieses fort fliehen. Er lief damit einem gewissen Tode entgegen; aber sollte er ihn nun doch erleiden, so war es besser, ihn in den Fluthen zu finden, als ihm vor dem Executionspeloton in der Festung Pisino entgegenzusehen.

Graf Sandorf wandte sich also dem Ufer zu. In wenigen Sprüngen erreichte er die ersten kleinen Tümpel, welche die Brandung auf dem Sande zurückgelassen hatte. Er witterte bereits die Polizisten hinter sich und die aufs Gerathewohl abgefeuerten Kugeln schwirrten ihm mehrfach um den Kopf.

Die Naturerscheinung, die man längs der ganzen istrischen Küste beobachten kann, daß nämlich ein ganzes Heer von Klippen in Gestalt einzelner Riffe zwischen dem eigentlichen Ufer und der offenen See sich erhebt, zeigt sich auch bei Rovigno. Inmitten dieser Klippen haben sich zahlreiche Wasserlachen über dem aufgesaugten Sandboden gebildet – einige sind mehrere Fuß tief, bei anderen wiederum würde kaum der Fußknöchel benetzt werden.

Durch diese Klippen hindurch führte letzte Weg, der Mathias Sandorf offen stand. Obwohl er nicht mehr zweifeln konnte, daß ihn dort schließlich ein sicherer Tod erwartete, so zögerte er doch nicht, ihn zu betreten.

Er sprang durch die Lachen hindurch von Klippe zu Klippe; jetzt aber zeichneten sich auch die Umrisse seiner Gestalt deutlicher von dem weniger dunklen Horizonte ab. Rufe und Geschrei zeigten an, daß die Verfolger ihn bemerkt hatten.

Graf Sandorf war entschlossen, sich nicht lebend fangen zu lassen. Wenn das Meer ihn herausgab, so sollte es nur den Todten wiedergeben.

Diese gefahrvolle Jagd über schlüpfrige oder schwankende Steine, durch Binsen und zähen Meertang und Wassertümpel, wo jeder Schritt einen Sturz herbeizuführen drohte, dauerte länger als eine halbe Stunde. Der Flüchtige hatte bis jetzt seinen Vorsprung beibehalten, aber der feste Boden begann ihm nunmehr zu fehlen.

Er langte auf einer der äußersten Klippen an. Zwei bis drei Polizisten waren ihm bis auf zehn Schritte nahe gekommen, die übrigen waren noch an zwanzig Schritte zurück.

Graf Sandorf sah sich um. Ein letzter Schrei entfuhr ihm – ein dem Himmel zugeworfenes Lebewohl. Dann, in dem Augenblick, als ihn ein Hagel von Kugeln umflog, stürzte er sich in das Meer.

Die bis an den Rand der äußersten Klippe vorgedrungenen Polizisten erblickten nur noch, wie einen schwarzen Punkt den dem offenen Meere zustrebenden Kopf des Flüchtlings.

Eine neue Salve, die das Wasser um Mathias Sandorf herum hoch aufschlagen machte. Augenscheinlich hatten ihn eine oder gar mehrere Kugeln getroffen, denn das Haupt versank in den Fluthen, ohne wieder aufzutauchen.

Bis zum Tagesanbruch bewachten die Polizisten die Klippen, den Strand vom Vorgebirge im Norden der Bucht an bis jenseits des Forts von Rovigno. Ihre Wachsamkeit war zu nichts nutz. Nichts bewies, daß es Graf Sandorf gelungen war, das Festland wieder zu erreichen. Man nahm als Gewißheit an, daß er ertrunken war, falls er nicht von einer Kugel getroffen worden sein sollte.

Trotz aller umsichtig ausgeführten Nachsuchungen wurde in einer Länge von mehr als zwei Meilen weder in der Brandung noch am Strande der Leichnam des Grafen gefunden. Da der Wind jedoch vom Lande wehte, so war der letztere augenscheinlich mit der nach Südwesten gehenden Fluth in das Meer hinausgespült worden.

Graf Sandorf, der ungarische Magnat, hatte also sein Grab in den Fluthen der Adria gefunden.

Nach der erfolglosen eingehenden Untersuchung nahm die österreichische Regierung diese Wahrscheinlichkeit, als die natürlichste, an. Doch auch die Gerechtigkeit mußte ihren Lauf haben.

Stephan Bathory, der unter den uns bekannten Umständen ergriffen war, wurde während der Nacht noch unter Escorte in den Thurm von Pisino zurückgeführt, woselbst er einige wenige Stunden noch mit Ladislaus Zathmar zusammen verbrachte.

Die Hinrichtung wurde auf den folgenden Tag, den 30. Juni, festgesetzt.

Stephan Bathory würde in den letzten Augenblicken seines Lebens gewiß noch einmal Frau und Kind wiedergesehen, Ladislaus Zathmar sicher noch einmal seinen Diener umarmt haben, denn die Erlaubniß, die Angehörigen in das Gefängniß von Pisino hinein zu lassen, war ertheilt worden. Aber Frau Bathory und ihr Knabe, eben so der frei gelassene Borik hatten inzwischen Triest verlassen. Da sie in Folge der geheim gehaltenen Verhaftung nicht wußten, wohin die Gefangenen gebracht worden waren, so hatten sie nach ihnen bis in Ungarn und Oesterreich hinein gesucht und keine Gelegenheit gehabt, noch rechtzeitig zu ihnen zu gelangen, als das Urtheil gefällt worden war.

Stephan Bathory genoß also auch nicht einmal das Wiedersehen mit Frau und Sohn als letzten Trost. Er konnte ihnen nicht die Namen der Verräther nennen, die jetzt auch der Vergeltung seitens Mathias Sandorf's entgangen waren.

Stephan Bathory und Ladislaus Zathmar wurden um 5 Uhr Nachmittags auf dem Hofe der Festung standrechtlich erschossen. Sie starben als Männer, die für ihr Vaterland in den Tod gegangen waren.

Silas Toronthal und Sarcany konnten sich von jeder späteren Heimsuchung unbehelligt wähnen. Das Geheimniß ihres Verrathes war wirklich nur ihnen Beiden und dem Gouverneur von Triest bekannt – eines Verrathes, der mit der Hälfte des Vermögens von Mathias Sandorf belohnt wurde; die andere Hälfte wurde als besonderes Zeichen Allerhöchster Gnade für die Erbin des Grafen bis zu deren achtzehnten Lebensjahre aufbewahrt.

Silas Toronthal und Sarcany, denen Gewissensbisse fremd waren, konnten sich in Frieden der durch ihren abscheulichen Verrath erworbenen Reichthümer erfreuen.

Auch ein dritter Verräther schien nichts zu befürchten zu haben: dem Spanier Carpena waren die für die Entdeckung der Flüchtigen ausgesetzten fünftausend Gulden ausbezahlt worden.

Doch während der Bankier und sein Mitschuldiger erhobenen Hauptes in Triest umherwandeln konnten, da ihr Geheimniß bewahrt geblieben war, mußte Carpena unter der Last der ihm öffentlich gezeigten Mißachtung Rovigno – wer weiß, wohin er ging – verlassen. Was that das ihm! Er hatte nichts, nicht einmal die Rache von Andrea Ferrato zu befürchten.

Denn der Fischer wurde eingekerkert, ihm der Proceß gemacht und er zu lebenslänglicher Sträflingsarbeit verurtheilt, weil er den Flüchtigen Obdach gewährt hatte. Maria stand jetzt mit ihrem Bruder Luigi allein in dem Hause, dem der Ernährer für immer entrissen worden war und das nackte Elend erwartete sie.

Drei niedrige Charaktere waren es, die lediglich aus habsüchtigen Interessen, ohne daß eine Spur des Hasses in ihnen gegen ihre Opfer gelebt hätte – Carpena vielleicht ausgenommen – vor diesem gemeinen Streiche nicht zurückgeschreckt waren, der Eine, um seine verwickelten Verhältnisse aufzubessern, der Andere, um sich Reichthum zu verschaffen.

Sollte dieser Bubenstreich auf Erden wirklich ungeahndet bleiben, wo sich die Gerechtigkeit Gottes noch stets gezeigt hat? Mathias Sandorf, Stephan Bathory, Ladislaus Zathmar, diesen drei Freunden ihres Vaterlandes, Andrea Ferrato, diesem niedriggeborenen, aber edelmüthigen Manne – sollten ihnen niemals Rächer entstehen?

Die Zukunft nur konnte darauf die Antwort geben ...

Ende des ersten Theiles.

 

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