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Masse Mensch

Ernst Toller: Masse Mensch - Kapitel 8
Quellenangabe
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typedrama
authorErnst Toller
titleMasse Mensch
publisherPhilipp Reclam jun. Stuttgart
seriesUniversal-Bibliothek
volumeNr. 9944
printrun
editor
year1979
isbn3150099447
firstpub1919
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid6456de37
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Sechstes Bild

(Traumbild)

Unbegrenzter Raum.

Im Kern ein Käfig, von einem Lichtkegel umzückt. Darin zusammengekauert eine Gefesselte [Antlitz der Frau]. Neben dem Käfig der Begleiter in Gestalt des Wärters.

Die Gefesselte        Wo bin
Ich?

Der Wärter        Im
Menschenschauhaus.

Die Gefesselte        Vertreib die Schatten.

Der Wärter        Vertreib sie selbst.

(Von irgendwo ein grauer Schatten ohne Kopf.)

Erster Schatten        Kennst mich, Erschossenen?
Mörderin!

Die Gefesselte        Ich bin nicht
Schuldig.

(Von irgendwo ein zweiter grauer Schatten ohne Kopf.)

Zweiter Schatten        Auch Mörderin
An mir.

Die Gefesselte        Du lügst.

(Von irgendwo grauer Schatten ohne Kopf.)

Dritter Schatten        Mörderin
An mir.

Vierter Schatten        Und mir.

Fünfter Schatten        Und mir.

Sechster Schatten        Und mir.

Die Gefesselte        Herr Wärter!
Herr Wärter!

Der Wärter        Haha! Hahahaha!

Die Gefesselte        Ich wollt nicht
Blut.

Erster Schatten        Du schwiegst.

Zweiter Schatten        Schwiegst beim Sturm
Aufs Stadthaus.

Dritter Schatten        Schwiegst beim Raub
Der Waffen.

Vierter Schatten        Schwiegst zum Kampf.

Fünfter Schatten        Schwiegst beim Holen
Der Reserven.

Sechster Schatten        Du bist schuldig.

Alle Schatten        Du bist schuldig.

Die Gefesselte        Ich wollt
Die Andern
Vor Erschießen
Retten.

Erster Schatten        Betrüg dich nicht.
Vorher
Erschoß man uns.

Alle Schatten        Mörderin du
An uns.

Die Gefesselte        So bin ich ...

Die Schatten        Schuldig!
Dreimal schuldig!

Die Gefesselte        Ich ... bin ... schuldig ...

(Die Schatten verblassen. Von irgendwo Bankiers im
Zylinder.)

Erster Bankier        Aktie Schuldig,
Biete an
Zum Nennwert.

Zweiter Bankier        Aktie Schuldig
Ist nicht mehr
Zugelassen.

Dritter Bankier Verspekuliert!
Aktie Schuldig
Fetzen Papier.

Die drei Bankiers        Aktie Schuldig
Als Verlust zu buchen.

(Die Gefesselte richtet sich auf.)

Die Gefesselte        Ich... bin... schuldig.

(Die Bankiers verblassen.)

Der Wärter        Törin
Vom sentimentalen
Lebenswandel.
Wären sie am Leben
Sie tanzten
Um vergoldeten Altar,
Dem Tausende geopfert.
Auch Du.

Die Gefesselte        Ich Mensch bin schuldig.

Der Wärter        Masse ist Schuld.

Die Gefesselte        So bin ich zwiefach
Schuldig.

Der Wärter        Leben ist Schuld.

Die Gefesselte        So mußte ich
Schuldig werden?

Der Wärter        Jeder lebt Sich.
Jeder stirbt Seinen Tod.
Der Mensch,
Wie Baum und Pflanze,
Schicksalsgebundne
Vorgeprägte Form,
Die werdend sich entfaltet,
Werdend sich zerstört.
Erkämpf die Antwort selbst!
Leben ist Alles.

(Von irgendwo kommen im Abstand von fünf Schritt die Gefangenen in Sträflingskleidung. Auf dem Kopf spitze Kappe, an der ein Fetzen Tuch mit Augenschlitzen befestigt, das Gesicht verhängt. Auf der Brust jedes Gefangenen eine Nummer. Im Quadrat gehen sie im eintönigen Rhythmus lautlos um den Käfig.)

Die Gefesselte        Wer Ihr?
Zahlen!
Antlitzlose!
Wer seid Ihr?
Masse
Antlitzloser?

Von Ferne dumpfes Echo        Masse...

Die Gefesselte        Gott!!

Echo verhallend        Masse...

(Stille tropft.)

Die Gefesselte        (aufschreiend). Masse ist Muß!
Masse ist schuldlos!

Der Wärter        Mensch ist schuldlos.

Die Gefesselte        Gott ist schuldig!

Echo von fern        Schuldig...
Schuldig...
Schuldig...

Der Wärter        Gott ist in Dir.

Die Gefesselte        So überwind ich Gott.

Der Wärter        Wurm!
Gottesschänderin!

Die Frau        Schändete ich
Gott?
Oder schändete
Gott
Den Menschen?
O ungeheuerlich
Gesetz der Schuld,
Darin sich
Mensch und Mensch
Verstricken muß.
Gott
Vor ein Gericht!
Ich klage an.

Echo von ferne        Vor ein Gericht.

(Die schreitenden Gefangenen bleiben stehen. Ihre Arme schnellen aufwärts.)

Die Gefangenen        Wir klagen an.

(Die Gefangenen verblassen.)

Der Wärter        Du bist geheilt,
Komm aus
Dem Käfig.

Die Gefesselte        Ich bin frei?

Der Wärter        Unfrei!
Frei!

(Die Bühne verdunkelt sich.)

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